Verhöhnung nicht Versöhnung

Am 24. April gedachten die Armenier weltweit der vor 99 Jahren in rassistischer Säuberungsabsicht staatlich organisierten Ermordung ihrer Vorfahren. Es ist nicht nur eine Frage der Pietät, wenn in den Berichterstattungen hierzu den, dem Genozid zugrundeliegenden, Tatsachen Raum gegeben werden muss. Zu diesen Tatsachen gehört nicht nur die Faktizität des Genozides, sondern auch deren professionelle Leugnung, die ihren Zenit im Jahre 2015, zu erreichen versucht.

Stattdessen überfluteten uns die Medien mit der sog. Beileidsbekundung des türkischen Ministerpräsidenten: „erstmals…..versöhnliche Worte“ laut Spiegel Online, „in ungewohnt offener Form“ laut N-TV und Süddeutsche.de, um nur den „seriösen“ Journalismus von „bestimmter Qualität“ zu zitieren.

Quer durch alle Meldungen wurde ein Fortschritt in der Annäherung zwischen der Türkei und den Armeniern unter Verwendung positiv konnotierter Begriffe gefeiert. Ähnlich klangen die Nachrichten französischer und englischsprachiger Online-Zeitungen, schließlich ist der Brief medienwirksam in gleich neun Sprachen veröffentlicht worden. Auch in Armenisch. Hört, hört! Alle waren beschwingt von soviel Zugeständnis. Ja, der als Nato-Partner gehaltene Lausbub zeigte Gesprächsbereitschaft. Ein großer Schritt.

Barrack Obama rief zwar zur „vollständigen, offenen und genauen Anerkennung“ der Geschehnisse auf, wendete sich aber weder direkt an seinen türkischen Verbündeten noch gebrauchte er, dass oftmals im Wahlkampf versprochene „G-Wort“, selbst. Darüber hinaus ließ sein Außenministerium wissen, diese „historische Einlassung“ könne zur erhofften Versöhnung beitragen. Auch hier mehr Lob als Tadel.

Selbst in Ihrem Hunger nach Gerechtigkeit gefangene Armenier der Türkei, vermissten zwar offensichtlich das Wort Genozid, um dessen Bedeutungsgehalt und Konsequenzen es eigentlich geht, erfreuten sich aber an der „Bewegung“ in der Armenier-Frage. Gib den Hungernden einen stinkenden, alten Schuh und er freut sich, wenigstens an dem Leder kauen zu dürfen.

Dem Vernehmen nach gab es von Frau Merkel kein offizielles Statement. Schade eigentlich. Nur ist Farbe bekennen nun auch keine Merkel´sche Stärke. Die Strategin windet sich vielmehr regelmäßig geschickt um Fragen und Verbündete, um sie nicht unnötig zu verärgern – am wenigsten für die Armenier. Diese sind außenpolitisch mit Russland verbunden und binnen deutscher Grenzen als Minderheit nicht von besonderer Bedeutung. Dies umso mehr, als dass sie sich erst seit kurzer Zeit auf dem politischen Parkett bewegen. Doch gerade hier tut sich was. Endlich!

Francois Hollande, der in seinem Land offenbar nicht vieles richtig macht, findet da jedoch deutlichere Worte und kündigt seine Teilnahme an der 100. Gedenkveranstaltung im nächsten Jahr in Armenien an. Auch die Kurdenpartei BDP spricht Klartext. Eine offizielle Entschuldigung bei den Armeniern fordert sie. Die offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei ein Garant dafür, dass sich Ähnliches nicht wiederhole. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Am 25.04.2014, dem Tag nach dem Gedenktag, berichten die deutschen Medien über die Reaktion Armeniens und ihrer Diaspora. Vorbei die Freude.

Der unversöhnliche Armenier hat nicht mitgeklatscht. Kein Zeichen der Annäherung. Unzufrieden, stachelig. Die dazugehörige Berichterstattung bedient sich nun eher negativ konnotierter Begriffe der deutschen Sprache: „Einige Armenier erwarten weitere Schritte“ teilt uns die Tagesschau mit, „Armenien wirft Türkei Genozidleugnung vor“ und „ Armenien hat zurückgewiesen ….. das ist zu wenig, heißt es aus der armenischen Hauptstadt“ lässt die Süddeutsche Zeitung wissen.

Armenien wirft vor“ – Sofern der Autor dieses Satzes sich der Feinheiten der deutschen Sprache bewusst ist, behauptet er damit, die Genozidleugnung sei nur ein Vorwurf. Vorwurf bedeutet Anschuldigung und Anklage. Es beinhaltet den fehlenden Nachweis der Belastung.

Die Genozidleugnung wird hier gerade nicht nur vorgeworfen; am wenigsten von ausschließlich armenischer Seite. Diese ist, ebenso wie der geleugnete Tatbestand, Fakt. Offenkundig, nachweisbar, und nicht nur im Falle von Egemen Bagis und Dogu Perincek lautstark und stolz verkündet.

Armenien hat zurückgewiesen. Wie unversöhnlich! Mir, als Armenierin, und meinen armenischen Freunden und Verwandten stellt sich die Frage, ob es wirklich ein ernst zu nehmendes Angebot gab? Wo war die so gelobte ausgestreckte und nun zurückgewiesene Hand? Haben wir sie in unserem Diaspora-Eifer übersehen?

Erfreulich war, dass nur einen Tag später, überwiegend der Rückgang der Begeisterung auch in den Medien zu vernehmen war und den Fakten, wenn auch nur für kurze Zeit, mehr Raum zur Verfügung gestellt wurde.

Ich habe mir die sog. Beleidsbekundung durchgelesen, in der Originalsprache. Der Schreiberling, ob nun Erdogan selbst oder sein Ghostwriter, spielt in den Formulierungen mit den Möglichkeiten und Feinheiten der Sprache. Der bewusste Einsatz von Zweideutigkeiten und marktinggefeilten Begriffen trifft – nur so kann ich mir das internationale Lob der Weltgemeinschaft von Politikern und Journalisten erklären – auf die Unbedarftheit seiner Leser und Abschreiber.

Erdogan redet von dem Schmerz, den beide Seiten zu ertragen hätten. Welchen Schmerz haben in diesem Zusammenhang Völkermordleugner zu ertragen? Die Tötung eines der Hauptverantwortlichen des Völkermordes, wie etwas das Mitglied des führenden Triumvirates, Talat Pascha? Oder trauern sie um den Freispruch des für dessen Tod verantwortlichen Armeniers Soghomon Tellerian 1921 in Berlin? Ist es das Gefühl versagt zu haben, weil die Wahrheit, langsam aber sicher nach oben dringt?

Er redet vom Missbrauch der „1915-Geschehnisse“ um die (seine) Regierung zu schwächen. Armeniern geht es in der Türkei aktuell mitnichten um die Schwächung Erdogans in diesem Zusammenhang. Wissen sie doch aus leidvoller Erfahrung, der Nächste wird schlimmer. Welch ein Hohn, den Schmerz der Nachkommen und ihre Rufe nach Gerechtigkeit zu politschem Kalkül zu erklären und ihn mit Banalitäten gleichzusetzen.

Die verbliebenen Armenier in der Türkei üben sich seit jeher in Unauffälligkeit und Stille, um Diskriminierung und Überfall nicht zu provozieren. An dieses ungeschriebene Stillhalte-Gesetz halten sich sogar viele Armenier der Diaspora. Sie wollen keine Schwierigkeiten verursachen, sondern einfach nur ihr Leben leben. In Ruhe. Das fehlende politische Engagement unter den Türkei-Armeniern ist damit verständlich, wenn auch nicht richtig.

Der armenische Journalist Hrant Dink aus Istanbul und der, die türkische Uniform tragende Soldat armenischer Herkunft, Sevag Balikci haben sich nicht an die Stillhalte-Regelung gehalten. Sie haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Etwas weniger schlimm traf es Sevan Nisanyan. Der Schriftsteller sitzt seit Januar dieses Jahres nur in Haft. Dem Vernehmen nach darf er in seiner Zelle auf dem Steinboden schlafen.

Erdogan redet in seiner Beileidsbekundung von verschiedenen Meinungen und bittet um Verständnis und Gehör für beide Seiten. Diese sog. Bitte führen sämtliche türkische Diplomaten als unumgängliche Dienstanweisung an ihren Einsatzorten aus, sobald Politiker oder Journalisten im Ausland es wagen, sich öffentlich über den Genozid zu äußern. Zuletzt geschehen gegenüber dem Stadttheater Konstanz, welches den, sich mit dem Armeniervölkermord beschäftigenden Roman von Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken, inszenierte. Dieser Bitte folgt, sobald man ihr stattgibt, regelmäßig die Stilisierung der heutigen Türkei als Opfer einer ungerechtfertigten Propaganda, die Leugnung, Verharmlosung und Rechtfertigung der organisierten Tötung von 1,5 Mio Menschen.

Die Reaktion türkischer Medien auf die durch Bernhard Lasotta (CDU) veranlasste Übersetzung eines Interviews mit der türkischen Integrationsministerin des Landes Baden-Württemberg lässt genau die gleiche Methode erkennen.

Noch einmal ist zu betonen: Hier geht es um Fakten. Nachweisbar. Nachgewiesen. Es besteht Einigkeit unter anerkannten Historikern über die Echtheit der Belege. Diese sind in deutschen und österreichischen Archiven, in amerikanischen Archiven und auch in denen des Vatikans vorhanden und einsehbar. Es geht nicht um Meinungen. Man kann auch nicht einer „anderen Meinung“ sein, wenn es um die Faktizität des Holocausts geht. Dieses „Recht“ ist (richtigerweise) unter Strafandrohung gestellt und wird in Deutschland lediglich von rechtsextremen Rassisten beansprucht. Und eben von Erdogan und den ihm gleichen Patrioten.

Verständnis und Gehör für beide Seiten? Was ist an einem Massenmord in Vernichtungsabsicht zu verstehen? Die Motive? Was ist an den jährlich am 24.04. vor türkischen Botschaften vollführten Tanzreihen zu verstehen? Soll die Wertegemeinschaft des Westens verstehen, dass die Vernichtung der Armenier das einzige Mittel gewesen sein soll, um dem kranken Mann am Bosporus zu neuer Kraft zu verhelfen? Notwendigkeiten zum Wohle der türkischen Nation?

Der Enkel eines Osmanen, Recep Tayyip Erdogan, redet von der Historikerkommission und stellt „gesäuberte“ Archive zur Verfügung. Es sind in o.g. liberal-demokratischen Staaten und vielen weiteren Ländern bereits Archive öffentlich zugänglich. Wozu also noch die türkischen Archive sichten? Gab es damals ein internationales Komplott derart, dass nur das Osmanische Reich belastende Materialien gesammelt werden durften? Verbarg sich in den türkischen Archive wirklich die pure Unschuld? Hat die Türkei, und das nicht erst seit Erdogan, wirklich keine Beweise vernichtet? Sind die einstigen Täter verkannte Opfer ebenso wie die heute zu Unrecht sich Vorwürfen ausgesetzt fühlenden Genozidleugner?

Versöhnung sieht anders aus. Sie besteht aus Anerkennung und Verurteilung, Reue und Entschuldigung, dem Versuch der Wiedergutmachung. Der Brief des Ministerpräsidenten der Nachfolgerepublik des Osmanischen Reiches hingegen ist eine Farce. Die Fortsetzung der 99jährigen Leugnungspolitik, in einer Sprache, die eine Versöhnlichkeit nicht undurchschaubar vortäuscht. Die türkische Hand ist nicht zur Versöhnung ausgestreckt, sondern zeigt uns die obzöne Geste der geballten Faust mit ausgestrecktem, mittlerem Finger. Und damit ist es letztendlich die Verhöhnung des armenischen Volkes par exellence.

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Ein Kommentar

  1. Lieber Aristobulus!
    Die aussergewöhnlich späte Veröffentlichung des Kommentars bitte ich zu entschuldigen.

    Die Analyse gefällt mir. Sich in vermeintlicher Gefahr zu befinden, diente schon immer als Rechtfertigung von Aggression. Mit dieser aggressiven Grundhaltung wurde bereits 1915 zum Völkermord an den Armeniern systematisch mobilisiert. Bis heute werden diese zu Staatsfeinden erklärt und über Art. 301 des türk. Strafgesetzbuches kriminalisiert.
    Die Türkei wird – nach Erdogan und v.a. – von den nach Genozid-Anerkennung rufenden Armeniern ebenso bedroht wie von den “Amenkanern, Juden und deren Gülenisten”. Der auf die Fahne geschriebene Text lässt genau dies vermuten: Das Volk beugt sich nicht (dem Genozid-”Vorwurf”); die Türkei (= Erdogan) erleidet keine Niederlage (per Regierungssturz).

    Der Spot ist agressiv und es fällt auf, dass der Theokrat sich hier als Nationalist / de-facto-Kemalist präsentiert, ganz nach dem Motto: Was mit dem Glauben nicht funktioniert, funktioniert spätestens mit der Fahne. Seine Rechnung ging offenbar auf und das nicht nur wegen der einen einzigen Katze, die während der Auszählung das Stromnetz genau an der Stelle traf, an welcher es den Stromausfall in gleich mehreren Städten gleichzeitig verursachte. Die Türkei braucht dringend eine neue, liberal-tolerante Alternative auf dem politischen Parkett.

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