Gerhard Schröder Bundeskanzler a.D. verharmlost Völkermord

Am 26.02.2011 hat Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. der Peiner Allgemeinen Zeitung ein Interview gegeben (hier), dass nicht nur Armenier entsetzt, enttäuscht und vor allem verletzt hat.

Mit letztlich nur drei Sätzen

„Manche setzen die Vorgänge sogar mit dem Holocaust gleich. Das ist unzulässig und läuft auf eine Relativierung des ­Holocausts hinaus, der vor allem die Deutschen widersprechen müssen.

Die Fehler der Türkei liegen hier nicht bei Premier Erdogan, der eine historische Aufarbeitung eingeleitet hat, die Ursachen liegen in der jahrzehntelangen Verklärung der Rolle von Kemalisten und Militärs.“

hat er es geschafft,

1,5 Millionen Todesopfer und ebenso viele Deportationsopfer mitsamt ihrer, auch in Deutschland lebenden, Nachkommen zu verhöhnen.

Es gibt heute viele Wähler, die es bereuen, diesen Mann aus der SPD ganze zweimal zum Kanzler gemacht zu haben. In Deutschland lebende  Deutsche mit armenischen Wurzeln, die an entsprechender Stelle ihr Kreuzchen setzten, bereuen diesen Schritt jedoch seit einigen Tagen besonders schmerzlich.

Die Äußerung Schröders, die „Vorgänge“ (gemeint ist der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich) mit dem Holocaust gleichzusetzen, sei unzulässig und liefe auf eine Relativierung des ­Holocausts hinaus, ist erniedrigend und boshaft. Dieses sich-der-Türkei-anbiedern und das Beweihräuchern seines Freundes Recep Tayyip Erdogan ist für einen ehemaligen Staatsmann nicht angebracht.

Die armenische Forderung nach Gerechtigkeit durch Anerkennung als strafbewährter Genozid entsprechend der UN-Konvention und damit nach Verurteilung der Vergangenheit wird hier im Dienste der Türkei diskreditiert. Die Bemühungen der armenischen Diaspora, die in Deutschland aus einem Großteil der Nachkommen besagter Deportierter und Ermorderter besteht, werden hier verhöhnt. Dieser propagandistische Affront entbehrt jeder respektvollen Achtung der Menschenwürde. Völkermord ist Völkermord, ob nun jüdische Opfer planmäßig in Konzentrationslagern umkamen oder armenische Opfer planmäßig durch die jungtürkische Regierung zu Todesmärschen gezwungen wurden.

Henryk M. Broder reagierte in der Online-Ausgabe der Welt (hier) in einem Brief an Gerhard Schröder und es ist ein Genuss, dies zu lesen.

Die Aufforderung, dass v.a. die Deutschen dieser Gleichsetzung widersprechen müssten, höhlt die in dieser Aussage vermeintlich liegende Intention, eine gewisse Beschämung und Bußfertigkeit gegenüber Todesopfern zu präsentieren, selbst aus.

Man kann das Gedenken an einen Völkermord, den Holocaust, nicht aufwerten, indem man einen anderen Völkermord, den an den Armeniern, relativiert. Mit dieser Abwertung verspottet Gerhard Schröder die Opfer des Osmanischen Reiches und ihre Nachkommen. Seine Argumentation läuft darauf hinaus, dass Völkermorde außerhalb des Dritten Reiches zu Völkermorden zweiter Klasse zu degradieren sind

Ich möchte an dieser Stelle  nicht missen, zu erwähnen dass gerade Adolf Hitler am 22. August 1939, neun Tage vor dem Überfall auf Polen, sagte : „Wer spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ (Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1919-45. Serie D, VII, Nr. 195, S. 171, Anm. 1).    Adolf Hitler selbst offenbart hier, dass er sich die planmäßige, staatlich organisierte Vernichtung der Armenier und die sich ihr anschließende FOLGENLOSIGKEIT als Vorbild für die planmäßige Vernichtung der Juden nahm. Ganz nach dem Motto Was die können, können wir auch.

Durch seine Aussage, die Fehler der Türkei lägen hier nicht bei Premier Erdogan, da dieser eine historische Aufarbeitung, entgegen der jahrzehntelangen Verklärung durch Kemalisten und Militär, eingeleitet habe, übersieht Gerhard Schröder wohlweisslich, dass Erdogan sich zum aktuellen Oberhaupt eines fortgesetzten Osmanischen Reiches hat wählen lassen. In dieser Position sind die Rechte ebenso wie die Pflichten des Osmanischen Reiches auf seine heutige Republik und auf ihn als Staatsoberhaupt übergegangen. Schließlich ist auch Erdogan und jeder andere Patriot dieses Landes, durchaus stolz sich als Abkömmling jener zu sehen, wenn es um positive Errungenschaften der Osmanen geht, wie beispielsweise die ehemalige Größe des Reiches.

Hier, zugunsten eines positiven Bildes der Türkei, die Augen vor vergangenen und aktuellen Menschenrechtsverletzungen zu schließen, die Verfolgung und Unterdrückung der Christen in der heutigen Türkei bewusst zu übergehen und Lobbyarbeit zu betreiben, um Geschäftsverhältnisse zu pflegen, ist anstößig. Einen Völkermord zu bagatellisieren und die Einrichtung einer verleumderischen Untersuchungskommission gutzuheißen, überschreitet jedoch nicht nur moralische Gesichtspunkte, sondern auch die Grenzen des § 189 StGB.

Spricht sich Gerhard Schröder in Einklang mit Ankara für die Notwendigkeit einer Untersuchungskommission aus, stellt auch er das Leid der armenischen Bevölkerung als fragwürdig, gar unglaubhaft dar. Er übernimmt in seiner gegenüber der PAZ gemachten Aussage, eine Untersuchungskommission sei eingeleitet worden, die offiziell türkische Position, eine solche Prüfung sei auch erforderlich und notwendig. Hier wird die Faktizität des Genozids angezweifelt. Die Opfer und ihre Nachkommen, die mit dieser Vergangenheit leben müssen, werden schmerzlich ausgelacht; die Täter entlastet.

Als Jurist mit zwei Staatsexamina und ehrenhalber verliehenen akademischen Graden, als praktizierender Rechtsanwalt, aber vor allem auch als erfahrener Medienpolitiker und „Staatsmann“, als Bundeskanzler a.D. ist ihm zu unterstellen, dass er, gerade weil er um die Kraft des Wortes weiß, diese dubiose Beurteilung der Geschichte nicht fahrlässig oder unüberlegt vorgetragen hat.

Er befürwortet, kurz vor dem Deutschland – Besuch seines politischen Freundes, den Eintritt der Türkei in die EU.  Er mag dies auch gerne tun, nicht jedoch auf Kosten der Millionen verstorbenen Armenier. Er mag das Recht haben, den Eintritt der Türkei in die EU zu befürworten. Er hat jedoch nicht das Recht, hierzu die Nachkommen der Opfer zu schmähen.

Seltsam, wenn es um die Plagiatsaffäre des Herrn Karl Theodor zu Guttenberg geht, ist der Ruf nach Moral und Anstand, Tugend und Würde in den Medien nicht zu überhören. Es scheint als seien Fußnoten, pardon, der Betrug den fehlende Fußnoten scheinbar offenbaren, in der Öffentlichkeit und Medienwelt viel wertvoller als der Anspruch auf Achtung eines Menschen, der ohne persönliche Schuld allein aufgrund seiner Abstammung durch staatlich organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen auf grausame Weise sein Leben verloren hat. Das ist, für unsere zivilisierte Gesellschaft, nicht nur bedauernswert, sondern vor allem besorgniserregend.


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