Offener Brief an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Özoguz,

anlässlich des Genozides am armenischen Volk des Osmanischen Reiches und des in diesem Zusammenhang bevorstehenden 100. Gedenktages wende ich mich mit einer Bitte an Sie.

Als Juristin und Integrationspolitikerin auf kommunaler Ebene, bewerte ich die Prävention von Rassismus als essentielle, integrationspolitische Aufgabe. Dies gilt für den Bereich einer unterschwelligen Diskriminierung ebenso wie im Falle gewalttätiger Übergriffe.

Die Geschichte lehrt uns, dass solche Übergriffe ihren Höhepunkt in einem Genozid erreichen. Der, die Übergriffe nährende, Hass fängt in der Regel klein an, ist aber hoch ansteckend und wächst rasend. Mit ausgestrecktem Zeigefinger entspringt einer sich steigernden Diskriminierung die Entmenschlichung des Feindbildes, welche die massive Gewaltanwendung entschuldigt, wenn nicht gar rechtfertigt. Die der Gewalttaten folgende Geschichtsrevision sichert über Generationen ein gutes Gewissen und bildet zugleich den Nährboden für die Aufrechterhaltung des Feindbildes.

Es ist ein fataler Fehler, zu glauben, solch ein Verhalten gehöre lediglich der Vergangenheit an oder sei aktuell nur im Nahen Osten relevant. Vielmehr belasten rassistische Einstellungen und Handlungen auch das zwischenmenschliche Miteinander bei uns in Deutschland. Das Feuer in Tröglitz ist ein aktuelles Beispiel.

Ein fataler Fehler ist es aber auch, zu glauben, Menschen mit Migrationshintergrund würden selbst grundsätzlich nur auf der Opferseite stehen und seien nicht selbst zu gewaltbereitem Hass fähig. Nicht selten ist eine Integrationsverweigerung auf menschenverachtende Einstellungen zurückzuführen. Rechtsradikale Einstellungen unter Migranten gehen in die verschiedensten Richtungen. Sie richten sich gegen die deutsche Gesellschaft, weil man diese für das eigene Versagen verantwortlich macht. Oder sie richten sich gegen andere Migranten aufgrund aktueller oder historischer Ereignisse, oder gegen – dem eigenen Weltbild fremde – Lebensmodelle.

In wenigen Tagen jährt sich ein besonders schreckliches Ereignis zum 100. Mal, der Genozid an den Armeniern und anderen Christen des Osmanischen Reiches. Anlässlich dieses Gedenktages und mit Blick auf die, auch dem Staat obliegende, Verpflichtung zur Rassismusprävention möchte ich Sie, als  Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in aller Höflichkeit und in Wahrnehmung dieser noblen Aufgabe auffordern, den in einem Genozid endenden Rassismus gegenüber Minderheiten des Osmanischen Reiches in aller Klarheit, und damit unter Verwendung des Begriffes „Völkermord“ zu verurteilen.

Ich hoffe auf Ihre mutige Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

JaklinChatschadorian

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2 Kommentare

  1. Berlin am 19. 04. 2015
    Liebe Frau Jaklin Chatschadorian Ihnen und Ihren Lesern meinen Brief an den Außenminister zur Kenntnis

    Sehr geehrter Herr Frank-Walter Steinmeier
    Bundes-Außenminister der BRD

    Mit Bedauern las ich als Psychotherapeutin Ihr Statement über den Genozid an den
    Armeniern!

    In der offiziellen Anerkennung des Genozids an den Armeniern 1915 kann
    es nicht um einen „Streit um einen einzelnen Begriff“, gehen, sondern um die Anerkennung eines entsetzlichen Traumas, dass bis in die heute lebende Generation per transkultureller und epigenetischer Vererbung in der seelischen Struktur der Überlebenden eingebrannt ist. Diese seelische Wunde entzieht sich, wegen ihrer Leugnung durch Nichtanerkennung, einer Verheilung.

    Deutschland trägt eigene Verantwortung in der Katastrophe der Armenier, Aramäer und Pontosgriechen, als ehemaliger Bündnispartner des Osmanischen Reiches. Jene Ereignisse, werden im Griechischen das „Massaker“ im Armenischen das „große Verbrechen“ genannt und heißen im Aramäischen “Schwert der Vernichtung“ , und umschreibein der späteren UN-Genozidkonvention aufgezählten Straftatbestände von Völkermord.

    Im Politischen Archiv ihres Auswärtigen Amts liegen genügend deutschsprachige Quellen, die die „gezielte Ausrottung“ beschreiben (http://www.armenocide.net/).
    Diese Aktenstücke hätten auch, die deutsche Regierung 1915 veranlassen können, den Bündnispartner bezüglich des Völkermordes in den Arm zu fallen um die Massaker zu beenden. Dieses damalige Wegsehen vom großen „Verbrechen gegen die Menschheit“ um einen Begriff aus den Istanbuler Prozessen von 1919 zu benutzen, der Eingang in den heutigen Internationalen Sprachgebrauch fand, machte aus Ostanatolien bis 1996 eine Zone des Völkermordes in Ostanatolien .

    Heute könnte die Regierung, der Sie angehören, die Leugnung des Völkermordes seitens der türkischen Regierung, durch seine Anerkennung durchkreuzen.
    In der Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und
    Bestrafung des Völkermordes aus dem Jahre 1948 wurde verkündet, dass jedes
    Volk ein Lebensrecht besitzt. Es wurde später entschieden, dass
    Völkermord ein so großes Verbrechen ist, dass es die Weltgemeinschaft
    zwinge, das bedrohte Lebensrecht eines Volkes zu verteidigen.
    Die Deutschen als Verbündete der Osmanen , die Franzosen, die Italiener,
    die Engländer als Besatzungsmächte im türkischen Rumpfland,
    haben zugeschaut, als im Osmanischen Reich und in der Türkischen
    Republik Völkermorde geschahen. Die Jungtürken in der Regierung, entschieden sich im Untergang des Osmanischen Reiches für eine genozidale Innenpolitik, um die zu gründende Türkische Republik islamisch/türkisch homogenisieren zu können. Diese „Gründungssünde“ muß benannt werden, weil sie das Lebensrecht der Armenier, Aramäer und Pontosgriechen aufkündigte.

    Weil die damalige türkische Regierung, das Lebensrecht den Armeniern nahm, sollten heute zum hundertsten Jahrestag des Genozids, die Nachfahren der ehemaligen Bündnispartner , es zurück geben, indem sie das türkische „Verbrechen an der Menschheit“ anerkennen. Die deutschen Parlamentarier verwiesen zwar 2005 in ihrer Resolution auf zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen, die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord bezeichnen, lehnten es aber selbst ab, ihn als solchen anzuerkennen.
    Sie haben sich, vermutlich in Unkenntnis der Brisanz, der Zurückgabe des Lebensrechts
    an die Armenier, die sich hinter der Anerkennung verbirgt, Verhandlungsmöglichkeiten mit der türkischen Regierung nicht erschweren wollen. Es verletzt jedoch zutiefst die in Deutschland lebenden armenischstämmigen Bürger, dass ihr Lebensrecht dazu benutzt wird, um eventuelle Spannungen zwischen der türk. Regierung und Deutschland zu mindern.
    Solange die Armenier von den Nationen ihr Lebensrecht vorenthalten wird, müssen sie fürchten, dass sich diese Geschehnisse wiederholen können.

    Alle Regierungen, die das Lebensrecht durch die Nichtanerkennung der armenischen
    Katastrophe als Völkermord vorenthalten, binden die Nachkommen der
    Überlebenden an eine quälende Vergangenheit. Ich bin zutiefst überzeugt, dass dies nicht im Sinne der deutschen Regierung oder den Angehörigen ihres Parlamentes sein kann.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Dipl. Psych. Esther Schulz-Goldstein
    Psychoanalytikerin

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