Was bin ich? – oder „Welches Schweinderl hätten S‘ denn gern?“

Wenn man sich mit Migranten über Heimat und Herkunft austauscht, bekommt man regelmäßig eine Bekundung, in welcher sich die Betroffenen gerne eine romantische Note geben. Um ihr Zugehörigkeitsgefühl zu verschiedenen Gruppen zu veranschaulichen,  versuchen sie sich mit „zwei Herzen in einer Seele“ zu beschreiben. Dabei hat Migration in der Regel nichts mit romantischer Schwärmerei zu tun. Auch sehe ich nicht, dass Integration eine Gefühlssache ist. Es geht um ein respektvolles Miteinander, mögen muss man sich doch gar nicht. Und mit dem Sichwohlfühlen ist das so eine Sache, denn hier kommt der persönlichen Wirtschaftlage eine besondere Bedeutung zu. Vor allem geht um ökonomische sowie politische Aspekte, wie etwa Leistungserbringung und Mitgestaltung.

Strenggenommen geht es eigentlich nur dann um Gefühle, wenn es Schwierigkeiten gibt.  Die Integrationsverweigerung ist eine Gefühlsangelegenheit, ebenso wie Nationalismus, Rassismus oder Faschismus. Die ideologische Überhöhung der eigenen Volksgruppe ist regelmäßig nicht sachlich zu begründen, und kann damit nur über das Ansprechen von Gefühlen funktionieren.

Die Frage nach meiner Herkunft beantworte ich gewöhnlich mit den Worten „Ich bin Armenierin.“ Schließlich lebe ich in einer (mal mehr, mal weniger) armenischen Lebensweise. Zu Hause spreche ich meine armenische Muttersprache, sonntags besuche ich die armenische Kirche etc. Dass ich einen deutschen Pass habe, in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integriert bin, und selbstverständlich auch deutsche Freunde und Bekannte habe, ist kein Widerspruch. Die Einbürgerung sehe ich als Loyalitätsbekundung meinerseits. Ich bin nicht nur Teil dieses Landes, ich möchte vor allem bewusst und gerne Teil dieses Landes sein, hier wirken und mitwirken.

In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung eines Nationalpasses in Deutschland zuweilen überspannt. Während man von türkischer Seite dem Ausgebürgerten jahrelang eine Art Vaterlandsverrat unterstellte, wurde von deutscher Seite von dem Eingebürgerten viel zu schnell die Aufgabe der eigenen Identität erwartet. Selbst die Annahme eines deutschen Namens wurde einem angeboten.

Wie soll man jedoch die eigenen Einstellungen, die einem über Jahrzehnte anerzogenen Denk- und Verhaltensweisen, und noch vielmehr das Zugehörigkeitsgefühl zu der eigenen Sprach- und Religionsgemeinschaft aufgeben? Und Warum? Ein gleichzeitiges Nebeneinander ist in einem demokratischen Staat durchaus möglich, wird jedoch  in der Integrationsdebatte bis heute viel zu oft übersehen. Es dürfte nicht neu sein, dass das in Deutschland herrschende Wertesystem mit dem Wertesystem sehr vieler Völker größtenteils übereinstimmt. Es gibt nicht immer den Konflikt, die gespaltene Seele, die Unterdrückung und Bevormundung.

Vor kurzem antwortete ich auf Nachfrage einer älteren, deutschen Dame, ich sei Armenierin. Sie war erschüttert. Ihr gefiel meine Antwort nicht. „Wieso? Sie haben doch einen deutschen Pass, oder?“ Nun, ich korrigierte mich. „Ich bin Deutsche mit armenischen Wurzeln“. Nur zu sagen, ich sei Deutsche, empfand ich als ungenügend. Bei meinem nicht einfach auszusprechenden Namen war eine weitergehende Nachfrage ohnehin abzusehen. Ich hatte die Befürchtung, dass sie die gesamte Palette der Integrationsdebatte an meiner Person festzumachen versuchte. Sie war irritiert.

Ich erklärte ihr, dass die Einbürgerung für mich und meine Eltern schon immer eine besondere Bedeutung hatte. Meine Eltern waren durch einen gesetzlichen Automatismus türkische Staatsbürger. Sie wurden nicht gefragt, ob sie einem Staat angehören wollten, der ihren Eltern und Großeltern größtes Leid zugemutet hatte. Bis zu ihrer Einreise in die Bundesrepublik Deutschland sind auch sie selbst regelmäßig Diskriminierungen begegnet, haben beispielsweise die September-Progrome 1955 in Istanbul erlebt. Also haben sie in den Achtzigerjahren bewusst die türkische Staatsangehörigkeit abgelegt und die deutsche angenommen. Es ging nicht um Integration, nicht um Sprachkenntnisse und visafreie Ferienreisen. Einbürgerung ist eine politische Entscheidung.

Entgegen § 6 S.2 Nr.3 der Verordnung zur Erhebung der Merkmale des Migrationshintergrundes  vermied ich die Bezeichnung, ich sei Deutsche „mit armenischem Migrationshintergrund“. Schließlich verbindet man mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ regelmäßig einen fahlen Beigeschmack, bestenfalls Mitleid. Kämen wir etwa auf die Idee, zu behaupten, Arnold Schwarzenegger sei Amerikaner mit österreichischem Migrationshintergrund? Nein, er ist Amerikaner mit österreichischen Wurzeln.

Und welchen Migrationshintergrund sollte ich eigentlich benennen? Meine Eltern sind Kinder armenischer Eltern. Sie wurden jedoch in der Türkei der 40erJahre geboren und waren damit türkische Staatsangehörige, mit armenischen Wurzeln und ohne Migrationshintergrund. Schließlich reicht die Geschichte der Armenier in diesem Gebiet bis ins 5. Jhd. v.Chr.

Erklärte ich, ich sei Deutsche mit armenischen Migrationshintergrund, erweckte ich den Anschein, meine Eltern kämen aus Armenien, der ehemaligen Sowjetrepublik. Dieses sog. Ost-Armenien haben jedoch weder meine Eltern noch meine Großeltern gesehen. Sie lebten unter osmanischer bzw. türkischer Herrschaft. Erklärte ich, ich sei Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, erweckte ich den Anschein, zur türkischstämmigen Bevölkerung zu gehören. Auch das wäre falsch. Müsste ich etwa erklären, ich sei Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund und armenischen Wurzeln?

Die Realität ist komplizierter als die Verordnung es vermuten lässt. Und der Begriff des Migrationshintergrundes ebenso unpassend wie überflüssig. Da war der Begriff des Ausländers mir lieber und lang nicht so negativ behaftet wie der des vermeintlich sympathischen Migrationshintergrundes. Tja, da wollte man ein negatives Wort wegschaffen, und erschuf eine weit weniger sympathische Vokabel. Daran, das Problem wegzuschaffen, etwa durch konsequente Integrationspolitik, hat scheinbar keiner gedacht. Mit dieser Umbenennungs- bzw. Verschiebungstaktik hat die Große Koalition bereits die Arbeitslosenzahlen in Griff bekommen ohne die Einkommenssituation der körperlich arbeitenden Bevölkerung effektiv besser zu gestalten. Schwarz-Gelb setzt nun, dank der glorreichen Verbindung von Niedriglohn und Hartz IV, die positive Bilanz fort.

Aber nicht nur deutschen Mitbürgern gefällt die Kurzfassung meiner Identitätsbeschreibung „ich bin Armenierin“ nicht. Viele türkische Mitbürger reagieren besonders brüskiert. Sie nehmen wahr, dass die ihnen gegenüber stehende und ihre Sprache sprechende Person, entgegen dem ersten Anschein, „keine von uns“ ist. Zweifel und Misstrauen durchdringen den ersten so erfreulichen Eindruck.

Nachdem eine ältere Türkin meine türkischen Sprachkenntnisse mit meinem nichttürkisch klingenden Namen keineswegs verbinden konnte, teilte ich ihr mit, ich sei Armenierin. Kaum dass sie diese Information vernahm, änderte sich ihre Mimik. Eine Antwort, wie, ich habe einen türkischen Ehemann oder ich war in einem Türkisch-Sprachkurs wäre ihr wahrscheinlich willkommener gewesen. Während ich ihren Gesichtsausdruck zu deuten versuchte, sagte sie mir „macht nichts!“.

Nun war ich diejenige, die die Augen aufriss. Hatte ich ihr einen Makel gestanden, über den sie großzügig bereit war hinweg zu sehen? War das eine Art ich-mag-dich-trotzdem? Nein danke! Robert Lembke würde an dieser Stelle wahrscheinlich eine Fünf-Mark-Münze in das Sparschwein stecken.

Auch eine mir gut bekannte Türkin meinte, es mache ihr nichts, dass ich Armenierin sei. Aber sie ging einen Schritt weiter. Schließlich habe Atatürk die Menschen vereint und ihnen ein gemeinsames Dach unter der türkischen Fahne geschaffen. Wenn ich ehrlich sei, müsse ich ihr zustimmen, mich frohgemut zu türkischen Wurzeln bekennen. Wahrscheinlich erwartet sie bis heute Dankbarkeitsbekundungen für die erfolgreiche Türkisierung christlicher Minderheiten. Noch einmal: Nein danke!

Ein türkischer Rentner, stellte mir die gleiche Frage. Seine Reaktion zeigte sich in einem Spontanauswurf gegenüber seiner Frau – in meiner Anwesenheit „Ach ja, wie die Gjavurs, aus unserem Viertel“ ……. Nur einige Wochen später, und durch einen dummen Zufall stellte sich heraus, dass es sich bei dem Nachbars-Gjavur, dem Ungläubigen an den sich dieser Mann erinnerte, um meinen eigenen Vater handelte. Nein, danke!

Heiteres MiHiGru-Raten! Man ist, was man ist und kann es dennoch keinem recht machen. Gehe ich recht in der Annahme, dass ich mit einem gut gefüllten Schweinderl nach Hause gehen darf?

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Ein Kommentar

  1. Jürgen Gispert

     /  18. März 2012

    Sehr gute Ausführung!! Hinzuzufügen sei, dass „Migrationshintergrund“ im deutschen Kontext immer auch in der Kategorie der Blut-und-Boden-Ideologie zu verankern ist, a priori also diskriminierend wirkt und jegliche neutrale Qualität einer Zuschreibung, sofern diese jemals bestand, verloren hat.

    Antwort

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