Der Völkermord an den Armeniern ist keine religiöse Frage

Anlässlich der Entscheidung des französischen Parlamentes, die Leugnung von Völkermorden, auch und nicht nur des Völkermordes an den Armeniern, unter Strafe zu stellen, ist in turkophilen Wirkungskreisen ein nicht zu übersehender Missbrauch zu beobachten: Der Völkermord an den Armeniern wird aus religiöser Solidarität faktenresistent geleugnet. Kreativer Urheber dieser neuen Brüderlichkeit ist Recep Tayyip Erdogan höchstpersönlich und nichts ist ansteckender als ein schlechtes Beispiel.

Die Türkei genießt in der arabisch-islamischen Welt immer mehr Ansehen. Dies war nicht immer so. Ein islamisches Land, dass die Trennung von Staat und Religion proklamiert(e), eine alkoholische Flüssigkeit zum Nationalgetränk erklärt und in seinen Serien um Liebe, Betrug und Intrige auch vor einer detaillierten Vergewaltigungsszene nicht Halt macht, dürfte aus religiöser Sicht eigentlich nicht als besonders vorbildlich gelten.

Nun versteht sich Ministerpräsident Erdogan jedoch als Meister der Spiegelfechterei. In Zeiten des arabischen Umsturzes, in denen westliche Demokratiemodelle zu Lasten der USA und Europa von führenden religiösen Gruppierungen als ungeeignet bewertet werden, ist es für die Türkei nicht sehr schwer sich zum Ideal einer neuen Staatsordnung zu erklären. Hinzu kommt die neu errungene Feindschaft zu Israel, mit welcher Recep Tayyip Erdogan nicht wenige Anhänger auf arabischem Terrain findet.

Die Mustergültigkeit der türkischen Staatsform wird großzügig zurecht geschneidert. Dass mit 97 Personen aktuell mehr Journalisten in Haft sitzen als in China, ist nicht undemokratisch oder menschenrechtsfeindlich, sondern lediglich Staatsschutz im Rahmen polizei- und ordnungsbehördlicher Maßnahmen. Diese Art der wehrhaften Demokratie ist dermaßen vorbildlich, dass sich der Ministerpräsident erlaubt, der Bundesrepublik Deutschland vorzuschlagen, seiner Vorgehensweise bei der Bekämpfung illegaler Organisationen innerhalb des Staates (gemeint ist die Affäre um den Verfassungsschutz) zu folgen.

Erdogans neuester Clou ist die Leugnung des Völkermordes durch religiöse Solidaritätsbekundungen zu untermauern. Den Grundstein hierzu legte er bereits im Herbst 2009, als er den vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesuchten sudanesischen Staatspräsidenten Omar al-Baschir in der Türkei willkommen hieß und verkündete, dass ein Muslim keinen Völkermord begehen könne.
Mit Sicherheit wird sich al-Bashir für dieses Plädoyer bereits bedankt haben. Die französische Resolution bietet jedoch dankenswerter Weise eine gute Möglichkeit diese Freundschaft zu pflegen. Das Vorhaben, die Leugnung von Völkermorden unter Strafe zu stellen, wurde von der sudanesischen Regierung verurteilt. Die französische Entscheidung verzerre die islamische Geschichte und blockiere den Weg der Türkei in die EU. Der Sudan appelliere an die gerechten, friedlichen Staaten dieser Erde, bereits die Versuche Hass zwischen religiösen oder ethnischen Gruppen zu schüren, zu vereiteln. Hier wird, ganz nach Art Erdogan das Recht auf Leugnung zur Meinungsfreiheit und das Verbot der Leugnung zu anti-islamischem Rassismus erklärt. Die französische Anti-Rassismuss-Resolution wird zur Anstiftung zur Volksverhetzung aus religiösen Gründen  erklärt.

Tariq Ramadan, ein im Westen angesehener Schweizer Islamwissenschaftler ägyptischer Herkunft, geht mit seiner Kritik an Frankreich und der Befürwortung einer Historiker-Kommission in eine ähnliche Richtung. Nach Ramadan sei die Strafbewährung der Leugnung weder weise noch wissenschaftlich, sondern eine Instrumentalisierung des Genozids für nicht offengelegte politische Zwecke. Die von Erdogan und al-Bashir noch ausdrücklich zu religiös motiviertem Rassismus erklärte Entscheidung wird hier zwar geschliffener formuliert, entpuppt sich jedoch bei genauerem Hinsehen zum Schlag in die gleiche Kerbe.
Ramadan bedient sich der manipulativen Rhetorik. Die suggestive Frage, ob es tatsächlich einen ernst zu nehmenden Historiker gebe, der zustimmte, dass die Forschung und das Studium der Vergangenheit durch die Gesetzgebung geregelt und kriminalisiert werden könnten, drängt den Befragten dazu, eine bestimmte Antwort zu geben und beinhaltet damit bereits faktisch das „nein“, auf das diese Frage abzielt. Gleichzeitig unterstellt er der französischen Resolution die Absicht Geschichte zensieren zu wollen. Doch es geht hier (anders als bei Art.301 des türk. Strafgesetzbuches) nicht um eine staatliche Zensur der Geschichtsaufarbeitung, sondern um die Verhinderung der Leugnung von Fakten.
Ramadan geht noch weiter: So sollte man anerkennen, dass das Recht Entscheidungen zu diesem Thema zu treffen, der Türkei zuzusprechen sei. Die türkische Regierung habe sich zu Recht für die wissenschaftliche Forschung durch eine Historiker-Kommission und die Eröffnung einer entsprechenden Debatte entschieden. Damit habe sich die Türkei redlich gegen eine politisch motivierte Auslegung der Geschichte entschieden. Hier wird die politische Motivation zur Leugnung (nämlich die Wahrung der weißen Weste als entscheidendes Element des türkischen Nationalbewusstseins) unverhohlen auf Frankreich projiziert, um die nicht offengelegten politischen Absichten (der Vorwurf der religiös bedingten, rassistischen Maßnahme) scheinbar zu untermauern. Die französische Entscheidung sei letztendlich gerade mit Blick auf die neu eröffneten Kanäle konstruktiver Debatten, kontraproduktiv. Schließlich sei diese politische Handlung eher das Ergebnis unsauberer Gefühle gegenüber der Türkei als das edle Streben nach historischer Wahrheit.

Auch die Islamic Conferece Youth Forum (ICYF) bedauert die ungerechte Entscheidung Frankreichs. Die Begriffe Islamophobie, Rassismus, innenpolitische Motivation und Meinungsfreiheit fehlen auch in dieser Stellungnahme nicht. Das ICYF geht sogar soweit, für eine Ablehnung im Senat zu appellieren, da diese Entscheidung eine neue Welle des Misstrauens zwischen Europa und der muslimischen Welt bewirken werde. Ruft dieses Forum religiöser Jugend tatsächlich dazu auf, den Opfern von Völkermorden den Anspruch der Verstorbenen auf Achtung ihres Leidensweges zu verweigern, damit die Welt in Frieden leben kann? Wenn dieser Jugend die Zukunft gehören soll, sollte man sich warm anziehen.

Aserbaidschan lässt sich die Gelegenheit zur eigenen ausführlichen Anklage in den eigenen Medien selbstverständlich ebenso wenig entgehen.

Irgendwie scheinen sich hier ausgewählte Gemüter einig zu sein. Es gehe um einen ungerechtfertigten Angriff auf die islamische Welt, vertreten von der Türkei. Denkt einer dieser Kritiker auch nur einen Moment an die 1,5 Mio Opfer, die ihr Leben vor über 95 Jahren unter grösstmöglicher Grausamkeit verloren haben, während sie sich selbst medienwirksam zu Opfern stilisieren? Ist es nicht möglich, dass Sarkozy und die Franzosen bei dieser Entscheidung ausnahmsweise nicht an den Islam gedacht haben; zumal sich die Resolution auf alle Völkermorde und nicht explizit auf den der Jungtürken bezieht? Ist es nicht möglich, dass das französische Parlament die Nachkommen der Opfer vor nationalistischen Übergriffen, ähnlich der Attacke auf Valerie Boyer schützen wollte.

Der Völkermord an den Armeniern ist keine unter religiösen Aspekten zu beurteilende Frage. Zum einen geht es bei der Betrachtung der Geschehnisse um Fakten. Die Gewalttaten sind nachweisbar ebenso wie die Absicht ein ganzes Volk zu vernichten. Zum anderen ging es damals nicht um Glaubensfragen. Es ging nicht um einen Prophetenstreit und die Islamisierung ungläubiger Christen. Die Islamisierung war lediglich die einzige Möglichkeit der Tötung zu entkommen bzw. das Weiterleben zu sichern.

Sehr eindrucksvoll in diesem Zusammenhang ist der Film von Suzanne Khardalian „Grandma’s Tattoos“ zu sehen auf AL-JAZEERA, einem der international bekanntesten arabischen Sender.

Der Völkermord an den Armeniern war ebenso wenig religiös bedingt, wie der Holocaust auf einem Streit zwischen Thora und Bibel beruhte. Täter und Opfer an dieser Stelle lediglich nach ihrer Religion zu qualifizieren, ist zu einfach.

Auch der anhaltende kurdisch-türkische Konflikt zeigt die nationalistische und von religiösen Fragen unabhängige Dimension des Völkermordes. Einstige Verbündete (die Kurden arbeiteten an der Realisierung der jungtürkischen Ideologie mit) wurden 1923 bei der Unterzeichnung des Laussaner Vertrages, also kurz nach Abschluss des corpus delicti, entgegen ausdrücklich kurdischem Wunsch nicht als eigene Minderheit anerkannt und wurden Opfer sog. Türkisierung. Ginge es bei dem ursprünglichen Zusammenschluss um die Religion, ist nicht nachzuvollziehen, warum der Bruder im Glauben nach Beendigung seines Dienstes fallen gelassen wurde.

Das osmanische Reich genießt in der islamischen Welt, als eines der letzten großen Kalifate, eine hohe Anerkennung, da der Religion bei der Führung und Organisation des Reiches eine wesentliche Bedeutung zukam. Die überwiegend militärisch geprägte Monarchie, setzte sich von Anfang an das Ziel, das sog. Reich des Islam durch Eroberung von Territorien zu erweitern. Die für den Völkermord verantwortlichen Jungtürken waren jedoch eine eigene politische Bewegung innerhalb des späten osmanischen Reiches.
Die Besetzung Bosnien-Herzegowinas 1878, die Ausrufung der Unabhängigkeit in Bulgarien 1908, die Balkankriege in den Jahren 1912 – 1913 und der Anschluss Kretas an Griechenland führten zu immer stärker werdenden Existenzängsten im osmanischen Reich. Die Angst vor den Russen sowie christliche Bemühungen um Gleichberechtigung radikalisierten die Jungtürken um ein weiteres Moment. Der Wunsch nach kultureller und politischer Einheit, formuliert von Ziya Gökalp, erlaubte dem religiösen Gedanken lediglich als unausgesprochenes Grundprinzip zur Geltung zu kommen. Die Staatsform mit religiösem Konzept wurde zu einer konstitutionellen, weltlichen verwandelt, um die Macht des Sultans, des islamischen Herrschers, einzuschränken. Die um die Jahrhundertwende vom Zerfall bedrohte Monarchie sollte durch Modernisierung neue Kraft finden. Die Bewegung formierte sich zur Partei für Einheit und Fortschritt (Ittihad-ve-terraki), die erstmals 1908 durch die jungtürkische Revolution, dann wieder durch einen Militärputsch 1913 an die Macht kam. Ihre Krönung fand sie einige Jahre später bei der Organisation der nationalen Bewegung Atatürks, der bekanntermaßen die, laizistische Trennung von Staat und Religion einführte.

Das jungtürkische Triumvirat zwischen Enver-Cemal-Talat-Pascha, dem für den Völkermord an den Armeniern entscheidende Verantwortung zukommt, begründete seine Vernichtungsabsicht im gleichen Sinne nicht mit religiösen, aus dem eigenen Glaubensbuch abgeleiteten Argumenten. Es sah sich vielmehr als Architekt und Schöpfer eines neuen türkischen Großreiches. Eine rein nationalistische, rassistische Orientierung, begleitet von Verschwörungstheorien und Missgunst, führte zur Ermordung von Millionen Menschen, die Armenier und nur zufällig Christen waren.

Dieser Nationalismus nährte sich vor allem aus den, zwischen Muslimen und Christen bestehenden und gegen Ende des osmanischen Reiches stärker werdenden, sozialen Unterschieden. Teuer bezahlte Kriegsverluste führten in unüberwindbare Abhängigkeiten zu den europäischen Staaten. Aufgrund der Zinsbelastung wurde 1875 die Insolvenz des Kalifats erklärt. Verkehrstechnische und infrastrukturelle Probleme konnten trotz außerordentlichem Einsatz der wilhelminischen Wirtschaft nicht behoben werden. Zudem fehlte den Osmanen eine unternehmerische Mentalität. Der Unternehmer war in der Gesellschaft des osmanischen Reiches nicht so hoch angesehen wie der dem Staat dienende Offizier oder Beamte. Konsequenterweise waren die wenigen privaten Unternehmen im Besitz von christlichen und jüdischen Minderheiten.

Im Unterschied zur osmanischen Bevölkerung ging es den Nichtmuslimen, wie etwa den Armeniern, trotz steuerlicher Diskriminierung finanziell verhältnismäßig gut. Bei den Osmanen waren bestimmte Berufe unpopulär. Der Beruf des Bäckers etwa wurde zur religiösen Verfehlung erklärt. Man sündige, wenn man auf das sich zwangsläufig auf dem Boden befindliche Mehl trete. Also ergriffen die christlichen Minderheiten diesen profitablen Beruf und konnten sich lange die steuerliche Diskriminierung leisten. Die in den westlichen Städten meist als Kaufleute und Juweliere arbeitenden Christen wurden um ihren Wohlstand, ihre kaufmännische Erfahrung und um ihre internationale Handelsbeziehungen beneidet. Armenier etwa verfügten über ein eigenes, hochwertiges Schulsystem, bildeten viele Gelehrte und Ingenieure aus. Auch im Südosten, etwa in Adana (Adanayi Voghperke) bildeten die Armenier die wohlhabende Gesellschaftsschicht der Stadt, denn sie hatten die Produktivität der Landwirtschaft durch Anwendung moderner Technik erhöht.

Um die Abhängigkeit von den europäischen Mächten zu lösen, und der Bevölkerung ein Gefühl von Kraft zu verleihen, besann man sich des eigenen Nationalbewusstseins, v.a. in Form einer nationalen Ökonomie mit dem Ziel einer rein osmanischen, gehobenen Gesellschaftsklasse. Dieses jungtürkische Leitbild verhalf entscheidend bei der Mobilisierung der Massen. Der Verwirklichung dieses Leitbildes diente das Vermögen der christlichen Minderheiten.

Durch Massaker und Deportation wurde den Armeniern ihr Besitz weggenommen. So war etwa die Beschlagnahme und Aneignung christlichen Eigentums für Heereszwecke einer der wesentlichsten Maßnahmen der Wirtschaftspolitik von 1914.
Armeniern, die für die Deportation in die syrische Wüste bestimmt waren, wurde aufgegeben, ihr Eigentum zu versilbern. Als Käufer boten sich dann einheimische Osmanen, die, wissend um den auf dem Verkaufsangebot liegenden Veräußerungszwang, weiter unter Wert bezahlten. Besonders perfide ist die Beobachtung des österreich-ungarischen Konsuls von Bursa, der beschreibt, dass die Menschen gezwungen wurden ein Dokument zu unterschreiben, nach welchem sie dem Verkauf freiwillig zugestimmt und eine entsprechende Entschädigung erhalten hätten. Am Ausgang habe dann ein Funktionär das Geld zurück verlangt und es wieder in den Sack gesteckt, mit dem dann der nächsten Armenier bezahlt worden sei.

Genau an dieser Stelle ist deutlich zu erkennen, dass die heute von türkischer Seite hervorgebrachten „Belege“ für die Widerlegung einer staatlichen Tötungsabsicht und entsprechender Organisation von Deportation und Völkermord, anders als die Berichte internationaler Beobachter, keinen Wert haben können. Gleiches gilt für die von der Türkei befürwortete Historiker-Kommission, die ein bestimmtes Ergebnis zur Vorgabe hat und sich dieser Archivale bedienen soll. Der Türkei geht es mitnichten um eine offene Debatte und noch weniger um das edle Streben nach historischer Wahrheit, um die Worte Tariq Ramadans zu wiederholen. Historisch nachgewiesene Fakten sind nicht zu debattieren, sondern anzuerkennen. Ex iniuria ius non oritur.

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