The way to hell is paved with good intentions!

Man kann sich über die Gleichberechtigung durchaus streiten. Themen wie die Frauenquote in Führungspositionen, Unisex-Versicherungstarife bzw. Lohntüten werden nicht selten ebenso leidenschaftlich diskutiert wie etwa das Thema Abtreibung, Misshandlung oder Vergewaltigung.

Ich bin, mit Blick auf den westlichen Ist-Zustand, so befürchte ich, keine wirkliche Feministin. Haben doch schon Tausende Frauen vor mir erfolgreich für die Emanzipation der Frau aktiv ihren Beitrag geleistet und in der westlichen Hemisphäre glücklicherweise gewisse Standards gesetzt.

Rückwärtslaufende Damen wie Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) sind da gottlob die Ausnahme. Doch sollten sie zumindest als mahnendes Beispiel wahrgenommen werden, da sie einem lebhaft zeigen, wie wichtig es ist, sein Kreuzchen an der richtigen Stelle zu setzen.

Die aktuelle Diskussionen um Frauenquote und Betreuungsgeld hingegen erwecken den Eindruck, Frauen seien zartbesaitete Fabelwesen, die regelmäßig und trotz superlativer Eigenschaften unterdrückt und benachteiligt, gar zum Daheimbleiben verführt werden könnten.

Ungewollt drängen sich Ähnlichkeiten zur Integrationsdebatte auf, da auch hier larmoyant von „Benachteiligung“ und „Diskriminierung“ gesprochen wird. Fühlen unbeteiligte Dritte doch im Namen von potentiellen Führungsfrauen und Migrationshintergrundlern scheinbar ständig die Opferung zugunsten Dritter. Die männlich dominierte Mehrheitsgesellschaft mobbt wo sie kann: Sie versagt hochqualifizierten Damen nicht nur ihnen zustehende Posten, sondern auch das Kleingeld, um mit Hilfe von Nanny nebst Haushaltshilfe den Job mit der Familie endlich zu versöhnen und hält Migranten frei nach Kaspar Hauser in Kellern.

Dabei braucht nicht diejenige, die um das hellgraue Büro auf dem 51. Stockwerk des Frankfurter Westend-Towers kämpft, politische Unterstützung, sondern diejenige Frau, die allein aufgrund ihres Geschlechtes, bei gleicher Leistung und Qualifikation 300 € weniger verdient. Und nicht diejenige, die den Stuhl im Aufsichtsrat besetzen möchte, sondern diejenige, die sich gerade keine private Hilfskraft leisten kann, ist notgedrungen angewiesen auf den Ausbau der staatlichen und betrieblichen Kinderbetreuung.

Echte Frauen-Diskriminierung kann aber auch besonders hässliche Züge annehmen. Wenn etwa kleine Mädchen in die Küche statt in die Schule geschickt werden; wenn junge Mädchen ihren Ehepartner vorgesetzt bekommen; wenn man jungen Frauen sagt, es sei schandhaft, dem Gatten oder dessen Eltern zu widersprechen; wenn ihnen eingetrichtert wird, ihr schlechtes Benehmen und das Erheben ihrer Stimme habe den Herrscher des Hauses zum Ausholen verführt, so brauchen diese Frauen weit mehr Unterstützung als eine Frau mit Dr.-Titel ohne Aufsichtsratsposten.

Um Missverständnissen vorzubeugen, diese Art der Leid schaffenden Diskriminierung ist definitiv kein ausschließlich religiöses resp. islamisches Problem. Der Ländervergleich des Weltwirtschaftsforums zur Gleichstellung (2010) zeigt etwa Armenien auf Rang 84, Japan auf 94. Island hingegen führt die Liste der 134 Staaten und die Bundesrepublik Deutschland darf sich über Rang 13 freuen.

In der armenischen Version des „Supertalents“ erhielt vor einigen Tagen ein Mädchen für ihre schauspielerische Leistung erstaunlich viel Beifall und sorgte für zustimmende Erheiterung. Sie spielte die verzweifelte Ehefrau und Tochter, die vor Ihren Eltern endlich mal aus ihrem Käfig ausbrach: „Ihr seid schuld für das, was aus mir wurde. Ihr habt mich gezwungen, diesen Mann zu heiraten!“ Mehr Text brauchte es nicht, sondern nur Wiederholungen und eine hysterische Präsentation, um die Menge zu begeistern. Stellen wir uns die Sendung auf RTL vor. Nicht nur Dieter Bohlen würde dumm aus der Wäsche gucken und nicht wissen, wo nun eine Pointe versteckt sein könnte.

Empfindlich diskriminieren kann jedoch auch der Staat.

Stellen wir uns vor, Frau Merkel, die sich bereits als Sarrazin-Literaturkritikerin versuchte, würde sich nun auch in Heim und Bett ihrer Bürger sehr konkret einmischen. Etwa um die demografische Entwicklung positiv zu beeinflussen, könnte sie das folgende Punkte-Programm vorschlagen:

  • Die Bevölkerungszahl muss um 15 Millionen ausschließlich junge Menschen bis zum 100. Geburtstag der Republik steigen. Um keine Einwanderungswelle zu provozieren und die Gesellschaft vor schädigenden Vermischungen mit Menschen fremden Genpools auszusetzen, muss die Bevölkerung in Eigenarbeit vermehrt werden.
  • Die Staatsführung wünscht sich von den Frauen des Landes, dass sie durchschnittlich drei, besser fünf Kinder zur Welt bringen.
  • Abtreibungen werden ausnahmslos verboten. Ausdrücklich nicht nur zum Wohl des Kindes, sondern gerade auch zum Wohle der Nation.
  • Für diejenigen Schwangeren, die definitiv kein Kind wollen, etwa weil der Zeugung eine Vergewaltigung zugrunde lag, wird die staatliche Fürsorge großzügig postnatal zur Verfügung stellt.
  • Geplante Kaiserschnitt-Geburten werden verboten, um die Gebärfähigkeit von Frauen nicht unnötig auf zwei zu reduzieren bzw. um das Leben der Mutter bei einer dritten oder vierten Schwangerschaft nicht zu riskieren.

Die traurige Nachricht ist: Diese rassistische Agenda zum Wohle der Nation existiert wirklich. Nicht in Deutschland. Aber in einem Land, das

  • vielen deutschen und europäischen Touristen günstig Herberge und Erholung bietet,
  • sich demokratisch nennt,
  • international als regionale Großmacht und großer Schlichter gehandelt wird,
  • im Gegensatz zu anderen Theokratien als gemäßigt gilt,
  • als verlässlicher NATO-Partner gilt,
  • dessen Ministerpräsident eines der besten Freunde Barack Obamas sein soll, und das
  • als Teil Europas zum Europäer durch EU-Beitritt werden möchte.

Ja, sie ahnen es schon. Es geht um die parlamentarische Republik Türkei. Es ist die Türkei, die sich als Nachfolger des Osmanischen Reiches sieht. Es ist die Türkei, die sich seit Ihrer Gründung ihrer Christen zu entledigen versucht, erst durch Völkermord, gegenwärtig durch Gesetze, versagte Genehmigungen, Enteignungsverfahren und nicht zuletzt durch die Verdunkelung von Auftragsmorden.

Aber da ethnische Säuberungen einen Staat nur „bereinigen“ nicht jedoch stärken, denkt der Tiger am Bosporus einfach nur noch einen Schritt weiter und empfiehlt den lohnenden Ersatz der durch Tötung oder Vertreibung verlorenen gegangenen Bevölkerung.

Szenenwechsel. Wagen wir einen Blick in eine andere Richtung:

War nicht auch im Dritten Reich die Frau zuständig für die demografischen Fragen wie die Bewahrung und Weitergabe „hochwertigen Erbgutes“?

Das Frauenbild des Dritten Reiches war von einer völkisch-nationalistischen Ideologie geprägt und reduzierte die Rolle der Frau auf das ihr beschiedene Mutterglück. Sie sollte vor allem als Mutter und zum Wohle der Volksgemeinschaft ihre Pflicht erfüllen, während ihr in allen anderen Fragen nur ein sehr begrenztes Mitspracherecht eingeräumt wurde. Entscheidungen zu treffen, sollte den Männern vorbehalten bleiben.

An so etwas dachte Ministerpräsident R.T. Erdogan bei der Aufwertung der Frau als Mutter selbstverständlich nicht. Geht es den Frauen in der Türkei nicht nur seit gestern richtig gut. Man hatte mit Tansu Ciller schon sehr früh Frauen in Führungspositionen. Die Türkei ist ein modernes Land, das Mütter achtet!

Der Ranghöchste Diener des türkischen Volkeszeigt mit den Worten „Ich bin als Premierminister für jede Angelegenheit zuständig, ich kümmere mich um alles!“ nur gute Absichten. Verantwortungsbewusst sorgt er sich um das Innenleben einer jeden Frau und Bürgerin ebenso wie um die neue Generation von jungen Türken,die auf seinem neo-türkischen Boden leben. Ein Schuft, wer da an Diktaturen denkt.

Gab es nicht auch unter Hitler ein staatlich veranschlagtes Soll von Kindern?

Zugegeben, Hitler sprach sich für vier Kinder pro Frau aus. Erdogan hingegen regt nur für Nordzypern die 4-Kind-Quote an, und hält im Übrigen an der Zahl drei fest. Anders als der Führer ist dieser Anführer an der gewaltfreien „natürlichen“ Lösung seiner Probleme interessiert.

Lediglich am Rande: Des Einen Angst vor Übervölkerung und Islamisierung trifft an dieser Stelle des Anderen realisierbar scheinende Wunschvorstellung.

Waren unter Adolf Hitler Abtreibungen bei „erbgesunden deutschen Frauen“ nicht auch verboten?

Ganz anders unter Recep Tayyip Erdogan. Hier gilt das Abtreibungsverbot frei von Diskriminierungen für jede Frau. Selbst für diejenige, die vergewaltigt wurde.

Gesundheitsminister Recep Akdag erklärte öffentlich, dass Frauen, die aufgrund einer Vergewaltigung ungewollt schwanger werden, keinen triftigen Grund zur Abtreibung haben. „Um unerwünschte Kinder wird sich der Staat kümmern.“

Mutig, kaltblütig, tapfer und besonnen wie die von Johanna Haarer in ihren Büchern beschriebene deutsche Mutter mit Arierstatus hat auch die Frau, der wider Willen ein Kind auf türkischem Boden gegeben wurde, es auszutragen. Der Staat wird sich des Kindes annehmen, um die Frau zu entlasten, sobald es da ist. Das ist beispielhafte staatliche Fürsorge, der man vertrauensvoll ein Kind in die Hände geben kann, nachdem man neun Monate lang mehrmals täglich an die Zeugung denken darf. Leidensfähig. Selbstlos.

Zumindest das Verbot der Kaiserschnitt-Entbindung war RTL 2’30 Minuten wert. In dem Bericht von Raschel Blufarb erfährt man zudem, dass es im Alltag, entgegen vorausgegangener Ankündigungen zu diesem Verbot, gar nicht ausschließlich um den geplanten Kaiserschnitt geht. Es wird erzählt, dass ein Kind seine Mutter bei der Geburt verlor, weil die behandelnden Ärzte, mit Blick auf das Kaiserschnitt-Entbindungen verbietende Gesetz, sich zu spät für einen Notkaiserschnitt entschieden hätten.

Der erforderliche mediale Aufschrei in Deutschland blieb bislang aus. Zugegeben, man kann sich in Deutschland ja nicht über alles und jeden aufregen. Und, dass Frauenrechte in der Türkei eben nicht vorbildlich sind, ist kein Geheimnis. Also, was soll das?

Nun, hier geht es jedoch nicht „lediglich“ um Frauenrechte irgendwo in der Welt.

Es geht um gelebten Rassismus,

  • in einem Land, in dem viele aus unserer Mitte Urlaub machen,
  • in einem Land, dem politisch durch von uns gewählte Politiker blindlings Macht zugeschrieben wird,
  • in einem Land, das zum Verbündeten des Westens emporgehoben wurde und täglich hochgehalten wird,
  • in einem Land, das mehr Journalisten in Haftanstalten unterbringt als das geächtete China,
  • in einem Land, in dem Gefahren und Schäden nationalistischer Denkweisen zu Stolz und Gier statt zu Obacht Anlass geben.

Es geht um ein Land,

  • das seinen Christen das Leben bei jeder Gelegenheit schwer macht und sie durch fadenscheinige Erklärungen verhöhnt,
  • das einen nachgewiesenen Völkermord, und damit die höchste Form des Rassismus, erfolgreich inzwischen knapp 100 Jahre leugnet und nichtsdestotrotz immer noch den Status eines EU-Beitrittskandidaten bewahrt.

Das muss uns Deutsche, uns Europäer, etwas angehen!

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Kolumne auf 

HaySociety – Das armenische Magazin in Deutschland

 

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