In Deutschland: Armenier aus der Türkei

Stell dir vor, alle fünf Geschwister deines Großvaters wurden umgebracht. 

Dein Großvater überlebt und lebt weiter unter den ihm bekannten Mördern. 

Seine Kinder erleben ein Pogrom. 
Die eine Hälfte geht ins Ausland, die andere bleibt weiter da. Trotz allem. 

Die, inzwischen erwachsenen, im Ausland lebenden Kinder arbeiten mit ihren alten Nachbarn in den gleichen Fabriken. Sie sind mitgereist. 

Diskriminierung und Anfeindung setzen sich fort. Kontakte werden zwar im privaten Raum vermieden. Auf der Arbeit nicht möglich. 

Die Kindeskinder erfahren durch das ein oder andere Nachbarskind ebenfalls Diskriminierung und Anfeindung. Wieder aus der gleichen Gruppe. Aus dem gleichen Grund. 

Nicht immer, nicht von jedem Mitglied der Gruppe, aber eben immer mal wieder. Je erwachsener, umso häufiger. 

Auf dem politischen Parkett, unterster Ebene, im Einsatz für Verfassungswerte, für die Gesellschaft und das Gesellschaftssystem, das die Eltern aufgenommen hat, aber auch für die Verurteilung und Ahndung des Verbrechens an direkten Vorfahren, zeigt die Anfeindung ein weiteres Mal ihr hässliches Gesicht. Wieder aus dem gleichen, einzigen, Grund. 

Man wird verleumdet, der hassbedingten Lüge bezichtigt. Die eigene Anklage ist nicht mehr von Belang, es geht plötzlich um Selbstverteidigung. 

Gleichzeitig sind im Herkunftsstaat verbliebene Verwandte und neue Generationen wieder der Lebensgefahr ausgesetzt. Wieder aus demselben Grund wie Väter und Großväter. 
Jeden Tag etwas konkreter. Man droht ihnen inzwischen, als nächstes „dran“ zu sein. Man droht mit einer Wiederholung. Ganz so als ob es je ganz aufgehört hätte. 

Aufnahme- und Herkunftsstaat arbeiten inzwischen eng zusammen. Aus Gründen.

Es sind dieselben Gründe wie vor 100 Jahren.

 

Der Ruf nach Schutz ersetzt den Ruf nach Gerechtigkeit, verdrängt ihn widerwillig. Was nutzt die Verurteilung des Vergangenen, wenn die Wiederholung auch nur im Entferntesten droht?
Doch nicht einmal der Hilferuf wird gehört. Weder hier noch an anderer Stelle. Die Welt schweigt. Sie hat sich bewusst dazu entschieden. Sie hat es vereinbart. 

Mit dem der umbrachte, mit dem der viel umbringt und droht noch viel mehr umzubringen. 

Wieder fliehen selbst Geistliche aus ihren Kirchen. 

Der Aufnahmestaat stellt sich taub, stumm, blind. Wieder. 

Nur ein Unterschied beim Rückblick: 

Manch ein Rassist mit Wurzeln aus dem Herkunftsstaat lacht sich, ob der Ohnmächtigkeit der alten, neuen Minderheit ins Fäustchen und macht dabei, im Aufnahmestaat, fleißig Karriere. 

Für sich. Und für seine Nation, dem Ursprung dieses Leides.


Das ist die Geschichte aller aus der Türkei stammenden Armenier in Deutschland. Ohne Hinzufügung theatralisch-fiktiver Momente.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: