Rede zum Gedenken an den armenischen Publizisten Hrant Dink

HD Stuttgart

Armenier, Journalist und Herausgeber der in armenischer und türkischer Sprache erscheinenden Wochenzeitung AGOS. Ermordet vor neun Jahren.

Der politisch links engagierte Armenier wurde unzählige Male, aus nichtigen Anlässen – etwa wegen der Beleidigung des Türkentums nach Art. 301 Strafgesetzbuch vor Gericht zitiert und befand sich bereits in jungen Jahren mehrere Monate im Gefängnis.

Damit wurde er, nicht erst kurz vor seiner Ermordung, sondern sehr früh zum Staatsfeind erklärt, ungehört seiner Aufrufe zur Versöhnung zwischen den Völkern. Man hat seine Äußerungen aus dem Kontext gerissen und den, der sich gegen Rassismus engagiert, zu einem Rassisten erklärt.

Bei der Suche nach der Ursache dieser unglücklichen Entwicklung bedarf es eines Blickes auf die Situation der Armenier in der Türkei nach dem Genozid.

Sie hatten alle ein Vielzahl ihrer Familienmitglieder verloren und gehörten zum dem kleinen Rest, der die Massaker überlebt, es aber nicht ins Ausland geschafft hatte.

Die nachgenozidale Führung der Türkei erwies sich in seinen Anfängen zwar weniger islamistisch als es das osmanische Reich war. Doch der menschenverachtende Nationalismus zeigte sich als ununterbrochene Fortsetzung der faschistischen Jungtürken des Reiches.

Nicht nur die folgenden Kriege, im Besonderen gegen die Griechen, sondern auch die Türkisierungspolitik Atatürks nahm den letzten verbliebenen Minderheiten einen Großteil ihrer Identität.

Die Türkisierung geographischer Namen machte aus der Insel AGHTAMAR die Insel AKDAMAR. Das ursprünglich armenische Sevaverag, abgeleitet aus den Worten SEV AVERAG (armenisch für „schwarze Ruinen“) wurde zu SIVEREK, und Westarmenien wurde zur neuen türkischen Republik.

In einem weiteren Schritt folgte die Türkisierung der Familiennamen. Die Überlebenden der Familie Torossian waren nun die Karahans, und den Seferians wurde der Name Sefer erteilt.

Es folgten das Massaker von Dersim 1938, die Septemberprogrome 1955, die Besetzung Zyperns 1974, vieles dazwischen und danach.

Die versäumte Ahndung des Genozides begünstigte die Gefahr der Widerholung des einen oder anderen Massakers, gleich ob dieser in seiner Erscheinungsform nationalistisch oder islamistisch zu Tage trat.

All diese Umstände führten dazu, dass sich die christlichen Minderheiten der Türkei nachgenozidal in Unsichtbarkeit übten.

Viele von ihnen werden eigene Erinnerungen an die Zeit vor der Ausreise nach Deutschland im Rahmen des Gastarbeiter-Abkommens haben. Die Kreuzkette unter dem Pullover, die unverhoffte Aufforderung auf der Straße, „Türkçe konuş vatandaş“ – sprich türkisch, Staatsbürger!

Armenier in der Türkei haben dennoch lange Zeit – diesen schwierigen Umständen entsprechend – ein gutes Leben gelebt. Eigene Schulen und Kirchen waren ihnen, aufgrund historischer Abkommen, lange Zeit sicher. Man pflegte in Istanbuler Kreisen – anders als im Osten des Landes – eigene Traditionen ohne anzuecken.

Um dies zu bewerkstelligen, war die politische Interessenvertretung tabu. Hrant Dink hat genau dieses Tabu durchbrochen; gar nicht mal im besonderen Auftrag einer ausschließlich armenischen Interessenvertretung. Es ging ihm nicht um Anklage, um finanzielle Schadensersatzleistungen oder um Landnahme.

Sein Hauptanliegen war die Versöhnung zwischen den Armeniern und Türken, die Tür an Tür in der Türkei ihr Leben teilten.

Gleichwohl wusste er, dass eine Versöhnung der Ehrlichkeit und der mutigen Aufdeckung von Wahrheiten bedarf.

Die türkischen Strafgerichte hatten die Aussagen Dinks aus dem Zusammenhang genommen, umgedeutet und letzten Endes den Begriff des „vergifteteten Blutes“ nur als Vorwand benutzt, um Dink zu bestrafen, weil er den türkischen Staat und dessen Weigerung, den Genozid anzuerkennen, kritisiert hatte.

Sein Erfolg, die Zustimmung, welche ihm nicht nur von armenischer Seite, sondern auch von liberal-türkischer und internationaler Seite entgegen gebracht wurde, stieß auf. Sie kostete ihm am Ende das Leben.

Bei der Festnahme des nur 16jährigen Täters posierten die das Amt inne habenden Polizeibeamten mit einer türkischen Fahne. Sie waren nicht stolz des Ermittlungsergebnisses, sondern der Tat. Für Vaterland und Umma.

Man stelle sich das bei der Festnahme des NSU-Mitgliedes Beate Tschäpe vor.

Der Prozess gegen Ogün Samast fand unter Ausschuss der Öffentlichkeit statt. Der Täter war geständig. Im Juli 2011 wurde Ogün Samast für schuldig befunden, Hrant Dink am 19. Januar 2007 ermordet zu haben und zu einer Haftstrafe von 22 Jahren, zehn Monaten verurteilt.

Der Polizist, der sich mit Samast auf dem Foto abbilden ließ, stieg 2012 zum Generaldirektor der Polizei in Malatya auf.

Die Politik verurteilte die Tat. Den Beleidsbekunden fehlte die Glaubhaftigkeit.

Die Gesellschaft, 2007 gab es oberflächlich etwas weniger Islamismus und Nationalismus als heute, zeigte eine Soldarität mit dem Verstorbenen ebenso wie mit dem armenischen Volk.

Hepimiz ermeniyiz. Wir alle sind Armenier.

Die Solidarität mit dem „armenischen Volk“ hat bis heute angehalten, jedenfalls wenn es um den 19.01.2007 geht.

Vor dem 19.01.2007, etwa während der Strafverfahren gegen Hrant Dink, nach Art. 301 türkisches Strafgesetzbuch, ein Einstehen für Armenier, oder zumindest die Meinungsfreiheit der Minderheiten, war diese Art der Solidarität aus der türkischen Gesellschaft nicht in dem Ausmaß, gar kaum, zu vernehmen.

Auch der seit Anfang 2014 inhaftierte Sevan Nisanyan, ebenfalls ein bekannter, armenischer Autor, wartet wohl vergeblich auf eine Großdemonstration, die Solidarität bekundet.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass in der Türkei nur ein toter Armenier ein guter Armenier sein kann.

Eine Dink – Gedenkveranstaltung hat sich inzwischen zu einer türkischen Tradition, zur Tradition der türkischen Linken, entwickelt. Viele türkische Vereinigungen, in der Türkei wie in Deutschland, veranstalten, teilweise unabhängig von armenischen Akteuren, Gedenkveranstaltungen.

Das Betrauern fällt leichter als das Verteidigen und Verhindern. Denn es hat weder gesellschaftliche noch staatliche Konsequenzen.

Die Solidarität geht jedoch nicht soweit, als dass man sich immer ehrlich mit der Geschichte des Genozides befasst und auseinandersetzt.

Man will die Versöhnung,

jedenfalls galt dies für den Zeitraum vor der Radikalisierung der Türkei mit Blick auf den sog. IS / Islamischen Staat,

man will die Versöhnung, in den Sphären der modernern bzw. liberaleren Gesellschaft, nicht selten ohne die detaillierte Aufarbeitung der Geschichte.

Durch nicht wenige Akteure wird dem Leid der Armenier das sog. Leid der Türken resp. Osmanen gleichgesetzt. Aus dem Genozid wird ein Krieg. Aus dem schrecklichen Verbrechen ein schrecklicher Fehler.

Ein Verbrechen bedarf – nach heutigem Rechtsverständnis – eines Strafverfahrens und einer Verurteilung. Ein Fehler hingegen impliziert ein Versehen. Es verharmlost und schmälert die Strafwürdigkeit der Tat.

Die langfristige Versöhnung wird eines essentiellen Momentes beraubt; der ehrlichen, detaillierten, öffentlichen Aufarbeitung.

Dem Türkentum wird das Gesicht bewahrt. Der Türkische Staat schützt sein Vermögen.

Mit der Verhaftung von Ogun Samast wurden weitere 18 Verdächtige festgenommen bzw. angeklagt. Bis auf den jugendlichen Haupttäter und einen Anstifter, Yasin Hayal, wurden alle freigesprochen. Es zeigte sich wieder die, spätestens 1915 entstandene, Tradition des türkischen Staates – Vertuschen und Verleugnen.

Das türkische Strafgericht stellte mit der Urteilsverkündung fest, es habe keine Organisation gegeben, die hinter dem Mord gestand habe. Der Geheimdienst wurde niemals vorgeladen. Dabei gab es Hinweise, die auf eine Verbindung von Samast und rechtsradikalen Parteifunktionären höheren Ranges deuteten.

Hrant Dink hatte gegen seine strafrechtliche Verurteilung noch zu Lebzeiten Beschwerde beim EGMR in Straßburg eingelegt. Nach der Ermordung erhoben seine Frau und weitere Familienmitglieder Klagen gegen den türkischen Staatsapparat. Ihre Beschwerden hatten alle Erfolg und die Türkei musste ihnen zusammen 105.000 Euro Schadensersatz bezahlen.

Das Gericht war der Überzeugung, die Türkei habe das Lebensrecht von Hrant Dink verletzt, weil die Sicherheitskräfte den Hinweisen auf Dinks geplante Ermordung nicht nachgingen. Die Polizei und die paramilitärische Gendarmerie im nordtürkischen Trabzon sowie die Polizei in Istanbul, so der Gerichtshof, wussten von Anschlagsplänen, blieben aber dennoch untätig.

Die unwillige Aufklärung des Mordes in der Türkei und vor allem seiner Hintergründe begründeten den Schadensersatzanspruch in einem letzten Schritt.

Es bleibt dabei. Die Türkei hat mit jedem Mord an einem Armenier ein Problem mit der Aufarbeitung – seit 1915.

Die internationale Weltgemeinschaft trägt ihren Anteil an der Verantwortung, damals wie heute.

Geopolitisch strategische Interessen gewähren der Republik Türkei wieder und wieder eine unbegreifliche Narrenfreiheit.

Das Feindbild „Armenier“ hat sich über einen Zeitraum von über 100 Jahren gehalten. Es wurde allenfalls um weitere Minderheiten erweitert: Aramäer und Griechen, Christen, Juden und Konvertiten, Aleviten und Kurden.

Der in einer erschreckenden Breite gepflegte Hass gegenüber Minderheiten wird auch heute wieder aktuell, im Falle der Kurden, im sogenannten Kampf gegen die PKK. Denn selbst dieser Kampf wird auf die Armenier projiziert.

Ich erinnere an die letzte propagandistische Wahlwerbung der AKP.

Der Kommandant des PKK-Kämpfers heisst ARARAT. Armenischer kann eine Name nicht sein.

Ararat gibt den Schießbefehl. Ararat lässt sich von der kurdischen Volkszugehörigkeit des türkischen Soldaten, auf den der Lauf des Gewehres gerichtet ist, nicht abbringen. Der Armenier steht hinter der PKK.

Mit dieser Zusammenführung von Feindbildern wird nicht nur der erwünschte Hass in einem Schmelztiegel konzentriert. Man erklärt die PKK-Kämpfer zu einer Marionette der Ungläubigen und angelt damit nicht wenige Kurden, die sich vorrangig über die sunnitische Religion, und nicht über die kurdische Ethnie, definieren. Ein Weckruf sondergleichen: Der Gläubige wird vom Ungläubigen benutzt.

Auch die aktuellen Massaker an den Kurden, ob Cizre, Diyarbakir oder Silvan beißen sich an „dem Armenier“ fest. Per Lautsprecher werden unschuldige Menschen samt Kinder aus ihren Häusern vertrieben, mit den Worten „ihr armenischen Bastarde!“

Der Begriff des Armeniers ist in der türkischen Sprache ein größeres Schimpfwort als der des Ungläubigen, und stets Gegenstand eines Beleidigungsprozesses.

Der türkische Nationalismus wendet sich gegen jeden einzelnen Armenier, der sich in die Öffentlichkeit wagt.

Dies gilt nicht nur für populäre Autoren wie Dink und Nisanyan. In Deutschland etwa geht es jenen, die sich auf das politische Parkett trauen, nicht anders. Die Existenz eines einzigen Armeniers hat die Kraft, in einem Gremium zueinander in streitiger Konkurrenz stehende Islamisten der Milli Görüs mit den Faschisten der CHP, und allem was dazwischen liegt, zu einen.

Wahlergebnisse in der Türkei zeigen, dass sich die Gesellschaft in seinem Kern nicht geändert hat.

Gleiches gilt für die Tatsache, dass der IS die Türkei als Erholungsort und Rekrutierungszentrale nutzen darf, ohne gesellschaftliche Gegenwehr fürchten zu müssen.

Dass die AKP in Deutschland europaweit die besten Ergebnisse eingeholt hat, zeigt uns allen, dass dieser Rassismus nach Deutschland exportiert wurde.

Die Tatsache, dass der türkische Staat in der BRD, über viele von ihm abhängige Organisationen, nicht nur Fuß gefasst hat, sondern bei jedem einzelnen politischen bzw. kulturellen Begehr dazu neigt, alle vorhandenen Kräfte zu mobilisieren, ist erschreckend. Ob Uni-Vorlesung, Theateraufführung oder die Aufstellung eines Gedenksteines irgendwo in Deutschland, alles darf mit geballter politischer Gegenwehr rechnen.

Dies zeigt, dass es nicht nur um Hrant Dink geht, oder nur um den vor 100 Jahren erfolgten, vermeintlich abgeschlossenen, Genozid. Es geht dem türkisch-islamistischen Faschismus um jeden einzelnen Armenier, der noch lebt und das Tabu bricht, das ihm vorgegeben ist: die politische Unsichtbarkeit.

Wir, die Nachkommen der Überlebenden erinnern den türkischen Nationalismus an die Schuld seiner Väter und Großväter. Wir erinnern daran, dass unsere Toten letztendlich die wirtschaftliche Grundlage für das Entstehen des türkischen Staates bildeten; aber auch daran, dass die Vollendung des Genozides nicht geglückt ist.

Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen und dazu aufrufen, sich zu zeigen. Armenier müssen sich der ihnen (menschen-)rechtswidrig vorgegebenen politischen Unsichtbarkeit entledigen. Steht auf! Erhebt Eure Stimmen, nicht nur am 19.01. oder 24.04. eines Jahres, sondern jeden Tag. Zeigt, dass es uns gibt. Immer noch. Zeigt, dass wir eine politische Meinung haben. Nicht nur zum Genozid, sondern zu allem; gerade auch in Deutschland.

Hrant Dinks mutiges Wirken sei uns allen ein Vorbild.

Stuttgart, 17.01.2016,

Jaklin Chatschadorian

Die von Deutschland unterstützte AKP: Wahlwerbung, Hetze. Demaskiert.

In der Türkei wird in 10 Tagen gewählt. Die Neuwahl führt eine erschreckende Blutspur mit sich und könnte dem IS Konkurrenz machen, wenn man nicht immer noch feststellen müsste, dass jede Handlung des türkischen Staates gerade den IS unterstützt.

Rückblickend erscheint eine detaillierte Aufstellung der Vergehen und Verbrechen seit den Parlamentswahlen vom 07. Juni 2015, angesichts der großen Anzahl der Geschehnisse, und der Tatsache, dass nicht jedes Verbrechen seinen Weg zu den Medien (noch weniger zu den deutschsprachigen Medien) gefunden hat, kaum möglich.

Twitter- und Facebook- Sperren bildeten noch einen vergleichsweise harmlosen Anfang in diesem Frühjahr. Man las über brutale Schlägereien im Parlament wegen einer Verschärfung des Demonstrationsstrafrechts und lebensgefährliche Fußballveranstaltungen. Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte, die erste Hilfe leisteten, wurden vom Staat bedrängt, verfolgt und verhaftet. Ausweisung und Verhaftung westlicher Journalisten. Staatsanwälte wurden zur Geisel, ermordet oder mussten aus dem Land fliehen. Haftbefehle gegen Richter, weil sie zur Konkurrenz des islamistischen Predigers Fetullah Gülen gehören. Umfangreiche Entlassungen und parteigerechte Neubesetzungen in der Justiz. Kämpfe mit der PKK, auch im Nordirak, Waffenschieberei und Personalüberlassung durch den türkischen Geheimdienst MIT an den IS, syrische Flüchtlingsfrauen als Ware für den türkischen Zweitfrauen-Markt. Die Mitverantwortung der Türkei für die Kämpfe in Kobane. Die Rache für die Uiguren durch eine Jagd auf thailändische Touristen, die man fälschlich für Chinesen hielt. Ein ultranationalistisch-islamistischer Angriff auf ein nationalistisches Zeitungshaus, wegen eines einzigen Tweets. Osmanische Kostümveranstaltungen, Musikkapellen und eine neue Anführer-Hymne. PKK-Vorwürfe, Anschläge auf Wahlkampfbüros und Demonstrationen, ausschließlich zulasten der Konkurrenz HDP. Ermittlungen gegen den Co-Vorsitzenden der einzig liberaldemokratischen Partei des Landes, Selahattin Demirtas. Parlamentsabgeordnete, die es mit Ausfällen gegen Frauen und Blondinen in die Medien schaffen und Imame, die sich über das aus dem Rahmen springende Paarungsverhalten in TV-Shows auslassen. Stromausfälle während Wahl und Auszählung, Hetze und Wahlkampf auch in Europa und in Deutschland, die Unfähigkeit der Islamisten und Nationalisten Koalitionen zu bilden. Der Anschlag von Suruc, bei dem 32 junge Menschen sich für den Wiederaufbau der umkämpften syrischen Stadt Kobane einsetzen wollten, und Razzien und Verhaftungen von Kurden, die ebenso auf dem Plan standen wie die freundliche Behandlung hoher IS-Funktionäre während der Ermittlungen zu einem vermeintlichen IS-Anschlag. Polizeiterror gegen Demonstranten.

Die Ausgangsperre von Cizre und Diyarbakir, die als Kriegsverbrechen am eigenen Volk zu bewerten sein müssten. Hier waren unter den vielen Toten auch ein 35 Tage altes Baby zu beklagen, ein Mädchen im Grundschulalter, die Verhinderung der Einsätze von Krankenwagen, die zulasten der Notleidenden, der Dialysekranken ging und auch zur Aufbewahrung eines verstorbenen Kindes im Kühlschrank einer Familie führte. Die Schlachtrufe der Polizei, die die Kurden von Cizre zu armenischen Bastarden erklärte. Und zuletzt der Anschlag auf eine HDP-Veranstaltung in Ankara, mit einer Bilanz von knapp 100 Toten. Hier wurde zwar wieder von einer vermutlichen Tat des IS gesprochen, aber Beweise blieben aus. Es verwundert, warum der IS, der angeblich eine Fatwa gegen Präsident Erdogan führe, stets auf HDP-Veranstaltungen, also im politischen Wahlkampf auftauchen will.

Angesichts der europäischen Flüchtlingskrise, die sich in in besonderem Maße in Deutschland manifestiert, sind wir nun in einen besonderen Notlage, die es zu rechtfertigen scheint, über all diese Ereignisse und Verbrechen ebenso hinwegzusehen wie über die fehlende demokratische Legitimation der aktuellen Regierung oder die Absicht der Verwirklichung einer präsidialen Autokratur.

Darüber hinaus ignoriert die Bundesrepublik, und im besonderen die Bundeskanzlerin, die Verantwortung der Türkei für die Flüchtlingskrise.

Der Türkei fällt mit Blick auf die Fluchtgründe ein beachtlicher Anteil zu. Sie hat den IS aktiv unterstützt, und damit zur Manifestierung der Lebensgefahr in Syrien beigetragen. Sie hat Dschihadisten einen Transitservice geboten und diente als Erholungsort, verarztete IS-Kämpfer über die Tochter des Präsidenten, sie lieferte Waffen und Personal über den Geheimdienst, und beteiligte sich am Ölhandel über den Sohn des Präsidenten und den staatlichen Ölkonzern Aserbaidschans.
Sie hat aufgenommenen Flüchtlingen kein Bleiberecht oder eine anderweitige Legalisierung ihres Aufenthaltes ermöglicht, kurdische Flüchtlinge, etwa an der Grenze Kobane zurückgedrängt, und diskriminiert immer noch kurdische und christliche Flüchtlinge und setzt sich nicht ein für den Schutz besonders gefährdeter syrischer Frauen, die von der Unterkunft in die Dörfer geschoben werden, um mit türkischen Männern als Zweitfrau in eine Lang- oder Kurzzeit-Ehe einzutreten.
Recep Tayyip Erdogan hat die Unzufriedenheit der Masse für sich genutzt, und sie – mittelbar – gen Westen entsandt. Nun winkt er mit dem vermeintlich goldenen Schlüssel und präsentiert sich als Damm des Flüchtlingsstromes.

Diese Hilfe lässt er sich teuer bezahlen. Dazu gehört nicht nur ein Preisgeld von 3 Milliarden Euro. Hinzu kommt ein Urteil des EGMR (Dogu Perincek ./. Schweiz) , dass nun als internationale Erlaubnis zur Leugnung des Genozides an den Armeniern im Osmanischen Reich, und als nationale Errungenschaft gefeiert wird. Die Bundestagsresolution, die den Genozid von 1915 verurteilt, indem sie ihn als solches anerkennt, wird in die Unendlichkeit verschoben. Hinzu kommt die Forderung nach Anerkennung der strategischen Bedeutung der Türkei durch Aufnahme in die EU, die wir Anerkennen mit einem Beschleunigungsgebot für die Beitrittsgespräche.

 

Auch an der für die orientalische Mentalität verständlich nachvollziehbaren Demütigung Europas und Deutschlands fehlt es im Neo-Osmanischen Reich nicht. Eine märchenhafte Szenerie mit goldenen Stühlen, denen eine Mondsichel als Verzierung nicht fehlte. Auf die respekterweisende Gepflogenheit, für das Pressefoto auf nur der einen Seite die Fahne des Gastgebers und auf der einen Seite die Fahne des Gastes mitaufzustellen, wurde verzichtet. Das von zwei türkischen Fahnen umrahmte Bild erinnerte an eine pakistanische Hochzeit, mit einer unterwürfigen, zwangsverheirateten Braut. Ein politisches Trauerspiel ohne Gleichen.

Eines das nicht einmal ein Ende finden will. Kaum ist die deutsche Bundeskanzlerin zurück in Deutschland meldet sich der Ministerpräsident der Türkei, Ahmet Davutoglu, bekannt für seine antisemitische, antichristliche Hetze auf Wahlkampfveranstaltungen und dem Ausruf, auch Jerusalem stürmen zu wollen, mit folgenden Worten: „Niemand sollte erwarten, dass die Türkei zu einem Land wird, dass alle Migranten beherbergt, wie ein Konzentrationslager“.

Immer noch ist nicht gewählt worden. Die bösartige Phantasie der AKP-Protagonisten scheint ihren Zenit zu erreichen. Aufgetaucht ist nun ein neuer Wahlwerbespot. Gerade mit Blick auf die nicht mehr zu leugnende deutsche Unterstützung erschütternd und beschämend.

In dem AKP-Wahlwerbe-Video kämpfen „PKK“ – Einheiten gegen die Türkei. Sie sprechen kurdisch, türkische Untertitel. Ein Format, das an Kinofilme erinnert.

Der Name des PKK-Kommandanten ist das erste Wort, das man in dem Video hört, ARARAT.
Ararat ist kein kurdischer Name, sondern der Name des armenischen Berges auf türkischem Boden. Ararat heißen viele Armenier, deren Eltern die Liebe, Sehnsucht und Trauer zum verlorenen Berg und zur Geschichte des armenischen Volkes bei der Namensgebung für die nächste Generation zum Ausdruck bringen wollen.

Hier werden, nicht das erste Mal, zwei Feindbilder, wider besseres Wissen, zusammengeführt, um einer größere Wirkung zu erzielen. Beließe man die PKK in einer rein kurdischen Verantwortung, so hätte man den Wähler mit nationalistischer Prägung zwar garantiert im Boot.
Zweifeln könnte aber jener, der sich über die Religion definiert und eine Gemeinsamkeit mit dem sunnitischen Kurden teilt. Für ihn ist die armenische Note der PKK gedacht, nicht erst im Wahlkampf, sondern seit jeher.
In dem Moment, in dem die „türkenfeindliche PKK“ mit dem einen oder anderen Ungläubigen / Gyavur / Armenier / Ararat geschmückt wird – Chef-Genozidleugner, Historiker türkischer Art, Yusuf Halacoglu, geht von einer Armenier-Quote von 80 % aus – wählt auch der Islamist, der sich evtl. gegen Atatürk ausspricht, die AKP.

In einem weiteren Bild folgt der Schießbefehl, durch Ararat. Der kurdische Kämpfer Hezil nähert sich, meldet klare Sicht auf den zu erschießenden türkischen Soldat. Plötzlich überfallen ihn Zweifel. Der Soldat singe kurdische Volkslieder. Ararat lässt sich nicht erweichen. „Ich sage, der Soldat ist Kurde“. „Soll er Kurde sein, er ist dein Feind!“
Der Schießbefehl bleibt, trotz angemeldeten Bedenken. Der Schuss folgt, eine Explosion, die türkische Flagge auf einem Sarg werden eingeblendet und eine trauernde Mutter.
Und wieder ist die türkische Propaganda vermeintlich belegt:
Die PKK erschießt ihre eigenen Leute. Sie ist eine Terrororganisation.
Das Opfer ist offenbar die Fahne. Da viele Mütter auch in diesem Jahr, im Namen der Fahne, ihr Leben verloren haben, und ihrer Trauer auch in Demonstrationen und Sitzblockaden gegen den Staat öffentlich gemacht haben, ist das Bild der Mutter nicht zufällig Teil des Wahlwerbespots. Die Verantwortung für den Tod der Söhne des Landes projiziert das Video auf Hezil und Ararat.

Nun scheint der Schuss gleichwohl ins Leere gelaufen zu sein. Der Soldat scheint ihn nicht einmal vernommen zu haben. Hezil hingegen widersetzt sich Ararat. Der Kurde kommt zur Vernunft, legt Waffe und Kampfmontur ab. Der Kommandant Ararat regt sich auf. Hezil aber fragt: „Wem dienst du wirklich? Wessen Mann bist du?“.

Auch hier wieder scheint klar: Die PKK ist nicht an dem Schutz der Kurden interessiert. Hinter ihr steht der Armenier, der mit seinem Schießbefehl, sinnbildlich für den Verrat am muslimischen Kurden steht.

Die nächste Szene gehört einem Kandidaten, der mit der AKP ins Parlament ziehen möchte. Es ist Faruk Celik aus dem Wahlkreis Sanliurfa. Zu Sanliurfa gehört Suruc, die Stadt, die 10 km von der syrischen Grenze entfernt liegt und im Sommer dieses Jahres Ziel eines islamistischen Anschlages war. Bereits oben erwähnt sind die Jugendlichen, die sich für Kobane einsetzen wollten, und diesem Anschlag zum Opfer fielen. Sanliurfa ist auch die Provinz, in der der Welt-Korrespondent Deniz Yücel mit weiteren Kollegen von der Polizei festgesetzt worden war, weil seine dem Gouverneur gestellte Frage auf türkische Verbindungen zum IS zielte.

AKP-Wahlkreiskandidat stellt gegen Ende des Propagandafilmchens nun fest: Es ist eine Frage der Heimat. Achten Sie auf ihre Wählerstimme. Fallen sie nicht auf Spielchen herein.

Wieder erscheint der Kurde Hezil, der der PKK abgesagt hat. Er grüßt den Soldaten der türkischen Republik und wünscht segensreiche Dienste. Der türkische Soldat bedankt sich – auf Kurdisch. Hezil denkt nach, ist sich nun sicher über die Richtigkeit seiner Entscheidung.

Das letzte Bild gehört der twitternahen AKP:
HASHTAG FallNichtAufSpielchenHereinMeinBRUDER!

Einer der ersten ersichtlichen Einträge auf Twitter spricht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels auch schon von der armenischen HDP.

 

Migration & Deutsche Waffenbrüderschaft 

Der Kölner Integrationsrat tagte heute nach einer Führung im DOMID, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., in Ehrenfeld. 

Da auch ich Nachkomme eines sog. Gastarbeiters bin, war ich neugierig auf die Sammlung des Dokumentationszentrums, welches endlich ein Museum werden will. 

Der geübte Leser erkennt bereits hier meine Enttäuschung. Während ich Migrationsgeschichte aus einer neuen Perspektive erfahren wollte, sah ich eine abgepackte Sammlung von Gegenständen, denen ich nicht wirklich Wert beimessen konnte. 

Ausgestellte ausländische Pässe, ein deutscher Reiseausweis für Flüchtlinge, Thermoskannen, Löffel, archivierte ausländische Zeitungen, sortiert und aufbewahrt in säurefreien Kisten. Gegenstände, die die ersten Migranten bei Einreise mit nach Deutschland gebracht haben (Koffer, Kacheln, Töpfe) und mit denen sie sich beschäftigt haben (Radios, Stifte). 

Während ich mich verwirrt fragte, ob nur die Migranten und nicht auch die Deutschen der 60er/70er/80er Jahre diese alltäglichen Gebrauchsgegenstände benutzen, und mir dabei selbst nicht traute, so einem Gedankengang, der die deutsche Bevölkerung in einem außerirdischen Licht erscheinen ließ, zu folgen, wurde uns erzählt, dass Migranten auch einen enormen, bereichernden Einfluss auf die deutsche Gesellschaft gehabt hätten. 

Wie selbstverständlich sprach man nur und ausschließlich von türkischen Migranten, die als erste auf Deutsch – „ihrer Sprache“ – „rappten“, während es für Deutsche modern gewesen sei, Liedtexte auf Englisch herunter zu reden, und man schwärmte von türkischen Schlagersängern in Deutschland, die in türkischer Sprache ihre Sehnsüchte besangen. Zwei Sätze waren für die überqualifizierte koreanische Krankenschwester reserviert, die mangels anerkannter Ausbildung nur als Pflegekraft arbeiten durfte. 

Nicht fehlen durfte der Hinweis auf Frau Liselotte Funcke, die Mutter aller Türken und erste Integrationsbeauftagte der BRD, die sich über die Ignoranz Helmut Kohls in Sachen Migrant beschwert habe. 

An den Wänden Generationen von Erfolgsgeschichten: 1. Generation, Großvater, Fabrikarbeiter, 2. Generation, Sohn, Busfahrer, 3. Generation, Enkel, Wirtschaftsstudent. 
Integrationsprobleme waren nicht sichtbar. An keiner einzigen Stelle dokumentiert. Geradezu manipulativ. 

Es passte ins Bild, dass dieser Integrationsrat, und im Besonderen sein Vorsitzender, präsentiert: Es gibt keinen Migranten, der die Integration verweigert. Das ist eine populistische, deutsche Behauptung. Die Menschen wollen sich selbstverständlich integrieren, werden aber regelmäßig diskriminiert. 

Eine besondere migrantische Bereicherung sei das Picknick gewesen. So so. In meiner Kindheit picknickten Deutsche auf der Decke neben uns, und auch die anwesenden deutschen Kollegen bestätigten, diesen vermeintlichen arme-Leute-Zeitvertreib.

Als ich nun immer mehr dachte, neben mir müsste nun die „Versteckte Kamera“ sich eines integrativen Scherzes outen, wandelte sich mein Unglauben in Entsetzen, Enttäuschung. Die Türkeilastigkeit störte mich zwar, aber die Präsentation kam an einen anderen sehr schmerzhaften Punkt, für mich, als Tochter eines armenischen Gastarbeiters aus der Türkei. 

Gezeigt wurde ein umrahmt an der Wand hängender Zeitungsausschnitt mit der Schlagzeile „Mohammedaner beten im Dom“. Der Geschäftsführer (ein Historiker!) des Zentrums teilte uns nun mit, dass diese Geste, ein islamisches Gebet im Kölner Dom, als Aufwertung für die türkischen Gastarbeiter gedacht gewesen sei. Grundsätzlich habe man damals nicht von den Muslimen, sondern von den Türken gesprochen, anders als heute. Heute würden Muslime in ein schlechtes Licht gerückt werden. Damals aber seien die Italiener jene gewesen, über die man sich beim Aufschlagen einer Zeitung geärgert habe. Hingegen habe man die Türken immer schon geschätzt, gerne habe man sich damals an die alte Waffenbrüderschaft und den gemeinsamen Kampf im ersten Weltkrieg erinnert. 

Ja. Genau an dieser Stelle stieg eine schmerzende Wut und Trauer in mir auf! Mein Zwischenruf „ja, Waffenbrüderschaft auch im Genozid!“ vernahmen offensichtlich nur wenige, und diese ignorierten meine Worte. Wer wollte schon die nette Stimmung vermiesen? 

Mir kam das Kotzen (ein Satz, zu dem ich mich gewöhnlich nicht hinreißen lasse). 

In Anwesenheit meiner Person, in der Eigenschaft als Nachkomme eines Opfers des Armenozides von 1915, war ich umgeben von Kollegen mit teilweise ausgeprägt türkisch-nationalistischen, islamistischen Einstellungen und Überzeugungen und es wurde nun freudig von der deutschen Waffenbrüderschaft berichtet, die meiner Famile das Leben kostete. 

Das Stolz und Freude auslösende Ereignis, die im Kölner Dom gefeierte und hier Freude und Stolz auslösende deutsch-türkische Brüderschaft (!) und die dazugehörige Leugnungspolitik war nicht zu durchdringen. Auch nicht durch die Armenierin, die große Verluste genau durch diese Kooperation und diesen Völkermord zu verzeichnen hat. 

Welch Hohn! 

Dass dieser Rassismus bei türkischen Nationalisten und Islamisten bis heute Menschenleben bedroht, und wieder auch armenisches Leben bedroht, dass einiger dieser Kollegen Hasskommentare gegen die Armenierin in ihrem Kreis in sozialen Netzwerken anheizen …. daran will keiner denken. Derjenige der daran erinnert, ist der Störer. Unversöhnlich. Am Ende ist die Armenierin turkophob. Sie ist der Rassist. Nicht der nette Graue Wolf, der jedesmal so freundlich grüßt und sich stets ehrenamtlich engagiert. 

Der Rassismus, der von Migrantenseite ausgeht, ist Teil der deutschen Migrationsgeschichte. Nicht nur das DOMID Köln, sondern die deutsche Gesellschaft, und im Besonderen die Politik, hat dies nicht nur endlich zu erkennen, sondern sich auch hier gegenzustellen.

Der türkische Rechtsextremismus ist eine immer grösser werdende Gefahr auf europäischem Boden. Damit ist es UNSER Problem! Es ist kein türkisch-kurdischer und kein türkisch-armenischer Konflikt. Es ist ethnisch motivierter Rassismus und geht alle etwas an!
   
    
 

Presseerklärung der kommunalen Wählervereinigung COLONIA INTERNATIONAL

Kommunale Wählervereinigung im

Integrationsrat der Stadt Köln

08.06.2015

PRESSEERKLÄRUNG

 

Köln steht zusammen. So laden die Stadt Köln, die Bewohner der Keupstraße und zahllose Künstler in Zusammenarbeit mit Politik, Funk und Fernsehen ein, am 14.06.2015 ein gemeinsames Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Auch wir, die kommunale Wählervereinigung COLONIA INTERNATIONAL begrüßen grundsätzlich jede Veranstaltung, die sich diesem Thema widmet. Schließlich bildet der gegenseitige Respekt die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens. Der vorurteilsfreie und demokratische Umgang ist Ausdruck dieser Anerkennung. Dies gilt für die Interaktion zwischen Bürger und Behörde ebenso wie zwischen den Bürgern untereinander – gleich welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe, politischer Einstellung oder Konfession. Ausgrenzungen oder diskriminierende Praktiken, strukturelle Ungerechtigkeiten, die Menschen benachteiligen, müssen erkannt und überwunden werden. Aber auch die Sensibilisierung eines jeden Mitbürgers ist essentiell, wenn es um die Vermeidung und Abwehr von Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Extremismus geht.

Hierfür ist das Kölner Birlikte-Festival ein guter, wenn auch noch kleiner, Schritt. Zwar fällt es diesmal vielleicht etwas vielfältiger aus, und im Programm fehlt glücklicherweise jener Sänger, der sich politisch den Grauen Wölfen zuordnet, während er das Leid seiner eigenen Landsleute besingt. Doch mehr Feingefühl stünde auch dieses Jahr der Veranstaltung gut zu Gesicht.

Das interkulturelle Tanztheaterstück von Hülya Arslan, „Wer hat Angst vor den Osmaniern?“, widme sich der Identität, der Bi-Kultur und dem Leben der Türken und Deutschtürken dritter Generation in Deutschland.

Bei diesem Titel läuft den armenisch-, griechisch- und aramäischstämmigen Bürgern Kölns ein kalter Schauer über den Rücken. Angesichts der aktuellen, geopolitischen Situationen, aber auch mit Blick auf das diesjährige 100. Gedenken des Völkermordes an den Christen des Osmanischen Reiches ist dieser Titel im Rahmen dieser Veranstaltung geschmacklos. Die Künstlerin mag zwar, ihren persönlichen Beitrag gegen Rassismus leisten wollen, doch scheint ihr offensichtlich bei der Namensweihe die Perspektive ihrer jeweils anderen Mitmenschen abhanden gekommen zu sein.

Vielfalt muss mehr bedeuten, als gemeinsam – nur – gegen NSU und PEGIDA auf die Straße zu gehen oder sich selbst gegenüber der Mehrheitsgesellschaft neu zu definieren. Eine Veranstaltung, die sich mit Rassismus unter Migranten, Christenfeindlichkeit und Antisemitismus befasst, oder das Thema Rassismus in Schulen aufgreift, wäre wünschenswert gewesen.

Die ehrliche Annäherung innerhalb eines Gemeinwesens erfordert auch die Entwicklung einer Fähigkeit zur Selbstkritik und die Überprüfung eigener Wertestandpunkte. Vielleicht gelingt es den Veranstaltern im nächsten Jahr, neue, notwendige Schwerpunkte zu setzen.

COLONIA INTERNATIONAL setzt sich im Integrationsrat der Stadt Köln für Vielfalt, Gleichberechtigung und Toleranz in der Gesellschaft ein und fordert von allen Beteiligten die Rückbesinnung auf das Herzstück eines friedlichen, erfolgreichen Miteinanders: Respekt vor der Individualität jedes einzelnen Mitmenschen. Die Sensibilisierung der Stadtgesellschaft für rassistische Argumentations- und Verhaltensmuster ist ihr ein besonderes Anliegen.

Die Wählervereinigung verfügt über einen Sitz im Integrationsrat, ihre Spitzenkandidatin, Rechtsanwältin Jaklin Chatschadorian, ist im Rahmen der konstituierenden Sitzung im Herbst 2014, gemeinsam mit vier weiteren Mandatsträgern zur stellvertretenden Vorsitzenden des Integrationsrates gewählt worden.

 

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Offener Brief an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Özoguz,

anlässlich des Genozides am armenischen Volk des Osmanischen Reiches und des in diesem Zusammenhang bevorstehenden 100. Gedenktages wende ich mich mit einer Bitte an Sie.

Als Juristin und Integrationspolitikerin auf kommunaler Ebene, bewerte ich die Prävention von Rassismus als essentielle, integrationspolitische Aufgabe. Dies gilt für den Bereich einer unterschwelligen Diskriminierung ebenso wie im Falle gewalttätiger Übergriffe.

Die Geschichte lehrt uns, dass solche Übergriffe ihren Höhepunkt in einem Genozid erreichen. Der, die Übergriffe nährende, Hass fängt in der Regel klein an, ist aber hoch ansteckend und wächst rasend. Mit ausgestrecktem Zeigefinger entspringt einer sich steigernden Diskriminierung die Entmenschlichung des Feindbildes, welche die massive Gewaltanwendung entschuldigt, wenn nicht gar rechtfertigt. Die der Gewalttaten folgende Geschichtsrevision sichert über Generationen ein gutes Gewissen und bildet zugleich den Nährboden für die Aufrechterhaltung des Feindbildes.

Es ist ein fataler Fehler, zu glauben, solch ein Verhalten gehöre lediglich der Vergangenheit an oder sei aktuell nur im Nahen Osten relevant. Vielmehr belasten rassistische Einstellungen und Handlungen auch das zwischenmenschliche Miteinander bei uns in Deutschland. Das Feuer in Tröglitz ist ein aktuelles Beispiel.

Ein fataler Fehler ist es aber auch, zu glauben, Menschen mit Migrationshintergrund würden selbst grundsätzlich nur auf der Opferseite stehen und seien nicht selbst zu gewaltbereitem Hass fähig. Nicht selten ist eine Integrationsverweigerung auf menschenverachtende Einstellungen zurückzuführen. Rechtsradikale Einstellungen unter Migranten gehen in die verschiedensten Richtungen. Sie richten sich gegen die deutsche Gesellschaft, weil man diese für das eigene Versagen verantwortlich macht. Oder sie richten sich gegen andere Migranten aufgrund aktueller oder historischer Ereignisse, oder gegen – dem eigenen Weltbild fremde – Lebensmodelle.

In wenigen Tagen jährt sich ein besonders schreckliches Ereignis zum 100. Mal, der Genozid an den Armeniern und anderen Christen des Osmanischen Reiches. Anlässlich dieses Gedenktages und mit Blick auf die, auch dem Staat obliegende, Verpflichtung zur Rassismusprävention möchte ich Sie, als  Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in aller Höflichkeit und in Wahrnehmung dieser noblen Aufgabe auffordern, den in einem Genozid endenden Rassismus gegenüber Minderheiten des Osmanischen Reiches in aller Klarheit, und damit unter Verwendung des Begriffes „Völkermord“ zu verurteilen.

Ich hoffe auf Ihre mutige Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

JaklinChatschadorian

Eine selbsterfüllende Prophezeiung ?

Bekanntlich besuchte Nebahat Güclü im Januar 2015 die rechtsextremen Grauen Wölfe, betrieb bei und mit ihnen, über einen Besuch hinausgehend, Wahlkampf und wurde erwischt. Die Hamburg Grünen regten einen Parteiausschluss an, kamen aber wegen einem Formfehler nicht durch das schiedsgerichtliche Verfahren. Güclüs Verteidigung war widersprüchlich, bar jeder Glaubhaftigkeit und in großen Teil auch nachweislich gelogen.

Zudem fußte die Verteidigung allem voran auf einer Heiligsprechung der hinter besagten Vereinigung (ADÜTDF) stehenden, rechtsextremen türkischen Partei MHP. Hierzu legte sie ein Gefälligkeitsgutachten des sich zum Armeniergenozid bekennenden und im Besonderen von Armeniern hoch geschätzten Historikers Taner Akcam vor. Ein Gutachten, dass an Verlogenheit nicht zu überbieten ist, und dem Autor und seinem bisherigen Werk, den Wert nimmt. Allem voran, auch mit Blick auf die Nähe des Historikers zu Gemeinden des Islamisten Fehtullah Güllen in Amerika, drängt sich begründeter Zweifel an der Motivation Taner Akcams auf. Ist die Anerkennung des Armeniergenozides am Ende nur ein leidiges Mittel zum Fortschritt des türkischen Staates? Des Türkentums? Die Zeit wird es zeigen.
Das Zusammenwirken einer „GrauenWölfin und dieses (!) Genozid-Historikers“ erwies sich jedenfalls als mittelbare Verhöhnung des Rechtsextremisten eigenen (1) ARMENIER-FEINDBILDES.

Dem weiteren FEINDBILD der Grauen Wölfe entsprechend, äußerte Frau Güclü sich, bereits in einer ersten Reaktion äußerst (2) KURDENFEINDLICH . Der Pressebericht sei einer kurdischen Zeitung, die ihr seit jeher schaden wolle, zu verdanken.

Ja, sie habe die Grauen Wölfe besucht, der Bericht fuße auf wahren Behauptungen. Nur die Veröffentlichung, naja, damit war FRAU nicht einverstanden.

Das Schiedsgericht hätte durchaus auch anders entscheiden können, nun gut.

Sodann wurde sie zumindest aus der Fraktion der Grünen aus der Hamburger Bürgerschaft ausgeschlossen. Kurze Zeit und viele Streitigkeiten später trat sie dann doch selbst aus der Partei aus, weil SIE das Vertrauen verloren habe.

Ihren Job kündigte der Paritätische Wohlfahrtsverband eben aus denselben Gründen. Jemand der so eng mit Rechtsextremisten verbandelt ist, schadet auch dem Arbeitgeber, welcher in einem entsprechend sensiblen Arbeitsbereich tätig ist.

Wie soll es anders sein, wie schon zuvor übt sich Frau ABGEORDNETE, die unsagbar viele Stimmen, trotz & gerade wegen ihrer Nähe zu Verfassungsfeinden einholte, in Larmoyanz.

In einer neuen Erklärung stilisiert sie sich das X-te mal zum Opfer einer Verschwörung (weniger geht selbstverständlich nicht), und diesmal sind, nach Güclü, die (3) ALEVITEN SCHULD an dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Aleviten, ein weiteres Feindbild dieser Rechtsextremisten – und nicht die eigene Nähe zu diesen. Sie hätten sich bei dem Arbeitgeber beschwert. Die Beschwerde sei TROTZ ihrer stetig währender Unterstützung alevitischer Gemeinden erfolgt.

BONBON: Zitat aus der neuesten Erklärung:
„Avrupa’nın göbeğinde, demokratik olarak adlandırılan bir ülkede ve kendilerini ‘demokrat’ olarak adlandıran insanlar ve kurumlar tarafından tüm varlığım yok edilmeye çalışılıyor.“
Zu DEUTSCH:
Inmitten Europas, in einem als demokratisch bezeichneten Land und von sich als demokratisch bezeichnenden Menschen und Organisationen wird versucht, mein ganze Existenz auszulöschen“.

Verschwörungstheorien zu generieren, Schuldzuweisungen zu verteilen und mit dem Schwung eines Säbels rechtsextrem-türkischen Feindbildern (Aleviten, Kurden und Armeniern) eins auszuwischen, ist wohl Beleg genug für die GRAUE Farbe in den Überzeugungen der Abgeordneten für die Hamburger Bürgerschaft. Ein Lakmustest!

Mit den Wölfen heulen, und bei den Deutschen, frömmeln, tanzen, lügen

So ähnlich würde Christian Dietrich Grabbe, einer der großen Literaten des Vormärz das Verhalten nicht weniger (Integrations-)Politiker in Deutschland möglicherweise beschreiben, würden sie Teil seines Dramas Don Juan und Faust“1 sein. Die hierin zum Ausdruck gebrachte Bigotterie ist Teil des politischen Alltages.

Die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güclü, kandidiert auf Platz 25 der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen Hamburg“ für die Hamburger Bürgerschaft. Mitte Februar 2015 steht viel auf dem Spiel: Eine längere Amtsperiode, neue Wähler aufgrund der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre und die Chance, die Alleinherrschaft der SPD zu einem Ende führen zu können. Ein intensiver Wahlkampf steht an. Wahlkampf bringt Wählerstimmen und nicht zuletzt die Aufmerksamkeit der Medien.

Letzteres dürfte Nebahat Güclü unterschätzt haben, als sie zusagte, auf der Veranstaltung der „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF), den türkischen, rechtsextremen Grauen Wölfen, eine Rede zu halten.

Vorwerfen kann man ihr diese Nachlässigkeit, das Unterschätzen der medialen Aufmerksamkeit, nicht wirklich. Von Interesse ist in der Regel der Rassismus, der von deutscher Seite ausgeht. Nach Mölln und Solingen folgten die Verbrechen der NSU. Inzwischen geht es uns innenpolitisch fast ausschließlich um PEGIDA.

Damit will ich weder die Verbrechen der NSU klein reden, noch möchte ich die PEGIDA-Bewegung schön reden. Jeder soll seine, ihn definierende Kultur leben dürfen. Gleichzeitig ist jeder verpflichtet, beim gesellschaftlichen Umgang miteinander bestehende Grenzen zu achten. Dies gilt für Mehrheiten ebenso wie für Minderheiten.

Der gesellschaftliche Umgang miteinander unterliegt gewissen Spielregeln und ist strenggenommen eine ausschließlich rechtliche Angelegenheit. Das geltende Recht ist, mag es auch einer stetigen Fortentwicklung unterliegen, nicht nur ein Sammelsurium der Regelungen aus der aktuellen Legislaturperiode und damit parteipolitischer Wankelmut. Es ist beständiger Grundpfeiler eines gewachsenen Staates, dass sich einen liberaldemokratischen Rahmen gebend seine Freiheiten über Jahrhunderte erkämpft hat. Es ist Ausdruck europäischer, christlich-jüdischer Kultur.

Der islamische Einfluss, über den man mit Blick auf die Aussage der Bundeskanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland, streitet, ist nicht ersichtlich. In seinen Grundprinzipien steht er dem status quo gar entgegen. Der Islam spricht sich, in jeder Leseart, gegen die Säkularisierung aus. Die nach ihm für die Menschen verbürgten Rechte gelten nicht universell und die Bedeutung des Individuums gegenüber der Gemeinschaft ist nachrangig. Selbst das Verständnis von Handel und Wirtschaft und Steuern ist, ginge man nach der Religionslehre, ein gänzlich anderes.

Um eines zu betonen: Das bedeutet nicht, dass Menschen islamischen Glaubens in der Bundesrepublik nicht leben dürften oder sollten. Es lässt jedoch vermuten, dass der muslimische Mitbürger, bis zu einem gewissen Grad, auf die Ausübung seiner Religion in Reinform, verzichten muss. Wie viel islamisches Leben ist möglich? Wann ist eine Grenze überschritten?

Nichts anderes gilt für diejenigen, die sich über die eigene Rasse oder Ethnie definieren und dabei auf Außenstehende hinab schauen. Wie viel Patriotismus ist in diesem Land legitim?

Mit der Entscheidung seinen Lebensmittelpunkt in diesen Staat zu verlegen, sollte man dem status quo in Form des Grundgesetzes zustimmen. Die Bundesrepublik definiert sich als liberaldemokratischer Staat, dass sich für ein säkulares System entschieden hat. Dem Nationalismus hat man abgesagt.

Diese Absage ist als Gebot der Ächtung zu verstehen und gilt für jedermann. Es wäre falsch zu glauben, „nur der Deutsche“ müsse aufgrund des „deutschen“ Völkermordes an den Juden seinen Patriotismus in engsten Grenzen halten. JEDE, auf andere Menschen bzw. Völker, herabschauende Einstellung führt zur Herabsenkung der Hemmschwelle zur Gewaltanwendung und kann fatal enden.

Bei Nichtzustimmung zu dieser „deutschen Werteordnung“ sollte man, sich selbst zuliebe, hinterfragen, warum man seinen Alltag hier verbringen will und warum man seine Kinder in einem Land aufwachsen sehen will, dessen System man nicht gutheißt. Diese Frage sollte man nicht nur sich selbst stellen. Vor allem sollte man die dazugehörige Antwort ehrlich, laut und deutlich formulieren.

Als überzeugte Demokratin und Christin ist mir persönlich das deutsche Selbstverständnis sehr viel wert. Meine Vorfahren haben den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 überlebt. Sie wurden zu Opfern, weil sie die falsche Ethnie und Religion gehabt haben. Meine Eltern sind im Schatten der Nachwirkungen des Völkermordes in der Republik Türkei groß geworden: Das Kreuz unter der Bluse, die armenische Sprache nur in den eigenen vier Wänden, Witze über den Ungläubigen, türkisches Militär. Sie haben den Pogrom von Istanbul am 6.-7.September 1955 überlebt, die Stimmung gegenüber Christen im Land 1974, beim Angriff auf Zypern, mitbekommen. Mein Vater atmete erst auf, als er deutschen Boden betrat. Er durfte reden. Er durfte sein. So wie er ist. Und es störte niemanden. Seine Liebe zu Deutschland ist seitdem ungebrochen.

An dem Punkt, an dem die Ablehnung des hiesigen Systems sich in Handlungen äußert, die auf eine grundlegende Systemveränderung abzielen, ist eine Grenze zu setzen. Wir sind für die Erhaltung dieses Staates selbst verantwortlich. Kritik ist angebracht. Kritik an rechter Gesinnung, gleich von wem sie vertreten wird, Kritik an Nationalismus und Linksradikalismus oder aber Islamkritik.

Doch Kritik geht anders als bei PEGIDA. Die Teilnehmer dieser Bewegung dürften nicht durchweg als Rechtsextreme zu bezeichnen sein. Ich glaube durchaus, dass man Angst bekommen kann, allein bei der Idee, die Muslime, die man in den Nachrichten vernehmen darf, würden in der Nachbarschaft aufschlagen. Dabei geht es mir nicht nur um den Attentäter, der meint auf einem besonderen Weg nach oben zu sein, sondern bereits um den einen oder anderen Verbandsvertreter und Talkshow-Gast. Der Fehler bei PEGIDA liegt darin, dass die friedlich-besorgten sich zu wenig distanzieren von den aggressiven, lauten Ausländer- und Verfassungsfeinden.

Man steht eben nicht Seite an Seite mit Menschen, die sich selbst überhöhen oder Gewalt gegenüber Andersdenkenden befürworten. Man macht Nazis nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern. Man steht auf, distanziert sich und differenziert. Man schert nicht alle Ausländer über einen Kamm. Man unterstellt nicht jedem Ausländer Muslim zu sein. Und man unterstellt nicht jedem Muslim schlechte Absichten. Man belegt seine Behauptungen. Sich zu Opfern der „Lügenpresse“ zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. PEGIDA darf sich über seinen schlechten Ruf nicht wundern.

Obacht!

Was für PEGIDA gilt, gilt für die Masse der muslimischen Mitbürger mitsamt der dazugehörigen Verbände an diesem Punkt auch. Man lässt auch Islamisten nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern werden. Man steht auf und distanziert sich von ihnen und ihren Verbrechen – initiativ. Dies erst recht, wenn man meint, sie würden sich ungefragt, ohne Erlaubnis oder wider den religiösen Vorschriften zu Vorkämpfern des eigenen Weges machen. Man gebietet ihnen Einhalt und setzt Zeichen. Auch hier darf man sich, als Muslim, über das negative Bild der eigenen Religion nicht wundern, wenn man sich nicht dazu bewegt, dieses Bild positiv mitzugestalten. Auf die Frage, warum man als in Deutschland lebender, einfacher und friedlicher Muslim sich dauernd distanzieren müsse gibt es nur diese Antwort: Weil man sich zum Grundgesetz bekennt. Aus Gründen der Zivilcourage und als ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern; vor allem aber weil man seinen Glauben aus dem gleichen Buch zieht wie Salafisten, Hassprediger und Attentäter. Sich zu Opfern einer ewigen Diskriminierung zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. Am wenigsten hilft es, sich selbst stetig von jeder Verantwortung freizusprechen und jede, auch noch so sachliche Kritik zur rassistisch veranlagten Diskriminierung zu erklären oder aber wie im Fall „Charlie Hebdo“ den Opfern eine Mitschuld zu attestieren.

Es ist unfassbar. Wenn man es ganz genau nimmt, beinhaltet allein diese Schuldzuweisung einen demokratie- und menschenfeindlichen Anspruch auf Absolutheit und die Rechtfertigung einer Tötung. Wieso hat man hier nicht laut und deutlich widersprochen? Selbst die Bundesregierung hat sich an dieser Stelle unrühmlich verhalten. Statt Kritik für den türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu gab es einen Empfang mit militärischen Ehren.

Von deutschem Nationalismus über den Islamismus zurück zum Nationalismus nichtdeutscher Kreise am Beispiel Nebahat Güclü.

Auch für diese Art von verfassungsfeindlicher Gesinnung gilt das soeben gesagte ausnahmslos: Keine Bühne für Rassisten. Null Toleranz.

Eigentlich.

Als überzeugte Demokratin sucht man nicht den Dialog zu rechtsextremen Organisationen, auch nicht wenn es sich um eine Migrantenorganisation handelt. Einen Dialog kann man vielleicht mit einer einzelnen Person führen, in der mal naiven, mal berechtigten Vorstellung, verschrobene Denkweisen überzeugend gerade biegen zu können. Man geht jedoch nicht zu den bekanntesten, größten, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden Vereinigungen, um auf Stimmenfang zu gehen.

Ex-Bürgerschaftsvizepräsidentin Nebahat Güçlü hat genau das getan. Sie sprach im Wahlkampf bei einer türkischen Organisation, zu der auch die rechtsextremem „Grauen Wölfe“ gezählt werden.

Einer ihrer Vorredner war der für Europa zuständige MHP-/ADÜTDF- Funktionär Cemal Cetin. Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburgdaki-kultur-ve-ulku-solenine-yogun-ilgi/) war auch auf besagter Veranstaltung und zitiert ihn wie folgt:

„ Wir waren arm und brauchten Geld, während sie die Arbeitskraft brauchten. Wir haben große Schwierigkeiten bewältigt, doch sie sind nicht ausreichend für uns eingetreten. Uns wurden nicht ausreichend Integrations- und Sprachkurse angeboten. Aber wir haben die geltenden Regeln, der Länder, in denen wir leben stets befolgt. … Unsere kulturelle Identität, das Türkentum, sind zu schützen und unser religiöses Leben haben wir den nächsten Generationen weiterzugeben. Die Politiker sollen dies nicht als Drohung sehen, sondern als kulturelle Bereicherung. Wir müssen uns integrieren (dürfen), ohne assimiliert zu werden. Assimilation ist wie Terror ohne Blutvergießen.“

Welches Verständnis haben diese Menschen von einem friedlichen Zusammenleben? Ihre Kultur darf uns zwar bereichern, aber wehe, wir versuchen, auch sie zu bereichern. Just in dem Moment werden wir zu blutscheuen Terroristen?

Was genau Nebahat Güclü gesagt hat, ist eigentlich irrelevant. Es reicht zu wissen, dass es sich um eine Wahlkampfrede gehalten hat mit Informationen zur Integrationspolitik in Hamburg. Sie hat dort mit Sicherheit nicht gesagt, dass der rechtsextreme Weg des Publikums der falsche sei. So macht man keinen Wahlkampf. Realistisch ist vielmehr eine Rede, in der die Vorzüge grüner Politik aus Sicht des Publikums herausgearbeitet werden. Ist vielleicht auch die Ermutigung des Publikums, sich politisch bei den Grünen und gerade in der Integrationspolitik zu engagieren, um eigene Interessen besser verfolgen zu können, nicht vorstellbarer Inhalt einer solchen Wahlkampfrede?

Sie hat im falschen Becken gefischt und Rechtsextremisten zur Teilnahme am demokratischen System animiert. Verfassungsfeinde in diesem Sinne einzuladen und Türen zu öffnen, schadet der sich zu diesem Staat bekennenden Gesellschaft, es schadet unserer Werteordnung und letzten Endes ist das auch der Schaden, den sie ihrer Partei zugeführt hat.

Nebahat Güclüs nachträgliche Erklärungsversuche hingegen verhöhnen die Adressaten, Leser wie Wähler. Ein jeder [sic!] Türke, weiß, wessen Bühne das war, ganz ohne zeitaufwändige Recherche. Man mag diese Gruppierung gut oder schlecht finden, aber man kann nicht sagen, man habe nicht gewusst. Dies gilt bereits für den „einfachen“ türkischen Bürger. Der Maßstab, der für eine, in der deutschen ebenso wie in der türkischen Politik erfahrenen Amtsträgerin, einem Politprofi mit besonderer interkultureller Kompetenz, zu gelten hat, darf nicht niedriger gesetzt werden.

Selbst die neueste Stellungnahme, nach der Ankündigung eines Parteiausschlussverfahrens, offenbart einen Täuschungsversuch am Wähler. Während sie sich rechtfertigt, bereits 2008 bei der umstritten Organisation und vor allem mit Einbindung und Genehmigung der Partei Bündnis 90 /Die Grünen Hamburg gewesen zu sein, wird bekannt, dass entsprechende Besuche bei zweifelhaften Migrantenorganisationen erst von der parteiinternen Fachstelle zur Einschätzung vorgelegt würden und Nebahat Güclü in jenem Jahr die beratende Fachsprecherin für Migrationspolitik gewesen sei.

Darüber hinaus spricht sie der Partei MHP – de facto eigenwillig – ihren Extremismus ab und erklärt in der Vergangenheit keine Radikalisierung, sondern vielmehr eine Mäßigung in der Parteientwicklung zu sehen. Solche Äußerungen sind brandgefährlich und werfen alles andere als ein positives Licht auf die von ihr seit drei Jahrzehnten geleistete Integrationsarbeit.

Gleichwohl werden ausländisch-nationalistische und ausländisch-rechtsextreme Vereinigungen von deutscher Seite nicht selten hofiert und ihr Rassismus wird kleingeredet. Den Mitgliedern rechtsextremer Vereinigungen „mit Migrationshintergrund“ wird grob fahrlässig Einlass gewährt in politische Gremien und man geht mit ihnen gemeinsam auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Frau Güclü hat es 2008 zur Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft gebracht. Sie hat sich in jüngster Vergangenheit deutlich gegen die PEGIDA-Bewegung geäußert und sich gegen Rassismus ausgesprochen. Jetzt war sie – wieder – bei den Wölfen.

Politisches Interesse bei Migranten erfreut die deutsche Gesellschaft. Kommen gute Deutschkenntnisse und ein nettes Aussehen hinzu, kann man sehr leicht zum Sonnenschein einer Partei heranwachsen. Ungeprüft.

Auf Facebook sind in den letzten zwei Tagen nicht wenige deutsche Stimmen zu vernehmen gewesen, die den Gastauftritt der Bürgerschaftskandidatin Nebahat Güclü zu entschuldigen versuchten. Man sagt, dass sie vielleicht wirklich nicht wusste, wen sie besuchte. Man geht davon aus, dass sie vielleicht wirklich aufgrund eines vollen Terminkalenders fahrlässig eine Überprüfung versäumt habe. Man diskutiert, ob ein Parteiausschluss verhältnismäßig sei.

Würde man den Besuch einer deutschen Politikerin bei der NPD – dem Pendant zur ADÜTDF – genauso entschuldigen oder einwerfen, dass jeder mal einen Fehler machen würde? Würde man um Milde plädieren?

Interessant ist auch die Argumentation, Nebahat Güclü sei nicht auszugrenzen, da auch der Dialog mit der migrantischen Rechte notwendig sei, um Parallelgesellschaften zu verhindern. Diese Argumentation überschätzt den eigenen Einfluss und urteilt über denjenigen, der hier in der Kritik steht, fahrlässig mild. Die Kandidatin ist nicht des Dialoges wegen auf die rechtsextreme Bühne gesprungen, sondern entweder aus einer inneren, eher positiven Haltung gegenüber der Vereinigung oder aber einzig des Stimmenfanges wegen. Beides spricht nicht für sie.

Die unterschiedliche Reaktion auf (deutschen) Rechtsextremismus und Ausländerextremismus ist nicht nachvollziehbar und allenfalls „linksideologisch“ zu erklären. Wobei selbst dieser Begriff mit Vorsicht zu genießen sein dürfte. Jedenfalls dominiert das Bild des stets diskriminierten, finanziell minder bemittelten, bildungsfernen Ausländers / Migranten, der für seinen, im Vergleich zu seinem deutschen Nachbarn, schlechten Zustand nicht selbst verantwortlich sein kann.

Für die Aufrechterhaltung dieses Bildes sorgen auch und gerade die sich politischen engagierenden Migrantenverbände; sind sie doch diejenigen, die am ehesten von dem zu diesem Bild gehörenden Fördertopf profitieren.

Dieses Bild ist ein Selbstläufer. Es erzeugt – rechts der Mitte – zunächst einmal negative Gefühle, von Ablehnung bis Hass. Mit der hier gärenden Ausländerfeindlichkeit nährt man sodann das negative (Selbst-)Bild des Deutschen – links der Mitte – und erzeugt Mitleid, Fürsprache und Verblendung.

Dass hinter „dem Migranten“ auch mal jemand sein könnte, der selbst zu Extremismus neigt, versteht unsere Gesellschaft vielleicht erst seit der TV-Präsenz von Salafisten und Hasspredigern. Aber selbst da geht es, in der medial vernehmbaren Debatte, dank entsprechender Lobbyisten, am Ende nur um den Islamismus als „verständliche“ Abwehrreaktion auf eine tiefgehende, anhaltende Diskriminierung von deutscher Seite.

Auch die vielen Reaktionen von türkischer Seite auf den aktuellen Skandal sind einen genauen Blick wert. Denn sie nehmen die Unwissenheit der Mehrheitsgesellschaft als günstige Gelegenheit, Nebahat Güclü den Rücken zu stärken, wahr.

Man redet von einem „anderen nationalen Selbstverständnis der Türken“ und von Nationalismus als Staatsräson und unterschlägt damit das entscheidende Element des so selbstverständlich gepflegten Rassismus: die diskriminierende und gewaltbereite Verachtung der Anderen. Manch einer wirbt in seinem Umkreis jetzt erst recht mit dem qualitativ hochwertigen Engagement der Kandidatin. Ein Blogger (https://tekmanpost.wordpress.com/2015/01/26/personliche-erklarung-nebahat-guclu-zu-den-vorwurfen-und-falschen-behauptung-von-avrupapostasi-vom-23-1-und-25-1-2015/) spricht gar von der „widerlichen Verurteilung“ der Kandidatin und plädiert wie folgt:

Wir brauchen weltoffene Menschen wie dich, die sich in allen Gesellschaftsgruppen bewegen und artikulieren können ohne gleich abwertend zu werden. Jeder verdient Respekt. Egal aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.“

Hier wird die Folge der Ächtung rassistischer Vereinigungen zum Rassismus erklärt. Jeder verdient Respekt. Klingt nur auf den ersten Blick schön. Derjenige, der ganzen Volksgruppen seinen Respekt verwehrt, wie es der typische Graue Wolf nun einmal pflegt zu tun, soll selbst Respekt erwarten dürfen? Man brauche Menschen, wie Nebahat Güclü, die sich auch in rechtsextremen Gesellschaftsgruppen respektvoll bewegten?

Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/asim-kilictan-nebahat-guclu-olayi/ ) geht weiter und veröffentlicht die Stellungnahme des Asim Kilic vom Hamburger Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks (HADD) (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mit-deutschtuerken-unterwegs-zur-praesidentenwahl-13079711.html ), welcher Mitglied des Dachverbandes Türkische Gemeinde Hamburg (http://www.tghamburg.de/about/?aid=6) unter dem Vorsitz von Nebahat Güclü ist. Dieser kann ganze fünf Gründe aufzählen, warum die Teilnahme an besagter Veranstaltung nicht falsch gewesen sei.

  1. Das nationale Selbstverständnis der Türken. Nationalismus wird in der Türkei als etwas positives verstanden und es gibt kein Pendant zu diesem Gefühl in der deutschen Sprache. Dieser Umstand muss den Deutschen gesondert erklärt werden.

Hier wird einer sich selbst überhöhenden Denkweise und Ideologie die Absolution erteilt. Es ist schlichtweg falsch, dass der Begriff nicht richtig zu übersetzen sei, weil die deutsche Sprache dieses Phänomen nicht kenne. Da aber Nationalismus in Deutschland nicht gern gesehen ist, steckt in der Aufforderung zu einer speziellen Erklärung der Auftrag der Täuschung. Oder?

  1. Nebaht Güclü ist Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg und hat eine einende, zusammenführende Funktion wahrzunehmen. Ob Alevit oder Sunnit, Nationalist oder Patriot, Kurde oder Türke, etc.

An diesem Satz wäre fast nichts auszusetzen, wäre da nicht die Erwähnung des Kurden. Die Einvernahme der verschiedenen Völker ist gerade Element eines nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Dieser Türkisierung versuchen gerade die Kurden (und nicht nur sie) entschieden entgegenzutreten.

  1. Der Verein (Türkische Gemeinde Hamburg) ist unter dem Namen Türkische Migranten Union gegründet worden. Trotz vieler Erfolge hat der Verein die „Union“ nicht verwirklichen können. Stattdessen sieht es so aus, als dass er nur die politischen links stehenden vertrete. Seit der Amtsübernahme von Nebehat Güclü ändert sich an dieser Stelle etwas.

Der Verteidiger bestätigt hier die Rechtsneigung der Beschuldigten. Kein kluger Schachzug.

  1. Die in Hamburg existierende Ausländerfeindlichkeit trennt die Ausländer in Linke und Rechte, Nationalisten und Aleviten. Wir sollten beim Kampf gegen diesen Rassismus die eigenen Differenzen aus der Heimat bei Seite legen und an einem gemeinsamen Punkt zusammenfinden. Nebahat Güclü ist genau hierfür ein positives Beispiel.

Hier wird die Ausländerfeindlichkeit von deutscher Seite zur spaltenden Kraft innerhalb der migrantischen bzw. türkischen Gemeinschaft erklärt. Es sei dahingestellt, wie der Vorsitzende einer kemalistischen Vereinigung Rassismus definiert, wenn er für die Türkisierung steht. Vielmehr stört mich folgendes: Deutsche Rassisten trennen in der Regel gerade nicht danach, zu welcher Feineinstellung ihre Feindbilder neigen. Für den hier angesprochen deutschen Rassisten sind eigentlich „alle Türken“ ebenso gleich wie „alle Ausländer“ gleich sind.

Hingegen differenzieren diejenigen Deutschen „die türkischen Staatsbürger“, sofern sie mit einer der genannten Gruppen explizit in Kontakt treten und sich für deren Rechte, hier und/oder in der Türkei einsetzen: Kurden, Aleviten, Rum-Orthodoxe, Araber, Juden, Armenier, Griechen etc. Und genau diesen Gruppen wird seit über 100 Jahren die staatsfeindliche Spaltung der Republik vorgeworfen.

  1. Die in der Türkei den rechten Parteien ihre Stimme gebenden Wähler sind wie wir alle wissen, genau diejenigen, die in Deutschland links wählen. Genau deswegen, sind die Mitglieder einer nationalistischen rechten Partei potentielle Wähler. Es gibt nichts natürlicheres, als um deren Stimme zu werben.

Bei der Erklärung Nr. 5 dürften nun die deutschsprachigen Leser, die sich mit der politischen Landschaft der Türkei nicht auskennen, am ehesten staunen. Mein Umfeld hingegen dürfte hier mit den Worten „sagen wir das nicht schon so lange“ verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Armenier, Aramäer, Griechen und Kurden, wissen, aus leidvoller Erfahrung, wie sehr allein unsere Existenz und damit ein gemeinsames Feindbild Nord und Süd, Ost und West miteinander einen kann. Dies gilt für die Historie ebenso wie für das jüngste Ereignis in einem Gremium, in dem ich persönlich meinen politischen Beitrag für die Stadt Köln leiste.

Ein Partei-Ausschlussverfahren ist die einzig richtige Konsequenz einer Null-Toleranz-Politik gegen Rassismus und es ist gut, dass der Landesverband der Grünen in Hamburg so entschieden reagiert. Man darf hoffen.

Auch, dass nach der CDU und den Grünen die SPD anfängt zu schauen, wer wessen Politik macht.

Nachtrag 02.02.2015

Inzwischen sind weitere Reaktionen und Pressemeldungen auf diesen Skandal zu vernehmen.

Zunächst efreuliches: Es sind Teile des Vorstandes der Türkischen Gemeinde Hamburg zurückgetreten, da sie sich von dem Verhalten von Sebahat Güclü distanzieren. Weiterhin ist ein großer Teil des Jugendvorstandes zurückgetreten. Offenbar gelingt es niemandem Frau Güclü zu erklären, dass die Nähe zu Rechtsextremisten nicht nur ungut, sondern auch schädlich ist.

Darüber hinaus hat sich „Patriot“ Hakki Keskin mit einer Erklärung gemeldet ebenso wie die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD) und der ATÜTDF.  Bei allen drei Meldungen darf man, wenig überraschend von „Schutzschriften“ ausgehen. Während sich die TGD von jedweder Einflussnahmemöglichkeit auf die autonome TGH freispricht, sieht sie Nebahat Güclü auch in eine Hetzjagd getrieben und wendet sich entschieden gegen Bestrebungen, Nebahat Güçlü in ein falsches Licht zu rücken. Weiter erklärt die türkische Gemeinde Deutschland: „Solange die allgemeinen Interessen der TGD nicht berührt sind, wird die TGD das Recht der Menschen, ihre unterschiedlichen Meinungen frei zu äußern, respektieren.“   Noch einmal langsam: Solange niemand etwas gegen die Türkei oder die Türken in Deutschland und in der Türkei sagt (Interessen der TGD), wird die Türkische Gemeinde Deutschland, die überall als ernstzunehmender Gesprächspartner gehandelt wird, auch das Recht rechtsextremen Mist von sich zu geben, respektieren? Habe ich das wirklich richtig verstanden? Bedeutet das nicht, Rassismus kein Problem, solange er sich nicht gegen mich richtet? Ist DAS die Auffassung von Antirassismus?

JA. GENAU DAS  IST DIE AUFFASSUNG VON ANTIRASSISMUS TÜRKISCHER VERBÄNDE und ihrer – nicht austretenden – Mitglieder! Das ist nicht versehentlich so formuliert. Man muss aber genau hinsehen und auch glauben, was einem die Augen mitteilen!

Ein Wort auch zur Verteidigungsschrift des Gastgebers der skandalauslösenden Veranstaltung: Selbstverständlich versucht die Vereinigung über Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburg-turk-kultur-merkezi-fincanci-katirlarini-urkuttuk/) sich selbst in türkischer und in deutscher Sprache freizusprechen und reinzuwaschen: Von Nationalismus keine Spur, es gehe lediglich um Patriotismus in seiner friedlichsten Form. Alsparslan Türkes, Gründer dieser Bewegung, (http://de.wikipedia.org/wiki/Alparslan_T%C3%BCrke%C5%9F#Ideologie) wird nahezu heilig gesprochen. Gleiches gilt für den Menschenfeind und MHP-Parteivorsitzenden Devlet Bahceli. Ein Vorwurf bleibt der deutschen Gesellschaft selbstverständlich nicht erspart: „ Doch leider versteht die deutsche Aufnahmegesellschaft diese Zusammenhänge nicht oder will sie nicht verstehen. Denn offensichtlich beschäftigt sie sich zu wenig mit der türkischen Politik und der türkischen Staatsideologie“.

Die Pointe dieser Erklärung ist jedoch folgende Passage: Menschenrechtsverachtende-, faschistische-, rassistische-, radikale- und fundamentalistische politische Einstellungen und Gedankengut lehnen wir entschieden ab.“ und weiter „ Mit derartigen pauschalisierten Behauptungen werden Leser förmlich dazu animiert, den Kontakt zu türkischstämmigen Personen zu meiden, was alles andere als förderlich zur Erreichung einer „Völkerverständigung“ ist.“ Ja so ist die Sichtweise eines Grauen Wolfes, Entschuldigung, eines ATüTDF – Vorsitzenden. Sich gegen türkischen Rassismus zu stellen, ist nicht förderlich bei der Völkerverständigung (!).

Vgl auch

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article136809361/Hamburger-Gruenen-Politikerin-tritt-bei-Rechtsextremisten-auf.html

http://www.welt.de/regionales/hamburg/article136822891/Gruenen-Kandidatin-tritt-bei-Rechtsextremisten-auf.html

http://www.taz.de/!153562/

https://twitter.com/jmwell/status/559865447206883329/photo/1

http://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2013.pdf (ab Seite 295)

 1„Mit den Wölfen heulen. Und bei den Weibern frömmeln, tanzen, lügen.“ Christian Dietrich Grabbe, Don Juan in Don Juan und Faust, 1829

The Indian Writer … and the Armenians

Pankaj Mishra, an Indian writer published his book „From the Ruins of Empire: The Revolt against the West and the Remaking of Asia“ in 2012.

Since then the lines of his book are applauded. They were shortlisted for the Canadian Lionel Gelber prize, á literary award for the world’s best non-fiction book in English on foreign affairs that seeks to deepen public debate on significant international issues. The Orwell Prize in the U.K, the Asia Society Bernard Schwartz Book Award in the United States followed the same as Crossword Award for Best Nonfiction in 2013.

Finally a few days ago, on March 12, 2014, the publication became the first book by a non-Western writer to win Germany’s prestigious Leipzig Book Award for European Understanding. According to the statut, those bookformats, have made an outstanding contribution to mutual understanding and harmony in Europe – especially with the countries of Central and Eastern Europe are acknowledged.

A noble aim. I take the liberty to say, that it is doubtful, if this honouring was reached this time.

The author aims to introduce and explain the oriental, asian way of thinking about “the imperialist west” and hence us, the Europeans.

Judging by the glowing reviews his work commended itself to all. Well, in the German media you can find at least one critical reflection of this work. Necla Kelek, a German social scientist and publicist, pointed out that this decision might me wrong.

Is she alone? She deplores the introduced: biased, low leveled, less secular, or even theoratic? I pricked up my ears, when I read that Pankaj Mishra was also busied with the Armenian Genocide:

However, harassed by Armenian nationalists of eastern Anatolia, the Turks ruthlessly deported hundreds of thousands of Armenians in 1915, an act that later invited accusations of genocide.”(Pankaj Mishra: From the Ruins of Empire: The Revolt Against the West and the Remaking of Asia, 2012, S.191)

Necla Kelek correctly discerns that, according to Pankaj Mishra, the Armenians must have provoked their deportation and the Turks where not to able to do otherwise. At the same time he denies to qualify this crime against humanity as what a it was: genocide.

The celebrated one tells us, that this Turkish lack of alternatives “invited accusations”. Is Mishra really trying to tell us, that the accusers are seduced (“invited”) to false statements?

He´s also using the term of “accusation”. To accuse only means to charge someone with a crime. An accusation comes about when someone thinks another person has done something wrong or committed a crime. It doesn’t mean, that the person is guilty. There is a need to be proofed, and still a loss of conviction of the accused’s guilt.

With these words he denies, grossly minimises, approves and justifies acts constituting genocide or crimes against humanity, as defined by international law and recognised as such by final and binding decisions of the International Community.

Historians and genocide researchers, experts of international law and international criminal law recognise and condemn the mass murder of 1,5 millions (and not only hundreds of thousands as Mishra claims) of Armenians as genocide. In this respect it is important to underline that the even the European Union qualifies this crime as genocide.

So, why is this work and its author celebrated internationally? Is the rest of the book of better quality than this one sentence? I guess, Necla Kelek would negate. Does the readership treat his theses too uncritically? The answer is propably „yes“ and it makes me wonder why.

Even if the Armenian Genocide is not the main focus of the donee and his celebrated book, from an European point of view the question arises, why there is such a misappreciation and underestimation, an endorsement of rassism which ended up in a genocide. In any event the un-European view of the celebrated writer shares a lot with the genocide denier Recep Tayyip Erdogan and is a call to show understanding for hatred.

Far from the remaining pages, the quoted statement above is able to influence the complete work. A single fly in the ointment spoils the appetite – completely!

I would not only expect a bit more sensitiveness, but also some kind of political judgement from a jury which goals to promote tolerance, understanding and friendship between nations.

From Dr. Alina Bremer, for example, a literary scholar, novelist and translater, whose most succesful story is a familiar novel during the wars of the last century on Yugoslav territory. Or from the former Swiss publisher Egon Ammann, whose career began with the sale of books in Istanbul.

Although not only the literary-minded lack wit when they clap those degrading lines virginally instead of opposing bravely. The same applies to Deputy Mayor of Leipzig, Department of Culture, Michael Faber.

Policy and Literature is merged in his person as cultural politician. And Michael Faber, as the representative of cultural affairs of the city of Leipzig should be drawn to the following:

The state Saxony-Anhalt is representing all german federal states in the cultural secture, therefore it plays a significant role in German-Armenian relations for 15 years. In addition, Leipzig has been an important cultural centre for Armenian students ever since the late 19th century, when they founded the Armenian Academic Association. And in the special context to Literature: The 1st Armenian book in Germany was printed in 1680 in Armenian and Latin.

And now, this Leipzig is exactly where this writer gets honoured with his book as a contribution to mutual understanding and harmony in Europe. In other words, a book which negates racism, and even if only the Armenian Genocide and only on a single page, is celebrated as promoting tolerance, understanding and friendship between nations – with a sum of € 15.000.

Not only the Imperialism of historic Europe or the Holocaust is disgraceful. These days we are allowed to mourn over the inability to detect racism the same as the pusillanimousness, not to call things by their names.

 

 

Der Text ist in deutscher Sprache zu lesen auf: http://www.der-kosmopolit.de/2014/03/der-indische-autor-und-die-armenier.html#more

Nächstenliebe – das schwierigste der 10 Gebote

Man mag manchmal nicht fassen, was einem da erzählt wird.

Die Medien übertreffen sich gegenseitig mit den Nachrichten über die Massenflut von Flüchtlingen – in Deutschland. Die Kommunen klagen über Platzmangel. Die Kirchen predigen Nächstenliebe und halten Informartionen über leerstehende Grundstücke und Gebäude zurück. Die Anwohner von Asylbewerberheimen präsentieren ihre Vorurteile ohne Wimpernzucken und „fürchten“ sich – um den Wert ihrer Grundstücke, vor Kriminalität, Streit und Dreck. In Berlin wird Flüchtlingskindern verboten bestimmte Spielplätze aufzusuchen, in der Schweiz sind es die Schwimmbäder und Bibliotheken, die Asylbewerbern den Zugang streitig machen.

Gleichzeitig sorgen sich Politiker wie Dirk Niebel (Entwicklungsminister !!!) und Hans-Georg Friedrich um das „Image“ Deutschlands. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Josef Scheuring, streitet sich mit dem Bundesinnenminister, ob es nun wirksamer sei, die illegale Migration direkt an der Grenze zu Deutschland (!) zu „bekämpfen“ oder im Rahmen einer schnellen Bearbeitung „hervorragende Ergebnisse“ zu erzielen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweigert einer 83jährigen warme Kleidung, weil sie aus einem bergigen Land käme und kalte Luft gewohnt sein müsse mit dem Hinweis, anders sähe es aus, wenn sie aus dem sonnigen Afghanistan geflohen wäre. Zur gleichen Zeit wünscht der Facebook-Auftritt des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ein gesegnetes Ramadan-Fest und berichtet über das berühmte Ratha-Yatra-Wagenfest der Hindu-Gemeinde.

Um seine nicht wenigen Wähler mit islamischem Migrationshintergrund und deutschem Pass zu halten, verhehlt Kanzlerkandidat Steinbrück die besondere Lebensgefahr der Christen in Syrien und betont, die ihre „bevorzugte“ Aufnahme verstoße gegen das Gebot der christlichen (!!) Nächstenliebe.

Bei der umverteilungsbedingten Trennung einer komatösen Patientin von ihrer Schwester geht die Ausländerbehörde davon aus, dass die Zusammenführung ja nicht eile, weil das Koma ja noch andauere und bei der krebskranken Frau fragt die Behördenleitung vorwurfsvoll tadelnd, warum man nicht ein Visum zur Heilbehandlung gestellt und stattdessen die illegale Einreise bevorzugt habe. Die behandelnde Ärzte werden mit einem Naserümpfen zur Kenntnis genommen und mit einem Amtsarzt gejagt – als ginge es um lediglich kosmetische Behandlungen. Der Antrag auf eine Unterkunft mit einem behindertengerechten Bad (also ein Badezimmer ohne (!) Badewanne  und mit Bodenablauf) wird dem rollstuhlpflichtigen, jungen Mann und seiner 65jährigen Mutter, die keine Kraft mehr hat ihn aus der Wanne hoch- und runterzutragen, als Luxusverlangen vorgeworfen: „Es geht ihnen nicht um das Bad, glauben sie mir, die wollen nur eine eigene Wohnung“.

„Sozialhilfe“ , „illegal“ , „bekämpfen“ – das sind alles Begriffe mit negativer Konnotation. Auf der einen Seite verunglimpfen und verbergen sie die tatsächlich vorhandene Not der Menschen und erwecken den Eindruck, der Asylbewerber sei grundsätzlich der kriminelle Schwarzarbeiter mit Sozialhilfebezug, unhygienisch und gierig. Auch die gibt es. Aber es sind eben nicht alle so. Zudem versuchen diese und ähnliche Formulierungen den Eindruck einer Schutzbedürftigkeit des Wohlhabenden zu erwecken, um zu suggerieren, hier stünde jemand, der sich genau an dieser Stelle für den Erhalt des Wohlstandes und dem Schutz vor der drohenden, konkreten und erheblichen Plünderung einsetze.

Mit Erfolg. Viel zu oft klagen Menschen in Deutschland über das eigene Leid und veröffentlichen dieses mit dem neuesten Iphone, synchronisiert zum Ipad über Facebook, Leserbriefe und viele andere Kanäle – im Idealfall mit dem Foto der aktuell leckeren Mahlzeit. Vor lauter Selbstmitleid wird vergessen und verdrängt, dass es echtes Leid gibt.

Noch öfter wird übersehen, inwieweit die eigene Regierung entweder mitverantwortlich für die internationalen Krisenherde ist, Kriegstreiber stillschweigend unterstützt, oder zumindest von den Gegebenheiten profitiert.

Wer würde nicht den Weg gen Westen gehen, wenn das eigene Haus überfallen, der Bruder ermordet, die Schwester vergewaltigt und die Kirche zerstört wurde. Wer würde sagen, er warte noch ein paar Monate bis sein Visa-Antrag bearbeitet wird? Wer würde aufgeben und eine Antragsablehnung akzeptieren, um sodann auf den nächsten Anschlag zu warten?

Wer würde wirklich auf den Bruch ausländischer Einreisevorschriften der Sicherheit und Ordnung eines Staates wegen verzichten, wenn im eigenen Land kein Arzt mehr zu helfen vermag? Wer würde das vor sich hin Sterben vorziehen, weil das Visum zwecks Heilbehandlung mangels immenser Kostenverpflichtungen und Vorauszahlungen nicht erteilt wird und auf die Gelegenheit zur illegalen Einreise verzichten?

 

Menschen streben alle nach einem besseren Leben. Die da drüben ebenso wie die hier. Es zeugt von Überheblichkeit, wenn man glaubt, nur „der andere“ würde streiten, lügen, betrügen, erkranken, nach Hilfe suchen und die Gelegenheit beim Schopf packen. Anderenfalls wäre die Bundesrepublik ein einziges Paradies, es gebe keine Armut, weder deutsche Sozialhilfeempfänger noch Sozialhilfebetrüger, die Haftanstalten stünden leer und den Amtsgerichten wäre der Nachbarstreit fremd. So ist es aber nicht.

Ein Jeder ist nicht nur seines Glückes Schmied, sondern auch für sich selbst verantwortlich. Vor allem anderen aber ist man verantwortlich fürs eigene Überleben. Überleben – nicht Wohlstand. Ein wenig mehr Empathie und Menschenliebe stünde uns Menschen gut.

Gedenkrede zum 98. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern

Jaklin Chatschadorian
Gedenkrede anlässlich des 98. Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich
im Rahmen der Gedenkfeier des Silva Kaputikian e.V. – Verein armenischer Frauen in Deutschland
 

Unsere Eltern, wir und unsere Kinder sind der Beweis dafür,
dass der Völkermord an den Armeniern, sein Endziel,
nämlich die Ausrottung aller Armenier unter osmanischer Herrschaft,
nicht ganz erreicht hat.

In Trauer über unsere Großeltern und in der Hoffnung diese Bürde an unsere Enkel weitergeben zu können, leben wir.

Ja, wir leben! Wir haben dem Völkermord widerstanden und den Weg zurück ins Leben gefunden.
Auch in Deutschland.

Wir sind gerne hier. Genießen die Freiheiten des bundesrepublikanischen Grundgesetzes, haben kein Integrationsproblem, keine religiös bedingte oder andere unüberwindbare Hürde, die zu nehmen ist.

Eigentlich haben wir genau die gleichen Probleme wie unsere deutschen Nachbarn: zu hohe Mietpreise, falsch berechnete Steuerbescheide und Parkknöllchen. Eigentlich.
Wäre da nicht die große Politik, zu dessen Spielball man unsere Trauer gemacht hat.

Seit 98 Jahren fordern wir nur eines: 
Die Verurteilung der in rassistischer Vernichtungsabsicht, staatlich organisierten Massenmorde an unseren Vorfahren
und damit die Verurteilung der krimininellen Tötungshandlungen durch Verwendung des hier einschlägigen Straftatbestandes: Völkermord!

Warum gesteht uns keiner dieses Recht zu?

Stattdessen Versöhnungsangebote, die alles andere als UNSERE Zufriedenstellung im Sinn haben.
Und der Vorwurf UNversönlich zu sein.
Man könnte meinen, das Waisenkind ist selbst schuld an seinem Verlust und Schmerz.

Versöhnung ist das Zauberwort.
Schauen wir doch nach vorne, vergessen wir was war. Wenn wir uns vertragen, auf Empfehlung der Bundesregierung sogar, das ganze „unter uns“, also bitte schnell und ohne besonderes Aufsehen, regeln, wäre dies ein wertvoller Beitrag für den Frieden im Kaukasus.

Sühne, Reue und Wiedergutmachung würden den strategisch bedeutsamen Partner nur unnötig verärgern. Die Verärgerung eines wirtschaftlich isolierten Landes hingegen, ohne Erdölvorkommnisse und Pipelline-Verbindungen lässt sich besser verkraften, als der Biss eines Wirtschaftstigers.

Das beste, der uns bislang gemachten Angebote : ?

Eine vermeintlich an uns adressierte Internet-Auktion mit dem Namen „Wir-entschuldigen-uns“. Gänzlich in türkischer Sprache. Privatpersonen entschuldigen sich für schreckliche Geschehnisse.
Kein Wort das dem Begriff „Genozid“ auch nur nahe kommt.

Aber wen interessiert schon, was die Nachkommen denken.
Staatssekretärin des Auswärtigen Amtes, Cornelia Pieper, ist in Ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken zum Thema „Erinnerung und Gedenken an Vertreibungen und Massaker 1915 “ , Anfang 2010 voll des Lobes für die moderne Zivilgesellschaft der Türkei  (vgl.BT-Drs. 17/687 vom 10.02.2010):

  • die Internet-Aktion einiger sog. freier Denker,
  • der dortige Reform- und Modernisierungsprozess,
  • ein Projekt des Deutschen Volkshochschulverbandes, mit welcher der gegenseitige Austausch mit der gemeinsamen Geschichte gefördert werden soll
  • und einige Beileidsbekundungen für die Opfer eines schrecklichen Krieges, auf welchem traurigerweise beide Seiten Tote zu beklagen hätten.

Das hinter den Initiatioren der Internet-Auktion, die nur auf den ersten Blick türkeikritisch zu sein scheint, angestellte Professoren staatlicher Universitäten in der Türkei oder Vorstandsmitglieder eines großen deutsch-türkischen Wirtschaftsverbandes stehen, dessen höchstes Interesse dem Ausbau und der Pflege der Beziehungen zwischen der EU und der Türkei gilt, sieht keiner.

Oder warum wurden hier keine Anklagen nach Art. 301 des Strafgesetzbuches der Türkei erhoben, wie im Falle von Hrant Dink oder Ömer Pamuk?

Wir Nachkommen der Opfer möchten keinen „Austausch“ um uns zu beklagen. Dafür haben wir uns und unsere Gebete.

Wir möchten das Leid unserer Großeltern nicht zum Volkshochschulkurs degradiert wissen, bei welchem mit mehr oder weniger Wissen ausgestattete Schüler (!) sich unterhalten.

Noch weniger möchten wir unser Leid genutzt wissen, um das Image der Nutzniesser des Völkermordes zu polieren!

Es geht um Fakten, deren Nachweise vorliegen.
Diese sind nicht zu diskutieren. Sie sind anzuerkennen und zu verurteilen.

Nicht nur von Uruguay und Litauen, sondern von den sog. Weltmächten. Internationale Verurteilung und das Anerkenntnis der Täter-Nachkommen. Die Ächtung der auf hoch professioneller Ebene, international betriebenen Leugnungsindustrie.
Erst dann kann eine echte Versöhnung eine Chance haben.

Was beobachten wir stattdessen?
Einige Beispiele.

Der Versuch, vor genau einem Jahr Ministerpräsident Erdogan mit dem „Steiger-Award“ für „Toleranz“ und „Offenheit“ zu würdigen. Die Ehrung scheiterte LEDIGLICH an Demonstrationen der Aleviten, Aramäer und Armenier und Altkanzler Gerhard Schröder war um die Gelegenheit einer Laudatio zu Gunsten seines engen Freundes gebracht.

Wir sehen bundesweit organisierte Feiern am 23.April. Der Tag vor dem Gedenken an unsere Toten ist der Tag des Kinderfestes in der Türkei. Hier werden Loblieder auf die Türkische Nation und dem Gründer dieser makabren Nutznießerschaft gesungen. Während Armenier in der Bundesrepublik dem gänzlich fernbleiben und das meiste nur am Rande mitbekommen, müssen armenische Kinder in der Türkei diese Lieder mitsingen. Keiner will dies sehen!

Ein weiteres Beispiel:

An jenen Tagen, an denen die Parlamente fremder Staaten die langersehnte und immer wieder versprochene Anerkennungsleistung, wenn auch nur mit einer einzigen Stimmen mehr, ablehnen, finden türkische Mitbürger die Gelegenheit zum Reihentanz vor der armenischen Botschaft.

Ein spontanes Volksfest dieser besonderen Art fand vor zwei Jahren in den USA statt. Am 24.4.2013, also vor gerade 3 Tagen, auch vor der Botschaft in Ottawa / Kanada.

Versuchen wir es nachzuvollziehen: Worüber freuen sie sich? Dass die USA die Tötung von Millionen Christen immer noch nicht verurteilt haben? Dass die millionenfache Tötung straffrei bleibt? Dass sie tot sind? In welchem Zusammenhang kann sich ein würdevoller Mensch hier „freuen“?

 

Als im vergangenen Jahr die Strafbarkeit der Völkermordleugnung in Frankfreich diskutiert wurde,waren die Internet-Foren prall gefüllt mit Kämpfern für die Freiheit der Meinungsäußerung.

Schlagendes Argument: Man muss es doch diskutieren dürfen!

Also diskutierte JEDER und philosophierte, ohne sich JE VORHER mit dem Thema beschäftigt zu haben, OB man den einen oder den anderen „glauben darf“ und ob man zweifeln darf, warum man leugnen darf……

Empathie? Nein, Gefühle haben hier nichts zu suchen. Ein demokratischer Staat hält solche Diskussionen aus.

Die Nachkommen? Wie ? Ob die das aushalten? Tja, wenn sie´s nicht tun, haben sie die Demokratie nicht verstanden. So einfach ist das.
So einfach war es, das Leid meines Großvaters nicht nur zum Prüfstein einer streitbaren Demokratie für die deutschsprachige Internet-Gemeinschaft zu erklären, sondern ihn zum Lügner hinzustellen.

Aber wir dürfen uns über all dies nicht wundern.

Wenn die internationale Politik unser Anliegen immer wieder zum aufwärmbaren Wahlversprechen benutzt oder im ausschliesslich eigenen Interesse als Druckmittel gegen die Türkei einsetzt, wenn die Bundesrepublik Deutschland die sog. gesellschaftliche Bewegung schönredet und die Augen vor der aktuellen, täglich zu erduldenden Diskriminierung aller in der Türkei lebenden Christen schließt,
warum sollte der einfache Bürger aufrichtig mit dem Thema umgehen?

Stellen wir uns vor, ein Vertreter der Bundesrepublik würde offiziell verkünden, dass der Holocaust an den Juden in Deutschland ein bedauerlicher Krieg sei, bei dem BEIDE Seiten Opfer zu beklagen hätten.

Würden wir nicht alle sagen, „moment mal….“ – Ja, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus hat auch Leben gekostet;
wie etwa der Aufstand im Warschauer Ghetto.

Völlig unzureichend bewaffnete Aufständische lieferten sich wochenlang erbittete Kämpfe gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht.

Am Ende aber wurde der Aufstand niedergeschlagen, die Große Synagoge wurde gesprengt.

Nicht anders ging es den armenischen Kämpfern 98 Jahre zuvor im Osmanischen Reich.
Hier und da organisierten sich junge Männer, genannt Fedayi, versteckten sich hinter dem einen Berg und dem anderen Hügel, um den rassistisch motivierten Mördern zuvorzukommen.

Mit der Aussage, beide Seiten hätten Opfer zu verzeichnen, mag man, zwar richtig liegen. Doch dessen manipulativer Intention sollte man sich gewiss sein.

Der – alles andere als zu vernachlässigende – Unterschied liegt nicht nur in der Dimension der Opferzahlen, über den mit einer solchen Aussage wenig charmant hinweggesehen wird,
sondern auch darin, dass die einen von rassisch motivierter Mordlust und Bereicherungsabsicht getrieben waren, während die anderen sich in Selbstverteidigung übten, um zu überleben.

Mit einem weiteren Beispiel möchte ich an die aktuellen Geschehnisse rund um die Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ – kurz NSU erinnern.

Eines vorab. Jeder einzelne dieser Morde ist zu verurteilen. Jedem einzelnen Opfer spreche ich mein Beileid aus und fühle mit den Hinterbliebenen.

Meine Kritik aber richte ich an alle politischen Vertreter, Verbände und andere medial umworbenen Redner mit türkischen Wurzeln, an alle türkischen Zeitungen und an, diejenigen,  die Verfassungsbeschwerde erhoben haben, oder mit Sicherheit noch einmal erheben werden, um sich lautstark über den Mangel an Empathie zu beklagen:

Wie kann man den einen Mord mit rassitischer Motivation verurteilen und den anderen sehenden Auges leugnen?

Wie kann man Empathie von den deutschen Behörden und Gerichten fordern, während man selbst, mit keinem einzigen Wort an Theodoros Boulgarides, das Opfer mit griechischen Wurzeln und/oder die ermordete Polizistin Michelle Kiesewetter erinnert?

 

Wie kann man den deutschen Verfassungsschutz auf´s Schärfste verurteilen, während man sich seinerzeit mitnichten über die im Mordfall Hrant Dink getätigten Fehlermittlungen türkischer Behörden und Fehlentscheidungen türkischer Gerichte geäußert hat?

Wo ist der Unterschied zwischen dem Mord an einem Imbissbetreiber in seinem Laden, weil er nichtdeutscher Herkunft ist und an einem Journalisten vor seinem Veragsbüro weil er nichttürkischer Herkunft ist?

Beide Täter sahen in ihren Opfern einen, erlauben Sie mir den Ausdruck : „Schädling für die eigene Nation“. 

Stellen wir uns vor, derjenige Beamte, der Beate Zschäpe die Handschellen umgelegt hat, hätte noch einmal schnell aus seinem Schließfach die deutsche Fahne rausgeholt, seinen Kollegen gebeten, das andere Ende der Fahne zu halten und die Medien mit einem Pressefoto beglückt?

Wo war da der berühmt berüchtigte Spürsinn türkischer Machthaber und Interessenvertreter für sog. Verbrechen gegen die Menschlichkeit?
Wo war da die Empathie für die hinterbliebene Familie Dink und ihren Landsleuten?

Gab es damals überhaupt eine Zusicherung, dass zumindest (!) im Rahmen der Ermittlungen alles erdenkliche getan wird, um nicht nur den vorgeschobenen Täter im Teenager-Alter zu verurteilen, sondern vor allem, die Hintermänner und deren Vernetzungen aufzudecken?

Hat einer der Präsidenten der türkischen Republik der Familie Dink sein Beileid bekundet und seine Unterstützung versichert wie es die Herren Gauck und Wulff getan haben?

Nein.
Nur die Armenier hatten ein Opfer mehr zu beklagen. 1,5 Mio plus 1.

Nicht anders geht es den Nachkommen des 2011 verstorbenen Soldaten der türkischen Armee, Sevag Balikci.

Er wurde aufgrund seiner armenischen Herkunft und seines christlichen Glaubens, und damit ebenfalls aus einer rassistischen Motivation heraus, von seinem Kameraden getötet.

Sein Mörder wurde vor einigen Wochen zu 4 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil lautet auf fahrlässige Tötung.

Kein Wort darüber, dass seinem Mörder gerade diese tödliche Fahrlässigkeit am 24.April, dem Tag an dem die Armenier des Völkermordes gedenken, passiert ist.

Nur ein Zufall?

Kein Wort darüber, dass vor der sog. „spielerischen Auseinandersetzung“ der beiden jungen Männer, genau diese armenischen Wurzeln thematisiert wurden.

1,5 Mio plus 2.

 

Wo war die Empathie, der türkischen und aserischen Vertreter, als der nach Öl-und-Geld-Verhandlungen zwischen Aserbaidschan und Ungarn entlassene, aserische Leutnant Ramil Safarov, nach seiner Rückkehr in die Heimat mit allen Ehren empfangen, begnadigt und zum Mayor befördert wurde?

Der rassistisch motivierte Axtmörder zerfleischte im Rahmen eines Nato-Fortbildungsseminares einen armenischen Kollegen, Leutnant Gurgen Magaryan, mit 16 Axthieben im Schlaf.

Die Rückkehr des begnadigten Safarov wurde als Volksfest inszeniert, die Personifizierung turkstämmigen Nationalstolzes.

Auch hier kam ein Armenier ums Leben.

Tatmotiv Rassismus. 1,5 Mio plus 3

Was ist mit der aktuellen Serie an Übergriffen auf alleinstehende Seniorinnen armenischer Herkunft in den noch existierenden Armeniervierteln in Istanbul?

Kaum berichtet ein internationales Blatt wie die New York Times hierüber, sieht sich der US-Botschafter der Türkei Namik Tan veranlasst, die Dinge mit einem Leserbrief „richtigzustellen“:

Die Berichterstattung sei nicht neutral oder an Fakten orientiert, sondern bediene die tiefschürfende Feindschaft zwischen Armeniern und Türken.

Nach Namik Tan sind also nicht die Übergriffe auf armenische Rentnerinnen rassistisch gewesen, sondern die Berichterstattung hierüber.

Aber es gibt auch gute Nachrichten:
Nicht anders als Namik Tan reagierte etwa der in Deutschland stationierte Botschafter Karslioglu auf einen Bericht zum Völkermord an den Armeniern und auch er fühlte sich berufen, einen persönlichen Brief an den Geo-Epoche-Chefradakteur Michael Schaper zu schreiben.

Offenbar rechnete der Botschafter weder damit, dass ihm der Chefredakteur argumentativ überlegen war noch damit, dass der Briefwechsel veröffentlicht werden würde.

Es ist ein besonderes Vergnügen zu lesen, wie Herr Schaper dem Botschafter eine Lektion erteilt
und ihm jede Möglichkeit der Gegenargumentation nimmt.

Ich möchte an dieser Stelle  nicht missen, an ein weiteres gutes Beispiel zu erinnern und im Namen der in Deutschland lebenden Armenier meinen Dank auszusprechen: Nämlich dem seit inzwischen nun 10 Jahren exitierenden Projekt des Kardinal-Frings-Gymnasiums, Herrn Werner Blume und seinen Unterstützern.  Ihren unermüdlichen Einsatz für unsere Vergangenheit und unsere Zukunft wissen wir zu schätzen.

Und genau diese Art der Unterstützung, meine Damen und Herren, ist die hier notwendige.

Es ist uns mehr als willkommen, wenn nicht immer nur „wir“ für „uns“ sprechen, sondern wenn uns jemand zustimmt und jeden einzelnen Leugner und Lobbyisten mit seiner Sachkenntnis argumentativ mundtot macht.
Helfen Sie uns bei der Bekanntmachung der nachgewiesenen Fakten, helfen Sie uns mit Ihren Verbindungen zu Medien, Wirtschaft und Politik ebenso wie in Ihren Gesprächen zu jedem einzelnen ihrer Nachbarn und Freunde.

Auf das 2015, dem 100.sten Jahrestag des Genozides an den Armeniern, aber auch an den Aramäern und Pontusgriechen, jeder Leugner mit Spott und Häme zu rechnen hat.

Die Dinge sind bei IHREM Namen zu nennen.

Dies gilt im Besonderen für die dunkelsten Kapitel der Geschichte.

Vielen Dank.

Eckstein und Humus

Der offizielle Umgang mit dem Völkermord an den Christen des Osmanischen Reiches in der Türkei, in der Bundesrepublik und in einigen anderen Staaten ist eines der großen Themen dieses Blogs. Wie die einzelnen Menschen in diesen Ländern mit dem Thema umgehen, ist die zweite große Frage dieser Beiträge. 

Ich habe vor kurzem DIESES Interview mit dem Direktor des Völkermordmuseums in Armenien, Hayk Demojan, in der Online Ausgabe des österreichischen Standards, gelesen. Titel: „Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei

Auf die entscheidenden Fragen hat Hayk Demojan m.E. kurz und gut geantwortet. Ohne lange Umschweife. Überzeugend.

Nur der Blick in die Leser-Kommentare des Artikels hat wieder enttäuscht, entsetzt, empört.

Man kann über Tatsachen nicht anderer Meinung sein!

Der Völkermord ist Fakt, keine Angelegenheit über die man

  • wider der Faktenlage
  • entgegen besseren Wissens oder
  • unwissend ins blaue Hinein

seine Meinung öffentlich zum Besten geben sollte.

Eine sachliche Diskussion erfordert mehr als eine Ansammlung von Kommentaren, die vermuten lässt, es ginge um die beliebtesten Frisuren: Links-, Rechts- oder doch Mittelscheitel?

Völkermord als Eckstein der türkischen Republikgründung? Nein, dass ist doch nun wirklich übertrieben – allenfalls ein Backstein am Rande. Die paar Störenfriede waren doch nun nicht so wichtig. Das starke jungtürkische Volk hätte es auch so zu einer Republik geschafft.

Nur nicht so schnell vielleicht.

Während die einen, rechnerisch Enkel der Täter, ihrem gesunden Nationalismus zuliebe die Opfer zu Verrätern erklären, rechtfertigen andere die neo-osmanische Nichtanerkennung des Genozides indem sie auf andere, anerkannte und nichtanerkannte Völkermorde verweisen. Selbstverständlich ohne auch in diesen Bereichen der Weltgeschichte jemals etwas ernsthaft gelesen zu haben.

Tja, weil es auch andere Völkermorde gibt, war der an den Armeniern keiner! Und weil andere Staaten ihre Völkermorde nicht anerkannt haben, müssen weder die Türkei noch ihre Staatsangehörigen, diesen einen einzigen anerkennen. Was wollt ihr alle von uns? Verschwörung! Rassismus! Sollen die anderen doch beispielhaft vorangehen und damit ihre Schwäche zeigen. Ich bin doch nicht blöd!

Und warum gehen die Armenier nicht auf das Angebot der Täternachkommen ein? Beweise erst einmal dass mein Opa deinen Opa ermordet hat, nur weil er Armenier, Aramäer, Pontier oder Grieche war? Vielleicht hat er ihn ja nicht (deswegen) ermordet….. und er ist einfach so, auf dem Weg in die Wüste, gestorben, weil er nicht genug zu essen und zu trinken mitgenommen hat. Lass da mal lieber unsere Spezialisten ran. Lass das mal lieber eine Historikerkommission prüfen, dessen Kommissionsmitglieder den Wünschen des Kommissionsgastlandes, des modernen, über jeden Zweifel erhabenen einzigen Landes auf Gottes Erde, entsprechend ausgesucht werden.

Das Sahnehäubchen bilden dann diejenigen, die sich als Gutmenschen und Demokraten, als die Offenbarer der goldenen Mitte suggerieren: Sie betonen, dass es selbstverständlich ein Völkermord war. Doch bevor der Satz seinen Punkt findet, wird SELBSTVERSTÄNDLICH NUR DER FAIRNESS HALBER, ebenfalls betont, dass es unter den Armeniern NICHT NUR OPFER gegeben habe! JA, endlich. Das musste einmal gesagt werden. Einige wenige Armenier haben es tatsächlich gewagt sich zusammenzuschließen, zurückzuschießen. Und einige haben es wohl verdient getötet zu werden.

Das ist das was ich zwischen den Kommentarzeilen lese.

Der nächste freut sich über das Glück der Türken namens EU-Krise. Die gibt den Türken nämlich endlich Zeit ihre eigene Geschichte zu verarbeiten. Wozu so eine Krise doch so alles gut ist. Der Türkei reichen knapp hundert Jahr nicht, da kommt es einem entgegen, dass die Machthaber dieser Welt gerade anderweitig beschäftigt sind.

Wer war denn nun schlimmer? Hitler oder Stalin? Diese Sequenz schließt jedenfalls das Triumvirat Talat-Cemal-Enver aus. „Schlimmer“ ist die einzig wichtige Eigenschaft dieser Führer. Man sucht den Unterschied. Das Gemeinsame wird ausgeblendet. Dann kommt der entscheidende Hinweis, das schlagende Argument: Ein Jude aus Amerika! Hier trifft sich positiver Antisemitismus in seiner reinsten Form. Wenn ein Jude etwas sagt, dann muss es ja richtig sein. Die haben doch die Allmacht. Erst recht, wenn sie aus Amerika sind. Dieser hat gesagt Hitler war schlimmer. Er hat den Beweis geliefert.

Einer präsentiert breitspurig seine Ignoranz: 2015-2016-2017…. für mich alles gleich. Der nächste Weltgewandte erinnert an Mao Zedong und schließlich streitet man mal wieder über …. na….. über den Juden natürlich. War Atatürk nun einer oder nicht? Eine Patriot hält entgegen: Nein, er war keiner, dass verbreiten nur radikal religiöse Gruppen.

Nun, was wäre so schlimm, mag man sich da fragen. Aber angesichts des diesem Plädoyer vorstehenden, fettgedruckten „LOL“ darf man mutmaßen, dass hier einer diese Eigenschaft seines Führers nicht nur für unwahr hält, sondern für lächerlich.

Ab hier endet mein Verstand. Es weigert sich, dass was meine Augen sehen, mir zu übersetzen. Nur am Rande bekomme ich noch eines mit: Armenien ist kein Staat. …..

02.01.2013, 23.57 Uhr: 261 Kommentare, verteilt auf 6 Seiten zu einem Artikel vom 31.12.2012, 12.00 Uhr.

Ich war erst auf Seite 2.

Kein Wort des Mitgefühls, der Humanität, der die Würde des Menschen bestimmenden Pflicht zur Übernahme von Verantwortung. Kein Wort zu den 2,5 Millionen Opfern christlichen Glaubens. Ein paar wenige, die dem Artikel beipflichten.

Ein Trauerspiel, das die Kunst einiger präsentiert, die in einem europäischen, deutschsprachigen Land leben; die in einem Land leben, in welchem der Wert von Bildung und Humanität offiziell nicht fremd ist. Diese Menschen leben hier unter uns, lesen (online) Zeitung, sprechen und schreiben in deutscher Sprache, einige von ihnen (davon ist auszugehen) dürfen gar wählen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, vor gerade zwei Tagen, mit einem guten Bekannten. Alevit und Türke. Politisch interessiert und gut informiert. Er verurteilt die Massaker, nennt den Genozid bei seinem Namen: Völkermord.

Er fragt mich was ich von Atatürk halte. Auf meine Gegenfrage, antwortet er:

Er teile meine Meinung. Aber er füge hinzu: War das gut, was Atatürk mit Blick auf die Opfer getan hat? Nein, war es nicht. Aber war es notwendig? Leider ja. Ohne ihn, stünde die Türkei heute nicht da, wo sie steht.

Diese Aussage liefert den Beweis, mit dem der hier besprochene ARTIKEL aus dem Standard titelt: Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei, denn er war ein Grundbaustein für den Erfolg Atatürks

Der Eckstein, der alle meine Großeltern begraben hat. Humus für das gedeihen eines patriotischen Fortschritts. Denn auf ihren Vermögenswerten, ihren Häusern und Ländereien hatte man nun endlich ein Dach über dem Kopf; einen ackerfähigen Boden; ein Geschäft, das die Familie ernährte. Und nicht selten gar ein Mädchen für alles.

Bis die Türkei auf die Idee kommt, dass man auch anders einen Staat hätte gründen können, nämlich mit einer zwanglosen, gewaltfreien, die Identität eines jeden Einzelnen schützenden Vereinigung der dort lebenden Menschen,

durch echte Gleichberechtigung, durch das Vernachlässigen nationaler oder religiöser Aspekte und die Konzentration darauf, dass alle letzten Endes Menschen gewesen sind, mit einem eigenen Recht auf Leben und Freiheit, wird es noch sehr lange dauern.

2 Jahre und 4 Monate reichen nicht.

Von aggressivem Recht und sympathischem Unrecht

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Rahmen der Hay-Society Kolummne Flaschenpost
 

Die Vorweihnachtszeit ist eine Zeit der friedlichen Ruhe, der Reflexion, der Vergebung und der Nächstenliebe.

Friedliche Ruhe? Ein jeder Krieg wartet nur darauf, endlich größer werden zu dürfen. Während wir hier über das „Ob“ eines von den Mayas prognostizierten Weltunterganges sinnieren, sind andere Menschen mittendrin in einem solchen. Erlauben Sie uns, mit Blick auf all die Konfliktherde, einen Schritt zurückzugehen und über unsere eigenen Einstellungen nachzudenken. Woran unterscheiden wir eigentlich gut und böse? Recht und Unrecht?

Ein Attentat an Heiligabend auf eine gut besuchte Kirche in Nigeria oder Ägypten – da sind wir uns alle einig -, stellt ein in seiner Grausamkeit nur schwer zu übertreffenden Angriff dar. Die Lage in Syrien ist da vielleicht schon anders zu beurteilen. Schließlich scheint dort jeder gegen jeden zu kämpfen. Und in der Türkei? In Berg-Karabach oder in Israel?

Moral und Gesetz bieten uns in unserem eigenen Alltag zumindest eine Wegweisung und unsere Beurteilung orientiert sich dadurch an nicht verhandelbaren Selbstverständlichkeiten, wie etwa die Würde des Menschen und seine körperliche Unversehrtheit. Sie sind von Staat und Mitbürger in vollem Umfang zu beachten. Beschränkungen der Freiheit bedürfen nach unserem Rechtsverständnis nicht nur einer gesetzlichen Grundlage. Sie sind vor allem nur als strafende Entgegnung (Reaktion) auf einen zuvor erfolgten Übertritt (Aktion) akzeptiert.

Bei der Beurteilung eines internationalen Konfliktherdes wird es schwieriger. Hier sind wir gezwungen, nicht nur die gelieferten Informationen kritisch zu hinterfragen, sondern auch die entsprechenden Quellen. Gerade in Syrien ist dies wieder besonders deutlich geworden. All dies wiederum erfordert Sachverstand und Hintergrundwissen. Es kostet Zeit, Mühe und ehrliches Interesse.

Unglücklicherweise ist das Abnicken vorbereiteter Häppchen bedeutend einfacher, und so übernehmen wir viel zu oft politische Meinungen Dritter und geben Sie unreflektiert weiter. Ein „Das-ist-halt-so-Bauchgefühl“ täuscht über die latente Gefahr, dass einem die Argumente ausgehen könnten, hinweg, noch bevor man die (vermeintlich) eigene Position vollumfänglich erklären oder gar sein Gegenüber beeindrucken kann. Dabei mag der Durchschnittsbürger diese Gefahr in seinem guten Glauben verkennen. Der Mandatsträger übergeht Ursachen und Zusammenhänge meist vorsätzlich.

Einige Beispiele:

Völkermord und Versöhnung

Wir sind uns darin einig, dass ein Völkermord eines der größten Verbrechen der Menschheit darstellt. Ein Massenmord ist weder zu rechtfertigen noch zu entschuldigen. Die Tat ist zu ächten, die Täter haben Verantwortung zu übernehmen und sind zu bestrafen.

Eigentlich.

Die Nachkommen der Opfer des Völkermordes des Osmanischen Reiches, Armenier, Aramäer und Pontier fordern seit inzwischen knapp 100 Jahren die Verurteilung und Ächtung der staatlich organisierten und durch Massenmord und Deportation realisierten, rassistisch motivierten Vernichtungsabsicht. Doch sie werden nicht gehört.

Die UN-Konvention vom 9. Dezember 1948 über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes hält dieses, von 145 Staaten unterzeichnete, Selbstverständnis fest. Der Völkermord an den Armeniern ist jedoch bislang von nur 21 Staaten als solcher offiziell anerkannt resp. mit der Anerkennung politisch verurteilt worden. Und selbst bei dieser „Anerkennung“ wird das Leid der nichtarmenischen Opfer, der Aramäer und Pontier, mal mehr mal weniger vernachlässigt. Dabei ist die Faktizität des Genozids an den Christen im Osmanischen Reich unter Historikern unbestritten.

Alle anderen haben den Tiger vom Bosporus (noch) nicht wirklich verärgert. Während viele sich gegenüber den Nachkommen der Opfer taub stellen, gehen die in unserer Welt mächtigen Staaten allerdings einen Schritt weiter. Getarnt mit dem Slogan „Frieden im Kaukasus“ setzen sich die USA, die BRD, die Schweiz und selbst Russland dafür ein, dass sich Armenien und die Türkei nun endlich doch versöhnen. Bedingungslos.

Vergessen wir die alten Geschichten. Schauen wir nach vorn in eine friedliche Zukunft.

Denn kaukasischer Frieden ist für eine reibungslose Energieversorgung westlicher Weltmächte unabdingbar.

Gebt endlich Ruhe. Und klärt es unter euch.

Vor allem die armenische Diaspora gibt keine Ruhe. Sie redet, sie vertritt ihre Interessen durch politische Teilhabe, sie gedenkt. Damit steht sie dem allseits ersehnten Frieden im Weg und gilt gemeinhin als „unversöhnlich“. Nur… Versöhnung braucht Reue, Sühne, die Bitte um Vergebung. Nicht Leugnung. Nicht Rechtfertigung. Nicht Verdrängung.

Die nicht vergessende armenische Diaspora verweigert sich der positiv konnotierten, ihren Schmerz missachtenden, Versöhnung und erfährt gerade in Deutschland weniger Empathie als Zweifel und Widerspruch. Anders als ihren politischen Gegnern fehlt ihr für eine wirkungsvolle Lobbypolitik das Geld. Statt Nachwuchs- und Bundespolitiker, Wirtschaftsbosse und Journalistenklassen auf edle All-Inclusiv-Reisen und in luxeriöse Ausstellungen einzuladen, bleibt ihr die Demonstration auf der Straße.

Unversöhnliches Fußvolk eben. Bringen die doch ihre Probleme mit nach Deutschland.

Berlin, Oktober 2012. Der türkische Ministerpräsident Erdogan will die BRD besuchen, die alevitische Gemeinde hat zur Demonstration aufgerufen. Eine Passantin unterhielt sich mit einem der armenischen Demonstranten:

Wer demonstriert da schon wieder? Wer? Die Armenier? Aha… Und was wollen die? Na, denn…. schönen Tag noch.“

Es ist zu befürchten, dass diese Passantin mehr Wertschätzung gezeigt hätte, ginge es den Demonstranten um den Stuttgarter Juchtenkäfer oder die zukünftige Fluglärmbelastung Berlins.

Berg-Karabach und Kosovo

Der Kosovo wird als autonomer Staat international anerkannt, Berg-Karabach nicht. Warum eigentlich? Wieso war Serbien ein Unrechtsstaat, aus dessen Fängen der Kosovo zu befreien gewesen ist, während Aserbaidschan als lupenreines Opfer einer aggressiven Landnahme gehandelt wird? Worin wollen sich das böswillige Serbien und das über Ölreichtum verfügende Aserbaidschan in Kriegshandlung und Vorsatz unterscheiden? Worin unterscheidet sich der Karabach-Armenier vom Kosovaren? Wurden armenische Christen in Berg-Karabach wirklich nicht diskriminiert und staatlich verfolgt? Wie gut konnte es ihnen damals unter aserbaidschanischer Herrschaft des Aliyewschen Clans gehen, wenn gar die eigene, islamisch-aserbaidschanische Bevölkerung bis dato unter erheblichen Menschenrechtsverletzungen leidet? Gab es in dem Krieg keine armenischen Opfer? Keine aserbaidschanischen Täter? Gab es keine armenischen Kinder, die ihre Eltern verloren hatten und keine armenischen Eltern, die weinend den leblosen Körper ihres Neugeboren hielten? Wieso sind Kosovo-Albaner schutzbedürftig, Karabach-Armenier jedoch nicht? Wie begründet sich die Ungleichbehandlung? Rechtlich ist der Konflikt identisch. Internationale politische Interessen überzeugen als Begründung der internationalen Ungleichbehandlung jedenfalls nicht.

Während sich die verschiedensten internationalen Parteien und Persönlichkeiten eine goldene Nase an der Imagepolitur Aserbaidschans verdienen, brauchte der Durchschnittsbürger und sein Journalist nur eine Cristall-Hall-Schlagerparty, um den in Aserbaidschan herrschenden Nationalismus in einer modernen Gesellschaft untertauchen zu lassen und aus einer Diktatur eine sich nach vorn bewegende junge Demokratie zu machen.

Der verfolgte Christ wird in diesem Konflikt dank der Einfalt und Gier der internationalen Gemeinschaft einseitig zum Aggressor erklärt. Die Nachricht, dass an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan regelmäßig armenische Soldaten umkommen, erreicht den deutschen Leser nicht. Dass Aserbaidschan in nicht unbedeutendem Umfang mit türkischer, israelischer und amerikanischer Unterstützung aufrüstet, war allenfalls eine Kurznachricht wert. Nicht einmal die, nach ungarischer Auslieferung erfolgte Begnadigung eines Axtmörders, der seinem Opfer im Schlaf den Kopf vom Körper trennte, löste in Deutschland Empörung in angemessenem Maße aus, geschweige denn Kritik.

Der deutsche Europäer lies über das Auswärtige Amt mitteilen, dass er darauf vertraue, dass Ungarn und Aserbaidschan sich an das geltende Völkerrecht hielten. Zugegeben, es ging schließlich nur um einen einzigen Menschen. Der war nicht nur schon tot, sondern zu seinem eigenen Pech auch noch Armenier.

Zypern und die Türkei

Der Einmarsch der Türken 1974 ist – so ist man sich in der Theorie einig – Unrecht.

Eigentlich.

Für den Neo-Osmanen gelten auch hier andere Regelungen. Anstatt ihr gegenüber klare Forderungen laut und nachdrücklich auszusprechen und mit spürbaren Konsequenzen zu ahnden, verbündet sich die Internationale Gemeinschaft mit eben diesen Besatzern. Seit 1952 ist die Türkei Mitglied der Nato, seit 1945 ist sie Mitglied der UN. Die Türkei ist das einzige Land, das von der UN zu einer Mitgliedschaft eingeladen wurde. Zwar in den vierziger Jahren und damit vor der Einnahme von 3.355 km² der drittgrößten Mittelmeerinsel, aber eben nach 1915 und nach 1923. Oder anders ausgedrückt: Trotz des bis heute geleugneten Völkermordes an den Christen des Osmanischen Reiches und nach der weitere Massenmorde bedingenden Gründung der Republik Türkei.

Die Türkei und ihre Kurden

Trotz ihrer Geschichte und der alltäglichen, massiven Diskriminierung Andersgläubiger und Andersdenkender im eigenen Land gilt die Türkei – aktuell im Syrien-Konflikt – als „unser“ Verbündeter und damit als der Verbündete „der Guten“. Dass dieser Verbündete bei Gelegenheit des Syrien-Konfliktes die sich ergebenden Chancen zur Minimierung der Anzahl seiner kurdischen Mitbürger nutzt, bleibe bitte unter den Teppich gekehrt.

Schließlich verliert der auf türkischem Boden lebende Kurde, dank jahrelanger strategischer Rufschädigung durch die türkische Regierung auf internationalem Terrain, seinen Kampf in der Öffentlichkeit noch bevor er Wort oder Waffe ergreift. Er gilt meist von vornherein als Kämpfer der PKK und damit als Terrorist. Je weiter östlich seine Wurzeln und sein ständiger Aufenthaltsort innerhalb der Türkei zu lokalisieren sind, umso wahrscheinlicher seine vermeintlich bösen Absichten.

Wer sagt uns eigentlich, wem dieser Boden, um den es in diesem sog. „Kurdenkonflikt“ geht, eigentlich zusteht? Ein befreundeter Kurde fasste mir gegenüber den Sachverhalt wie folgt zusammen: „Strenggenommen wollen unsere Leute das haben, was ihnen 1915 versprochen wurde.“ Er erzählte von seiner Heimatstadt Diyarbakir. Diese zeuge von hethitischen, assyrischen und urartäischen Spuren. Nach christlich-syrischen Quellen leitet sich der Name Diyarbekir von der aramäischen Bezeichnung für die „erste Kirche“ in der Stadt ab; heute ist die Stadt überwiegend von Kurden bewohnt. Und dennoch: Es ist rechtmäßiges türkisches Staatsgebiet. Warum eigentlich?

Anders als der gewöhnliche, moderne Türke, dem man grob fahrlässig seine Indoktrination zugute hält, wenn es um die Leugnung des Völkermordes geht, weiß ein jeder (!) Kurde, dass die osmanische Regierung damals die Armenier und Aramäer hat ermorden lassen, gerade weil sie Christen waren. Der eigene Tatbeitrag wird von der kurdischen Bevölkerung aus der Türkei mit gesenktem Haupt anerkannt. Das verdient eigentlich Anerkennung. Dennoch wird der Türkei das Verhalten der heutigen Kurden gegenüber den Armeniern und ihr Umgang mit den Geschehnissen um die Jahre 1915 nicht beispielgebend entgegengehalten. Es scheint, als wolle man (auch hier) niemanden verärgern, indem man dessen Feind zum Menschenfreund erklärt.

International hat eben nur der irakische Kurde Freunde. Dieser gilt als Demokratiefreund und ist ein „von Saddam befreites Opfer“. Wobei letzteres durchaus richtig ist. Aber wo ist der Unterschied zu dem einfachen Kurden aus der Türkei? Verdient dieser unsere Aufmerksamkeit, politische Unterstützung oder Sympathie wirklich erst, wenn es ihm unter Erdogan so schlecht geht wie unter Saddam Hussein? Muss der einzelne Kurde aus der Türkei mit Blick auf die PKK erst seine Unschuld beweisen, bevor wir seinem Anliegen eine Stimme verleihen? Wir sollten zumindest versuchen, seine Position zu verstehen und damit die andere Seite der Medaille betrachten.

Syrische und Kurdische Rebellen

Während nicht nur in der Türkei, sondern gerade auch international, die kurdischen Rebellen zu Terroristen erklärt werden, sind die Rebellen Syriens scheinbar unsere Freunde. Warum eigentlich?

Die syrische Regierung wendet gegen die eigene Bevölkerung, also gegen Menschen syrischer Staatsangehörigkeit und sunnitischen Glaubens, Waffengewalt an. Sie gehört damit zu den Bösen dieses Systems. Mag sein. Aber gegen wen richtet die türkische Regierung die Waffen? Gegen türkische Staatsbürger, kurdischer Volkszugehörigkeit. Zwar ist an dieser Stelle nicht die Religion, sondern die ethnische Herkunft Ziel des Projektils. Denn den Enkeln Atatürks sind, wenn es um die Einheit der Nation geht, etwaige religiöse Gemeinsamkeiten von nachrangiger Bedeutung. Aber ist dieser Unterschied aus unserer Sicht wirklich relevant?

Womit schießt der syrische Rebell? Mit Platzpatronen? Er verbündet sich mit Gotteskriegern, der Al-Qaida und demokratiefeindlichen, theokratischen Staaten wie Saudi-Arabien. Dennoch: Er gilt als gut und erhält unsere Unterstützung. Auch ihm steht ein Recht auf Frühling zu – anders als dem Kurden aus der Türkei.

Zugegeben, die PKK, die offizielle Unterstützung der kurdischen Bevölkerung, hat keine reine Weste und ist Teil der organisierten Kriminalität. Drogen, Menschenhandel, Erpressung werden genannt. Nur…. Wie finanziert die Al-Qaida, einer der offiziellen Unterstützer des syrisch-sunnitischen Bevölkerung, ihren Kampf?

Ja, in Deutschland ist die PKK sogar verboten. Anders als die „Grauen Wölfe“, die friedlich Jahr für Jahr in der Essener Grugahalle tagen. Ja! Während die kurdische Linke terrorisiert, tagt (!) die türkische Rechte.

Die PKK übt Anschläge auf Zivilpersonen innerhalb der Türkei, meist touristische Einrichtungen. Es kann also durchaus auch einer von unseren Touristen umkommen. Daher gehört sie zu den Bösen.

Aber an wen sind die syrisch-sunnitischen Anschläge adressiert? Werden nur militärische Einrichtungen und Regierungsgebäude angegriffen – oder aber auch die Menschen in den Christenvierteln von Damaskus, die Kirchen in Homs, die Geschäfte der Christen in Aleppo? Wie geht es den einfachen Alawiten, die nicht Mitglied der Regierung sind, dieser Tage? Zum Glück ist Syrien kein populäres Urlaubsziel.

Willentlich wird übersehen, dass in Syrien christliche Minderheiten sowie die dortige alawitische Minderheit, erst recht um ihr Dasein fürchten müssen, sobald die Revolution zum „Sieg“ führt. Anders als Mubarak und Gaddafi ist Assad Mitglied einer Minderheit in seinem Land und zieht mit seinem Untergang die Existenz aller anderen syrischen Minderheiten mit ins Grab.

Also noch einmal: Wo genau ist der Unterschied zwischen dem kurdischen und dem syrischen Rebell?

Der Kurde hat auf türkischem Boden keine Aussicht auf Eigentumsrechte an Erdgasvorkommen. Der freundliche Rebell aus Syrien hingegen wird sich bald auf den von Erdgas gewärmten Stuhl des Baschar Assad setzen und unserer Hilfe bedürfen.

Ägypten

Warum haben wir uns über den Sturz Mubaraks „mit Ägypten gefreut“ und den „arabischen Frühling“ so selbstverständlich unterstützt? Ja, ein jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit. Und sein Freiheitswille ist zu unterstützen. Das kann nicht schlecht sein. Aber hat sich Ägypten mit Präsident Mursi tatsächlich für die Freiheit entschieden?

Was ist mit der neuesten Wahl, die die umstrittene sharia-konforme Verfassung gebilligt hat? Man hört, internationale Wahlbeobachter haben Ungereimtheiten beobachtet. Das würde ja fast dafür sprechen, dass die ägyptische Bevölkerung gerade diese Verfassung nicht gewollt haben kann. Aber was hat sie mit der Wahl dieser Regierung gehofft zu bekommen? Eine liberale Demokratie?

Geht es den Menschen in Ägypten inzwischen besser? Mitnichten. Geht es den Christen Ägyptens besser? Gewiss nicht. Zu Mubaraks Zeiten wurden die Christen „nur“ in ihrem Alltag von radikalen Einzelpersonen angegriffen. Inzwischen werden Frauen, die auf der Straße ihr Haar offen tragen, überfallen und ihnen werden die Haare abgeschnitten. Das wiederum heißt, dass manche Menschen in Ägypten, bevor sie aus dem Haus gehen, sich nicht nur die Schuhe anziehen und den Hausschlüssel mitnehmen, sondern auch die Schere.

Das neu gewählte Parlament übt sich auch an einem neuen Projekt: Die theokratische Basis der Demokratie. Hier wird versucht, die Kopten, allein aufgrund der fehlenden Zugehörigkeit zur eigenen Glaubensgemeinschaft, zu kriminalisieren. Dem Opfer soll sein Rechtsgut genommen werden. Der Staat erhält die parlamentarisch abgesegnete Erlaubnis zur Ungleichbehandlung im Rahmen des Opferschutzes und der damit zusammenhängenden Strafverfolgung.

Es lebe die Freiheit des demokratisch gewählten Staates.

Israel und die Palästinenser

Wie entscheiden wir uns, wenn wir das militärische Handeln Israels bewerten? Selbstverteidigung oder aggressive Kriegshandlung? Wie beurteilen wir den Selbstmordanschlag eines Palästinensers? Verzweiflungstat oder Attentat? Wie reagieren wir auf israelische Raketen und den Siedlungsbau?

Die deutsche Politik in der Person Merkel ist sich einig: Das Existenzrecht Israels ist positiv zu beantworten. Israel verteidigt sich lediglich.

In den unteren Ebenen allerdings ist eine nur an der Sache orientierte Kritik an dem Staat Israel seltener zu finden. Eine einseitige Betrachtungsweise bis hin zum Antisemitismus zieht sich durch die Gesellschaft. Zugegeben, Waffengleichheit zwischen Israel und den Palästinensern existiert nicht.  Mehr als das: Auch die Palästinenser haben ihr Recht auf eine friedliche Existenz.

Aber ist nur die Waffengleichheit maßgebend? Ändert sich die Rechtslage allein aufgrund der Anzahl der zur Verfügung stehenden Waffen? Zumindest unser Gerechtigkeitsempfinden erweist sich hier als besonders flexibel. Oder, wieso betont man bei einem palästinensischen Selbstmordattentäter, dass die Bombe, die er um seine Hüfte trug, „selbstgebaut“ war? Das klingt gegenüber dem vermeintlich allmächtigen Israel geradezu verniedlichend. Ob nun selbstgebaut oder industriell gefertigt: in jedem Fall ist eine Bombe zur gleichzeitigen Mehrfachtötung gedacht, und auf Glücksfälle wie den neuesten Konstruktionsfehler in Bonn darf man in Israel nicht hoffen.

Oder anders: Stellen wir uns, mit Blick auf den aktuellsten Bombardierungsversuch am Bonner Hauptbahnhof, folgende Schlagzeile vor: „Taschenfund in Bonn. Innen liegende Bombe war nur selbstgebaut.“

Bei allem Verständnis für die palästinensische Seite in diesem Konflikt: Wenn mein Gegenüber meine Auslöschung zum Ziel erklärt und ich mit jedem Schritt in meinem Alltag der Gefahr eines Attentates direkt neben mir ins Auge sehen muss, wie will ich ihm mehr Freiraum gewähren, ohne einen Teil meiner eigenen Sicherheit aufzugeben? Darf man dies von mir verlangen? Ist mein Überleben weniger wichtig als Punkte auf einer internationalen Beliebtheitsskala?

Es bleibt zu erkennen, dass wir nur in der Theorie jeder Bevölkerungsgruppe das Recht auf ein ungestörtes Dasein gewähren und in der Realität, nach Gefühl entscheidend, immer öfter dieses Recht stillschweigend verwehren. Wieso wird von der politischen Elite das Existenzrecht Israels anerkannt, nicht aber das der christlichen und alawitischen Minderheiten in Syrien? Wieso erkennt der gemeine Israelkritiker das Existenzrecht der Palästinenser an, nicht jedoch dass des Israeliten, des Kurden aus der Türkei und des Armeniers aus Berg-Karabach? Wieso spricht sich jeder für den arabischen Frühling aus, ohne auch für die Kopten, Aramäer und Armenier zu sprechen?

Wir sollten nicht nur an Weihnachten einen Moment innehalten, sondern immer wieder. Wir sollten nicht zur nächsten Schlagzeile eilen, sondern uns Zeit zum Hinterfragen gönnen. Der Nächstenliebe wegen sollten wir uns um gute Antworten bemühen.

Von Anspruchslosigkeiten, Spiegelfechtereien und Kleinmut 2.Teil

Selbstkritik und Selbstbetrug

Die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, nicht nur im Berufsleben pathetisch ausgegeben als „soziale Schlüsselkompetenz“, ist in unserem Alltag von ausschließlich hierarchischer Bedeutung. Orientieren wir uns wirklich jedes Mal nur an der Sache und loben den, der mühelos das Wort ergreift? Oder ist die Meinung des Untertanen nur von Belang, wenn Applaus mitschwingt und er sich einer diplomatischen Sprache bedient?

Der Meister will vom Gesellen nichts hören, die Schwiegermutter bringt die Braut zum Schweigen, der Vereinsvorsitzende gibt das Mikrofon nicht aus der Hand. Diverse Abhängigkeiten bedingen, dass wir selbst kleinere Befehlshaber erdulden wie eine unheilbare, gar schmerzvolle Krankheit, um verheerende Auswirkungen zu vermeiden, die  aufgrund eines nur Sekunden andauernden und Befreiung verheißenden Aufschreis möglich wären. Es sei denn, wir beherrschen die Kunst des Ränkespiels.

Für die Fähigkeit zur Selbstkritik gilt nichts anderes. Offiziell ein hohes Gut, darf sie in der gelebten Praxis allenfalls rudimentär geäußert werden. Vor allem muss auch sie sich einer List bedienen, die in der Kriegsführung angebracht erscheint. Wer in dieser konsumfreudigen Gesellschaft würde es wagen, etwa aufgrund eines wankelmütigen, auf Spaß bedachten Wesens, in einem Bewerbungsgespräch zuzugeben, dass auf ihn – eigentlich – nicht lange Verlass ist? Nein, man täuscht größte Verlässlichkeit und Kompetenz vor, gibt einzig zu, dass man bedauerlicherweise viel zu viel Kaffee trinken würde. Mit diesem gern gesehenen Makel wiederum gibt man dem zukünftigen Vorgesetzten zu verstehen, dass vor ihm ein besonders engagierter wie belastbarer Mitarbeiter stünde – solange, gerne auch abgestandener, Kaffee den Schreibtisch ziere.

Diese Mentalität unserer Gesellschaft führt dazu, dass eine ehrliche Selbstreflexion, quer durch alle Schichten, entbehrlich wird. Auch wenn wir wegen unliebsamer Meinungsäußerungen nicht zur Gewalt aufrufen, so haben auch wir an dieser Stelle verbesserungswürdige Qualifikationen. Hier einige Beispiele, die ebenso amüsant wie wahr sind.

Beispiele der (Selbst-)Täuschung

Die 117 Kilogramm auf die Waage bringende Tante glaubt tatsächlich, dass ihr Übergewicht hormonbedingt sei und ihr Körper nur aufgrund der Wassereinlagerungen so voluminös wirke.

Die Reinigungskraft mit Migrationshintergrund, die ihre Anliegen mit einer besonders freundlichen, unterwürfigen Stimme durchsetzt, ist fest davon überzeugt, dass ihre Deutschkenntnisse gut seien und sie eine Sprachschulung bzw. Prüfung (für die Stufe B1) allenfalls zur Einbürgerung (da dann Pflicht) brauche, da sie ja schließlich jederzeit ihre Ziele erreiche. Dass diese „Ziele“ keine echten Herausforderungen sein könnten, wie etwa die erfolgreiche Beantragung des ihr sowieso zustehenden Urlaubs, Wohngeldes usw., merkt sie nicht einmal. Gibt man einen entsprechenden Hinweis, ist ihr Herz gekränkt. Gleichwohl ist die Kränkung nicht so groß, dass die Dame auf die Idee kommt, sich höheren Hürden zu stellen. Trost bietet nur die Telefon-Flatrate, mit deren Hilfe man müh- und kostenlos sich weltweit mit Dritten über diese unverschämte Beleidigung austauschen kann.

Was für den kleinen Mann auf der Straße gilt, gilt auch in der hohen Politik. Der 46-jährige, ehemalige, schleswig-holsteinische CDU-Parteichef Christian von Boetticher erkennt in seiner der Vergangenheit angehörenden Beziehung zu einer 16-Jährigen ausschließlich wahre Liebe, und dem Medienopfer Karl-Theodor zu Guttenberg sind nur Flüchtigkeitsfehler unterlaufen, während sich Frau Bildungsministerin Schavan im Fremdschämen übt und der Ex-Bundespräsident Christian Wulff seine Annahme, er habe einen guten Job gemacht, durch die pompöse Verabschiedung, bestätigt sieht.

Mühe und Mut werden ersetzt durch selbstgefälligen Müßiggang und Laster.

Das Phänomen „Piratenpartei“ ist in diesem Zusammenhang eine besonders ausgefallene Mixtur zwischen Straße und Weltherrschaft. Zwei Beispiele:

Erstens: Der neue Vorsitzende Bernd Schlömer gibt bekannt, dass er sich auch in Zukunft nicht als Berufspolitiker sehe, da er seine wirtschaftliche Existenz und damit seinen beruflichen Status als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium, nicht waghalsig (sic!) einer politischen Idee unterordnenwolle. Obwohl man mit einer solchen Aussage auf den Gedanken kommen müsste, potentielle Wähler wegen des fehlenden Glaubens an günstige Erfolgsaussichten zu verprellen, stiegen die Umfragewerte bundesweit auf zweistellige Ergebnisse. De facto muss Bernd Schlömer das Risiko dieser Aussage gar nicht erst sehen, da es auch kaum einer erkennt. Das soeben Gesagte gilt auch für seinen sog. „Kurswechsel“ von „Dazu haben wir noch keine Position“ auf „Ich kann mich natürlich nicht zu Details äußern.“ Eine amüsante Aussage des Kriminologen CSI – Special Agent Schlömer in diesem Zusammenhang: „Inhumanes Verhalten beispielsweise und Menschenrechtsverletzungen. Hier hat die Piratenpartei sich bislang nicht geäußert, aber es gibt Hinweise im Parteiprogramm, dass die Piraten das nicht gutheißen.“ (http://www.tagesschau.de/inland/schloemer102.html). Herrlich!

Zweitens: Johannes Ponader, begnadet mit Einser-Abi und Hochbegabten-Stipendium, ist der im Approval Voting neu wählte Politische Geschäftsführer der Partei. Seine Aufgabe umfasst damit die Leitung des Verwaltungsapparates ebenso wie die der Hauptgeschäftsstelle Berlin. Er ist gewählt worden, obgleich er nicht in der Lage ist, seinen eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren und erhielt bis vor Kurzem das Arbeitslosengeld II, auch bekannt als „Hartz IV“. Erst vor einigen Wochen verzichtete er auf die Unterstützung durch die Arbeitsagentur, da diese ihn zu sehr belästige, ihn bis in die eigene Wohnung folgend stalke. Zugegeben, es kann durchaus mal vorkommen, dass man in seiner Not vorübergehend entsprechende Leistungen empfangen muss. Anlässlich der Ponaderschen Wahlrede aber, die keine Veränderung des Ist-Zustandes in puncto persönliche Zeiteinteilung verheißt, sollten allerdings folgende Fragen erlaubt sein: Der Mann ist nicht in der Lage, seinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie will er dann u.a. das finanzielle Überleben der Partei in leitender Funktion in den Griff bekommen? Wird er sich außerhalb der ihm “aufgrund seiner beruflichen Situation erlaubten und zur Verfügung stehenden 40 Stunden”, um eine Anstellung oder sonstige auf Dauer angelegte Selbstfinanzierung kümmern können? Wird er dies wollen oder ist das das praktische Piraten-Modell des sog. “bedingungslosen Einkommens”? Seit wann schließt politisches Engagement die Selbstfinanzierung des Lebensunterhaltes aus? Oder: Parteiarbeit finanziert durch ALG II würde doch bedeuten: Parteienfinanzierung durch, etwas andere, öffentliche Mittel? DAS nenne auch ich hochbegabt. Und mir erklärt sich plötzlich, warum die Piratenpartei sich nach Seeräubern benannt haben könnte: Die neue Generation der Störtebeker! Denn genau diese Nehmer-Mentalität zeigt sich in den, die Piraten-Forderungen ausschmückenden, Adjektiven. Denn das Endziel des Piraten „frei zugänglich“ bedeutet vor allem anderen „ohne die Verpflichtung zur monetären Gegenleistung“. Aus dem Pirat wird ein Freibeuter. Der einzige Trost für Piraten ist, dass sie nicht die einzigen sind, die ihre niedrigen Standards unterschreiten.

Meinungsfreiheit und Völkermordleugnung

Auch beim Thema Meinungsfreiheit kommen wir viel zu oft vom Weg ab. Deutlich wird dies, wenn wir die Diskussionen um das Thema „Strafbarkeit der Völkermordleugnung“ mit der rund um die Integrationsdebatte vergleichen.

Viel zu oft muss man zusehen, dass bei dem einen Thema sang- und klanglos die Grenze bestehender Gesetze überschritten wird, während bei dem anderen Thema von Gesetzes wegen erlaubte Kritik als nicht gesellschaftsfähig markiert wird.

Das Leugnen der Leidensgeschichte der Christen des Osmanischen Reiches, m.a.W. das Leugnen der auf Vernichtung von Armeniern, Aramäern, Pontiern und Griechen gerichteten, staatlich ausgesprochenen und realisierten Vernichtungsabsicht, verunglimpft das Leid der rund 2,5 Millionen Verstorben. Der Straftatbestand des § 189 StGB ist erfüllt, und dies gilt unabhängig von der politischen Entscheidung des deutschen Parlamentes mit Blick auf das „ob“ eines Genozides, denn die Leidensgeschichte ist ebenso wie die jungtürkische Vernichtungsabsicht belegt – überprüfbar in den Archiven des Auswärtigen Amtes.

Nichtsdestotrotz diskutierten anlässlich eines entsprechenden Gesetzesvorhabens in Frankreich viele Menschen, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, das „ob“ der Qualifizierung als Völkermordes 1915. Warum kommen die meisten nicht auf die Idee, sich einzugestehen, dass sie (persönlich!) für eine Entscheidung über das „ob“ über zu wenig Informationen verfügen, weil sie sich, als Außenstehende bislang nicht mit der Materie beschäftigt haben? Die Fakten, die für eine Verurteilung als Völkermord im Sinne der UN-Konvention erforderlich sind, stehen fest, und warten in den Archiven etwa des Auswärtigen Amtes darauf, auch von dem Einzelnen, der sich dazu entscheidet, sich in Foren genau dazu öffentlich und ungeachtet der Gefühle etwaiger Nachkommen zu äußern, gelesen zu werden.

Dagegen poltert das Zartgefühl unser Gesellschaft bereits beim kleinsten Lüftchen, welches Kritik an der bevölkerungsreichsten Minderheit und ihren Eigenschaften herbeiweht.

Wir erinnern uns alle etwa an die sog. Sarrazin-Debatte. Keiner konnte die Behauptungen von Thilo Sarrazin ernsthaft widerlegen, noch weniger seine Berechnungen und Statistiken. Obwohl das Buch seinem Autor Millionen einbrachte, sprich von in Deutschland lebenden Bürgern millionenfach gekauft wurde, wurde der Mann in Medien und durch die sog. politische Elite mehrfach mit Fallbeil enthauptet. Selbst die Kanzlerin, wir erinnern uns, übte sich mit „nicht-hilfreich“ in Zensur, ähh…pardon…Literaturkritik. Keiner wollte dem Mann Meinungsfreiheit zugestehen.

Anders als die Gefühlswelt der um ihre Verstorbenen (Ur-/)Großeltern trauernden Nachkommen eines Völkemordes fand die Gefühlswelt der religiös oder nationalistisch motivierten Integrationsverweigerer (und nur um die ging es bei Thilo Sarrazins Problemanalyse) emsig Fürsprache, Verteidigung und Schutz. Selbst dem Stuttgarter Juchtenkäfer gewährt man in unserer Gesellschaft mehr Respekt als einer unsichtbaren und integrierten Bevölkerungsgruppe mit armenischen Wurzeln und einer traurigen Vergangenheit.

Bei so viel Menschenliebe haben viele nur eines vergessen: Thilo Sarrazin durfte das Buch schreiben und damit seine Euros verdienen. Er überschritt keines der ihm grundgesetzlich vorgegebenen Grenzen und verwirklichte keinen Straftatbestand.

Dennoch waren Befürworter seiner Thesen nur marginal zu vernehmen. Dieses Ungleichgewicht war einerseits von den Medien bewusst inszeniert worden. So hatte man einen quotenstarken Prügelknaben, dem in Diskussionsrunden keiner zur Seite stand. Auf der anderen Seite vermied man, die zuschauende Kundschaft mit sog. „Migrationshintergrund“ zu vergrämen. Es schien, als ob wir alle – anders als Sarrazin – „selbstverständlich jeden“ mögen müssen, um gute Demokraten, gar gute Menschen zu sein.

Nicht jeden mögen

Ist uns eigentlich klar, dass das Grundgesetz uns auch erlaubt, Menschen und Menschengruppen nicht (!) zu mögen? Oder haben wir, die wir am liebsten der arabischen Welt die Demokratie „beibringen“ wollen, diese selbst nicht richtig verstanden?

Eine bestimmte Gesinnung nicht zu mögen, ist erlaubt und macht einen grundsätzlich nicht zum Rassisten. Ergo: Keinen Gefallen zu finden an einer bestimmten Gruppe, die eine bestimmte Gesinnung präsentiert, ist grundsätzlich ebenso wenig rassistisch. Inwieweit, quasi in einem zweiten Betrachtungsschritt, die Antipathie als rassistisch zu qualifizieren ist, kann sich erst in ihrer Begründung zeigen. Fußt die Begründung etwa allein auf der Hautfarbe des missliebigen Menschen, da sind wir uns einig, ist die Grenze des erlaubten überschritten, die missliebige Eigenschaft ist gottgegeben. Wenn ich jedoch einen Menschen, aufgrund seiner Einstellungen und Handlungsweisen ablehne, dann sind dies Eigenschaften für die er selbst die Verantwortung trägt, für die er sich selbst bewusst entschieden hat.

Ich darf alle Nazis nicht mögen, denn ihr „kultureller“ Hintergrund, Ihre Gesinnung bzw. Mentalität läuft meinem Verständnis von Demokratie, Freiheitsliebe und Humanität entgegen; nicht nur meinem Verständnis, sondern auch dem des Grundgesetzes.

Ist diese „Erkenntnis“ eigentlich nicht selbstverständlich? Und doch vergessen wir dies Tag für Tag, wenn wir den Kritiker köpfen, anstatt uns mit seiner Kritik auseinandersetzen.

Ich darf auch einzelne Menschen und ganze Gruppen mit dem einen oder anderen Migrationshintergrund nicht mögen und kritisieren, wenn ihr kultureller Hintergrund, ihre Einstellungen und Handlungsweisen, dem aus der Verfassung hervorgehenden Verständnis von Demokratie, Freiheitsliebe und Humanität zuwiderlaufen.

Auf der anderen Seite heißt dies selbstverständlich auch, dass der Kritisierte die Kritik nicht akzeptieren muss. Er darf und sollte sich aktiv mit ihr auseinandersetzen und sich – mit Worten – wehren.

Kritisierte sind keine Opfer

Das Gefühlsleben und sonstige Befindlichkeiten des Kritisierten darf der Kritiker, sofern er sachlich argumentiert, in einer liberalen Demokratie durchaus ignorieren. Der Sache ist es meist sowieso dienlicher, wenn man Probleme unverblümt anspricht. Gerade wenn etwas kritisiert wird, weil es nicht im Einklang mit dem Grundgesetz steht, sollte man sich bewusst machen, dass das Gefühlsleben des einen in Abwägung zu bringen ist mit den Werten unserer Verfassung, die sich selbst an der Würde des Menschen orientieren. Kritikempfänger sind keine Opfer. Man sollte sich, allein aus Respekt gegenüber wirklichen Opfern, davor hüten, diesen Begriff inflationär zu gebrauchen. Opfer sind tot, verletzt oder auf der Flucht, wie etwa Syriens Christen. Opfer sind die Aleviten aus Malatya, die von einem religiös-nationalistischen Mob vertrieben wurden. Wirkliche Opfer sind so viele andere, aber nicht Menschen, die Integrationsprobleme haben.

Das Grundgesetz gewährt nicht nur Freiheiten und Schutzrechte. Es fordert, zur Sicherung seiner eigenen Existenz, die Verteidigung seiner Werte durch seine Schutzbefohlenen und Staatsorgane ein. Besonders deutlich wird dies in Art. 18 GG:

„Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit, die Lehrfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Vereinigungsfreiheit, das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis, das Eigentum oder das Asylrecht zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte.“

Warum ist uns dieser Artikel kaum geläufig, während man in den Fußgängerzonen sämtlicher Großstädte kaum jemanden finden kann, dem der Art. 4 des Grundgesetzes fremd ist – selbst im Falle mangelnder Deutschkenntnisse.

Sokrates’ Idee, die eigene Erkenntnis zu vertiefen und zu entwickeln, um durch Weisheit einem ethischen Anspruch gerecht zu werden, ist heute abseits jeder Wunschvorstellung beim Durchschnittsbürger, der sein politisches Engagement mit dem „Gefällt-mir“-Button sozialer Netzwerke auf ein angenehmes, zeitsparendes Maß reduziert hat.

Dabei ist das durch das Denken produzierte Wort, ob nun gesprochen oder geschrieben, der einzig fruchtbare Weg, um eine gewisse Reife und damit den Aufstieg zu erreichen. Ob nun durch Urknall oder Schöpfung: Der Mensch verfügt über ein Gehirn, welches über Qualitäten verfügt, dessen Parallelen im Tierreich nicht zu finden sind, und er verfügt über den freien Willen. Doch beides lässt er verkümmern, weil der Ist-Zustand einfach weniger anstrengend ist.

Von Anspruchslosigkeiten, Spiegelfechtereien und Kleinmut

Warum wir uns nicht scheuen sollten, nicht jeden zu mögen und unsere Überzeugungen mit Worten zu verteidigen

Teil 1

Das dem Philosophen Sokrates zugeschriebene Zitat „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ hatte vor dem Zeitalter des technischen Fortschritts einen besonderen Erkenntniswert. Heute wird die antike Feststellung allenfalls als Scherz verwendet, wenn der Zitierende auf die in ihm steckende Allwissenheit verweisen möchte. Letztendlich ist in unserer Gesellschaft Omnipotenz selbstverständliche Voraussetzung. Sie wird ebenso erwartet wie vorgetäuscht. Dabei ist der Multitasker nicht selten ein Chaot und der Facility-Manager kein Ökonom, sondern ein Hausmeister.

Gleiches gilt für eine Art „Omni-Toleranz“ gegenüber Mitmenschen. Selbstverständlich mögen und verstehen wir, um als gesellschaftsfähig zu gelten, alle und jeden – zumindest offiziell. Wir äußern unsere Meinung im Rahmen der political correctness und achten darauf – außer bei der Kritik am amtierenden Regierungspersonal –, die Gefühle von niemandem zu verletzen. Dabei gehen wir anstandslos davon aus, dass jeder Mensch eigentlich die gleichen Wertvorstellungen haben muss und verschließen uns nicht selten, sehenden Auges, dem Offensichtlichen. Vor lauter Empathie manifestiert sich eine Wahrnehmungsverzerrung, die zur Relativierung bedenklichster Einstellungen und Handlungsweisen führt.

Anstatt Probleme ohne Umschweife anzusprechen, die fehlende Gegenleistung oder ein Entgegenkommen einzufordern, entschuldigen wir den Anderen statt genügsam dessen Verweigerung auszusprechen und köpfen lieber den Kritiker als Überbringer der schlechten Nachricht. Schließlich erfordert dies weniger Schneid als etwas ausdrücklich einzufordern oder eine Nichtleistung mit Konsequenzen zu belegen.

Dabei kann ein langfristiger Kompromiss nur dann gefunden werden, wenn keine Partei die Kraft besitzt, eigene Ziele konsequent und vollständig zu verfolgen. Eine im gesellschaftlichen Zusammenleben oftmals verpönte absolute Grundhaltung beider Seiten ist eigentlich zwingende Voraussetzung für zu vereinbarende Regelungen. Demjenigen, der meint, diese Stärke zu haben, muss mutig die eigene entgegengesetzt werden. Nur so kann man ernst genommen werden. Und dieser Respekt ist unabdingbare Voraussetzung für die Haltbarkeit eines gütlichen Mittelweges.

Besonders deutlich wird dies mit Blick auf die Integrationsdebatte.

Kontinuierlich steigt die Zahl der Sprachschulen, während die Anzahl der Deutsch beherrschenden Migranten sich nicht deutlich verbessert und Migrantenverbände weiter ihr Klagelied über zu geringe Förderung singen. Dabei muss man die Sprache einfach nur lernen wollen und ihr im eigenen Alltag einen Platz bzw. Wert schaffen. Der geförderte Sprachunterricht ist kein Patentrezept. Nicht wenige, die nicht nur das „B1“, sondern auch eine Einbürgerungsurkunde in der Tasche haben, können sich in ihrem persönlichen Alltag meist nicht auf Deutsch verständigen, geschweige denn einen an sie adressierten Brief verstehen und darauf antworten. Und das trotz 645 Unterrichtsstunden, finanziert vom Bundesverwaltungsamt, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und natürlich von der Arbeitsagentur.

Mit Radiosendungen, die ihren Schwerpunkt auf Nachrichten und Diskussionen, anstatt auf Musik legen, lernt man ebenso gut Deutsch wie mit Zeitungen, deren Artikel ganze Sätze beinhalten. Kostet nichts und bringt mehr! Statt sich am Arbeitsplatz nur mit Landsleuten anzufreunden, kann man auch den Kontakt zu deutschen Kollegen und Nachbarn pflegen und diese bitten, einem nicht gerade mit „Ausländerdeutsch“ entgegenzukommen.

Nichts anderes gilt für das von Gutmenschen entgegengebrachte Mitleid gegenüber der Gruppe „Gesund mit Migrationshintergrund“. Die Mitglieder dieser Kaste sind in der Regel bei vollem Verstand. Nicht jedes ihrer weiblichen Mitglieder wird misshandelt und unterdrückt, und nicht jedem Heranwachsenden kann eine Zugehörigkeitsschizophrenie attestiert werden. Obendrein, es mag für den einen oder anderen überraschend sein, gibt es unter ihnen sogar welche, die ausreichend über Geldmittel verfügen.

Findet jemand keine Anstellung, liegt es weniger am larmoyant vorgeführten Migrationshintergrund als vielmehr an den fehlenden Sprachkenntnissen und der damit einhergehenden mangelnden Bildung. Das muss ausgesprochen werden, anstatt am Thema vorbei anonymisierte Bewerbungsverfahren einzuführen.

Aber auch gute Sprachkenntnisse sind nur ein kleiner Schritt zur vollständigen Integration in diese Gesellschaft, denn sie schützen weder vor Nationalismus noch vor Ausländerextremismus. Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund vermehrt in der Kriminalstatistik auftauchen, wenn man bestimmte Viertel in einigen Straßen von Berlin bis Brüssel nicht im Anzug betreten darf, um niemanden zu provozieren und damit einhergehend seine körperliche Unversehrtheit nebst Laptop zu riskieren, dann hat die Politik zwar etwas falsch gemacht. Nur wie kommen manche auf die Idee, mit dem Verweis auf die missliche Situation der pubertierenden Tätergruppe, auf ihre Benachteiligung und schwierige Identitätsfindung, die Tat zu beschönigen oder zu entschuldigen? Hier ist kein Platz für ein neues Jugendzentrum mit Nachmittags-Beschäftigungsprogramm, sondern für das Strafrecht.

Sieht man genau hin, muss man feststellen, dass Schönfärberei und großmütige Nächstenliebe vor allem darauf beruhen, dass wir es verlernt haben, mit Bewertungen mündig umzugehen.

Diese, in einer liberalen Demokratie der Meinungsfreiheit entspringende, aus einer aktiven und einer passiven Komponente bestehende sog. Kritikfähigkeit, in der Theorie ein geschätztes Gut quer durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wird in der gelebten Praxis, überwiegend gebrandmarkt.

Durch Adjektive wie politisch korrekt oder schicklich (bei Frau Merkel heißt es „nicht hilfreich“) werden Dinge nicht beim Namen genannt. Bei der Kanzlerin mag es vielleicht auf wahltaktischen Überlegungen beruhen. Im Allgemeinen jedoch kann man es auf eine Arglosigkeit, gepaart mit einer Faktenresistenz, zurückführen. Mancherorts nennt man dieses Phänomen auch „Zensur“.

Das Denken wird mit dem Fühlen ersetzt, wenn nicht gar verwechselt. In der Folge gilt das, was bekanntermaßen für Vorgesetzte und Schwiegermütter gilt, auch für Migranten. Sie dürfen geliebt, gefördert und bemitleidet werden. Sobald man Probleme anspricht, riskiert man in der Regel zum Menschenfeind erklärt zu werden. Dies gilt selbst dann, wenn man niemanden beleidigt und auf einer sachlichen Ebene diskutiert. Es ist einfach unschicklich.

Zulässig ist allenfalls, die Integrationsprobleme in dieser Gesellschaft zu Einzelfällen zu erklären. Dass bestimmte Systeme, Mentalitäten und innerste Überzeugungen einfach ihrer Natur nach nicht zusammenpassen können, wird – oft auch wider besseres Wissens – öffentlich nicht anerkannt.

Auf die Idee, bestehende demokratische Prinzipien und bislang problemlos gelebte Traditionen des Abendlandes zu verteidigen, kommen wir vor lauter Rücksichtnahme gar nicht mehr. Oder warum sehen wir nur den deutschen Neonazi und nicht den „grauen Wolf“? Warum sollten die Gefühle muslimischer Kinder verletzt werden, wenn der Weihnachtsmann den Kindergarten besucht? Solange er alle Kinder gleich behandelt, in dem er allen ein kleines Geschenk gibt, gibt es kein Problem. Die Gefühle der Mehrheitsgesellschaft werden doch auch nicht verletzt, wenn sich bestimmte Menschen für einige Wochen dazu entscheiden, erst nach Sonnenuntergang Nahrung zu sich zu nehmen. Hier wird der Respekt vor der Überzeugung anderer mit dem Verzicht auf die eigene Überzeugung verwechselt, die der Leugnung eigener Identität gleichkommt.

Es ist wie bei einer in der Ehe geschlagen und misshandelten Frau, die angesichts ihrer eigenen Erfahrungen und ihrer Geisteshaltung, nämlich einer Kombination aus Schwäche und gewöhnlichen Vernunftmaßstäben, in ihrer Beurteilung sehenden Auges vom Weg abkommt: Sie geht zunächst und sehr lange davon aus, dass der Geehelichte ja gar nicht so schlecht sein kann, er wahrscheinlich selbst leide oder gar sie ihn fahrlässig zu schlagfertiger Argumentation treibe. Viel zu schnell verklärt sie seine Gewaltausbrüche und diagnostiziert ihm eine Störung bzw. einen Fehler im Erkenntnisapparat. Die Einsicht, dass das Gegenüber weder psychopathisch noch behandelbar ist, sondern schlichtweg bösartig, folgt meist erst nach mehrmaligen Krankenhausaufenthalten.

Denken wir auch an den Massenmörder Anders Breivik und die Diskussion um seine Schuldfähigkeit. Weil wir uns sein Grinsen nach der Tat nicht erklären konnten, waren sehr viele dazu geneigt, ihm vorschnell eine Geisteskrankheit zu attestieren.

Im Ergebnis unterliegt unsere Gesellschaft in ihrer Selbstherrlichkeit einem hausgemachtem (Selbst-)Täuschungsmanöver, welches den Bankrott eines moralphilosophischen Anspruches an den Menschen als denkendes Wesen ankündigt.

Dabei ist es schon manchmal zum Verzweifeln, welche niedrigen Maßstäbe wir uns setzen und es sodann immer wieder schaffen, diese selbst gesetzten Maßstäbe nicht nur zu unterschreiten, sondern unserem Gegenüber triumphierend als Erfolg zu verkaufen, weil dieser wiederum sich selbst tatsächlich weitaus niedrigere Maßstäbe gesetzt hat.

Anstatt durch stetiges, gar brennendes Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen, um eine Entwicklung zu erreichen, begnügt man sich mit Oberflächlichkeiten.

Viel zu schnell versprechen die einen, gewalttätige Salafisten abzuschieben, während die anderen sich dafür aussprechen, Pro-NRW-Karrikaturen zu verbieten. Beides geht nicht. Nur sagt das kaum einer.

In einer liberalen Demokratie ist es erlaubt, sich über fast alles und jeden lustig zu machen. Das Zeigen einer Karikatur ist durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit geschützt. Sicher, schön ist es nicht, wenn für bestimmte Gruppen als heilig wahrgenommene Propheten Grundlage des Spottes bieten. Auch kein Christ findet es schön, wenn man Jesus-Witze erzählt. Man muss es ja auch nicht gut finden, aber erlaubt ist es trotzdem.

Erlaubt man nämlich die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit religiösen Personen oder Symbolen, muss der säkulare Staat, um keine diskriminierende Wertung vorzunehmen, jede Religion nebst Symbolik in die einschränkende Regelung mit einbeziehen. Selbst die Begrenzung auf die sog. drei Weltreligionen und damit etwa die Ausklammerung der Hindus oder der Buddhisten und der verschiedenen Naturreligionen, wäre dem Staat unter dem Gesichtspunkt des Gleichheitsgrundsatzes nicht erlaubt.

Dem liberalen, säkularen Staat bleibt neben einer nominatio dei lediglich die Hoffnung, dass die Gesellschaft von einem gemeinsamen ethischen Standpunkt ausgeht und Nichtgläubige den Gott des Gläubigen ebenso respektieren wie Gläubige den Nichtglauben des Atheisten.

Man kann einen Salafisten eben nicht einfach abschieben, selbst wenn dieser auf eine Karikatur blickend Gewalt gegenüber Polizisten anwendet. Gesetzt den Fall man hat sich nach zäher Verhandlung und entsprechender Verurteilung für die tatsächliche Abschiebung entschieden. Selbstverständlich müsste es sich dann um einen Salafisten mit Migrationshintergrund und nicht um einen Konvertiten mit deutschen Wurzeln handeln. Hinzu kommt, dass es sich bei dem Betroffenen Migranten um keinen Asylberechtigten oder Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention handeln dürfte, da die legale Abschiebung das Leben und die körperliche Unversehrtheit des Abzuschiebenden nicht gefährden darf. Handelt es sich bei dem Betroffenen damit um jemanden, der mit seinem „blauen Pass“ nicht in sein Herkunftsland einreisen kann, etwa wegen seiner Asylgeschichte oder der aktuellen lebensgefährlichen Situation des Heimatlandes (aktuelles Beispiel: Syrien), bleibt lediglich der deutsche Strafvollzug.

Die gilt erst recht, wenn der Betroffene zwar eine Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik hat, aber wegen seiner nicht nachweisbaren Identität, in seinem „grauen Pass“ mit entsprechendem Vermerk, von der in Deutschland befindlichen diplomatischen Vertretung seines Heimatstaates keinen Nationalpass ausgestellt bekommt, weil nicht nur mit dem Botschaftsmitarbeiter eine entsprechende Vereinbarung existiert, sondern auch dem Usus entsprechend, nach Einreise in die BRD und vor Einreichung des Asylgesuchs sämtliche auf die wahre Identität hinweisende Dokumente vernichtet worden sind.

Selbst wenn die Medien kritisch, und noch vor einigen Wochen wahlkampftaktisch, über solche Forderungen berichteten, ist der an dieser Stelle notwendige gesellschaftliche bzw. mediale Aufschrei ausgeblieben. Die hiesige Gesellschaft hat sich mit gutklingenden Oberflächlichkeiten zufrieden gegeben. Vielleicht hat der eine oder andere mit einem „ja,ja … versprechen können die viel“ vom Fernseher nach der Flasche Bier oder dem Glas Wein gegriffen, aufgestanden ist keiner.

Facebook-Demokratie

Viel zu oft verstecken wir uns hinter der Schnelllebigkeit der Moderne. Alle sind wir „gestresst“ oder latent „burn-out-gefährdet“ und nutzen die wenige Zeit im Alltag „zur Erholung“. Mal abgesehen vom Workaholic  –  ist das wirklich so? Oder hängen wir über Stunden vor der Playstation, der Facebook-Seite oder dem Shopping-Kanal?

Zeit ist eines unserer kostbarsten Güter und ihre wirtschaftliche Nutzung unabdingbar für das Vorankommen eines jeden. Doch es scheint, als habe man nicht einmal das sprichwörtliche „Zeit ist Geld“ richtig verstanden, da wir diese „Geldquelle“, also unseren Intellekt bzw. eine kritisch denkende Wesensart mit einem gesunden Maß angeborener Neugier, vernachlässigen und verkommen lassen.

Zur Tarnung eigener Schwächen präsentieren wir viel zu oft vermeintliche Beweise, wie etwa die Auskunft einer vermeintlichen Autorität, die Zustimmung vieler oder die Beipflichtung eines Betroffenen. Im Rahmen sogenannter „Israelkritik“ wird z. B. gern auf den „zustimmenden Freund jüdischen Glaubens“ verwiesen, um den Gesprächspartner von der Richtigkeit des eigenen Vorschlages zur Konfliktlösung zu überzeugen und gleichzeitig dem Vorwurf des Antisemitismus vermeintlich den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Oder versuchen sie jemandem zu erklären, dass Beispiele nichts beweisen und sie werden nicht nur Widerspruch ernten. Man wird IHNEN spöttisch Unkenntnis vorwerfen. Größte Aussichten auf einen Durchsetzungserfolg hat hingegen derjenige, der seine Positionen mit dem erhobenen Zeigefinger einer moralischen Beweisführung unterstreichen kann. Mit dem Hinweis auf die moralische An- bzw. Unangemessenheit, rechtfertigen wir unsere Entscheidungen uns und anderen gegenüber, verklären damit den Status quo um letzten Endes das Verhalten der anderen zu unseren Gunsten zu manipulieren.

Würden wir nicht so viel Zeit etwa mit Tagträumen, Computerspielen oder dem Zwitschern über das Jetzt verschwenden, hätten wir auch endlich Zeit und Muße für tiefergehende, mühevolle Gedankengänge, die uns vielleicht doch nach „oben“ bringen.

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