Gedenken 24.4.16 Ansprache J. Chatschadorian 

Montag, April 25, 2016

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Genozides im Osmanischen Reich 1915, Deutsches Historisches Museum, 24.04.2016, Begrüßungsansprache der Vorsitzenden des Zentralrates der Armenier in Deutschland, Jaklin Chatschadorian 

(es gilt das gesprochene Wort)
Verehrte Anwesende,
Verehrte Eminenzen und Geistliche, Eure Eminenz Erzbischof Karekin Bekdjian,
Verehrte Exellenzen, Herr Botschafter Ashot Smbatyan,
Verehrte Bundestagsabgeordnete,
 
ich heiße Sie zu dem Gedenken an die Opfer des Völkermordes von 1915 herzlich willkommen. 

Besonders begrüßen darf ich an dieser Stelle Herrn Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, dessen Mut und Finesse zu einem Hoffnung schenkenden Handschlag im Bundestag geführt hat. Ich grüße Herrn Bundestagsabgeordneten Herrn Michael Brand, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und möchte ihm für seine mutige Forderung nach der expliziten Verwendung des Begriffes Völkermord danken. 

Ich freue mich auch über die vielen anderen Mitstreiter, die das Anliegen des heutigen Abends mit Ihrer langjährigen Arbeit unterstützen und danke an dieser Stelle Frau Dr. Kristin Platt und Herrn Prof. Dr. Mihran Dabag, ohne die das Institut für Diaspora- und Genozidforschung nicht denkbar wäre. 

Liebe Vertreter des Bundesverbandes der Aramäer, lieber Daniyel Demir, auch Sie darf ich als langjährige Mitstreiter und enge Freunde begrüßen. 

Schließlich möchte ich die Künstler des heutigen Abends herzlich begrüßen und ihnen für die musikalische Umrahmung danken.
 
Liebe Armenier, liebe Nachkommen eines geleugneten Genozides,
ich heiße Sie im Namen des Zentralrates der Armenier in Deutschland, im Namen der Armenischen Botschaft und im Namen der armenischen Kirche herzlich willkommen.
 
Verehrte Gäste,
im Jahr 101 nach dem Genozid an den Armeniern, Aramäern, Assyrern, Chaldäern und Pontusgriechen möchte ich Ihren Blick nicht nur auf die Vergangenheit lenken, sondern auch für die Gegenwart sensibilisieren.

Die menschenverachtende Selbstüberhöhung osmanischer Jungtürken war Ursache und Antrieb der im Genozid endenden Christenverfolgung, deren Opfer wir hier gedenken. Die nationalistische Überzeugung über die Schuld der Christen an dem fehlenden Vorankommen des Osmanischen Reiches nährte die pantürkische Vorstellung eines von Störern bereinigten Großreiches aller Türken und kostete insgesamt 3-4 Millionen Christen das Leben. Bis heute blüht und gedeiht dieser pantürkische, turanische Rassismus. In der Türkei ebenso wie in Deutschland. Aus dieser Ideologie leitete man sich das Recht Diskriminierung, zur Unterdrückung und Tötung ab. Sie alle wissen um die prekäre Lage der Christen in der Türkei. Die Griechenverfolgung von 1923, das Dersim-Massaker an alevitischen Kurden 1938, die Septemberpogrome von 1955,
aber auch die aktuellen, bisweilen mit umfänglicher Vernichtungsabsicht verübten Massaker im Osten der heutigen Türkei sind Ergebnisse der in der Türkei feierlich gepflegten Selbstüberhöhung. 

Sie sind im Besonderen Folge der Nichtahndung des Genozides von 1915.  
Der gerade Armeniern entgegengebrachte Hass ist ungebrochen. Während wir in Deutschland darüber nachdenken, ob eine bestimmte Satire beleidigend war oder nicht, ist in der Türkei bereits die Bezeichnung eines Menschen als „Armenier“ Grund für unzählige Strafverfahren. 

Die – auch aus geopolitischen Aspekten – dringend notwendige Ächtung des Genozides als Völkermord im Sinne der UN-Konvention nähme diesem unsäglichen Verbrechen und seiner professionalisierten Leugnung in der Türkei, aber auch der Leugnung durch in Deutschland lebende Türken endlich die Grundlage. Es geht eben, anders als Armenier oft vorgeworfen, nicht um Wortklauberei. 

Der Begriff „Völkermord“ bezeichnet einen Straftatbestand. In dieser juristischen Qualifizierung liegt eine ethische Grundhaltung. Sie bezweckt nicht nur höchstpersönlichen Empfindungen Genüge zu tun, sondern auch die Kennzeichnung von Verschulden und Verstoß.
Sie impliziert die Prävention zum Schutze der Allgemeinheit und beansprucht die Sühne auf Täterseite. Reue, Trauer und nicht zuletzt der Fingerzeig auf die Notwendigkeit einer, zumindest symbolischen, Wiedergutmachung finden hier ihren Anfang. 

Ohne die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, meine Damen und Herren, ohne Aufarbeitung und Gedenken ist keine Versöhnung möglich. Mit der bislang verweigerten Anerkennung wird den Armeniern die Bestätigung ihres Rechtsbewusstseins verwehrt und sie werden zum Störer, gar zum Lügner erklärt. 

Ohne die internationale Verurteilung des Verbrechens fehlt der Türkei und ihren Nationalisten das Unrechtsbewusstsein. Während Menschen normalerweise den Tod eines anderen Menschen betrauern, die Tötung ächten und den Täter verurteilen, rühmen sich diese Menschen ihrer Massaker; 1915 wie heute. Was damals die Christen traf, trifft heute wieder die Christen, aber auch die Kurden, Aleviten, Yeziden. Damals wie heute fehlt es an richtungsweisendem, internationalen, politischen Druck.

Ich bin, wie viele andere im Saal, Armenierin und Deutsche; beides mit Herz und Seele. Auch ich habe ein Interesse an der Bewältigung der sog. Flüchtlingskrise und dem Schutz von Flüchtlingen, etwa verfolgten Christen und Yeziden.

Aber rechtfertigte mein bundesrepublikanisches Interesse an der Begrenzung von Flüchtlingszahlen wirklich auch die Zurückhaltung bei der Benennung eines Genozides als das, was er nun einmal war? 

Rechtfertigen unsere Interessen, auf die Feigheit, pardon „Verletzlichkeit“, des türkischen Staates Rücksicht zu nehmen?
Die Bundeskanzlerin nahm sich auch gestern, während ihres Besuches in der Türkei, dieses Themas nicht an. Wie glaubwürdig sind wir Deutsche in diesem Fall, in unserem Einsatz gegen Hass, für Humanität und Nächstenliebe, wenn wir uns nicht trauen, Rassismus in seinem hässlichsten Gewand die Stirn zu bieten?
 
Meine Damen und Herren, es ist höchste Zeit Mut zu fassen und das Verbrechen durch Anerkennung zu verurteilen. Die Bundesrepublik Deutschland darf sich nicht hinter der Rolle des unparteiischen Vermittlers verstecken. 

Mit Blick auf die deutsche Geschichte ist das aktuelle, gar seit 2005 andauernde Verhandeln um diplomatische Formulierungen einer möglichen Resolution blanker Zynismus.
 
Meine Damen und Herren, ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit und darf, mit dem Wunsch nach einem interessanten, zum Nachdenken anregenden Abend, den Botschafter der Republik Armenien, Herrn Ashot Smbatyan, ans Mikrofon bitten.
 

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