Von Anspruchslosigkeiten, Spiegelfechtereien und Kleinmut

Warum wir uns nicht scheuen sollten, nicht jeden zu mögen und unsere Überzeugungen mit Worten zu verteidigen

Teil 1

Das dem Philosophen Sokrates zugeschriebene Zitat „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ hatte vor dem Zeitalter des technischen Fortschritts einen besonderen Erkenntniswert. Heute wird die antike Feststellung allenfalls als Scherz verwendet, wenn der Zitierende auf die in ihm steckende Allwissenheit verweisen möchte. Letztendlich ist in unserer Gesellschaft Omnipotenz selbstverständliche Voraussetzung. Sie wird ebenso erwartet wie vorgetäuscht. Dabei ist der Multitasker nicht selten ein Chaot und der Facility-Manager kein Ökonom, sondern ein Hausmeister.

Gleiches gilt für eine Art „Omni-Toleranz“ gegenüber Mitmenschen. Selbstverständlich mögen und verstehen wir, um als gesellschaftsfähig zu gelten, alle und jeden – zumindest offiziell. Wir äußern unsere Meinung im Rahmen der political correctness und achten darauf – außer bei der Kritik am amtierenden Regierungspersonal –, die Gefühle von niemandem zu verletzen. Dabei gehen wir anstandslos davon aus, dass jeder Mensch eigentlich die gleichen Wertvorstellungen haben muss und verschließen uns nicht selten, sehenden Auges, dem Offensichtlichen. Vor lauter Empathie manifestiert sich eine Wahrnehmungsverzerrung, die zur Relativierung bedenklichster Einstellungen und Handlungsweisen führt.

Anstatt Probleme ohne Umschweife anzusprechen, die fehlende Gegenleistung oder ein Entgegenkommen einzufordern, entschuldigen wir den Anderen statt genügsam dessen Verweigerung auszusprechen und köpfen lieber den Kritiker als Überbringer der schlechten Nachricht. Schließlich erfordert dies weniger Schneid als etwas ausdrücklich einzufordern oder eine Nichtleistung mit Konsequenzen zu belegen.

Dabei kann ein langfristiger Kompromiss nur dann gefunden werden, wenn keine Partei die Kraft besitzt, eigene Ziele konsequent und vollständig zu verfolgen. Eine im gesellschaftlichen Zusammenleben oftmals verpönte absolute Grundhaltung beider Seiten ist eigentlich zwingende Voraussetzung für zu vereinbarende Regelungen. Demjenigen, der meint, diese Stärke zu haben, muss mutig die eigene entgegengesetzt werden. Nur so kann man ernst genommen werden. Und dieser Respekt ist unabdingbare Voraussetzung für die Haltbarkeit eines gütlichen Mittelweges.

Besonders deutlich wird dies mit Blick auf die Integrationsdebatte.

Kontinuierlich steigt die Zahl der Sprachschulen, während die Anzahl der Deutsch beherrschenden Migranten sich nicht deutlich verbessert und Migrantenverbände weiter ihr Klagelied über zu geringe Förderung singen. Dabei muss man die Sprache einfach nur lernen wollen und ihr im eigenen Alltag einen Platz bzw. Wert schaffen. Der geförderte Sprachunterricht ist kein Patentrezept. Nicht wenige, die nicht nur das „B1“, sondern auch eine Einbürgerungsurkunde in der Tasche haben, können sich in ihrem persönlichen Alltag meist nicht auf Deutsch verständigen, geschweige denn einen an sie adressierten Brief verstehen und darauf antworten. Und das trotz 645 Unterrichtsstunden, finanziert vom Bundesverwaltungsamt, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und natürlich von der Arbeitsagentur.

Mit Radiosendungen, die ihren Schwerpunkt auf Nachrichten und Diskussionen, anstatt auf Musik legen, lernt man ebenso gut Deutsch wie mit Zeitungen, deren Artikel ganze Sätze beinhalten. Kostet nichts und bringt mehr! Statt sich am Arbeitsplatz nur mit Landsleuten anzufreunden, kann man auch den Kontakt zu deutschen Kollegen und Nachbarn pflegen und diese bitten, einem nicht gerade mit „Ausländerdeutsch“ entgegenzukommen.

Nichts anderes gilt für das von Gutmenschen entgegengebrachte Mitleid gegenüber der Gruppe „Gesund mit Migrationshintergrund“. Die Mitglieder dieser Kaste sind in der Regel bei vollem Verstand. Nicht jedes ihrer weiblichen Mitglieder wird misshandelt und unterdrückt, und nicht jedem Heranwachsenden kann eine Zugehörigkeitsschizophrenie attestiert werden. Obendrein, es mag für den einen oder anderen überraschend sein, gibt es unter ihnen sogar welche, die ausreichend über Geldmittel verfügen.

Findet jemand keine Anstellung, liegt es weniger am larmoyant vorgeführten Migrationshintergrund als vielmehr an den fehlenden Sprachkenntnissen und der damit einhergehenden mangelnden Bildung. Das muss ausgesprochen werden, anstatt am Thema vorbei anonymisierte Bewerbungsverfahren einzuführen.

Aber auch gute Sprachkenntnisse sind nur ein kleiner Schritt zur vollständigen Integration in diese Gesellschaft, denn sie schützen weder vor Nationalismus noch vor Ausländerextremismus. Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund vermehrt in der Kriminalstatistik auftauchen, wenn man bestimmte Viertel in einigen Straßen von Berlin bis Brüssel nicht im Anzug betreten darf, um niemanden zu provozieren und damit einhergehend seine körperliche Unversehrtheit nebst Laptop zu riskieren, dann hat die Politik zwar etwas falsch gemacht. Nur wie kommen manche auf die Idee, mit dem Verweis auf die missliche Situation der pubertierenden Tätergruppe, auf ihre Benachteiligung und schwierige Identitätsfindung, die Tat zu beschönigen oder zu entschuldigen? Hier ist kein Platz für ein neues Jugendzentrum mit Nachmittags-Beschäftigungsprogramm, sondern für das Strafrecht.

Sieht man genau hin, muss man feststellen, dass Schönfärberei und großmütige Nächstenliebe vor allem darauf beruhen, dass wir es verlernt haben, mit Bewertungen mündig umzugehen.

Diese, in einer liberalen Demokratie der Meinungsfreiheit entspringende, aus einer aktiven und einer passiven Komponente bestehende sog. Kritikfähigkeit, in der Theorie ein geschätztes Gut quer durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wird in der gelebten Praxis, überwiegend gebrandmarkt.

Durch Adjektive wie politisch korrekt oder schicklich (bei Frau Merkel heißt es „nicht hilfreich“) werden Dinge nicht beim Namen genannt. Bei der Kanzlerin mag es vielleicht auf wahltaktischen Überlegungen beruhen. Im Allgemeinen jedoch kann man es auf eine Arglosigkeit, gepaart mit einer Faktenresistenz, zurückführen. Mancherorts nennt man dieses Phänomen auch „Zensur“.

Das Denken wird mit dem Fühlen ersetzt, wenn nicht gar verwechselt. In der Folge gilt das, was bekanntermaßen für Vorgesetzte und Schwiegermütter gilt, auch für Migranten. Sie dürfen geliebt, gefördert und bemitleidet werden. Sobald man Probleme anspricht, riskiert man in der Regel zum Menschenfeind erklärt zu werden. Dies gilt selbst dann, wenn man niemanden beleidigt und auf einer sachlichen Ebene diskutiert. Es ist einfach unschicklich.

Zulässig ist allenfalls, die Integrationsprobleme in dieser Gesellschaft zu Einzelfällen zu erklären. Dass bestimmte Systeme, Mentalitäten und innerste Überzeugungen einfach ihrer Natur nach nicht zusammenpassen können, wird – oft auch wider besseres Wissens – öffentlich nicht anerkannt.

Auf die Idee, bestehende demokratische Prinzipien und bislang problemlos gelebte Traditionen des Abendlandes zu verteidigen, kommen wir vor lauter Rücksichtnahme gar nicht mehr. Oder warum sehen wir nur den deutschen Neonazi und nicht den „grauen Wolf“? Warum sollten die Gefühle muslimischer Kinder verletzt werden, wenn der Weihnachtsmann den Kindergarten besucht? Solange er alle Kinder gleich behandelt, in dem er allen ein kleines Geschenk gibt, gibt es kein Problem. Die Gefühle der Mehrheitsgesellschaft werden doch auch nicht verletzt, wenn sich bestimmte Menschen für einige Wochen dazu entscheiden, erst nach Sonnenuntergang Nahrung zu sich zu nehmen. Hier wird der Respekt vor der Überzeugung anderer mit dem Verzicht auf die eigene Überzeugung verwechselt, die der Leugnung eigener Identität gleichkommt.

Es ist wie bei einer in der Ehe geschlagen und misshandelten Frau, die angesichts ihrer eigenen Erfahrungen und ihrer Geisteshaltung, nämlich einer Kombination aus Schwäche und gewöhnlichen Vernunftmaßstäben, in ihrer Beurteilung sehenden Auges vom Weg abkommt: Sie geht zunächst und sehr lange davon aus, dass der Geehelichte ja gar nicht so schlecht sein kann, er wahrscheinlich selbst leide oder gar sie ihn fahrlässig zu schlagfertiger Argumentation treibe. Viel zu schnell verklärt sie seine Gewaltausbrüche und diagnostiziert ihm eine Störung bzw. einen Fehler im Erkenntnisapparat. Die Einsicht, dass das Gegenüber weder psychopathisch noch behandelbar ist, sondern schlichtweg bösartig, folgt meist erst nach mehrmaligen Krankenhausaufenthalten.

Denken wir auch an den Massenmörder Anders Breivik und die Diskussion um seine Schuldfähigkeit. Weil wir uns sein Grinsen nach der Tat nicht erklären konnten, waren sehr viele dazu geneigt, ihm vorschnell eine Geisteskrankheit zu attestieren.

Im Ergebnis unterliegt unsere Gesellschaft in ihrer Selbstherrlichkeit einem hausgemachtem (Selbst-)Täuschungsmanöver, welches den Bankrott eines moralphilosophischen Anspruches an den Menschen als denkendes Wesen ankündigt.

Dabei ist es schon manchmal zum Verzweifeln, welche niedrigen Maßstäbe wir uns setzen und es sodann immer wieder schaffen, diese selbst gesetzten Maßstäbe nicht nur zu unterschreiten, sondern unserem Gegenüber triumphierend als Erfolg zu verkaufen, weil dieser wiederum sich selbst tatsächlich weitaus niedrigere Maßstäbe gesetzt hat.

Anstatt durch stetiges, gar brennendes Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen, um eine Entwicklung zu erreichen, begnügt man sich mit Oberflächlichkeiten.

Viel zu schnell versprechen die einen, gewalttätige Salafisten abzuschieben, während die anderen sich dafür aussprechen, Pro-NRW-Karrikaturen zu verbieten. Beides geht nicht. Nur sagt das kaum einer.

In einer liberalen Demokratie ist es erlaubt, sich über fast alles und jeden lustig zu machen. Das Zeigen einer Karikatur ist durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit geschützt. Sicher, schön ist es nicht, wenn für bestimmte Gruppen als heilig wahrgenommene Propheten Grundlage des Spottes bieten. Auch kein Christ findet es schön, wenn man Jesus-Witze erzählt. Man muss es ja auch nicht gut finden, aber erlaubt ist es trotzdem.

Erlaubt man nämlich die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit religiösen Personen oder Symbolen, muss der säkulare Staat, um keine diskriminierende Wertung vorzunehmen, jede Religion nebst Symbolik in die einschränkende Regelung mit einbeziehen. Selbst die Begrenzung auf die sog. drei Weltreligionen und damit etwa die Ausklammerung der Hindus oder der Buddhisten und der verschiedenen Naturreligionen, wäre dem Staat unter dem Gesichtspunkt des Gleichheitsgrundsatzes nicht erlaubt.

Dem liberalen, säkularen Staat bleibt neben einer nominatio dei lediglich die Hoffnung, dass die Gesellschaft von einem gemeinsamen ethischen Standpunkt ausgeht und Nichtgläubige den Gott des Gläubigen ebenso respektieren wie Gläubige den Nichtglauben des Atheisten.

Man kann einen Salafisten eben nicht einfach abschieben, selbst wenn dieser auf eine Karikatur blickend Gewalt gegenüber Polizisten anwendet. Gesetzt den Fall man hat sich nach zäher Verhandlung und entsprechender Verurteilung für die tatsächliche Abschiebung entschieden. Selbstverständlich müsste es sich dann um einen Salafisten mit Migrationshintergrund und nicht um einen Konvertiten mit deutschen Wurzeln handeln. Hinzu kommt, dass es sich bei dem Betroffenen Migranten um keinen Asylberechtigten oder Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention handeln dürfte, da die legale Abschiebung das Leben und die körperliche Unversehrtheit des Abzuschiebenden nicht gefährden darf. Handelt es sich bei dem Betroffenen damit um jemanden, der mit seinem „blauen Pass“ nicht in sein Herkunftsland einreisen kann, etwa wegen seiner Asylgeschichte oder der aktuellen lebensgefährlichen Situation des Heimatlandes (aktuelles Beispiel: Syrien), bleibt lediglich der deutsche Strafvollzug.

Die gilt erst recht, wenn der Betroffene zwar eine Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik hat, aber wegen seiner nicht nachweisbaren Identität, in seinem „grauen Pass“ mit entsprechendem Vermerk, von der in Deutschland befindlichen diplomatischen Vertretung seines Heimatstaates keinen Nationalpass ausgestellt bekommt, weil nicht nur mit dem Botschaftsmitarbeiter eine entsprechende Vereinbarung existiert, sondern auch dem Usus entsprechend, nach Einreise in die BRD und vor Einreichung des Asylgesuchs sämtliche auf die wahre Identität hinweisende Dokumente vernichtet worden sind.

Selbst wenn die Medien kritisch, und noch vor einigen Wochen wahlkampftaktisch, über solche Forderungen berichteten, ist der an dieser Stelle notwendige gesellschaftliche bzw. mediale Aufschrei ausgeblieben. Die hiesige Gesellschaft hat sich mit gutklingenden Oberflächlichkeiten zufrieden gegeben. Vielleicht hat der eine oder andere mit einem „ja,ja … versprechen können die viel“ vom Fernseher nach der Flasche Bier oder dem Glas Wein gegriffen, aufgestanden ist keiner.

Facebook-Demokratie

Viel zu oft verstecken wir uns hinter der Schnelllebigkeit der Moderne. Alle sind wir „gestresst“ oder latent „burn-out-gefährdet“ und nutzen die wenige Zeit im Alltag „zur Erholung“. Mal abgesehen vom Workaholic  –  ist das wirklich so? Oder hängen wir über Stunden vor der Playstation, der Facebook-Seite oder dem Shopping-Kanal?

Zeit ist eines unserer kostbarsten Güter und ihre wirtschaftliche Nutzung unabdingbar für das Vorankommen eines jeden. Doch es scheint, als habe man nicht einmal das sprichwörtliche „Zeit ist Geld“ richtig verstanden, da wir diese „Geldquelle“, also unseren Intellekt bzw. eine kritisch denkende Wesensart mit einem gesunden Maß angeborener Neugier, vernachlässigen und verkommen lassen.

Zur Tarnung eigener Schwächen präsentieren wir viel zu oft vermeintliche Beweise, wie etwa die Auskunft einer vermeintlichen Autorität, die Zustimmung vieler oder die Beipflichtung eines Betroffenen. Im Rahmen sogenannter „Israelkritik“ wird z. B. gern auf den „zustimmenden Freund jüdischen Glaubens“ verwiesen, um den Gesprächspartner von der Richtigkeit des eigenen Vorschlages zur Konfliktlösung zu überzeugen und gleichzeitig dem Vorwurf des Antisemitismus vermeintlich den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Oder versuchen sie jemandem zu erklären, dass Beispiele nichts beweisen und sie werden nicht nur Widerspruch ernten. Man wird IHNEN spöttisch Unkenntnis vorwerfen. Größte Aussichten auf einen Durchsetzungserfolg hat hingegen derjenige, der seine Positionen mit dem erhobenen Zeigefinger einer moralischen Beweisführung unterstreichen kann. Mit dem Hinweis auf die moralische An- bzw. Unangemessenheit, rechtfertigen wir unsere Entscheidungen uns und anderen gegenüber, verklären damit den Status quo um letzten Endes das Verhalten der anderen zu unseren Gunsten zu manipulieren.

Würden wir nicht so viel Zeit etwa mit Tagträumen, Computerspielen oder dem Zwitschern über das Jetzt verschwenden, hätten wir auch endlich Zeit und Muße für tiefergehende, mühevolle Gedankengänge, die uns vielleicht doch nach „oben“ bringen.

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