Zum 102. Gedenken: Der Völkermord an den Armeniern

Heute, am 24.April 2017, dem 102. Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich, durch die Jungtürken des Kalifates, erinnere auch ich, als Nachkomme der überlebenden Opfer dieses Genozides an die 1,5 Mio Menschen, die in Vernichtungs- und Auslöschungsabsicht umgebracht wurden. 

 

Geflohen aus der armenischen Provinz Sebastia (dem heutigen Sivas), unter Verlust großer Teile seiner Familie konnte mein Großvater, im Alter, nicht einmal mehr das Vater-Unser beten, ohne dazwischen laut auf Türkisch zu fluchen und zu verfluchen. 

 

Wie sollte er auch? Er hatte die Gräuel selbst miterlebt, seine Geschwister, Tanten, Onkel und Nachbarn verloren. Von seinem Haus und Grundstück, einem weiten, fruchtbaren Feld, hatte man ihn und die Seinigen verjagt. Er hatte es auf seiner Flucht von Sebastia nur nach Istanbul und nicht ausser Landes geschafft. Dort hatte er die Kriege und die Türkisierung unter Atatürk erlebt. Er musste seinen armenischen Namen ablegen und einen türkischen Namen annehmen. Später wurde er, gemeinsam mit seinen eigenen Kindern, Zeuge der September-Pogrome von 1955. 

 

Heute leben seine Enkel und Urgroßenkel dort.

 

Über Jahrzehnte hat er über seine Erlebnisse nicht gesprochen. Er war vielmehr bemüht, seinen Nachkommen ein Leben in Unsichtbarkeit zu ermöglichen und sie gerade nicht seiner eigenen Trauer auszusetzen. Eine Gelegenheit zur Aufarbeitung, etwa im Rahmen einer Therapie oder im Sinne einer „auswärtigen“ Möglichkeit der Erholung, um mit dem Trauma fertig zu werden, hatte er nicht. Die Bedrohung, ein unsichtbarer, dorniger Käfig, der jederzeit, ohne Vorworwarnung wieder sehr eng werden konnte, bestand fort.

 

Doch in hohem Alter holte ihn das Verdrängte ein und nunmehr waren seine Kinder bemüht, ihn und sich vor den irritierten türkischen Nachbarn im Haus, mit denen man doch so gut auskam, zu schützen. Sie hörten schliesslich sein Geschimpfe durch die dünnen Wände, gekürt mit einer Sprache, die sie nicht verstanden. Meine Mutter und ihre Geschwister waren gezwungen, auf den Hausfluren stets zu betonen, man dürfe ihn, den alten Mann nicht ernst nehmen. Er sei eben, wie alle Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt, alt und senil, wisse nicht, was er von sich gäbe. 

 

Damals war die Rede vom Völkermord zwar nicht als Straftatbestand in Art. 301 StGB TR fixiert. Das haben die Menschen in der Türkei dem ersten Erdogan-Kabinett 2005 zu verdanken. Jedoch war das Thema auch ohne diese „rechtliche“ Strafbewehrung lebensgefährlich. 

 

Der erinnernde Armenier war und ist Störenfried. Allein seine Existenz erinnert an den Zeugen, der die über das Land verstreuten Gräueltaten, überlebt hat. Er innert daran, dass die beabsichtigte Auslöschung nicht vollständig gelungen ist und die Verdeckung einer Straftat bis heute empfindlich erschwert wird.

 

Der erinnernde Armenier störte in den ruhigen Zeiten der Türkei den Frieden und die Freundschaft (!), die zwischen Armeniern und Türken bestand. Auch wenn eine solche, unter dieser Bedingung geschlossene Freundschaft nie eine echte, sondern nur eine zur Wahrung des eigenen und des öffentlichen Friedens an den Tag gelegte, war.

 

Man arrangierte sich mit den gegebenen Bedingungen. Das Damoklesschwert der türkischen Wut schwebt bis heute über den Mitgliedern der armenischen Gemeinschaft in der Türkei, die sich fast ausschließlich in Istanbul verortet.

 

Freundschaft und ein gegenseitiger Respekt, mögen in einzelnen Fällen ehrlich gewesen sein. Das will ich nicht ausschließen. Im Gegenteil, bis heute habe auch ich, trotz meines vernehmbaren Einsatzes gegen Leugnung und Vergessen, Freundschaften zu türkischstämmigen Menschen. Aber wirklich erhrlich sind eben nur jene Verbindungen, die das Thema nicht ausklammern; sei es aus einer Verlegenheit heraus oder aber aufgrund einer rassistischen Motivation.

 

In der breiten Öffentlichkeit ist und bleibt der Armenier per se „Verrräter“. Eine Entnazifizierung fand in der türkischen Gesellschaft nicht statt. Man rühmt sich Tod bringender Eroberungen aus der Geschichte und abwertender Beurteilungen gegenüber Menschen, die heute nicht in die eigene ethnisch-religiöse Gruppe gehören.

 

Die beiden großen, politischen Lager der Türkei, die Nationalisten Kemal Atatürks und die Islamisten Erdogans (sowie seiner Vorgänger und Nebenbuhler) mögen sich über ihren politischen Kurs stets in Konkurrenz befinden und streiten. Aber das Feindbild des Armeniers eint sie. Die kurdische PKK wird ebenso wie der Islamist Fehtullah Gülen auf den Armenier heruntergebrochen. Irgendwo findet sich immer eine „Oma“ mit armenischen Wurzeln, die man sich 1915 „genommen“ hat und auf die man nun Kurden, die sich gegen den türkischen Staat aufstellen ebenso zurückführen kann wie Islamisten, die sich in Amerika verstecken.

 

Aus nationalistischer und islamistischer Sicht hat DER ARMENIER seine Bestrafung verdient; 1915 wie heute. Die Bezeichnung einer Person als „Armenier“ erfüllt in der Türkei, nicht erst seit der Aufsehen erregenden Verfassungsreform, den Straftatbestand der Beleidigung. Klagefreudig gibt sich besonders die Politik.

 

Dank Anwerbeabkommen, Globalisierung und Eroberungsmentalität vieler türkischer Staatsbürger ist der türkische Nationalismus und Nationalislamismus nicht nur in der Türkei. Zu unserer aller Freude ist er mit all seinen Feindbildern mitgereist und hat sich, auch mithilfe der deutschen Politik, bei uns etabliert. Er hat sich Infrastrukturen aufgebaut und politisch weit vernetzt.

 

Der türkische Nationalislamismus bestimmt in Deutschland mit, wenn Armenier in ihrer Kommune einen Gedenkstein, auf einem armenischen Gräberfeld (!) beantragen und ist sich keiner politischen Einflussnahme und keiner Bedrohung zu schade. Manch deutscher Kommunalpolitiker informiert mit Antragseingang freiwillig die türkische Botschaft, selbstverständlich in bester Absicht: mit der Bitte um Mäßigung „türkisch-deutscher“ Reaktionen.

 

Der türkische Nationalislamismus bringt die Kanzlerin dazu, dem Parlament des deutschen Volkes öffentlich die Würde zu nehmen und öffentlichkeitswirksam die Unverbindlichkeit seiner Resolutionen zu betonen.

 

Der in Deutschland verankerte türkische Nationalislamismus bringt Bund, Länder und Kommunen, trotz Morddrohungen gegenüber eingebürgerten Abgeordneten, trotz Spionageaffären, der Verherrlichung des Märtyrertodes in für Kinder gestalteten Comics, trotz offen gelebter Christen- und Judenfeindlichkeit, dazu, an seinen Organisationen als Kooperationspartner festzuhalten.

 

Der türkische Nationalismus schafft es, auch in Deutschland, Armenier auszugrenzen, zu diffamieren, zu diskrimininieren, sie unter fadenscheinigen Behauptungen zu verklagen oder sie ungestört in sozialen Medien zu beschimpfen und zu bedrohen. Justizminister Maas sowie die Gesamtheit der Politik sind auf diesem Auge blind. Die Politik weigert sich, sich der Thematik, „Rassismus VON Migranten“, anzunehmen.

 

Armenier trauern heute, aber auch regelmäßig im Rahmen kirchlicher Hochfeste, um ihre Toten.

Wider das Vergessen. Wider Rassismus und Leugnung.

 

Meine Ermahnung und mein Beileid gilt heute aber auch der deutschen Bevölkerung, deren Führung, zugunsten des türkischen Nationalislamismus, und inzwischen auch zugunsten des globalen Islamismus, feierlich an der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft, welche bis 1761 (Allianz von Bunzelwitz) zurückreicht, festhält. Sie stellt sich damit schließlich, bestenfalls unbewusst, gegen das eigene Volk.

Gerbera

Gelbe Gerbera als Symbol für das positive Andenken der Verstorbenen.

 

 

 

 

 

 

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