Demokratische, Linke, Europäische und andere Freunde der Türkei

Der Völkermord an den Armeniern ist in aller Munde. Mal wieder. Endlich wieder. Wegen Sarkozy. Dank Sarkozy. Doch diesmal geschieht etwas, was bislang nicht oder zumindest nicht in solcher Auffälligkeit zu vernehmen war. Auch nicht am 24. April der vergangenen Jahre. Alle melden sich zu Wort.

Die Befürworter der aktuellen französischen Resolution, nach der die Leugnung des Völkermordes mit einer einjährigen Haftstrafe oder einer Geldstrafe in Höhe von 45.000 € geahndet werden soll, weisen vor allem vorsichtig darauf hin, dass das Gesetz strenggenommen noch der Annahme durch den Senat bedarf. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Die Angemessenheit der Strafbewährung rassistischer Äußerungen versteht sich von selbst. Anti-Rassismus-Gesetze dieser Art verhindern im Idealfall die öffentliche Hetze zu Lasten verschiedener Bevölkerungsgruppen. Im Realfall mag lediglich eine Zügelung erreicht werden, doch auch sie ist willkommen. Ausführungen zu nachweisbaren Tatsachen sind vom Schutz der Meinungsfreiheit nicht umfasst. Selbstredend.

Viel interessanter und auch wichtiger sind die Reaktionen der Anderen auf die französische Initiative :

Allem voran wird über die mit Inbrunst präsentierten Ausfälle des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Befehlsempfänger berichtet. Erdogans Jähzorn ist ebenso amüsant wie gefährlich. Nach dem Motto „bellende Hunde beißen nicht“ nimmt man die türkischen Drohungen wahrscheinlich nicht allzu ernst. Frankreich war im vergangenen Jahr, nach Deutschland der wichtigste Partner im internationalen Kapitalverkehr und ist zudem der viertwichtigste Handelspartner für den türkischen Export. Das bilaterale Handelsvolumen ist mit rund zwölf Milliarden Euro nicht zu unterschätzen. Zudem brauchen die türkischen Bürger ihre Arbeitsplätze beim Renaultwerk in Bursa und den dazughörigen sieben Filialen landesweit. Auch eine Schließung der 650 Supermärkte des Handelsriesen Carrefour wird sich der türkische Wirtschaftstiger nicht erlauben können.

Der gemeine Anbeter des Gründungsvaters wird all dies außer Acht lassen. Es geht im doch um die Ehre seines Vaterlands. Aufgrund der Überhöhung seiner eigenen Herkunft wird er mutigen Schrittes nicht mehr nach französischen Waren greifen. Die Türkei ist schließlich von Bedeutung, hat andere Partner und Freunde. Sie ist der Beweis, dass theokratische Demokratie kein Oxymoron ist. Wenn es um die Reinheit der eigenen Weste geht, ist die Türkei bereit einiges in Kauf zu nehmen. Und wenn es sein muss, ist sie sich selbst genug. Die Globalisierung muss man nicht all zu ernst nehmen, wenn man seine Leute gleichmässig auf Gottes Erde verteilt. Der türkische Europaminister Egemen Bagis weiss das. Er kennt seine Leute, und betont in seiner Kurzsichtigkeit fast stolz, dass sie weder einen offiziellen Aufruf zum Boykott französischer Waren noch ein Importverbot bräuchten. Aus reinem Pflichtgefühl würden sie wissen, wovon sie die Hände zu lassen hätten. Ein Verstoß gegen die Bestimmungen der EU-Zollunion, welcher die Türkei seit über 15 Jahren angehört, brauche man damit gar nicht erst zum Vorwurf erheben.

Ja, die Türkei hat Freunde. Erstaunlich sonderbare.

Plötzlich wird wieder diskutiert, ob die Geschehnisse als Völkermord zu qualifizieren sind. Zweifel werden angeführt. Eine Historikerkommission wird befürwortet. Dabei ist zu befürchten, dass die meisten Diskutanten sich mit den Ereignissen bis dato nicht beschäftigt haben. Sie haben wahrscheinlich weder Bücher hierzu gelesen noch die in Berlin jedem zugänglichen Beweise eingesehen. Auch der Dokumentarfilm „Aghet“ von Eric Fiedler dürfte den meisten unbekannt sein. Man fragt sich, ob die Leugnung einer Strafe würdig oder vom Menschenrecht der Meinungsfreiheit umfasst sei. Dass diese Argumentationslinie mit einer von Rassisten wesentlich geprägten Rechtfertigung der Holocaust-Leugnung einhergeht, merkt kaum einer. Nein, es geht selbstverständlich nur um die demokratische Bestimmung von Freiheitsrechten.

Feindbild Staat wird etwa von den Linken bemüht. Selbstverständlich wird kein Völkermord geleugnet. Ausdrücklich erkennt Anton Holberg von Scharf – Links,  etwa den Völkermord an den Armeniern als solchen an. Er bemüht den Wortlaut der UN-Konvention. Linke sind schließlich Menschen-, Minderheiten-, und Benachtei3ligten-Freunde. Nur eines ist bedauerlich: Er missbraucht die aktuelle Debatte um den Genozid an den Armeniern, um seiner „Israel-Kritik“ eine Tür zu öffnen:

Zitat:   „So könnte etwa jeder Krieg zwischen unterschiedlichen Ethnien und oder „Rassen“ unter Punkt a – c fallen, auch wenn keineswegs beabsichtigt ist, die jeweilige Ethnie/Rasse/nationale Gruppe wegen vermeintlicher „Minderwertigkeit“ odgl. auszulöschen, sondern z.B. „nur“ ein bestimmtes Gebiet z.B. für eigene Siedler zu leeren (Beispiele: Indianer in Amerika, Palästinenser in von Israel beanspruchten Regionen). Dass rassische u. dgl. Motive außerdem bei vielen Tätern ein Rolle spielten, ist eine dabei eine andere Frage.

Hier wollte scheinbar jemand unbedingt etwas hineinlesen lassen, ohne Schmerzgrenzen zu beachten. Ein Manipulationsversuch, der aufzeigt, dass antisemitische Tendenzen bei einigen Linken durchaus vorkommen.

Auch wenn jeder Krieg zu bedauern ist, weil er Menschenopfer zur Folge hat, ist nicht jeder Krieg ein Völkermord nach der UN-Konvention. Erforderlich ist die nachweisbare Absicht eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. An dieser Stelle den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern als Beispiel anzuführen, zeugt nicht nur von Unkenntnis.

Holberg subsumiert das Verhalten des israelischen Staates unter Art. II Nr. a – c der UN-Völkermord-Konvention und unterstellt Israel die Absicht der völligen oder teilweisen physischen Zerstörung der palästinensischen Bevölkerung . Damit erklärt er, quasi aus einer selbstverständlichen Logik, den Konflikt zum Völkermord, und Israel zum alleinigen Täter.

Holberg versteckt seine Kritik in einer vermeintlich logischen Erklärung und umgeht damit die kritische Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Hierdurch entsteht ein verzerrtes Bild, in welchem die Palästinenser mit den Armeniern und Juden gleichgesetzt werden. Ein Vergleich zeigt jedoch etwas anderes :

  • Anders als die Osmanen und Nationalsozialisten unterbreitet Israel wiederholt Friedensangebote an die Gegenseite.
  • Anders als die Armenier und Juden, sind die Kampfhandlungen der Palästinenser alles andere als unerheblich. Armenische Fedayis kämpften ausschließlich gegen die türkischen Soldaten und Offiziere sowie gegen Freiwilligenbanden der dem Staat zuzuordnenden Teskilat-i-Mahsusa. Die Widerstandsbewegung im Dritten Reich richtete sich ebenfalls ausschließlich gegen das Regime und die direkt verantwortlichen Akteure. Angriffe auf die Zivilbevölkerung, auf Schulen und Kindergärten, auf Cafe-Besucher und Passanten waren, anders als bei den Palästinensern, nicht Teil des armenischen bzw. jüdischen Widerstandes.
  • Während die Osmanen den Armeniern, die Deutschen den Juden das Existenzrecht absprachen, wird in Israel den Palästinensern dieses Recht nicht abgesprochen.
  • Nichtkämpfende Palästinenser, Frauen und Kinder werden, anders als die Armenier und Juden seinerzeit, nicht massenweise aus ihren Häusern gezerrt, verhaftet, deportiert bzw. in Konzentrationslager gebracht.

Für Verwirrung sorgt Anton Holberg von Scharf-Links schließlich, wenn er zur Vorsicht bei der Einräumung von Rechten zugunsten des Staates ermahnt:

Zitat: „Gerade auch die Linke sollte vorsichtig sein, dem bürgerlichen Staat das Recht einzuräumen, wissenschaftliche – hier historische – Fragen juristisch zu beantworten.“

Hier übersieht bzw. übergeht er, die Faktizität des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich, obwohl er genau diese zu Anfang bestätigt hatte. Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Der Genozid an den Armeniern ist keine historische Frage. Die für die Bestimmung des „OB“ eines Völkermordes nach der UN-Konvention erforderlichen Tathandlungen sind aufgedeckt, geklärt, nachgewiesen. Gleiches gilt für die Absicht der Tötung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. International übereinstimmend. Aktuell, in Frankreich, geht es um die Leugnung und diese ist eine ebenso rein juristische Frage wie sie es der § 130 des deutschen Strafgesetzbuches für den Holocaust im Dritten Reich ist. Es geht um die Verhinderung von Volksverhetzung durch Leugnung. Wieso sollte der Staat Volksverhetzung nicht verhindern bzw. ahnden?  So schnell kann aus scharf-links ganz rechts werden!

Unberechtigt ist schliesslich der immer wieder zu lesende Vorwurf, Sarkozy missbrauche die armenische Frage, um die in Frankreich lebenden Armenier für seine Wiederwahl zu gewinnen. Nun, mag sein. Wer tut das nicht? Die Vereinigten Staaten setzen die Türkei mit dieser Frage unter Druck, wenn es um militärische Zusammenarbeit geht. Die EU erinnert sich an die Armenier und Türken, wenn es um die Nabucco-Pipeline, pardon ich meinte, die armenisch-türkische Versöhnung geht, etc. etc. Das ist Politik. Armenier wissen, dass es den wenigsten um ihre schönen braunen Augen geht. Oder wie mir jemand vor kurzem sagte: Mit der Armenier-Frage kann man keinen Blumentopf gewinnen.

Nein, ich sehe in Frankreich nichts, dass einen fahlen Beigeschmack zulässt. Als Nachkommen eines Überlebenden des Völkermordes bin ich froh darüber, dass der krönende Abschluss des Genozids, die Leugnung (!), in Frankreich hoffentlich bald unter Strafe steht.

Warum erhebt niemand den Missbrauchsvorwurf gegenüber der Türkei? Erdogan und Kollegen missbrauchen und instrumentalisieren die armenischen Bemühungen um Anerkennung ihres Leides, um – der ideologisch bedingten jungtürkischen Verschwörungstheorie entsprechend  – das Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation zu bestärken.

Darüber hinaus werden in der Türkei lebenden Armenier gerne von der türkischen Presse zitiert.

Sie seien alle gegen die Einführung dieses französischen Strafgesetzes. Das sei schließlich ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit. Als prominenten Fürsprecher bediente man sich vor einigen Tagen Orhan Dink, dem Bruder des 2007 in der Türkei ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink. Nun, in der Türkei wird man angesichts des Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, wonach der Völkermord-Vorwurf als Beleidigung des Türkentums gilt und dem Sprecher bzw. Schreiber bis zu zwei Jahre Aufenthalt in einem türkischen Gefängnis einbringen kann, kaum etwas anderes sagen können. Und ob nun mit oder ohne französisches Strafgesetz, die in der Türkei lebenden Christen haben es noch nie leicht gehabt. Interessant wäre es, die Frankreich-Kritiker aus der türkischen Medienwelt mit einem direkten Vergleich der französischen Norm und des Art. 301 des türkischen Strafgesetzbuches zu beauftragen.

Aber es geht noch schlimmer: Grotesk ist etwa der Vorwurf eines Bloggers Frankreich würde populistisch anti-türkische Emotionen bedienen. Hier will jemand den Versuch rassistische Volksverhetzung zu verhindern, zur Volksverhetzung erklären. Ein besonders feiner Geist, der ein Anti-Rassismus-Gesetz zu dem kleinen Verwandten des Völkermordes erklärt: Sarkozy fördere „die nationalistische Hetze gegen eine Minderheit in seinem Land.“ Herrlich.

Für Aufmerksamkeit sorgt auch ein Europäer: Stefan Füle, tschechischer Diplomat und EU – Kommissar für Erweiterung und europäische Nachbarschaftspolitik. Bemüht um die Erfüllung seines Aufgabenbereiches äußert auch er sich in dieser Angelegenheit mit den Worten „Writing history is not EU’s duty“ an das Europäische Parlament. Wichtiger als Geschichte zu schreiben, sei die Herbeiführung von Kompromissen. Die EU ziele auf Frieden, Demokratie, Stabilität und Wohlstand. Er rief die Türkei und Armenien dazu auf, die 2009 gemeinsam unterzeichneten Protokolle zu ratifizieren, ohne Vorbedingungen (!) , um die türkisch-armenischen Beziehungen zu normalisieren und damit einen Beitrag für die Sicherheit und Stabilität zu leisten. Visionen, Mut und der Dialog seien hier für die Heilung der Wunden aus der Vergangenheit erforderlich.

Herr Kommissar, die französische Innenpolitik ist nicht ihre Aufgabe! Ihre Aufgabe ist es ebenso wenig, zu bestimmen, was für die Heilung armenischer Wunden erforderlich ist! Der Frage des Völkermordes ist nicht nur eine Vorbedingung. Nicht Frankreich und auch nicht die EU schreiben hier Geschichte. Geschichte, eine besonders dunkle, hat das Osmanische Reich geschrieben; vor fast einhundert Jahren.

Visionen und Mut sind an dieser Stelle nur Worthülsen. Armenier, und darin sind sich ALLE einig, wollen das Eingeständnis der heutigen türkischen Republik, die sich grundsätzlich gern auf ihre Vorfahren bezieht und sich als Fortsetzung des osmanischen Reiches betrachtet. Sie möchten Bedauern und Entschuldigung vernehmen dürfen. Vom Staat vor allem, aber auch von der Zivilgesellschaft. Nicht auf großen Demonstrationen, sondern in ihrem Alltag. Sie möchte ein Ende der bis heute anhaltenden Diskriminierung. Die Forderung des EU-Kommissars Füle nach Dialog und Kompromiss ist nicht einmal wohlwollend. Worüber sollen sich die Armenier unterhalten? Über die Faktizität? Sollen Armenier international anerkannte, nachgewiesene Fakten noch einmal selbst beweisen? Sollen die Nachkommen der Opfer die Leugner davon überzeugen, dass ihre Weste blutgetränkt ist oder, dass dieser sog. Angriff auf die türkische Ehre seine Berechtigung hat?

Und was genau meint Herr Füle mit Kompromiss? Treffen wir uns bei den Opferzahlen in der Mitte? Sollen wir vergessen? Es geht hier nicht um einen kleinen Jungen, der sich beim Hinfallen das Knie aufgeschürft hat. Etwas Salbe und Mama Europa hat wieder Ruhe? Oder richtet er sich mit seinen Worten vielleicht doch an die Enkel der Täter? Würde er denn auch einem Holocaust-Leugner Mut zusprechen wollen? Habe Mut auszusprechen, dass Hitler kein Gutmensch war? Soll vielleicht Deutschland den Holocaust leugnen, damit die deutsch-arabischen Beziehungen besser werden ?



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8 Kommentare

  1. A.Holberg

     /  11. Februar 2013

    Ich kann verstehen, wenn gerade unmittelbar Betroffene (hier also vorallem Armenier) gerade auch, wenn sie, was die Machtverhältnisse in der Welt betrifft, sich einer eher schwachen Position befinden, ihr Heil in der „internationalen Gemeinschaft“ und deren Gremien wähnen. Das Problem aber ist, dass das, was landläufig aus „internationale Gemeinschaft“ verkauft wird, keineswegs die Gemeinschaft aller (womöglich gar wohlmeinenden) Menschen auf der Welt ist, sondern die Summe der bestehenden Staaten, vertreten durch deren Regierungen. In der gegenwärtigen Welt drücken all diese Staaten unabhängig davon, ob sie formal demokratisch verfasst oder unverkennbar blutige Diktaturen sind, die Herrschaft von (primär ökonomischen) Minderheiten über die große Mehrheit ihrer Bevölkerung aus. Dass diese Mehrheit das nicht erkennt, ist ja gerade eine der notwendigen Voraussetzungen für diese Herrschaft. Auch die Armenier sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass ihr tragisches Schicksal Ergebnis dieser Realität ist. Dieses Schicksal ist nicht umkehrbar, indem man ausgerechnet an die Kräfte (Staaten, deren Organisationen wie UN) appelliert, denen man dieses Schicksal zu verdanken hat.

    Antwort
  2. A.Holberg

     /  21. Januar 2012

    Anbei schicke ich einen in der Internetplattform „Trend“ erschienen Artikel, der m.E. – zumindest – zwei Dinge zeigt:
    1. bekräftigt er die Einschätzung, dass es sich im Fall der Armenier im osmanischen Reich in der Tat um einen Völkermord gehandelt hat.
    2. bekräftigt er die Einschätzung, dass staatliche Gesetze zur Leugnung eines solchen Tatbestandes letztlich nur politischen Interessen folgen und nicht etwa Ergebnis von Wahrheitssuche sind. Weil das so offensichtlich ist, ändern sie nichts an der wahren Einstellung der Menschen. Vielmehr stellen sie eine Gefahr für das Recht, offen notwendige Diskussionen zu führen, dar.
    A.Holberg

    xxxxxxxxxxxx

    Update Up-date
    zum Artikel Artikel über den Armenier-Genozid im Streit zwischen Paris und Ankara und Korrekturen zu seinem historischen Teil
    von Bernard Schmid 01/12 trend onlinezeitung

    Antwort
    • Die Artikel sind in der korrigierten Fassung sicherlich richtig, wenn es um die Darstellung der Vergangenheit geht. Die Würdigung der aktuellen Ereignisse findet meine Zustimmung nicht. Aber eines vermisse ich v.a., vielleicht weil mich die Sache betrifft, noch immer:
      Ich weiss nicht, in wie weit ich die Einstellung von Menschen ändern möchte, die von ihrer eigenen Ideologie zutiefst überzeugt sind.

      Der Mörder ist für den von ihm begangenen Mord zu ahnden. Ob er nun Einsicht und Reue zeigt, ist doch allenfalls Teil der Strafzumessung, nicht jedoch des Schuldspruches. Ich möchte die Bestrafung in Form einer international Ächtung der Tat, zwecks Verhinderung einer Wiederholung, aber auch zwecks VErhinderung der aktuellen Auslöschung christlicher Spuren in einem schleichenden Prozess in der heutigen Türkei Christen und ihre Kirchen in der Türkei erleiden eine systematische Diskriminierung, die in den Alltag eines jeden eindringt. Das Verfahren um das aramäische Kloster Mor Gabriel, armenische Kirchen die zu Moscheen umfunktioniert werden, oder zu Museen, um dem Staat zumindest Touristen einzubringen u.s.w.
      Ich möchte das Eingeständnis der Türkei, nicht weil es mir um die Meinung türkischer Bevölkerungsgruppen oder die Demokratisierung des Landes geht, sondern um meinen Grosseltern endlich die ihnen gebührende Achtung ihres Leides zu ermöglichen. Und wenn Frankreich mit diesem Gesetz in zwei Tagen hoffentlich ernst macht, dann ist die armenische Diaspora ihrem Ziel etwas näher als sie es heute ist.

      Ist es nicht so, dass derjenige, der sich gegen dieses französische Gesetzesvorhaben stellt, konsequentermassen auch für die Aufhebung des Loi Gayssot in Frankreich und damit einhergehend auch für die Aufhebung des Strafbarkeit der Holocaust-Leugnung sein muss, nur um einer vollendeten Demokratie wegen? Ich hoffe nicht.

      Antwort
  3. A.Holberg

     /  8. Januar 2012

    Betr.: Diefarbedesgranatapfels sagte 5. Januar 2012 um 20:22

    Mein Eindruck ist, dass Sie meine Kritik an Ihrer Kritik meines Scharf-Links Beitrages unbewusst nicht verstehen wollen. Es erinnert mich daran wie K.Marx darauf hinwies, dass auch die Gesetze der Mathematik bestritten würden, wenn sie an vitale Interessen rührten. Mein zentrales Anliegen war, auf die Gefahr hinzuweisen, die sich daraus ergibt, wenn Sachfragen (und historische sind solche) von Politikern entschieden werden sollen, deren Aufgabe es nämlich ist, soziale Interessen zu vertreten. Auch, wenn es völlig unbestreitbar wäre, dass die Verbrechen an den Armeniern in der Qualität dem Holocaust an den Juden gleichzusetzen wären, müsste m.E. einem gesetzlichen Verbot, das zu leugnen, aus grundsätzlichen Erwägungen ebenso widersprochen werden wie einem Verbot, zu behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Die Leugnung – egal wie idiotisch sie sein mag – einer Tatsache ist zunächst einmal auch etwas anderes als deren Befürwortung. So wäre etwa eine Aussage wie „die Türken haben Genozid an den Armeniern begangen, und das war gut so“ völlig verschieden von einer Behauptung wie „was die Jungtürken den Armeniern 1913 ff. angetan haben, war keine Völkermord, sondern stand im Zusammenhang mit Kriegsereignissen und der Verteidigung der territorialen Integrität des osmanischen Reiches“. Im ersten Fall würde implizit zum Völkermord aufgerufen, während im zweiten Fall nur bestritten wird, dass es 1913 einen gegeben habe. Ob diese Behauptung richtig ist, das zu entscheiden obliegt der Wissenschaft und nicht irgendwelchen Parlamentariern in Frankreich, den USA oder sonstwo. Gibt man jedoch diesen das Recht dazu, das zu entscheiden und ihre Meinung per Gesetz der Diskussion zu entziehen, öffnet man der politischen Willkür Tür und Tor. Dieser Gefahr sollten sich insbesondere Angehörige von Minderheiten (darunter auch politischer) sehr bewusst sein.

    A.Holberg

    Antwort
    • Vielleicht haben Sie in der Theorie recht. Leider ist es notwendig, dass hier !! Politiker entscheiden. Ohne eine solche durch die internationale Gemeinschaft, und in der konsequenten Folge, das Verbot des Leugnens, ist das juristische Vorgehen gegen die politisch organisierte, von der Türkei gerade im Ausland systematisch betriebene Leugnungsindustrie nicht möglich. Diese Leugnung verletzt die Nachkommen der Opfer täglich auf `s Neue. Ein „das war gut so“ wird man von Leugnern nie (offiziell !!) hören. Dies würde schliesslich dem Leugnungskonzept des türkischen Staates widersprechen. Für mich ist die Leugnung strenggenommen schmerzhafter, als die Rechtfertigung oder Gutheissung des Genozides. Gerade die Menge der Leugner hat sich nicht eingehend und objektiv mit dem Thema beschäftigt. Sie leugnen ins Blaue, weil a) es staatlich vorgegeben ist und b) der Vorwurf als Angriff auf die nationale Ehre aufgefasst wird.
      Was „nützt“ mir die internationale Anerkennung auf lediglich wissenschaftlicher Ebene? Die Türkei wartet auf mit Umdeutungen und Scheinbeweisen, und wir sind genau da, wo wir jetzt sind. Ist eine Sache jedoch international politisch entschieden und per Gesetz nicht mehr verhandelbar, ist endlich Schluss mit der Vollendung des Genozides durch Leugnung.

      Lassen sie mich träumen: Die Leugnung ist auch hier unter Strafe gestellt. Ich muss in persönlichen Gesprächen niemandem die Faktizität des Genozides beweisen, da die Kenntnis der Umstände zur Allgemeinbildung gehört. Kinder werden im Geschichtsunterricht hierüber ebenso unterrichtet wie über den Holocaust. Türkische Verbandsvertreter können Integrationsveranstaltungen nicht mehr missbrauchen, um mit den Worten „lernen sie uns und unsere Geschichte kennen“ der Leugnung Türen zu öffnen. Der Verfassungsschutz nutzt seine Kenntnisse über die türkisch-rechtsextreme Szene um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die Anerkennung ist unabdingbare Bedingung für einen EU-Beitritt. Arabische Staaten verweigern die Unterstützung Erdogans und erkennen, dem Beispiel Libanons folgend, den Genozid als solchen an.
      Und in der Türkei wird jedes Talaat Pasa – Denkmal mit einem Info-Schild versehen, auf dem jeder Bewohner des Landes die Geschehnisse erfahren kann, auf seinem Grab werden keine frischen Blumen hinterlegt, armenische und türkische Kinder in der Türkei werden in der Schule nicht indoktriniert, sondern wahrheitsgemäss unterrichtet, kritische Journalisten fürchten in der Türkei nicht um ihr Leben.

      Denn nur Wissen, Reue, Entschuldigung und auch Abschreckung können eine Wiederholung verhindern. Mit Blick auf die Frage Hitlers, „Wer erinnert sich heute noch an die Armenier?“ lässt sich vielleicht sagen: Wenn die mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, die, durch die aus dem Osmanentum hervorgegangene jungtürkische Bewegung, neugegründete Türkei Konsequenzen hätte spüren müssen, wie etwa nach einem Prozess in Den Haag, wäre Hitler vielleicht nicht so furchtlos vorgegangen.

      Ein sehr guter Artikel genau zu diesem Thema, aus einer sehr umfassenden Perspektive:
      http://www.hay-society.de/haysociety/meinung-a-debatte/221-universelle-menschenrechte-und-macht-der-armenischen-diaspora.html

      Antwort
  4. Ich kann ihre Kritik nicht nachvollziehen. Die Qualifizierung der Geschehnisse als Völkermord ist keine „Sinnfrage“. Entweder die Umstände erfüllen den Tatbestand der UN-Konvention oder nicht. Die Bejahung dieser Frage ist nicht nur international anerkannt. Auf die Verwendung dieses Begriffs legen m.W. 99,9% aller Armenier besonderen Wert. Grund hierfür ist die juristisch klar definierte Bedeutung, die Offenlegung einer staatlich organisierten und zu verantwortenden Vernichtungsabsicht und die Ergreifung entsprechender Massnahmen. Mit anderen Worten: Es geht um die Betonung, dass Menschen wie Schafe zum Schlachter geführt wurden. Es handelte sich nicht um einen Krieg um Land im üblichen Sinne. Die Gleichartigkeit mit der Shoah ist in vielen Punkten durchaus gegeben. Interessant und aufschlussreich hierzu ist das Buch von LUKAS KIESER, DER VÖLKERMORD AN DEN ARMENIERN UND DIE SHOAH. Der Hauptunterschied liegt allenfalls in den Opferzahlen, während die einen über 6 Mio Opfer zu beklagen haben, haben die anderen über 1,5 Mio Opfer zu beklagen. Von etwa 2 Mio Armeniern, die im Osmanischen Reich lebten, wurden 1,5 Mio umgebracht. Diese Zahlen sind jedoch für die Qualifizierung als Genozid nicht entscheidend. Auch kann ich den Ausdruck „anders zu qualifizierende Verbrechen“ nicht wirklich nachvollziehen. Kein Krieg, kein Völkermord aber irgendetwas dazwischen????? NEIN ! Auch handelt es sich hier nicht um wissenschaftliche Fragen. Hier möchte ich mit Nachdruck widersprechen und betonen, die Geschehnisse, Massnahmen, Anordnungen, Befehle, die die staatliche Absicht der Tötung eines gesamten Volkes zu verwirklichen bestimmt waren, sind nachgewiesen. Es bedarf keiner Historikerkommission. Die Türkei ist die grösste Befürworterin diesen vermeintlich wissenschaftlichen Weges, um mit Hilfe von Wissenschaftlern ihre Leugnung zu bestärken. Es ist allgemein bekannt, dass die Wissenschaftler inoffiziell dazu bestimmt sind, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Kein türkischer Staatsmann wird eine historische Untersuchung mit offenem Ergebnis befürworten, die im Falle der Genozid-Bestätigung der Anstiftung zur Beleidigung des Türkentums nach türk.Art.301 gleichkommt.

    Antwort
  5. Danke, Jaklin! Leider haben wir in Deutschland nicht wirklich viele, die sich über diese Dinge Gedanken machen.

    Scharf-Links hat bis dato alle möglichen Pressemitteilungen vom ZAD brav veröffentlicht. Wenn es aber darauf ankommt, wird die stalinistische Linie deutlich. Zu hoffen ist, dass die Armenier nicht auf diese Extremen, einschließlich Steinbach, angewiesen sind, sonst ist die Sache jetzt schon verloren.

    Antwort
    • Ja. Gerade weil wir auf jede Unterstützung angewiesen sind, ist es von besonderer Wichtigkeit bei der Wahl der Unterstützer auf Qualität und Leumund zu achten. Ich wünschte unsere in Deutschland gewählten Vertreter würden auf bestimmte Auswahlkriterien bei der Wahl ihrer Unterstützer setzen und schauen vor welchem Hintergrund die eine oder andere Fürsprache erfolgt.

      Antwort

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