Türken vor den Toren Paris

Die Osmanen scheiterten vor den Toren Wiens 1529 und 1683. Ihre Enkel standen im März 2006 vor den Toren Berlins. Sie demonstrierten mit mehr als 2000 Teilnehmern für eine Neubewertung der Geschehnisse in den Jahren um 1915. Sie erinnerten an den Tod von Talat Pascha, dem Innenminister des osmanischen Reiches, dem neben Enver und Cemal Pascha die Hauptverantwortung an dem Völkermord zukommt. Am 15. März 1921 wurde Talat Pasha von Soghomon Tehlirian, einem Armenier, der schwer verletzt den genozidalen Übergriffen entkam, auf der Hardenbergstrasse in Berlin-Charlottenburg erschossen und in der sich anschliessenden Verhandlung trotz Geständnis freigesprochen. Talat Pascha gilt in der Türkei als Nationalheld. Die Berliner Demonstration wurde seinerzeit als Kulturfest beworben.

In Deutschland hatten die Demonstranten mehr Glück als ihre Vorfahren. Die Bundesrepublik hatte den Völkermord 2005 weder anerkannt noch explizit geleugnet. In der BT-Drucksache 15/5689 wurden die Massaker und Vertreibungen bedauert, der Begriff des Völkermordes wurde jedoch vermieden. 2010 folgte die BT/Drs. 17/687, die einen weiteren Schritt zurückging als die ihr vorangegangene Resolution. Man lobte die Offenheit zu dem Thema in der Zivilgesellschaft und äußerte sich wohlwollend über türkische Demokratie- und Reformprozesse. Fragen und Antworten der Resolution schienen aus zwei verschiedenen Drehbüchern zu stammen. Völkermord? Wieso Völkermord?

Hierzu der offene Brief der Assembly of Armenians of Europe und die zu bedauernde Antwort des Bundestages.

Nun ist Frankreich an der Reihe. Wie bei allen Staaten, die bislang den Völkermord als solchen anerkannt haben, wurden die türkischen Botschafter aufsehenerregend abgezogen und nur einige Wochen später wortlos wieder entsandt. Die türkische Bevölkerung ist da einige Dezibel lauter.

Schon am 21.12.2011 gab es in Berlin Proteste vor der französischen Botschaft. Der Vertreter des „Vereins zum Gedankengut Atatürks in Berlin“ Niyazi Öncel, bezeichnete das Vorhaben als Einschränkung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit.

Gestern waren die türkischen Nachrichten noch mit den Demonstrationen in Istanbul beschäftigt. Wir sind alle Hrant Dink. Wir sind alle Armenier. Keiner rief „Der Völkermord ist anzuerkennen“. Die fortschrittliche Zivilgesellschaft.

Heute versammelten sich schätzungsweise 30 – 40.000 türkische „Europäer“ aus allen vier Ecken des Abendlandes in der Stadt, in der Liberté, Égalité, Fraternité als grundlegende Werte und Ideen der AUFKLÄRUNG ausgerufen wurde.

Yarentürkhaber titelt mit „Türkentag in Paris“. 526 voll besetzte Busse aus Deutschland und Belgien, aus England und ganz Frankreich, eine unzählige Menge türkischer Mitbürger, die mit dem eigenen Auto angereist sind, und natürlich die französischen Bürger mit türkischem Migrationshintergrund sowie die Franzosen türkischer Herkunft. In Stuttgart, Mannheim und Frankfurt wurden Busse für die Fahrt ins Grüne gechartert. War auch ihr Nachbar oder der Gemüsehändler von nebenan dabei? Fragen sie ihn doch einfach mal und lassen sie sich überraschen.

Nein, mit meinem letzten Satz betreibe ich keine Volksverhetzung. Ich beziehe mich auf die Bilder, die auf türkischsprachigen Seiten im Internet zu sehen sind. Der Verein zur Förderung Atatürks aus Frankfurt war dabei, die Maresal Fevzi Cakmak – DITIB Moschee aus Germersheim war auch dabei.

Und ich beziehe mich auf die Aussagen der Demonstranten und ihre Sprecher, die laut verkündeten: „In Europa leben fünf Millionen Türken. Weder Frankreich, noch Europa hat Gefängnisse, die fünf Millionen Menschen aufnehmen würden“.

Vorbei an Sainte-Anne Centre Hospitalier, dessen Hauptbetätigungsfeld die psychiatrische und neurologische Pflege ihrer Patienten ist, zogen sie in Richtung Senat um gegen die am Montag bevorstehende Abstimmung, mit der über Strafbarkeit der Leugnung von in Frankreich anerkannten Völkermorden entschieden wird, zu demonstrieren.

Der Sprecher der türkischen Föderation Frankreich, Hikmet Türk, dankte Sarkozy, für die Zusammenführung, nein Vereinigung, der in Frankreich und Europa lebenden Türken. Ohne sein Gesetzesvorhaben, wäre diese Zusammenkunft, nicht gelungen. Der Vorsitzende des anatolischen Kulturvereins Paris, Demir Önger, verkündete ebenfalls stolz seine Freude über die Anzahl so vieler Türken auf einem Platz. Er erhob sich zum Verteidiger der Grundsätze der Republik Frankreich und plädierte für ein freundschaftliches und friedliches Miteinander zwischen dem türkischen und armenischem Volk. Die Kundgebenden erklärten, sie liebten dieses Land gerade wegen seiner Menschenrechte und Freiheiten wegen. Aber jetzt müsse sich ein so grosses Volk ganz allein gegen französischen Nationalismus und armenischen Faschismus wehren. Sie betonten, dass auch unter ihnen Franzosen mit Wahlrecht existierten.

Zu lesen war auf den Protestfahnen, dass die türkische Flagge ihre Ehre sei, und derjenige der sich an ihr vergreife, bestraft werde. Natürlich war gerade dies nur in türkischer Sprache zu lesen.

Ein Meer roter Fahnen, vereinzelt französische, aber auch einige grünweisse Fahnen mit rotem Mond & Stern sowie blaurotgrüne Flaggen mit dem weissen Mondstern, völkermordleugnende Parolen und Demonstranten mit osmanischer Kopfbekleidung (Fez) sprachen zwar eine nichtfriedliche Sprache, aber sei`s drum.

Das ist einfach die türkische Art der Französischen Revolution. Leugnungsfreiheit, Gleichheit in der osmanischen Abstammung, Brüderlichkeit mit Algerien und Aserbaidschan.

Parallel zu dieser Massenkundgebung organisierte die Französisch – Türkische Industrie- und Handelskammer eine Online-Unterschriftenkampagne, die dem Senat vorgelegt werden soll. Darin fordern die Vertreter der Wirtschaft den Senat auf, gegen den Gesetzesentwurf zu stimmen.

Der etwa vier Stunden andauernde Marsch endete gegen 17.00 Uhr mit der Nationalhymne. Die Menschen gingen friedlich auseinander.


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