Im Eifer des Gefechts

Staatsbesuche sind bei grausamen Ereignissen an der Tagesordnung. Gegenseitige Bekundungen mit den besten Absichten gehören zum guten Ton. Diese Besuche stehen meist in einer Art Konkurrenz zu dem grausamen Ereignis selbst und werden daher nur selten in der Medienöffentlichkeit mit der ihnen manchmal gebührenden Aufmerksamkeit belohnt.

Derzeit reisen oberste türkische Vertreter, angesichts der Nazi-Morde des Zwickauer Trios an nicht nur türkischstämmigen Opfern, durch Deutschland.

In den letzten Jahren entwickelte die Türkei eine besondere Art von Selbstbewusstsein. Das in dem Land zu verzeichnende Wirtschaftswachstum wird dabei all zu gern als Ablenkungsmanöver missbraucht, um innerstaatliche Probleme nicht mit aller Klarheit aufdecken zu müssen. Die Menschen haben nicht nur ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Gott sei es gedankt, es geht aufwärts mit der Nation. Jungtürkischen Träumen entsprechend sind sie auch politisch gefragter denn je. Sie üben sich als Handelspartner für Europa, als EU-Subventionsempfänger ebenso wie als großer EU-Kritiker, als Musterstaat für die Verbindung von Demokratie und Religion im Staat, als Vermittler für die Konflikte der angrenzenden Nachbarschaft. Als politisches Supermodell für den arabischen Sommer.

Politische Erfolge erreicht man jedoch nicht mit Freundlichkeit. Mächtig und selbstbewusst. Parteiergreifend. Nicht zaghaft, wenn es um die Anklage von Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Ausland geht. Durchgreifend, wenn es um den Schutz und die Verteidigung der eigenen Nation geht.

Türkische Staatsmänner stehen in der Pflicht ihrer Vorfahren. Sie drohen, warnen. brüskieren, fordern, beschimpfen, zeigen sich empfindlich beleidigt um sodann mit einer entschiedenen Reaktion Stärke zu demonstrieren.

Erdogan droht Armeniern mit der Ausweisung im Streit um die Völkermord-Resolutionen aus den USA und Schweden ; er warnt der EU mit dem Aussetzen des Dialogs während der Ratspräsidentschaft Zyperns . Zypern selbst hingegen droht er im Streit über Rohstoffe mit Kriegsschiffen. Er droht Israel in Sachen Mavi-Marmara und schimpft, im Einklang mit der Welt, sogar mit seinen Freunden, pardon, ehemaligen Freunden, Gaddafi, Mubarak und Assad.

Auch die Bundesrepublik, Herberge seiner Landsleute, verschont er nicht. Er ist schließlich nicht käuflich. Den Türken in diesem Land geht es nicht gut. Assimilierung und seit neuestem gar der Tod lauert in jeder Ecke. Er tadelt die deutsche Bundeskanzlerin, in dem er betont, in Deutschland lebende türkische Kinder müssten zuerst türkisch lernen und torpediert während seiner Deutschland – Besuche sämtliche gutmenschliche Integrationsmaßnahmen im Vorbeigehen – dem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl zuliebe.

Der türkische Präsident Abdullah Gül äußert sich in seiner Kritik an der deutschen Ausländerpolitik mindestens ebenso ungebührlich, fast amüsant, zu innerstaatlichen Angelegenheiten; spätestens wenn er die deutsche Visa-Politik als Grund für die fehlende Integrationsmotivation türkischer Mitbürger benennt. Dritter im Bunde ist der Außenminister Ahmet Davutoglu. Doch zu ihm ein wenig später.

Beim türkischen Wahlvolk kommt diese Art der Vorführung von Stärke seit knapp zehn Jahren gut an. Warum auch nicht. Erdogan in Davos – wer erinnert sich nicht an diesen türkischen Erfolg!

Während man sich in Deutschland meist bemüht, nicht überall wie die Axt im Walde aufzutreten, kommt diese Verhaltensweise in der Türkei, einem Land, dass sich vom Ausland, im Besonderen von der EU und Deutschland stets verkannt und vernachlässigt fühlt, dem türkischen Narzissmus entgegen.

Warum jedoch das Ausland und seine politischen Vertreter diesen Demagogen keinen Einhalt gebieten, ist kaum durchschaubar. Dass man es sich mit der Türkei als sog. Regionalmacht mit wachsendem Gewicht nicht verscherzen möchte ist, durchaus nachvollziehbar. Aber wie weit möchte man in seiner Unterwürfigkeit gehen?

Es gibt sehr viele Beispiele für falsche Demut auf deutscher Seite. Fast jede Reaktion auf Erdogans rhetorische Ausbrüche lässt die Hände des verständigen objektiven Dritten über dem Kopf zusammenschlagen.

Das neueste Beispiel, türkischen Widerstandes war vergangene Woche zu beobachten. Der türkische Außenminister wird vom deutschen Innenminister empfangen. Mit seinem fünftägigen, visafreien Besuch der Bundesrepublik Deutschland will der Außenminister den Opferfamilien ebenso wie den Ermittlungsbehörden zeigen, dass die Türkei ihre Bürger nicht allein lässt und über die Ermittlungsmaßnahmen wacht.

Während Friedrich versucht vertrauensvolle Anteilnahme auszudrücken, wird er in türkisch selbstbewusster Manier zurechtgewiesen. Es geht um die Ausdrucksweise des Christsozialen. Sie sei nicht angemessen. Der Mann aus Konya erwarte von seinem Gesprächspartner jedoch genau das, was er selbst bereits biete. Eine nicht zu beanstandende Wortwahl. Erhebliche Ermittlungsfehler der ihm unterstehenden Behörden, die Todesopfer und die zu Unrecht beschuldigten Migranten verriegelten scheinbar die Lippen des Innenministers und Deutschland wurde wieder einmal ohne große Mühen in eine weitere Täter-Schublade zu buchsiert:

Hintergrund: Friedrich hatte bei einem Treffen am Freitag den Ausdruck „islamistischer Terrorist“ gebraucht. Friedrich hatte gesagt, seine Regierung bekämpfe jede Art des Terrorismus`, so auch den rassistische und islamistische Terroristen. Daraufhin unterbrach ihn Davutoğlu:

Eine Minute bitte, ich habe nie den Ausdruck „christlicher Terrorist“ benutzt, obwohl die Mörder aus der Neo-Nazi Scene Christen waren. Sie können den Ausdruck „islamistischer Terrorist“ nicht benutzen. Haben wir jemals gesagt „deutsche Rassisten“, um die Mörder der Migranten zu bezeichnen?“ Er fuhr fort, man könne die Mordtat als rassistische Tötung und Taten einer Neo-Nazi-Organisation definieren, aber die Mörder nicht als christliche Terroristen bezeichnen.

Der deutsche Innenminister sagte, man könne den Begriff Islamistisch Terrorismus benutzen, um Gruppen wie al-Kaida zu bezeichnen. Davutoğlus Antwort: „Ja, wir können al-Kaida oder die Bader-Meinhof als terroristische Organisationen bezeichnen, aber wir können dabei nicht den Terminus Islamisten oder Christliche Terroristen benutzen“.

Davutoglu maßt sich an, darauf hinzuweisen, dass er die Nazi-Morde nicht zu christlichem Terrorismus erkläre und verlangt von Friedrich eine dankbare, ebenbürtige Gegenleistung. Er gibt damit vor, bei der Beurteilung der Nazi-Morde eine Entscheidungsbefugnis innezuhaben, die nicht existiert. Unabhängig welche Formulierung Davutoglu bei der Benennung der grausamen Taten bevorzugt, mit der christlichen Religion stehen diese nicht in Verbindung. Soviel ist Fakt und entzieht sich damit einer türkischen Namensgebungskompetenz. Behauptete er dennoch, diese Verbindung existierte, trüge er die Beweislast dafür, dass Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt den Antrieb zum Morden ebenso der Bibel entnommen hätten wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Die Entscheidung, ob eine Tat mit der Religion des Täters in Verbindung zu bringen ist, ist keine Frage des Respektes, sondern eine der Motivation des Täters und der Akzeptanz seiner Tat in der jeweiligen Religionsgemeinschaft.

Türkische Seiten feiern dieses Schauspiel Davutoglu`s als würdevoll und vorbildlich. Von deutscher Seite, meist in den Kommentierungen von Minderheitenversteher-Blogs, wird der Innenminister in Übereinstimmung mit der türkischen Kritik zu seinen Äußerungen als seines Amtes nicht würdig präsentiert. Scheinbar alle sind einer Meinung. Der Innenminister bediente sich einer respektlosen, beleidigenden Formulierung. Recht hat der kleine Mann vom Bosporus. Schließlich sagt in der Türkei keiner Breivik und das Nazi-Trio seien christlich-terroristische Vereinigungen.

Nein, in der Türkei redet man über die Gyavur. Man redet über die Ungläubigen, und meint – eben doch und regelmäßig – die Christen. Im Sommer dieses Jahres titelte die Hürriyet mit „Hiristyan Terörü“ – christlicher Terrorismus – und berichtete über Breivik, dem Attentäter aus Norwegen, dessen Verbrechen von keiner einzigen christlichen Vereinigung gutgeheißen wurde. Dass dieses Monster sich selbst als christlich bezeichnet, beweist allenfalls, dass er Jesu Buch zu keinem Zeitpunkt gelesen haben kann.

Das Wort Gyavur fällt auch jetzt wieder öfter. Schließlich haben diese Gyavur türkische Bürger erschossen. Strenggenommen ist dies nicht falsch. Jemand der sich seiner Herkunft wegen überhöht, andere Menschen aus dem selben Grunde nicht nur verachtet, sondern hinterhältig ermordet, kann weder Glauben noch Respekt vor einem höheren Wesen, sprich Gott, haben. Noch weniger vor seinen Mitmenschen.

Dem Vernehmen nach gab es jedoch während der Tatausführung keinen Lobgesang auf die Bibel. Auch in den Fernsehberichterstattungen habe ich rechtsradikale Symbole und Parolen gesehen, nicht jedoch Kreuze als Zeichen Jesu. Und wenn irgendwelche kahlgeschorenen Schlägertrupps auf einen Afrikaner einschlagen, sprechen sie mit Sicherheit nicht das Vater-Unser. Ähnlich wie bei den Grauen Wölfen, den türkischen Nationalisten, geht es, faschistischen Grundsätzen entsprechend, um Abstammung und Blut. Hier geht es nicht um Religion.

Lediglich am Rande sei angemerkt, dass Friedrich eigentlich nur von islamIStischem Terror spricht, und nicht von islamischem. Könnte es nicht sein, dass Davutoglu im Eifer seines fürsprechenden Verteidigungsgefechtes hier etwas unzulässig zusammenwirft und damit den Gläubigen seiner Religion mehr schadet als nutzt?

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