Eckstein und Humus

Der offizielle Umgang mit dem Völkermord an den Christen des Osmanischen Reiches in der Türkei, in der Bundesrepublik und in einigen anderen Staaten ist eines der großen Themen dieses Blogs. Wie die einzelnen Menschen in diesen Ländern mit dem Thema umgehen, ist die zweite große Frage dieser Beiträge. 

Ich habe vor kurzem DIESES Interview mit dem Direktor des Völkermordmuseums in Armenien, Hayk Demojan, in der Online Ausgabe des österreichischen Standards, gelesen. Titel: „Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei

Auf die entscheidenden Fragen hat Hayk Demojan m.E. kurz und gut geantwortet. Ohne lange Umschweife. Überzeugend.

Nur der Blick in die Leser-Kommentare des Artikels hat wieder enttäuscht, entsetzt, empört.

Man kann über Tatsachen nicht anderer Meinung sein!

Der Völkermord ist Fakt, keine Angelegenheit über die man

  • wider der Faktenlage
  • entgegen besseren Wissens oder
  • unwissend ins blaue Hinein

seine Meinung öffentlich zum Besten geben sollte.

Eine sachliche Diskussion erfordert mehr als eine Ansammlung von Kommentaren, die vermuten lässt, es ginge um die beliebtesten Frisuren: Links-, Rechts- oder doch Mittelscheitel?

Völkermord als Eckstein der türkischen Republikgründung? Nein, dass ist doch nun wirklich übertrieben – allenfalls ein Backstein am Rande. Die paar Störenfriede waren doch nun nicht so wichtig. Das starke jungtürkische Volk hätte es auch so zu einer Republik geschafft.

Nur nicht so schnell vielleicht.

Während die einen, rechnerisch Enkel der Täter, ihrem gesunden Nationalismus zuliebe die Opfer zu Verrätern erklären, rechtfertigen andere die neo-osmanische Nichtanerkennung des Genozides indem sie auf andere, anerkannte und nichtanerkannte Völkermorde verweisen. Selbstverständlich ohne auch in diesen Bereichen der Weltgeschichte jemals etwas ernsthaft gelesen zu haben.

Tja, weil es auch andere Völkermorde gibt, war der an den Armeniern keiner! Und weil andere Staaten ihre Völkermorde nicht anerkannt haben, müssen weder die Türkei noch ihre Staatsangehörigen, diesen einen einzigen anerkennen. Was wollt ihr alle von uns? Verschwörung! Rassismus! Sollen die anderen doch beispielhaft vorangehen und damit ihre Schwäche zeigen. Ich bin doch nicht blöd!

Und warum gehen die Armenier nicht auf das Angebot der Täternachkommen ein? Beweise erst einmal dass mein Opa deinen Opa ermordet hat, nur weil er Armenier, Aramäer, Pontier oder Grieche war? Vielleicht hat er ihn ja nicht (deswegen) ermordet….. und er ist einfach so, auf dem Weg in die Wüste, gestorben, weil er nicht genug zu essen und zu trinken mitgenommen hat. Lass da mal lieber unsere Spezialisten ran. Lass das mal lieber eine Historikerkommission prüfen, dessen Kommissionsmitglieder den Wünschen des Kommissionsgastlandes, des modernen, über jeden Zweifel erhabenen einzigen Landes auf Gottes Erde, entsprechend ausgesucht werden.

Das Sahnehäubchen bilden dann diejenigen, die sich als Gutmenschen und Demokraten, als die Offenbarer der goldenen Mitte suggerieren: Sie betonen, dass es selbstverständlich ein Völkermord war. Doch bevor der Satz seinen Punkt findet, wird SELBSTVERSTÄNDLICH NUR DER FAIRNESS HALBER, ebenfalls betont, dass es unter den Armeniern NICHT NUR OPFER gegeben habe! JA, endlich. Das musste einmal gesagt werden. Einige wenige Armenier haben es tatsächlich gewagt sich zusammenzuschließen, zurückzuschießen. Und einige haben es wohl verdient getötet zu werden.

Das ist das was ich zwischen den Kommentarzeilen lese.

Der nächste freut sich über das Glück der Türken namens EU-Krise. Die gibt den Türken nämlich endlich Zeit ihre eigene Geschichte zu verarbeiten. Wozu so eine Krise doch so alles gut ist. Der Türkei reichen knapp hundert Jahr nicht, da kommt es einem entgegen, dass die Machthaber dieser Welt gerade anderweitig beschäftigt sind.

Wer war denn nun schlimmer? Hitler oder Stalin? Diese Sequenz schließt jedenfalls das Triumvirat Talat-Cemal-Enver aus. „Schlimmer“ ist die einzig wichtige Eigenschaft dieser Führer. Man sucht den Unterschied. Das Gemeinsame wird ausgeblendet. Dann kommt der entscheidende Hinweis, das schlagende Argument: Ein Jude aus Amerika! Hier trifft sich positiver Antisemitismus in seiner reinsten Form. Wenn ein Jude etwas sagt, dann muss es ja richtig sein. Die haben doch die Allmacht. Erst recht, wenn sie aus Amerika sind. Dieser hat gesagt Hitler war schlimmer. Er hat den Beweis geliefert.

Einer präsentiert breitspurig seine Ignoranz: 2015-2016-2017…. für mich alles gleich. Der nächste Weltgewandte erinnert an Mao Zedong und schließlich streitet man mal wieder über …. na….. über den Juden natürlich. War Atatürk nun einer oder nicht? Eine Patriot hält entgegen: Nein, er war keiner, dass verbreiten nur radikal religiöse Gruppen.

Nun, was wäre so schlimm, mag man sich da fragen. Aber angesichts des diesem Plädoyer vorstehenden, fettgedruckten „LOL“ darf man mutmaßen, dass hier einer diese Eigenschaft seines Führers nicht nur für unwahr hält, sondern für lächerlich.

Ab hier endet mein Verstand. Es weigert sich, dass was meine Augen sehen, mir zu übersetzen. Nur am Rande bekomme ich noch eines mit: Armenien ist kein Staat. …..

02.01.2013, 23.57 Uhr: 261 Kommentare, verteilt auf 6 Seiten zu einem Artikel vom 31.12.2012, 12.00 Uhr.

Ich war erst auf Seite 2.

Kein Wort des Mitgefühls, der Humanität, der die Würde des Menschen bestimmenden Pflicht zur Übernahme von Verantwortung. Kein Wort zu den 2,5 Millionen Opfern christlichen Glaubens. Ein paar wenige, die dem Artikel beipflichten.

Ein Trauerspiel, das die Kunst einiger präsentiert, die in einem europäischen, deutschsprachigen Land leben; die in einem Land leben, in welchem der Wert von Bildung und Humanität offiziell nicht fremd ist. Diese Menschen leben hier unter uns, lesen (online) Zeitung, sprechen und schreiben in deutscher Sprache, einige von ihnen (davon ist auszugehen) dürfen gar wählen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, vor gerade zwei Tagen, mit einem guten Bekannten. Alevit und Türke. Politisch interessiert und gut informiert. Er verurteilt die Massaker, nennt den Genozid bei seinem Namen: Völkermord.

Er fragt mich was ich von Atatürk halte. Auf meine Gegenfrage, antwortet er:

Er teile meine Meinung. Aber er füge hinzu: War das gut, was Atatürk mit Blick auf die Opfer getan hat? Nein, war es nicht. Aber war es notwendig? Leider ja. Ohne ihn, stünde die Türkei heute nicht da, wo sie steht.

Diese Aussage liefert den Beweis, mit dem der hier besprochene ARTIKEL aus dem Standard titelt: Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei, denn er war ein Grundbaustein für den Erfolg Atatürks

Der Eckstein, der alle meine Großeltern begraben hat. Humus für das gedeihen eines patriotischen Fortschritts. Denn auf ihren Vermögenswerten, ihren Häusern und Ländereien hatte man nun endlich ein Dach über dem Kopf; einen ackerfähigen Boden; ein Geschäft, das die Familie ernährte. Und nicht selten gar ein Mädchen für alles.

Bis die Türkei auf die Idee kommt, dass man auch anders einen Staat hätte gründen können, nämlich mit einer zwanglosen, gewaltfreien, die Identität eines jeden Einzelnen schützenden Vereinigung der dort lebenden Menschen,

durch echte Gleichberechtigung, durch das Vernachlässigen nationaler oder religiöser Aspekte und die Konzentration darauf, dass alle letzten Endes Menschen gewesen sind, mit einem eigenen Recht auf Leben und Freiheit, wird es noch sehr lange dauern.

2 Jahre und 4 Monate reichen nicht.

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