Geschichte muss man selbst schreiben

Während alle Welt nach Syrien schaut, nutzt die türkische, historische Gesellschaft und der dazugehörige Apparat die Gelegenheit, unbemerkt Wahrheiten zu verkünden, die zwar noch keinen interessieren, aber den Grundstein für Erfolge von morgen in sich bergen:

Der neueste Versuch der Völkermordleugner gegen die „unversöhnlichen“ Armenier

Immer mehr sind Meldungen in türkischen Medien zu vernehmen, die über „islamische Armenier“ berichten, unter Betonung, dass es sich hierbei um Menschen mit armenischen Wurzeln handele, welche den Islam „gewählt“ hätten.

Es wird unterschlagen, dass diese „Dönme“ in der Regel während des Völkermordes oder kurz darauf zwangsislamisiert wurden. In der Folgegeneration erfahren die wenigsten von ihren armenischen Wurzeln, haben meist türkische Vornamen. Nachnamen sind bei nahezu allen Armeniern dank Atatürk bereits seit Jahrzehnten türkisiert. Sie leben in der Türkei als Türken, besuchen keine armenischen Veranstaltungen, haben keine Beziehungen zu anderen Armeniern, am wenigsten enge Beziehungen. Einige wenige üben ihren christlichen Glauben, wenn sie sich denn freiwillig rückbesinnen, nur heimlich aus.

Diejenigen die sich in Fortsetzung der Zwangsislamisierung ihrer Vorfahren weiterhin dem Islam zuwenden, fühlen sich regelmässig gerade nicht bzw. nicht mehr der armenischen Volks- und Glaubensgemeinschaft zugehörig. Sie entscheiden sich, strenggenommen täglich neu und freiwillig, für die islamische Religion.

Diese Entscheidung geht zulasten des Andenkens der armenischen Nachkommen von heute. Folgerichtig verweigert die armenische Bevölkerung diesen Menschen die Anerkennung als „ihresgleichen“. Birgt es doch einen besonderen Hohn, sich der Glaubensgemeinschaft der Täter, welche die Wahl der Opfer seinerzeit durchaus unter religösen Aspekten gewählt hatten, anzuschließen.

Willkommen und geradezu nutzbringend ist die Existenz einer „armenisch-muslimischen“ Person resp. Gruppe aber der Türkei. Ausschliesslich.

Denn hier hat die türkisch-islamische Republik die Gelegenheit, ihre Friedfertigkeit kundzutun. Es wird nun, mit dem Anknüpfungspunkt eines vermeintlichen gemeinsamen Nenners, dem islamischen Glauben, jedwede Differenzierung der ethnischen Herkunft, klein-/ weg- und schlechtgeredet.

Gleichzeitig wird die „Unversöhnlichkeit“ der Armenier mit tadelndem Fingerzeig präsentiert: Jetzt streiten die Friedensverweigerer sich untereinander: christliche und islamische Armenier. Wobei auch an dieser Stelle der Vorwurf den „ausgrenzenden“ Christen trifft.

Zum Nachweis und als Gegenpol wird der tolerante Weltbürger mit türkisch-islamischen Wurzeln präsentiert. Dieser betont, Mensch sei Mensch, Religion und Volkszugehörigkeit seien nicht von Belang – selbst wenn (!) es sich um Christen oder gar (!) Amerikaner (hier wird bewusst mit Feindbildern gearbeitet) handele. Alle werden zu Brüdern erklärt.

Eine fragwürdige, gespielte Harmonie aus einem Land, in welchem Nationalisten, Normalbürger und der Verwaltungsapparat sich täglich in Diskriminierung üben.

Gerade im Westen ist Toleranz und Versöhnung jedenfalls gern gesehen. Es ist die freie Entscheidung eines jeden Individuums, sich eine Religion auszusuchen. Der christliche Armenier, der an dieser Stelle eine Grenze zieht, ist nicht liberal. Demokratiefeindlich. Ergo: im Unrecht.

Dem ist nicht so. Die christlichen Armenier verwahren sich bloß der Tatsache, etwas gemeinsam haben zu müssen, mit den Mördern ihrer Vorfahren. Denn diese wurden vor knapp 100 Jahren einzig aufgrund ihres Christendaseins auserkoren, sich für das Vorankommen der neuen türkischen Nation opfern zu dürfen.

Es steht – um es mit Blick auf demokratische Grundsätze auszudrücken – auch jedem Armenier frei, sich dem Islam zuzuwenden. Es ist nicht gern gesehen, aber verboten? Wie wollte man ein solches Verbot durchsetzen? Dieser Schritt ist die eigene (!) Entscheidung, die eine Gemeinschaft zu verlassen und in die andere einzutreten.

Real anzutreffen ist ein zum Islam konvertierter Armenier vermutlich äusserst selten. Allenfalls derzeit in Syrien, zwangsweise, dem Überleben wegen.

Das Motiv der Konversion wird heutzutage eher zu suchen sein in einer Liebschaft zu einer bestimmten Person aus der islamischen Gemeinschaft, viel eher als der freiwillige Entschluss eines Nachkommens der Überlebenden des Völkermordes, und am wenigsten aufgrund der damaligen Geschehnisse.

Die türkische historische Gesellschaft erarbeitet gemeinsam mit dem Institut der türkischen Sprache bereits jetzt ein neues Kapitel der Geschichte. Mit einer Präsentation dürfte 2015, spätestens kurz vor dem 100sten Gedenktag des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich zu rechnen sein. Dann wird es heißen, dass es schon „seit Jahren“ Forschungen auf diesem Gebiet gebe, und die vorgeführte Dauer der Forschungen soll derselbigen eine Glaubhaftigkeit bescheinigen. Man wird den einen oder anderen Türken reden lassen, über seine armenische Großmutter, die – dem neuen Gott seis gedankt – den Krieg überlebt habe. „Überleben“ als Synonym für „Zwangsislamisierung“. Über die anderen Verwandten jener Großmutter wird von türkischer Seite keiner reden.

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