Die türkische Geschichte der 1920er Jahre nun schon auf dem Broadway !

Ayse Eldek, eine aufstrebende türkische Schauspielerin, Autorin und Intendantin des türkisch-amerikanischen Theaters in New York, TARTE, inszenierte die traurige Liebesgeschichte eines Helden: Die Geschichte zwischen einer armenischen Schönheit und Atatürk. Mit ihrem Ausflug in die New Yorker Kulturszene wird nun am Broadway die türkische Vergangenheit neu beschrieben, und im Dienste der Liebe zum Vaterland umgeschrieben.

Auch wenn mich das an Disney´s Die Schöne und das Biest erinnert, meinte TARTE das Stück mit „to love….“ betiteln zu müssen. Dieser Titel des Bühnenwerkes erlaubt zumindest auf den ersten Blick keinen Anstoß. Geht es doch um die romantischen Bemühungen eines jungen Mädchens, das lediglich mit ihrem Helden zusammenzukommen versucht.

Das Mädchen heißt Hermine und lebt in der Türkei der 1920er Jahre auf Büyükada, der größten Insel im Marmarmeer vor Istanbul. Eines Nachts träumt Sie davon, wie ihr jemand einen goldenen Schlüssel in die Hand drückte und auf ein Schloss zeigt. Sie interpretiert diesen Traum als die Erfüllung ihres langersehnten Wunsches mit dem Gründer der Türkei zusammenzukommen. Kurz darauf besuchte Atatürk tatsächlich die größte der Prinzeninseln und Hermine scheut keine Anstrengungen und Mühe, um auf dem Fest zu Ehren des Großen anwesend sein zu können. Dieser bemerkt sofort ihre Schönheit, fordert sie zu einem Tänzchen auf. Als sie ihm auf Nachfrage ihren Namen nennt, bemerkt er, dass der Name fremd klinge. „Es ist ein armenischer Name.“, sagt sie.

In einem Interview (hier) erzählt Eldek, sie habe sich von dem Buch „Gazi’nin Hüzünlü Aşığı“ (= die traurige Liebe des Gazi) von Nehir Roggendorf Eyupoglu inspirieren lassen, und um die Geschichte interessanter zu gestalten, habe sie das Stück mit weiteren Figuren bereichert und mit Tänzen aufgepeppt. Sie habe vor allem die ersten Jahre der Republik wiederbeleben wollen, um das damalige kosmopolitische Wesen Istanbuls zu präsentieren, um zu zeigen, wie sehr seinerzeit jeder jeden geliebt habe, ohne mit Fingerzeig auf die jeweilige Herkunft zu diskriminieren. Es sei eine Zeit des großen Zusammenhaltes gewesen.

Das Stück habe sie zudem in englischer Sprache inszeniert. Dies sei ihr besonders wichtig gewesen, um nicht nur das Stück, sondern gerade auch die türkische Kultur, einer Masse an Zuschauern zugänglich machen zu können. Schließlich habe sie das Ziel, das Stück in einfacher Weise weltweit bekannt zu machen, und dafür sei die Globalität der englischen Sprache bestens geeignet.

Dass die Liebesgeschichte als solche frei erfunden ist unstreitig. Was jedoch Anstoß zu Kritik gibt, ist die vermeintlich realitätsnahe Umschreibung der Zustände in den 1920er Jahren der Türkei. Wer käme auf die Idee, eine Liebesgeschichte beispielsweise in die Nachkriegszeit des 30jährigen Krieges in Europa, zu setzen und zu behaupten, es sei eine Zeit der Liebe gewesen. Der Dreißigjährige Krieg hatte vielfältige Spuren im Leben der Menschen hinterlassen. Das Erlebnis eines geradezu nicht enden wollenden Krieges, Hunger, Krankheiten und die Zerstörung ließen eine Dichtkunst von bis dahin unbekannter Überzeugungskraft entstehen, in der sich die Gewissheit von Tod und Vergänglichkeit mit barocker Lebensgier verband.

Nicht anders ging es den Menschen in der Türkei der 1920er Jahre, im Besondern den armenischen Überlebenden des Völkermordes von 1915/16. Gerade unter Mustafa Kemal Atatürk setzte die stärkste Türkisierung ein, der den Rest des Osmanischen Reiches mit seinen Minderheiten zur Türkei mit einem türkischen Staatsvolk machen wollte. Aus armenischer Sicht war dies die Fortsetzung bzw. Vollendung des Völkermordes, nicht nur auf zivilem Weg. Das Ziel einer einheitlichen Türkei hatte sich schließlich nicht geändert; die Minderheiten waren, ungeachtet ihrer Religion, Sprache und Herkunft „eingeladen“ Bürger des Landes werden, sofern sie sich zum Türkentum bekannten.

Man stelle sich vor, die Eltern und Geschwister, Ehemänner, Frauen und Kinder in einem Völkermord aus rassistischen Gründen verloren zu haben, und nun sich zum Türkentum bekennen zu müssen, um Menschen- und Bürgerrechte genießen zu dürfen. Welche Demütigung!

Eine Anerkennung der Verbrechens, eine Entschuldigung oder allein der Ausdruck von Trauer, war nicht zu vernehmen, so dass das von Eldek geschaffene Bild jener Zeit, ein Bild der Liebe und des Zusammenhaltes der verschiedensten Menschen bzw. Ethnien auch nur im Geringsten glaubhaft erscheinen könnte.

Armenier hatten einfach gelernt unauffällig zu sein, sprachen ihre armenische Muttersprache nur leise in den eigenen vier Wänden. Andernfalls wurden sie, von den Menschen auf der Straße mit den Worten „türkce konus vatandas!“ (übersetzt: „sprich türkisch Landsmann!“) zur Unterlassung aufgefordert. Ihre Sprache und Kultur wurde, und wird bis heute, systematisch unterdrückt.

Exkurs:  Bis heute überhören die meisten Christen in der Türkei die von ihren Nachbarn erzählten „Gavur“-Witze und wissen, mit Gavur, sind sie, die aus türkisch-islamischer Sicht Ungläubigen, gemeint. Dieses Wort, damals wie heute gehört unwiderruflich in die türkische Alltagssprache, trotz Modernisierung, kritischer Sendungen im TV und der Solidarität gegenüber Hrant Dink. Will man zum Beispiel erzählen, dass jemand stur ein Einladung abgelehnt hat, sagt man: “ Adamın yine gâvur inadı tuttu, gelmem deyip duruyor“ übersetzt: „Er ist stur wie ein Ungläubiger, und besteht darauf, nicht zu kommen.“ Auch gibt es einen Gavurdagi-Salat, also einen Salat vom Ungläubigen-Berg, einer Erhebung im Taurusgebirge, welches im Südwesten der Türkei, wo er großteils der Mittelmeerküste folgt und nördlich von Syrien bis zur östlichen Grenze der Türkei verläuft. Das Gebirge umfasst damit fast den gesamten Raum des ehemaligen kleinarmenischen Königreiches von Kilikien. Hier liegen auch die Städte  Adana, Urfa, Sivas, Diyarbakir, Harput, Van. In all diesen Städten hatten Armenier Tod und Deportation, Hunger und Gewalt zu fürchten. Hier zwischen Taurusgebirge, Euphrat und Tigris, bis in die syrische Wüste ereignete sich der Genozid an den Armeniern. Und ein an diese Gegend der Ungläubigen erinnernder Salat wird  heute als Spezialität der Region Adana durch die verschiedensten Rezepte-Blogs gejagt.

Fleißig von einer Demütigung zur nächsten.

Nachdem die Türkei sich auf der weltpolitischen Bühne einen Namen als Leugner gemacht hat, hier und da Diplomaten abzieht um sie nach drei Wochen wieder zu entsenden;

nachdem türkische Religionsvertreter, nicht nur in Deutschland, völkermordleugnende Literatur an die Kommunalpolitik verteilen;

nachdem türkische Gemeindevertreter wie Kenan Kolat sich um die Psyche türkischer Jugendlicher sorgen, die aufgrund des den Völkermord behandelten Geschichtsunterrichtes in einigen deutschen Schulen einer verstärkten Diskriminierung ausgesetzt seien,

ist nun die Privatperson türkischer Herkunft an der Reihe, dem Land zu dienen. Allen voran Ayse Eldek, die in englischer Sprache Massen manipulieren, pardon…… erreichen will.

Seit über fünfundneunzig Jahren leugnet die Türkei den Völkermord an den Armeniern.

Der erste Präsident der Republik hat sich zunächst während des Ersten Weltkrieges bzw. des Völkermordes militärisch in der Armee des Osmanischen Reiches einen Namen gemacht, auch wenn an der Meerenge zu Gelibolu (Gallopoli) kämpfte und selbst nicht mit den Tötungen von Armeniern beauftragt war, so unterstützte er doch die regierende Partei für Einheit und Fortschritt. Sodann hat er den Plan einer homogenen türkischen Gemeinschaft unter dem Dach eines eigenen, starken Staates, vollendet und mit der Staatsgründung, der Verwerfung des Vertrags von Sèvres  (1920) und schließlich mit dem Vertrag von Lausanne (1923) Früchte aus den schrecklichen Geschehnissen gezogen.

Gewiss Mustafa Kemal hat der türkischen Republik erhebliche Modernisierungen wie die Abschaffung des Kalifats, den Laizismus und  das Frauenwahlrecht gebracht. Hierfür haben jedoch die in diesem Land lebenden Nicht-Türken, Armenier und Griechen, Assyrer und Aramäer einen unverhältnismäßig hohen Preis mit ihrem Leben gezahlt. Sie waren im Osmanischen Reich die führenden Wirtschaftskräfte in den Bereichen Handel, Handwerk und Industrie. Durch ihre Auslöschung und Deportation ist die türkisch-moslemische Bevölkerung zu enormen Besitztümern gekommen und war damit erst in der Lage, die kemalistische Nationalbewegung zu unterstützen.

Vor der Gründung eines eigenen Nationalstaates war jedoch ein weiterer Schritt nach 1915/16 notwendig: Die Eroberung der von den Griechen bewohnten Städte und Dörfer. Der sog. Befreiungskrieg bzw. die griechisch – türkischen Kriege 1919 – 1922 richteten sich u.a. gegen die Gründung eines armenischen und eines griechischen Staates auf dem Gebiet des osmanischen Reiches sowie gegen die Besatzungszonen nach dem Vertrag von Sèvres.  Die in diesem Vertrag verankerten alliierten Aufteilungspläne der Türkei, waren von der Regierung unter Damat Ferid Pasa  unterzeichnet worden, riefen aber den erfolgreichen Widerstand unter Mustafa Kemal hervor.

Gegen Ende der griechisch – türkischen Kriege wurde Symra, das heutige Izmir erobert. Bereits in den ersten Tagen nach der Eroberung wurden 40.000 Einwohner umgebracht und die armenischen und griechischen Viertel der Stadt wurden niedergebrannt. Insgesamt wurden im September etwa 150.000 Griechen und Armenier von der türkischen Armee des Mustafa Kemal Pascha Atatürk ermordet und niedergemetzelt. Das brutale Vorgehen von Polizei und Militär, Massenvergewaltigungen der Frauen, Niederbrennen ganzer Stadtviertel und die sadistische Quälerei der Unschuldigen durch die türkischen Milizen gipfelten in der Vertreibung der wenigen überlebenden Griechen.

Im Jahre 1923 beendete der Vertrag von Lausanne schließlich die Existenz der 353.000 pontischen Griechen an der türkischen Schwarzmeerküsten. Der im Vertrag geregelte sog. Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei bedeutete für etwa 1,25 Millionen Griechen und pontische Griechen de facto die Vertreibung aus der 3000jährigen hellenistischen Heimat. Auch hier gehörten Todesmärsche, das Zusammentreiben der Menschen zum Zwecke der Exekution ebenso wie die Verbrennung der Menschen in ihren Kirchen an die Tagesordnung. Die Leichen wurden, wie im Falle der Armenier, in den nahegelegenen Flüssen entsorgt. Dies war ethnische Säuberung durch Vertreibung und Vernichtung, Völkermord, diesmal unter der Leitung von Mustafa Kemal genannt Befreiung.

Zu guter Letzt konnte jedoch ein neuer Staat ausgerufen werden und mit dem Übergang zur Türkei bildete der bisherige türkische Nationalismus in der neuen Form des Kemalismus eine wichtige Grundlage des neuen Staates.

Folgerichtig durchdacht ist da auch die Idee der nachträglichen Geschichtsschreibung. Bereits Mustafa Kemal hatte die Geschichte nachträglich korrigiert: Er ließ beispielsweise 1931 eine „Historische Gesellschaft“ gründen, die eine glorreiche Vergangenheit, welche der glorreichen Gegenwart ebenbürtig sei, zu konstruieren hatte. In diesem „Grundriss der türkischen Geschichte“ (Türk Tarihinin Ana Hatlari) werden alle Völkerschaften, die je den Raum der neuen Republik besiedelt hatten, zu Vorläufern oder engen Verwandten der Türken. Die Skythen und Hethiter, die Phryger, sogar die griechischen Ionier. Sie alle sind zu Urbild des Türken geworden. Warum sollten Erdogan, Kolat und Eldek dann nicht auch, ihrem Vorbild folgend, Geschichte nicht anpassen?

Die Pogrome vom September 1955, die bis heute andauernde Leugnung des Völkermordes an den Christen der Türkei, der Mord an dem armenischen Journalisten, die Christenmorde in Malatya zeigen, dass auch Jahre nach dem Tod des Übervaters einer Nation seine Ideologie nicht an Kraft eingebüßt hat. Warum auch? In der Verfassung der Republik wird von Atatürk als dem „unsterblichen Führer und unvergleichliche Held“ der Türkei gesprochen, in § 5816 des türkischen Strafgesetzbuches wird die „Beleidigung Mustafa Kemals“ unter Strafe gestellt. Das Bild des Ata schmückt schließlich bis heute Geldscheine, Häuserwände, Wohn- und Kinderzimmer. Schulkinder müssen, unabhängig ihrer Herkunft und der ihrer Eltern, jeden Morgen einen Eid

„Ich bin Türke, ehrlich und fleißig. Mein Gesetz ist es, meine Jüngeren zu schützen, meine Älteren zu achten, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst. Mein Ideal ist es aufzusteigen, voranzugehen. O großer Atatürk! Ich schwöre, dass ich unaufhaltsam auf dem von dir eröffneten Weg zu dem von dir gezeigten Ziel streben werde. Mein Dasein soll der türkischen Existenz ein Geschenk sein. Wie glücklich derjenige, der sagt ,Ich bin Türke‘!“

auf diesen Mann schwören, denn ihn zu ehren ist oberste Bürgerpflicht und geht weit über religiöse Maßstäbe hinaus.

Die auch in Deutschland zu beziehende Tageszeitung Hürriyet zeigt in ihrem Logo Atatürks Abbildung und unterlegt sie mit den Worten „Türkei den Türken“. In ihrer (Online-) Ausgabe vom 30.01.2011 (hier) titelt sie gleichzeitig „Multi-Kulti ölmedi yaşıyor“ (= Multi-Kulti ist nicht tot- Multi kulti lebt).

Überaschenderweise ist die Staatsform „Vielvölkerstaat“, seinerzeit von Osmanen, Jungtürken und Kemalisten bekämpft, gerade von der hier lebenden türkischstämmigen Bevölkerung und ihren politischen Vertretern, zumindest für die Multi-Kulti-Bundesrepublik Deutschland, erwünscht und ihre Unabwendbarkeit wird oft, gern und laut betont.

In der Vergangenheit war nicht immer alles besser und das Theaterstück von Ayse Eldek ist nicht als meisterliches Bühnenwerk zu verstehen, dass stehende Ovationen erwartet, sondern bestenfalls als absichtlicher und systematischer Versuch, Sichtweisen der Zuschauer zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer positiven Stimmung gegenüber der heutigen und frühen Türkei! Und mit einer Neu-Schreibungs-Mentalität liegt sie ganz in Trend und Tradition ihrer Heimat.

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