„Es ist unser aller Schmerz “ – Gedenkveranstaltungen zum 24. April 1915 in der Türkei

In den letzten Tagen sind Zeitungen übersät mit Meldungen über Gedenkveranstaltungen zum 24.April, dem 95.Jahrestag des Völkermordes im Osmanischen Reich. Bundesweit haben Armenier sich mit Menschen verschiedenster Nationalitäten in Kirchen versammelt, Gastrednern, Rezitationen und klassischen Gesängen zugehört und ihrer Toten gedacht.

In der Türkei fanden ebenfalls ähnliche Veranstaltungen statt. In Istanbul und in Ankara wurde der Toten gedacht, Plakate und Schilder mit der Aufschrift „bu yas hepimizim“ („Es ist unser aller Schmerz“) wurden hochgehalten.

Wunderbar. Die Türkei gedenkt der eigenen Vergangenheit, des Völkermordes.

Völkermord? Nein, nein – das nun nicht gerade.

In der Türkei ist es mal wieder Zeit für eine Kundgebung, die vorgibt ein wenig besser zu sein, als sie tatsächlich ist.

Eines vorab: auch ich, eine in dieser Angelegenheit bekanntlich sehr kritische Person, begrüße die öffentlichen Entwicklungen in der Türkei. Na ja……. zumindest in gewissem Maße!

Nur sehe ich, als Enkelin von Vahan Torossian, geboren 1900 in Sebastia / Westarmenien (heute Sivas / Türkei), einem Überlebenden des Genozids, die Sache ein wenig anders.

Man gedachte den Verstorbenen eines Krieges, keines Genozids.

Der Politologe Cengiz Aktar, einer der Initiatoren der Kundgebung und der angesehenste EU-Experte der Türkei, teilte in der „Milliyet“ mit, in dem Aufruf werde der von der Türkei bis heute abgelehnte Begriff des Völkermordes überhaupt nicht erwähnt.

Nun, warum ist es denn so wichtig den Begriff Völkermord zu verwenden? Tot ist tot – und jeder Tote gleich wert. Soviel steht fest. Bei einer Gedenkveranstaltung geht es doch gerade um die verstorbenen Menschen, nicht nur um einen Streit wegen Begrifflichkeiten.

Nicht nur!

Bei einer Gedenkveranstaltung möchten Armenier nicht nur daran erinnern, dass Levon Aghababian, Khatchatur Maloomian, Asadur Arsenian, Dr. Nazaret Daghavarian, Sarkis Armdantsi, Sarkis Abo, Hrant Aghajanian, Mihran Aghajanian, Mihran Aghasyan, Paruyr Arzumanian ………….. ihr Leben verloren haben.

Sie möchten daran erinnern, dass diese und weitere 1,5 Millionen Menschen allein ihrer Herkunft wegen umgebracht wurden, weil sie bei der Gründung eines ethnische einheitlichen Staates als hinderlich gestuft wurden.

Sie möchten auch daran erinnern, dass die Pogrome und Massaker, die Deportationen, die Vergewaltigungen und Versklavungen, die Überfälle und Hinrichtungen von den Machthabern des Osmanenreiches, dem Triumvirat  Talaat-Enver-Cemal, dem jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt (Ittihad ve Terakki Cemiyeti) , den Deportationsoffizieren und  den sog. Çetes beschlossen, minutiös geplant, organisiert und gnadenlos durchgeführt wurden.

Völkermord ist ein völkerrechtlicher Begriff, bei dem es um weit mehr geht, als um die Zahl der Verstorbenen. Das kleine Zugeständnis in der Türkei, großes Leid und „100.000“ Tote, Massaker ja, Völkermord nein, rechnet unnötig Tote gegeneinander auf.

Entscheidend ist, dass ein VOLK VERNICHTET werden SOLLTE und, dass hierzu die staatliche ABSICHT geäußert wurde, und dem juristischen Idealfall einer strategischen Durchführung entsprach. Juristisch ist nicht entscheidend, ob tatsächlich Tausende oder mehrere Millionen umkommen.

Der Vorwurf, oft und gern gerichtet gegen die armenische Diaspora,  es gehe nur um Begrifflichkeiten oder juristische Feinheiten, über die man die eigentlichen Opfer vergesse, ist unüberlegt.

Der Vorwurf von Jürgen Gottschlich, der armenischen Diaspora leiste ihren Beitrag zur Politikverhinderung (06.03.2010 taz.de – http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=me&dig=2010%2F03%2F06%2Fa0093&cHash=24e9cc50a6 ) ist demütigend, respektlos, aber vor allem unwahr.

Die armenische Diaspora sei unversöhnlich, propagandistisch oder nach Antje Bauer vom WDR5 gar reaktionär, ist beschämend. Wie leicht ist es doch Opfer zu Tätern zu erklären!

Immerhin birgt ein rechtlicher Begriff wie Völkermord mangels Verjährung ein gewisses Risiko. Es könnte Rechtsfolgen nach sich ziehen. Die Übernahme von Verantwortung, die Verpflichtung zu einer Entschuldigung, Maßnahmen zur Wiedergutmachung – und was der Türkei nicht weniger wichtig ist, das Ansehen der Türkei, die Unantastbarkeit des Türkentums, könnten Schaden nehmen.

Im Falle der Einstufung eines „einfachen“ Krieges ist es mit Sicherheit einfacher, glaubhaft darzulegen, dass es sich um gegenseitige Kampfhandlungen gehandelt habe. Es ist angenehmer zu glauben und noch einfacher zu erzählen, dass viele Menschen in Folge von Kriegswirren umkamen. Schließlich ist geradezu jedes Land irgendwann einmal an einem Krieg beteiligt gewesen. Da ist die Türkei mit ihrer Vergangenheit nichts besonderes, und am wenigsten besonders grausam. Es ist einfacher als einzugestehen, dass zur Gründung einer ethnisch einheitlichen Nation, die Vernichtung der Armenier, aber auch der Aramäer, Assyrer, Pontier und Griechen, von existenzieller Bedeutung für eine neue türkische Nation war. Krieg ist nicht ganz so „rassistisch“ wie Genozid. Totschlag besser als Mord.

Wieso soll nun unbedingt die türkische Regierung eine Schuld anerkennen, sich entschuldigen oder ähnliches? Reicht es nicht, wenn sich die türkische Gesellschaft und Medienlandschaft sich mit der Vergangenheit befassen?

Wieso? Weil dem osmanischen Staat die Schuld an den Massakern zuzusprechen ist. Dieser hat seine Bevölkerung dazu aufgerufen, Gewalt gegenüber Armeniern auszuüben, sie zu vertreiben und zu vernichten. Mit dem Einsatz von Waffen, Militär, ehemaligen Gefängnisinsassen und der Zusicherung von Land und Vermögen, hat die Regierung des Osmanischen Reiches die Vernichtung der Armenier geleitet und durchgeführt.

In Europa wurde das osmanische Reich schon seinerzeit als ottomanisches bzw. türkisches Reich bezeichnet. Die heutige Türkei sieht sich allzu gern als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches. Sie ist stolz auf die Errungenschaften der Osmanen und froh über die Gründung der Türkei durch Jungtürken und Mustafa Kemal Atatürk. Sie erfreut sich darüber, dass am 25.09.1529 das Gros des Türkenheeres mit Ibrahim Pascha an der Spitze vor den Toren Wiens eintrifft, und erinnert sich gern und stolz an die Ära  des prächtigen Süleyman I. (1520–1566).

Nur wenn es unangenehm wird, etwa die Jahre um die Jahrhundertwende bis 1915/16, möchte man sich – außerhalb der Heimatgrenzen – nicht ganz mit den Osmanen gleichsetzen lassen. Es war eine andere Zeit, eine schwierige Zeit. Man betont, dass seit Atatürk ein neuer Staat existiere, ein moderner, laizistischer, demokratischer Rechtsstaat – reif für die EU.

Die Verehrung von Enver Pascha (1881-1922) und Talat Pascha (1874-1921) durch zwei monumentale Denkmale mitten in Istanbul, lässt man sich aber dennoch nicht nehmen, ebenso wenig wie das Recht eine Grundschule in Istanbul nach einem der Hauptverantwortlichen des Völkermordes benennen zu dürfen (Talat Pasa Istanbul Sisli ilkögretim okulu). Es lebe die Souveränität des türkischen Volkes, die ethischen Grundsätzen vorangeht.

Aber immerhin bedauern viele Menschen in der Türkei die Geschehnisse. Am 24. April 2010 sind viele Menschen in der Türkei auf die Straße gegangen.

30.528 (Stand 29.04.2010) Menschen, meist aus dem linken oder liberalen Lager, haben seit Dezember 2008 die Kampagne „ozurdiliyoruz.com“ („Wir entschuldigen uns“) unterzeichnet. Das ist doch ein Fortschritt.

Mag sein.

Die diesjährige Gedenkveranstaltung in Istanbul ist von derselben Gruppe initiiert, die vor zwei Jahren bereits die o.g. Unterschriftenkampagne im Internet gestartet hatte, bei dem sich jeder individuell bei den Nachkommen der ermordeten Armenier entschuldigen konnte: Cengiz Aktar, Ahmet Insel, Ali Bayramoglu, Baskin Oran.

Wie bei der  Gedenkveranstaltung zum 95.Jahrestag kam jedoch auch in dem Entschuldigungstext der Unterschriften-Aktion der Begriff des Völkermordes nicht vor, man sprach lediglich von einer großen Katastrophe:    „Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass man der großen Katastrophe, die 1915 den osmanischen Armeniern widerfuhr, bisher so teilnahmslos gegenüberstand, ja dass diese gar geleugnet wird. Ich lehne diese Ungerechtigkeit ab und teile die Gefühle und das Leid meiner armenischen Mitmenschen und bitte sie um Verzeihung.“

Dass die große Katastrophe den Vollzug staatlichen Willens darstellte, wird nicht erwähnt. Katastrophen sind Unglücksereignisse, die über etwas herabbrechen, staatlich  geplant sind sie in der Regel nicht.

Wer die Zeilen aufmerksam liest, sieht auch, dass sich niemand für de Geschehnisse selbst entschuldigt, sondern nur für die den Ereignissen folgende Teilnahmslosigkeit.

Eine Aufforderung an die aktuelle Regierung, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, sucht man ebenfalls vergeblich.

Dass im WWW auch noch eine andere Kampagne ins Leben gerufen wurde, scheint niemanden aufzufallen. Die  http://www.ozurdilemiyoruz.biz/imzalayanlar.php mit dem Konterfei des Staatsgründers der heutigen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, ist bis heute aktiv. Hier unterzeichneten, bislang immerhin 85.857 (Stand 29.04.2010), türkischstämmige Bürger unter dem Titel „wir entschuldigen uns nicht.“ – Anzahl steigend.

Vergleicht man die Anzahl der beiden Online-Aktionen (30.528 : 85.857),  so kann nicht ernsthaft behauptet werden, dass nur einige wenige Nationalisten am rechten Rand, sich der Demokratisierung und damit einhergehend der Aufarbeitung der eigenen Geschichte verschließen.

Nur eine Frage drängt sich auf: Warum organisieren türkische Intellektuelle eine 24-April-Gedenkveranstaltung, wenn es anscheinend doch nicht um den Völkermord an den Armeniern geht?

Worum geht es den Veranstaltern, die in Interviews zur Unterschriften-Aktion regelmäßig betonten, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten der Regierung mischen wollten, dass ihre Aktion nicht als Aufruf an die Regierung zu verstehen sei. Es gehe ausschließlich um das Individuum, den Menschen. Sie seien bemüht, dem eigenen Gewissen zu folgen und versuchten lediglich, den türkischstämmigen Menschen der Türkei die Möglichkeit zu bieten, gleiches zu tun.

Ahmet Insel erklärte in einem Interview z.B., dass er und seine Mitstreiter unabhängig von der offiziellen Türkei als türkische Bürger das Recht haben, die eigene Meinung über die eigene Geschichte kundzutun. Ahmet Insel, Inhaber einer Professur in Paris und in Istanbul, tätig in den Bereichen Politologie und Wirtschaft, hoffe, dass die Kampagne nicht für andere politische Zwecke missbraucht werde.

Welche anderen politischen Zwecke? Wem kann eine solche Aktion nutzen und gleichzeitig in den Augen dieser Veranstalter einen Missbrauch darstellen?

Den türkischen Patrioten nutzt diese Aktion nicht, sie belastet gar schadet ihnen. Wie und wozu sollte er die Aktion also missbrauchen? Er wird sie allenfalls stören oder verurteilen. Gleiches gilt für die Nationalisten.

Die armenische Seite? Würden die Nachkommen der Opfer des Völkermordes diese Aktion tatsächlich missbrauchen, wenn sie ihre Forderung nach Anerkennung der Faktizität nicht auch mit dieser Aktion gegenüber der Regierung begründen würden? Das armenische Volk kämpft seit nun 95 Jahren um die Anerkennung dieses Leides; kann man ihr eine Entschuldigungsaktion, eine Mahnwache oder einen Demonstrationszug widmen und ihr gleichzeitig verwehren Früchte aus ihr zu ziehen?

Na, was denn nun? Ja oder nein – ein wenig schwanger geht nicht.

Gilt die Online-Aktion bzw. die aktuelle Gedenkveranstaltung doch jemand anderem? Dem türkischen Bürger, der als Unterzeichner nun in der Wahrheit lebt und sein Gewissen erleichtert hat –  unter der Bedingung, sein Bekenntnis nicht gegen seinen Staat zu verwenden und damit zu missbrauchen? Wie kann die politischste Frage aller Fragen in der heutigen Türkei unpolitisch gemeint sein?

Was nützt eine „trockene“ im Raum stehende Entschuldigung in diesem Fall. Sie verhöhnt die Bemühungen der Nachkommen armenischer Opfer, die um staatliche Übernahme der Verantwortung für ein staatlich begangenes Verbrechen.

Kann man eine solche Argumentation ernst nehmen? Oder sollte man tunlichst vermeiden, diese Argumentation nicht ernst zu nehmen?

Noch ein Versuch, der intellektuellen Motivation näher zu kommen:

In Köln ist das Kulturforum Türkei-Deutschland e.V. seit etwa drei Jahren Veranstalter der Hrant-Dink-Gedenkveranstaltungen, gemeinsam mit vielen verschiedenen Menschenrechtsvereinen, Gemeinden.

Hrant Dink war Armenier, Journalist und einer der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden zweisprachigen Wochenzeitung Agos. Der von nationalistischen Kräften in Gesellschaft und Justiz seit Jahren verfolgte Redakteur wurde am 19.01.2007 auf offener Straße erschossen.

Die Hürriyet beispielsweise war eine der Zeitungen, die erst gegen Dink hetzte und im Anschluß Beileid heuchelte.

Baskin Oran, einer der Gründer der Unterschriften-Kampagne „Özürdiliyoruz.com“ ist im Vorstand des Kulturforums Türkei-Deutschland. Er ist Kolumnist der armenischen Zeitung Agos und Dozent im Bereich der Internationalen Angelegenheiten am Lehrstuhl für Politologie der Universität in Ankara.

In der Türkei genießen Universitäten eine besondere Bedeutung. Sind sie es doch, die Meinungen bilden und begründen, um sie in die Öffentlichkeit zu transportieren.

Warum schreibt der Dozent einer staatlichen türkischen Universität in einer armenischen, staatskritischen Zeitung und engagiert sich außerhalb seiner türkischen Heimat für das Gedenken an einen armenischen Journalisten, welcher sich für die Aufarbeitung der Geschichte einsetzte und damit gegen Art. 301 des türkischen Strafgesetzbuches (Herabwürdigung des Türkentums / Beleidigung der türkischen Nation) verstieß?

Zu dem Namen Oran gibt es noch eine weitere Paradoxie:  die politische Karriere seiner Tochter, Sirma Oran-Martz.

Sirma Oran-Martz lebt seit 17 Jahren in Frankreich und besitzt auch die französische Staatsangehörigkeit. Sie kandidierte bei einer Lokalwahl 2009 in der französischen Stadt Villeurbanne als Spitzenkandidatin der Grünen.

Der Völkermordes an den Armeniern ist in Frankreich anerkannt. Nachdem ein Bürgermeister einer anderen Gemeinde dazu aufgerufen hatte, Frau Oran-Martz zu fragen, ob sie den Völkermord an den Armeniern anerkenne, wurde eine Sitzung einberufen, wo ihr die Frage tatsächlich gestellt wurde.

Die Grünen-Politikerin ließ sich nicht auf die Frage ein. Die Türkin lehnte die Antwort mit der Begründung ab, dass das dem türkischen Image schade und zog ihre Kandidatur zurück. Nach diesem Vorfall beschwerte sie sich gerichtlich wegen Diskriminierung. Sie unterlag und wurde wegen missbräuchlicher Inanspruchnahme französischer Gerichte zu einer Geldstrafe verurteilt.

Sirma Oran-Martz, Tochter eines Armenier-Freundes, gibt nicht auf. Sie kündigte an, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzurufen.

Wie passt all dies zusammen?  Ich weiß eine Tochter muss nicht immer und überall mit ihrem Vater übereinstimmen. Und dennoch! Irgendwie seltsam.

Was ist mit Prof. Dr. Recep Keskin? Er ist ebenfalls Mitglied im Vorstand des Kulturforum Türkei – Deutschland, dem Veranstalter der Hrant-Dink-Gedenkveranstaltungen in Köln.

Er ist gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der ATIAD mit Sitz in Düsseldorf. ATIAD ist ein Zusammenschluss von türkischstämmigen Unternehmern, die eine Vorreiterrolle bzw. Vorbildfunktion für das türkische Unternehmertum übernommen haben.

ATIAD ist damit ein Spitzenverband der türkischen Wirtschaft u. sieht sich als Fürsprecher der Türken in der Geschäftswelt Europas.  Der Verband hat es sich zum Ziel gemacht, Vorbild und Symbol für die türkische Wirtschaft in Europa zu sein. Er vertritt die Belange der türkischen Unternehmen gegenüber dem Gesetzgeber, bei den europäischen, deutschen und türkischen Behörden und Organisationen sowie in der Öffentlichkeit.

Erklärte Ziele der ATIAD sind v.a. die Förderung des wirtschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und der Türkei, die Unterstützung des Beitrittsprozesses der Türkei in die Europäischen Union, die Förderung des Unternehmertums unter der in Europa lebenden  türkischen Bevölkerung sowie die Verbesserung der Bildungssituation von Kindern/Jugendlichen und ihre Unterstützung bei der Integration in die Arbeitswelt.

Die der Türkei in der EU angebotene „ Privilegierte Partnerschaft“ ist nach ATIAD inakzeptabel.   In einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsident Nicolas Sarkozy  äußert sich Recep Keskin, 2009 wie folgt: „Diese ablehnende Haltung überrascht uns nicht, denn wir sind es leider aus der Vergangenheit gewohnt, dass die CDU und CSU kurz vor Wahlen versuchen mit antitürkischen Parolen Stimmen aus einer bestimmten Wählergruppe einzufangen.

Noch einmal drängt sich mir die Frage auf: Wieso setzt sich ein patriotischer türkischer Staatsangehöriger für das Andenken an einen armenischen Journalisten ein, welcher in der Türkei wegen Beleidigung des Türkentums angeklagt war und zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Warum veranstalten Mitarbeiter türkischer Universitäten und Verbände, und damit vorwiegend Bedienstete des türkischen Staates, Gedenkveranstaltungen zum 24.April oder für einen armenischen Journalisten, dessen Mörder Verbindungen zur türkischen Elite aus Verwaltung, Militär und Justiz hat?

Vielleicht liegt die Antwort in der EU?

Diese türkischen Akademiker sind u.a. EU-Experten wie Cengiz Aktar, Professoren an einer französischen Universität wie Ahmet Insel, Wirtschaftsgrößen wie Recep Keskin. Sie befürworten den Beitritt der Türkei in die Europäische Union. Sie haben erkannt, dass die Türkei ihr Bild in Europa aufpolieren muss. Sie erkennen jedoch auch, dass hierzu die Aufarbeitung der eigenen Geschichte erforderlich ist. Durchaus legitim, und wie bereits oben erwähnt, bis zu einem gewissen Grad auch erfreulich.

Aber vor allem nützlich!

Schließlich fand Online-Aktion sogar die Beachtung der aktuellen Bundesregierung, im Besonderen der von Frau Staatsministerin Cornelia Pieper (FDP), die in Ihrer Antwort auf die kleine Anfrage der Linken, BT-Drs. 17/687 vom 10.02.2010, ausdrücklich die Kampagne zu Gunsten der Menschenrechts-Situation in der Türkei positiv hervorhebt.

Eine Aktion, die scheinbar den Armeniern gilt, erweist sich als nützlich für den türkischen Staat. Kalkül oder günstige Nebenwirkung?

Was jedoch, zumindest aus armenischer Sicht nicht zu übersehen ist, ist die strikte Umgehung des Völkermord-Begriffes im Rahmen der Online-Kampagne ebenso wie bei den Demonstrationen in Istanbul bzw. Ankara vor wenigen Tagen. Erklärte Sorgen um Störungen und Missbrauch der Aktionen, allein aufgrund der Verwendung eines bestimmten Wortes, überzeugen nicht; zumal die Veranstaltung unter polizeilichem Schutz stand.

Auch ohne die Verwendung dieses umstrittenen Begriffes scheinen Angriffe und Behinderungen durch Nationalisten ebenso wahrscheinlich, wie die Anklage nach Art. 301 des türkischen Strafgesetzbuches nach dem Wortlaut des Gesetzes und mit Blick auf das offizielle Ankara möglich; geht es doch um genau diesen einen Tag, den 24.April1915, der uneingeschränkt mit dem Begriff des Völkermordes, der Vernichtung und der Deportation der Armenier in Verbindung steht. Man könnte meinen, ideologisch ging es um das gleiche.

Geht es in diesen Aktionen tatsächlich um die Armenier? Den Völkermord und die noch ausstehende Anerkennung? Um Trost und Wiedergutmachung? Nein, ich befürchte nicht.

Geht es um die Demokratisierung der Türkei? Ja, wahrscheinlich.

Geht es um den Eintritt in die EU? Ja, sicherlich.

Und der polizeiliche Schutz der Demonstranten und Armenier aus Istanbul zeigt einmal mehr, wie sehr die Türkei Menschenrechte bewahrt, Meinungsfreiheiten fördert und die Versammlungsfreiheit schätzt. Für das Ansehen des Türkentums ist man gerne bereit, für einen Tag Art. 301 des eigenen Strafgesetzbuches außer Kraft zu setzen.

Warum in der heutigen Türkei lebende Armenier bei der Demonstration in Istanbul mitgemacht haben ist klar. Man freut sich über jede noch so kleine Verbesserung im Hier und Jetzt – und nur aus besonderem eigenem Interesse ist man für den Beitritt der Türkei in die EU.

Verkehrte Welt:

Anstatt zu erkennen, dass die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern von den Nachkommen der Täter ein weiteres Mal, unter dem Deckmantel des Gedenkens, instrumentalisiert wird, ja zu eigenen Zwecken missbraucht wird, heißt es bei Frau Antje Bauer vom WDR5, die armenische Diaspora sei reaktionär. Sie bremse die Annäherung zwischen der Republik Armenien und der Türkei, gründe ihre Identität in großem Maße auf die Erinnerung an die historischen Massaker und begegne der türkischen Seite mit besonderem Misstrauen.

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