Türkei. Hetzpropaganda demaskiert.

Ein Blick in die türkischsprachige Presse anlässlich eines Artikels der Zeitung SABAH.

In der türkischen Presse kursieren immer mehr Berichte von „Armeniern“ aus der Türkei, die sich gegen die Anerkennung der Massaker 1915/1916 aussprechen. Diese Menschen, so heißt es, sind ausnahmslos zufrieden mit ihrem Leben und der Politik in der Türkei und verurteilen die Bemühungen der armenischen Diaspora ebenso wie die des armenischen Staates. Die Botschaft lautet: Seht her, wir haben auch glückliche Armenier!

Solche Nachrichten sollen die, in nicht wenigen Teilen der türkischen Bevölkerung und ihrer Volksvertreter, herrschende Verachtung der Armenier verschleiern. Es wird vorgetragen, man habe mitnichten etwas gegen „alle“ Armenier. Das Verhältnis mit den Guten und Treuen sei von gegenseitiger Anerkennung geprägt. Man würde leben und leben lassen.

Diese präsentierte Armenophilie bildet gleichzeitig die Kulisse für den eigenen Rassismus, der dann im Kleid der Rechtfertigung und Selbstverteidigung in Erscheinung treten kann. Diejenigen, die penetrant eine Verurteilung der Türkei herbeisehnen, seien den Türken gegenüber, unbegründet feindlich gesinnt. Gegen diese Türkenfeindlichkeit gilt es sich zu wehren.

In der Türkei ansässigen Armeniern wird damit ebenso dezent wie direkt eine für sie geltende Grenze der freien Meinungsäußerung aufgezeigt. Eine zu deutliche Stellungnahme gilt als Angriff. Man darf das türkische Volk und den dazugehörigen Behördenapparat nicht auf seiner Seite wähnen. Als Armenier sollte man nicht vorschnell Partei ergreifen für diejenigen, die diese Grenze überschreiten. Der Idealfall findet sich in der türkisch-armenischen Distanzierung von der „aggressiven“ Diaspora.

In erfolgreicher Hetzpropaganda, wie der hier besprochenen, finden sich diese Botschaften kumulativ.

Armenische Familie“ aus „Sason“ will „in Ruhe gelassen“ werden. Sie spricht sich gegen eine internationale Verurteilung der Geschehnisse durch Anerkennung als Völkermord im Sinne der UN-Konvention aus und kritisiert den Papst für seine Äußerungen (http://www.sabah.com.tr/gundem/2015/04/19/ermeni-asilli-ailelerden-papaya-tepki).

Sason – Die Bühne des Geschehens

Hier werden in einem ersten Schritt Menschen aus Sason präsentiert. Sason gehört zur mehrheitlich kurdischen Provinz Batman in Südostanatolien, im Taurusgebirge. Es ist Teil des historischen Armeniens, inmitten des nordanatolisch-nordiranischen Kettengebirges und liegt am Südrand des Kaukasus. Sason, das armenische Sassun, ist ein bedeutender Eckpfeiler der armenischen Kultur, Geschichte und Leidensgeschichte. Sie ist Heimat armenischer Helden, angefangen von Kevork Cavus bis Serob Pasa. Die letzte armenische Bevölkerung von Sassun wurde über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren massakriert: 1894, 1896, 1901, 1904, 1915, Vielleicht auch gerade aus diesem Grund entstand hier eine Widerstandsbewegung (Fedayi).

Und genau DAS ist der Grund nicht eine Familie aus Izmir oder Istanbul, sondern aus Sassun vorzuführen.

Heute ist Cuma Ucar, Mitglied der Saadet Partisi (Partei der Glückseligkeit), welche hinter der in Deutschland aktiven IGMG (Milli Görüs) steht, Bürgermeister der Stadt.

Eine armenische Familie – Die Protagonisten

In einem zweiten Schritt gilt es, sich die vermeintliche „armenische Identität“ der präsentierten Familien näher anzuschauen.

In der Regel wird Bezug genommen auf eine „armenische Oma“ oder aber man behauptet, die Familie bestünde, durchweg aus armenischstämmigen Mitgliedern.

Ihre Namen sind türkischer Herkunft ohne Hinweis auf eine armenische Identität. Als Ergebnis des Völkermordes und der postgenozidalen Türkisierung im Land kann man das Verschwinden armenischer Marker im Namen, erklären. Das allein rechtfertigt noch keinen Zweifel.

Gehen wir aber einen Schritt weiter:

Nicht nur, aber gerade in Sason dürfte es keine einzige armenische Familie geben, die vor 100-110 Jahren keinen großen Verlust von Familienangehörigen zu beklagen hatte. Viel wahrscheinlicher ist, dass die kinderreichen Familien alle auf ein bis zwei Überlebende zurückgreifen konnten. Daher ist allein die Behauptung, bei der betroffenen Familie handele es sich um eine „vollständig“ armenische Verbindung, alles andere als glaubhaft.

Zudem wurden während des Genozides zuerst Männer, Familienväter und Söhne der Armenier, deportiert und hingerichtet. Einige haben die Deportationen in die syrische Wüste überlebt und fanden in arabischen Staaten ein neues Zuhause, wanderten weiter nach Armenien, Europa oder in die USA. Einige wenige Frauen, die einer Deportationen entkamen, oder eine solche überlebten, wurden versklavt und dienten als Hausmädchen, wurden zwangsverheiratet und zwangsislamisiert.

Die als Muslimin und Türkin oder Kurdin Überlebenden wurden über Generationen Teil der Familien, welche sich mitnichten wegen einer einzigen Armenierin (die oft erwähnte „armenische Oma“) im eigenen Stammbaum als „armenisch“ betrachteten. Man war und ist typischerweise stolz auf die zwangstürkisierte bzw. zwangsislamisierte Kriegsbeute.

Die Nachkommen der Armenier Sasuns dürften sich heute, in einem Umfeld, in dem eine islamistische Partei stärkste Kraft ist, kaum als „freie, glückliche Armenier“, am wenigsten medial präsentieren. Entweder sie leben dort als Türken oder Kurden, oder als extrem unsichtbare Armenier.

Türkenfeindlichkeit statt Armenierdiskriminierung – Der Spielplan

Selbstverständlich negieren die Protagonisten zu Lebzeiten „jemals in der Türkei“ diskriminiert worden zu sein. Vielmehr noch: Sie beschuldigen die armenische Regierung, die Diaspora und ihre Unterstützer einer rassistischen Türkenfeindlichkeit und loben die türkische Regierung, die sie stets unterstütze.

In dem Sabah-Artikel teilt ein „Armenier“ mit, dass er sich von den Forderungen nach Anerkennung als Genozid belästigt fühlen würde. Ja! Von den Forderungen nach Anerkennung, nicht von dem Verbrechen selbst! Er beklagt sich und fragt, warum man sich nicht vor 100 Jahren bewegt habe. Der Zeitpunkt der Rechnungsstellung (jetzt, plötzlich) sei auf Türkenfeindlichkeit zurückzuführen. Jetzt, wo die Türkei wieder aufsteige, unternähme man alles, um dem entgegenzuwirken. Man wolle einfach nicht, dass es der Türkei gut gehe und diese sich entwickle.

Auch hier der perfide Rückgriff auf die alte, osmanische und aktuelle, türkische Ideologie: Der Vorwurf einer „Verhinderung der Weiterentwicklung“ ist bereits von der Jungtürken angeführt worden, gerade um für den Völkermord eigene Schergen zu mobilisieren. Die treibende Kraft der Massaker war damals die Partei Ittihad ve Terakki, die von 1908 bis 1918 regierte. „Ittihad ve Terakki bedeutet Einheit und Fortschritt“. Die Vernichtung der Armenier bedeutete für sie die „Einheit“, d.h. die Vereinigung aller Türken gegen den armenisch-christlichen Feind. Und die Vernichtung bedeutete „Fortschritt“, man wollte den Störer und Verhinderer türkischen Vorankommens, die Armenier aus dem Weg räumen um sich weiter zu entwickeln.

Die ausdrückliche Völkermordleugnung wird dem Leser als Sahnehäubchen in dem Schlussabsatz präsentiert: Man habe die jährlichen Völkermord-Völkermord-Rufe satt. Man habe weder von den eigenen Vätern, noch von den Großvätern so etwas gesehen oder gehört.

Gerade im Osten der Türkei WEISS man um den Genozid. In den Dörfern, anders als in Istanbul etwa, haben die Dörfältesten, im Besonderen die Kurden, die Erlebnisse und Beobachtungen der nächsten Generation weitererzählt. Man hat die Geschichten über die blutgetränkten Bäche, über die ehemaligen Eigentümer der Ländereien oder ein gerettetes Kind am Leben erhalten. Dies ist allem voran zurückzuführen auf die kurdenfeindliche Politik der Türkei seit der Staatsgründung durch Atatürk. Hier entwickelte sich, aufgrund eines jahrzehntelangen Mangels an – den Kurden vorenthaltenen – Schulen, bis heute ein etwas anderes Geschichtsbewusstsein.

Kein einziger Armenier aus der Türkei, leugnet den Genozid an seinem Volk. Die Wenigsten äußern sich öffentlich, in westlichen Städten wie Istanbul, vielleicht auch nur in Istanbul, darf man sich etwas mehr wagen. Die Anderen schweigen über die Umstände, behaupten, dass das „nicht mehr wichtig sei“ oder ähnliches. Und das nur aus Angst. Aber sie leugnen ihn nicht aktiv und behaupten nicht sie seien „genervt“ von einer Fürsprache des Papstes.

Das sind Aussagen türkischer Rassisten.

Das Blatt

Ein weiterer Aspekt dieses Artikels verdient Beachtung.

Der Text stammt nicht aus der Hauspost eines vernarrten Rechtsextremisten. Er erschien bei der Tageszeitung SABAH, einer der auflagenstärksten türkischen Zeitungen. Neben der Türkei erscheint SABAH auch in Deutschland und in den USA.

Die Zeitung wurde gegründet von einem Griechen 1875, weitergeführt von einem Armenier 1882. Am 24.04.1915 wurde der erste Chefredakteur, auch ein Armenier, im Rahmen der den Völkermord einleitenden Verhaftungswelle, wegen angeblichen Verrat verhaftet und sodann hingerichtet. Heute gehört das Blatt der Calik Holding, das Personal höchster Ebene ist mit dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verwandt.

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