Gedenken 24.4.16 Ansprache J. Chatschadorian 

Montag, April 25, 2016

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Genozides im Osmanischen Reich 1915, Deutsches Historisches Museum, 24.04.2016, Begrüßungsansprache der Vorsitzenden des Zentralrates der Armenier in Deutschland, Jaklin Chatschadorian 

(es gilt das gesprochene Wort)
Verehrte Anwesende,
Verehrte Eminenzen und Geistliche, Eure Eminenz Erzbischof Karekin Bekdjian,
Verehrte Exellenzen, Herr Botschafter Ashot Smbatyan,
Verehrte Bundestagsabgeordnete,
 
ich heiße Sie zu dem Gedenken an die Opfer des Völkermordes von 1915 herzlich willkommen. 

Besonders begrüßen darf ich an dieser Stelle Herrn Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, dessen Mut und Finesse zu einem Hoffnung schenkenden Handschlag im Bundestag geführt hat. Ich grüße Herrn Bundestagsabgeordneten Herrn Michael Brand, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und möchte ihm für seine mutige Forderung nach der expliziten Verwendung des Begriffes Völkermord danken. 

Ich freue mich auch über die vielen anderen Mitstreiter, die das Anliegen des heutigen Abends mit Ihrer langjährigen Arbeit unterstützen und danke an dieser Stelle Frau Dr. Kristin Platt und Herrn Prof. Dr. Mihran Dabag, ohne die das Institut für Diaspora- und Genozidforschung nicht denkbar wäre. 

Liebe Vertreter des Bundesverbandes der Aramäer, lieber Daniyel Demir, auch Sie darf ich als langjährige Mitstreiter und enge Freunde begrüßen. 

Schließlich möchte ich die Künstler des heutigen Abends herzlich begrüßen und ihnen für die musikalische Umrahmung danken.
 
Liebe Armenier, liebe Nachkommen eines geleugneten Genozides,
ich heiße Sie im Namen des Zentralrates der Armenier in Deutschland, im Namen der Armenischen Botschaft und im Namen der armenischen Kirche herzlich willkommen.
 
Verehrte Gäste,
im Jahr 101 nach dem Genozid an den Armeniern, Aramäern, Assyrern, Chaldäern und Pontusgriechen möchte ich Ihren Blick nicht nur auf die Vergangenheit lenken, sondern auch für die Gegenwart sensibilisieren.

Die menschenverachtende Selbstüberhöhung osmanischer Jungtürken war Ursache und Antrieb der im Genozid endenden Christenverfolgung, deren Opfer wir hier gedenken. Die nationalistische Überzeugung über die Schuld der Christen an dem fehlenden Vorankommen des Osmanischen Reiches nährte die pantürkische Vorstellung eines von Störern bereinigten Großreiches aller Türken und kostete insgesamt 3-4 Millionen Christen das Leben. Bis heute blüht und gedeiht dieser pantürkische, turanische Rassismus. In der Türkei ebenso wie in Deutschland. Aus dieser Ideologie leitete man sich das Recht Diskriminierung, zur Unterdrückung und Tötung ab. Sie alle wissen um die prekäre Lage der Christen in der Türkei. Die Griechenverfolgung von 1923, das Dersim-Massaker an alevitischen Kurden 1938, die Septemberpogrome von 1955,
aber auch die aktuellen, bisweilen mit umfänglicher Vernichtungsabsicht verübten Massaker im Osten der heutigen Türkei sind Ergebnisse der in der Türkei feierlich gepflegten Selbstüberhöhung. 

Sie sind im Besonderen Folge der Nichtahndung des Genozides von 1915.  
Der gerade Armeniern entgegengebrachte Hass ist ungebrochen. Während wir in Deutschland darüber nachdenken, ob eine bestimmte Satire beleidigend war oder nicht, ist in der Türkei bereits die Bezeichnung eines Menschen als „Armenier“ Grund für unzählige Strafverfahren. 

Die – auch aus geopolitischen Aspekten – dringend notwendige Ächtung des Genozides als Völkermord im Sinne der UN-Konvention nähme diesem unsäglichen Verbrechen und seiner professionalisierten Leugnung in der Türkei, aber auch der Leugnung durch in Deutschland lebende Türken endlich die Grundlage. Es geht eben, anders als Armenier oft vorgeworfen, nicht um Wortklauberei. 

Der Begriff „Völkermord“ bezeichnet einen Straftatbestand. In dieser juristischen Qualifizierung liegt eine ethische Grundhaltung. Sie bezweckt nicht nur höchstpersönlichen Empfindungen Genüge zu tun, sondern auch die Kennzeichnung von Verschulden und Verstoß.
Sie impliziert die Prävention zum Schutze der Allgemeinheit und beansprucht die Sühne auf Täterseite. Reue, Trauer und nicht zuletzt der Fingerzeig auf die Notwendigkeit einer, zumindest symbolischen, Wiedergutmachung finden hier ihren Anfang. 

Ohne die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, meine Damen und Herren, ohne Aufarbeitung und Gedenken ist keine Versöhnung möglich. Mit der bislang verweigerten Anerkennung wird den Armeniern die Bestätigung ihres Rechtsbewusstseins verwehrt und sie werden zum Störer, gar zum Lügner erklärt. 

Ohne die internationale Verurteilung des Verbrechens fehlt der Türkei und ihren Nationalisten das Unrechtsbewusstsein. Während Menschen normalerweise den Tod eines anderen Menschen betrauern, die Tötung ächten und den Täter verurteilen, rühmen sich diese Menschen ihrer Massaker; 1915 wie heute. Was damals die Christen traf, trifft heute wieder die Christen, aber auch die Kurden, Aleviten, Yeziden. Damals wie heute fehlt es an richtungsweisendem, internationalen, politischen Druck.

Ich bin, wie viele andere im Saal, Armenierin und Deutsche; beides mit Herz und Seele. Auch ich habe ein Interesse an der Bewältigung der sog. Flüchtlingskrise und dem Schutz von Flüchtlingen, etwa verfolgten Christen und Yeziden.

Aber rechtfertigte mein bundesrepublikanisches Interesse an der Begrenzung von Flüchtlingszahlen wirklich auch die Zurückhaltung bei der Benennung eines Genozides als das, was er nun einmal war? 

Rechtfertigen unsere Interessen, auf die Feigheit, pardon „Verletzlichkeit“, des türkischen Staates Rücksicht zu nehmen?
Die Bundeskanzlerin nahm sich auch gestern, während ihres Besuches in der Türkei, dieses Themas nicht an. Wie glaubwürdig sind wir Deutsche in diesem Fall, in unserem Einsatz gegen Hass, für Humanität und Nächstenliebe, wenn wir uns nicht trauen, Rassismus in seinem hässlichsten Gewand die Stirn zu bieten?
 
Meine Damen und Herren, es ist höchste Zeit Mut zu fassen und das Verbrechen durch Anerkennung zu verurteilen. Die Bundesrepublik Deutschland darf sich nicht hinter der Rolle des unparteiischen Vermittlers verstecken. 

Mit Blick auf die deutsche Geschichte ist das aktuelle, gar seit 2005 andauernde Verhandeln um diplomatische Formulierungen einer möglichen Resolution blanker Zynismus.
 
Meine Damen und Herren, ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit und darf, mit dem Wunsch nach einem interessanten, zum Nachdenken anregenden Abend, den Botschafter der Republik Armenien, Herrn Ashot Smbatyan, ans Mikrofon bitten.
 

In Deutschland: Armenier aus der Türkei

Stell dir vor, alle fünf Geschwister deines Großvaters wurden umgebracht. 

Dein Großvater überlebt und lebt weiter unter den ihm bekannten Mördern. 

Seine Kinder erleben ein Pogrom. 
Die eine Hälfte geht ins Ausland, die andere bleibt weiter da. Trotz allem. 

Die, inzwischen erwachsenen, im Ausland lebenden Kinder arbeiten mit ihren alten Nachbarn in den gleichen Fabriken. Sie sind mitgereist. 

Diskriminierung und Anfeindung setzen sich fort. Kontakte werden zwar im privaten Raum vermieden. Auf der Arbeit nicht möglich. 

Die Kindeskinder erfahren durch das ein oder andere Nachbarskind ebenfalls Diskriminierung und Anfeindung. Wieder aus der gleichen Gruppe. Aus dem gleichen Grund. 

Nicht immer, nicht von jedem Mitglied der Gruppe, aber eben immer mal wieder. Je erwachsener, umso häufiger. 

Auf dem politischen Parkett, unterster Ebene, im Einsatz für Verfassungswerte, für die Gesellschaft und das Gesellschaftssystem, das die Eltern aufgenommen hat, aber auch für die Verurteilung und Ahndung des Verbrechens an direkten Vorfahren, zeigt die Anfeindung ein weiteres Mal ihr hässliches Gesicht. Wieder aus dem gleichen, einzigen, Grund. 

Man wird verleumdet, der hassbedingten Lüge bezichtigt. Die eigene Anklage ist nicht mehr von Belang, es geht plötzlich um Selbstverteidigung. 

Gleichzeitig sind im Herkunftsstaat verbliebene Verwandte und neue Generationen wieder der Lebensgefahr ausgesetzt. Wieder aus demselben Grund wie Väter und Großväter. 
Jeden Tag etwas konkreter. Man droht ihnen inzwischen, als nächstes „dran“ zu sein. Man droht mit einer Wiederholung. Ganz so als ob es je ganz aufgehört hätte. 

Aufnahme- und Herkunftsstaat arbeiten inzwischen eng zusammen. Aus Gründen.

Es sind dieselben Gründe wie vor 100 Jahren.

 

Der Ruf nach Schutz ersetzt den Ruf nach Gerechtigkeit, verdrängt ihn widerwillig. Was nutzt die Verurteilung des Vergangenen, wenn die Wiederholung auch nur im Entferntesten droht?
Doch nicht einmal der Hilferuf wird gehört. Weder hier noch an anderer Stelle. Die Welt schweigt. Sie hat sich bewusst dazu entschieden. Sie hat es vereinbart. 

Mit dem der umbrachte, mit dem der viel umbringt und droht noch viel mehr umzubringen. 

Wieder fliehen selbst Geistliche aus ihren Kirchen. 

Der Aufnahmestaat stellt sich taub, stumm, blind. Wieder. 

Nur ein Unterschied beim Rückblick: 

Manch ein Rassist mit Wurzeln aus dem Herkunftsstaat lacht sich, ob der Ohnmächtigkeit der alten, neuen Minderheit ins Fäustchen und macht dabei, im Aufnahmestaat, fleißig Karriere. 

Für sich. Und für seine Nation, dem Ursprung dieses Leides.


Das ist die Geschichte aller aus der Türkei stammenden Armenier in Deutschland. Ohne Hinzufügung theatralisch-fiktiver Momente.

Rede zum Gedenken an den armenischen Publizisten Hrant Dink

HD Stuttgart

Armenier, Journalist und Herausgeber der in armenischer und türkischer Sprache erscheinenden Wochenzeitung AGOS. Ermordet vor neun Jahren.

Der politisch links engagierte Armenier wurde unzählige Male, aus nichtigen Anlässen – etwa wegen der Beleidigung des Türkentums nach Art. 301 Strafgesetzbuch vor Gericht zitiert und befand sich bereits in jungen Jahren mehrere Monate im Gefängnis.

Damit wurde er, nicht erst kurz vor seiner Ermordung, sondern sehr früh zum Staatsfeind erklärt, ungehört seiner Aufrufe zur Versöhnung zwischen den Völkern. Man hat seine Äußerungen aus dem Kontext gerissen und den, der sich gegen Rassismus engagiert, zu einem Rassisten erklärt.

Bei der Suche nach der Ursache dieser unglücklichen Entwicklung bedarf es eines Blickes auf die Situation der Armenier in der Türkei nach dem Genozid.

Sie hatten alle ein Vielzahl ihrer Familienmitglieder verloren und gehörten zum dem kleinen Rest, der die Massaker überlebt, es aber nicht ins Ausland geschafft hatte.

Die nachgenozidale Führung der Türkei erwies sich in seinen Anfängen zwar weniger islamistisch als es das osmanische Reich war. Doch der menschenverachtende Nationalismus zeigte sich als ununterbrochene Fortsetzung der faschistischen Jungtürken des Reiches.

Nicht nur die folgenden Kriege, im Besonderen gegen die Griechen, sondern auch die Türkisierungspolitik Atatürks nahm den letzten verbliebenen Minderheiten einen Großteil ihrer Identität.

Die Türkisierung geographischer Namen machte aus der Insel AGHTAMAR die Insel AKDAMAR. Das ursprünglich armenische Sevaverag, abgeleitet aus den Worten SEV AVERAG (armenisch für „schwarze Ruinen“) wurde zu SIVEREK, und Westarmenien wurde zur neuen türkischen Republik.

In einem weiteren Schritt folgte die Türkisierung der Familiennamen. Die Überlebenden der Familie Torossian waren nun die Karahans, und den Seferians wurde der Name Sefer erteilt.

Es folgten das Massaker von Dersim 1938, die Septemberprogrome 1955, die Besetzung Zyperns 1974, vieles dazwischen und danach.

Die versäumte Ahndung des Genozides begünstigte die Gefahr der Widerholung des einen oder anderen Massakers, gleich ob dieser in seiner Erscheinungsform nationalistisch oder islamistisch zu Tage trat.

All diese Umstände führten dazu, dass sich die christlichen Minderheiten der Türkei nachgenozidal in Unsichtbarkeit übten.

Viele von ihnen werden eigene Erinnerungen an die Zeit vor der Ausreise nach Deutschland im Rahmen des Gastarbeiter-Abkommens haben. Die Kreuzkette unter dem Pullover, die unverhoffte Aufforderung auf der Straße, „Türkçe konuş vatandaş“ – sprich türkisch, Staatsbürger!

Armenier in der Türkei haben dennoch lange Zeit – diesen schwierigen Umständen entsprechend – ein gutes Leben gelebt. Eigene Schulen und Kirchen waren ihnen, aufgrund historischer Abkommen, lange Zeit sicher. Man pflegte in Istanbuler Kreisen – anders als im Osten des Landes – eigene Traditionen ohne anzuecken.

Um dies zu bewerkstelligen, war die politische Interessenvertretung tabu. Hrant Dink hat genau dieses Tabu durchbrochen; gar nicht mal im besonderen Auftrag einer ausschließlich armenischen Interessenvertretung. Es ging ihm nicht um Anklage, um finanzielle Schadensersatzleistungen oder um Landnahme.

Sein Hauptanliegen war die Versöhnung zwischen den Armeniern und Türken, die Tür an Tür in der Türkei ihr Leben teilten.

Gleichwohl wusste er, dass eine Versöhnung der Ehrlichkeit und der mutigen Aufdeckung von Wahrheiten bedarf.

Die türkischen Strafgerichte hatten die Aussagen Dinks aus dem Zusammenhang genommen, umgedeutet und letzten Endes den Begriff des „vergifteteten Blutes“ nur als Vorwand benutzt, um Dink zu bestrafen, weil er den türkischen Staat und dessen Weigerung, den Genozid anzuerkennen, kritisiert hatte.

Sein Erfolg, die Zustimmung, welche ihm nicht nur von armenischer Seite, sondern auch von liberal-türkischer und internationaler Seite entgegen gebracht wurde, stieß auf. Sie kostete ihm am Ende das Leben.

Bei der Festnahme des nur 16jährigen Täters posierten die das Amt inne habenden Polizeibeamten mit einer türkischen Fahne. Sie waren nicht stolz des Ermittlungsergebnisses, sondern der Tat. Für Vaterland und Umma.

Man stelle sich das bei der Festnahme des NSU-Mitgliedes Beate Tschäpe vor.

Der Prozess gegen Ogün Samast fand unter Ausschuss der Öffentlichkeit statt. Der Täter war geständig. Im Juli 2011 wurde Ogün Samast für schuldig befunden, Hrant Dink am 19. Januar 2007 ermordet zu haben und zu einer Haftstrafe von 22 Jahren, zehn Monaten verurteilt.

Der Polizist, der sich mit Samast auf dem Foto abbilden ließ, stieg 2012 zum Generaldirektor der Polizei in Malatya auf.

Die Politik verurteilte die Tat. Den Beleidsbekunden fehlte die Glaubhaftigkeit.

Die Gesellschaft, 2007 gab es oberflächlich etwas weniger Islamismus und Nationalismus als heute, zeigte eine Soldarität mit dem Verstorbenen ebenso wie mit dem armenischen Volk.

Hepimiz ermeniyiz. Wir alle sind Armenier.

Die Solidarität mit dem „armenischen Volk“ hat bis heute angehalten, jedenfalls wenn es um den 19.01.2007 geht.

Vor dem 19.01.2007, etwa während der Strafverfahren gegen Hrant Dink, nach Art. 301 türkisches Strafgesetzbuch, ein Einstehen für Armenier, oder zumindest die Meinungsfreiheit der Minderheiten, war diese Art der Solidarität aus der türkischen Gesellschaft nicht in dem Ausmaß, gar kaum, zu vernehmen.

Auch der seit Anfang 2014 inhaftierte Sevan Nisanyan, ebenfalls ein bekannter, armenischer Autor, wartet wohl vergeblich auf eine Großdemonstration, die Solidarität bekundet.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass in der Türkei nur ein toter Armenier ein guter Armenier sein kann.

Eine Dink – Gedenkveranstaltung hat sich inzwischen zu einer türkischen Tradition, zur Tradition der türkischen Linken, entwickelt. Viele türkische Vereinigungen, in der Türkei wie in Deutschland, veranstalten, teilweise unabhängig von armenischen Akteuren, Gedenkveranstaltungen.

Das Betrauern fällt leichter als das Verteidigen und Verhindern. Denn es hat weder gesellschaftliche noch staatliche Konsequenzen.

Die Solidarität geht jedoch nicht soweit, als dass man sich immer ehrlich mit der Geschichte des Genozides befasst und auseinandersetzt.

Man will die Versöhnung,

jedenfalls galt dies für den Zeitraum vor der Radikalisierung der Türkei mit Blick auf den sog. IS / Islamischen Staat,

man will die Versöhnung, in den Sphären der modernern bzw. liberaleren Gesellschaft, nicht selten ohne die detaillierte Aufarbeitung der Geschichte.

Durch nicht wenige Akteure wird dem Leid der Armenier das sog. Leid der Türken resp. Osmanen gleichgesetzt. Aus dem Genozid wird ein Krieg. Aus dem schrecklichen Verbrechen ein schrecklicher Fehler.

Ein Verbrechen bedarf – nach heutigem Rechtsverständnis – eines Strafverfahrens und einer Verurteilung. Ein Fehler hingegen impliziert ein Versehen. Es verharmlost und schmälert die Strafwürdigkeit der Tat.

Die langfristige Versöhnung wird eines essentiellen Momentes beraubt; der ehrlichen, detaillierten, öffentlichen Aufarbeitung.

Dem Türkentum wird das Gesicht bewahrt. Der Türkische Staat schützt sein Vermögen.

Mit der Verhaftung von Ogun Samast wurden weitere 18 Verdächtige festgenommen bzw. angeklagt. Bis auf den jugendlichen Haupttäter und einen Anstifter, Yasin Hayal, wurden alle freigesprochen. Es zeigte sich wieder die, spätestens 1915 entstandene, Tradition des türkischen Staates – Vertuschen und Verleugnen.

Das türkische Strafgericht stellte mit der Urteilsverkündung fest, es habe keine Organisation gegeben, die hinter dem Mord gestand habe. Der Geheimdienst wurde niemals vorgeladen. Dabei gab es Hinweise, die auf eine Verbindung von Samast und rechtsradikalen Parteifunktionären höheren Ranges deuteten.

Hrant Dink hatte gegen seine strafrechtliche Verurteilung noch zu Lebzeiten Beschwerde beim EGMR in Straßburg eingelegt. Nach der Ermordung erhoben seine Frau und weitere Familienmitglieder Klagen gegen den türkischen Staatsapparat. Ihre Beschwerden hatten alle Erfolg und die Türkei musste ihnen zusammen 105.000 Euro Schadensersatz bezahlen.

Das Gericht war der Überzeugung, die Türkei habe das Lebensrecht von Hrant Dink verletzt, weil die Sicherheitskräfte den Hinweisen auf Dinks geplante Ermordung nicht nachgingen. Die Polizei und die paramilitärische Gendarmerie im nordtürkischen Trabzon sowie die Polizei in Istanbul, so der Gerichtshof, wussten von Anschlagsplänen, blieben aber dennoch untätig.

Die unwillige Aufklärung des Mordes in der Türkei und vor allem seiner Hintergründe begründeten den Schadensersatzanspruch in einem letzten Schritt.

Es bleibt dabei. Die Türkei hat mit jedem Mord an einem Armenier ein Problem mit der Aufarbeitung – seit 1915.

Die internationale Weltgemeinschaft trägt ihren Anteil an der Verantwortung, damals wie heute.

Geopolitisch strategische Interessen gewähren der Republik Türkei wieder und wieder eine unbegreifliche Narrenfreiheit.

Das Feindbild „Armenier“ hat sich über einen Zeitraum von über 100 Jahren gehalten. Es wurde allenfalls um weitere Minderheiten erweitert: Aramäer und Griechen, Christen, Juden und Konvertiten, Aleviten und Kurden.

Der in einer erschreckenden Breite gepflegte Hass gegenüber Minderheiten wird auch heute wieder aktuell, im Falle der Kurden, im sogenannten Kampf gegen die PKK. Denn selbst dieser Kampf wird auf die Armenier projiziert.

Ich erinnere an die letzte propagandistische Wahlwerbung der AKP.

Der Kommandant des PKK-Kämpfers heisst ARARAT. Armenischer kann eine Name nicht sein.

Ararat gibt den Schießbefehl. Ararat lässt sich von der kurdischen Volkszugehörigkeit des türkischen Soldaten, auf den der Lauf des Gewehres gerichtet ist, nicht abbringen. Der Armenier steht hinter der PKK.

Mit dieser Zusammenführung von Feindbildern wird nicht nur der erwünschte Hass in einem Schmelztiegel konzentriert. Man erklärt die PKK-Kämpfer zu einer Marionette der Ungläubigen und angelt damit nicht wenige Kurden, die sich vorrangig über die sunnitische Religion, und nicht über die kurdische Ethnie, definieren. Ein Weckruf sondergleichen: Der Gläubige wird vom Ungläubigen benutzt.

Auch die aktuellen Massaker an den Kurden, ob Cizre, Diyarbakir oder Silvan beißen sich an „dem Armenier“ fest. Per Lautsprecher werden unschuldige Menschen samt Kinder aus ihren Häusern vertrieben, mit den Worten „ihr armenischen Bastarde!“

Der Begriff des Armeniers ist in der türkischen Sprache ein größeres Schimpfwort als der des Ungläubigen, und stets Gegenstand eines Beleidigungsprozesses.

Der türkische Nationalismus wendet sich gegen jeden einzelnen Armenier, der sich in die Öffentlichkeit wagt.

Dies gilt nicht nur für populäre Autoren wie Dink und Nisanyan. In Deutschland etwa geht es jenen, die sich auf das politische Parkett trauen, nicht anders. Die Existenz eines einzigen Armeniers hat die Kraft, in einem Gremium zueinander in streitiger Konkurrenz stehende Islamisten der Milli Görüs mit den Faschisten der CHP, und allem was dazwischen liegt, zu einen.

Wahlergebnisse in der Türkei zeigen, dass sich die Gesellschaft in seinem Kern nicht geändert hat.

Gleiches gilt für die Tatsache, dass der IS die Türkei als Erholungsort und Rekrutierungszentrale nutzen darf, ohne gesellschaftliche Gegenwehr fürchten zu müssen.

Dass die AKP in Deutschland europaweit die besten Ergebnisse eingeholt hat, zeigt uns allen, dass dieser Rassismus nach Deutschland exportiert wurde.

Die Tatsache, dass der türkische Staat in der BRD, über viele von ihm abhängige Organisationen, nicht nur Fuß gefasst hat, sondern bei jedem einzelnen politischen bzw. kulturellen Begehr dazu neigt, alle vorhandenen Kräfte zu mobilisieren, ist erschreckend. Ob Uni-Vorlesung, Theateraufführung oder die Aufstellung eines Gedenksteines irgendwo in Deutschland, alles darf mit geballter politischer Gegenwehr rechnen.

Dies zeigt, dass es nicht nur um Hrant Dink geht, oder nur um den vor 100 Jahren erfolgten, vermeintlich abgeschlossenen, Genozid. Es geht dem türkisch-islamistischen Faschismus um jeden einzelnen Armenier, der noch lebt und das Tabu bricht, das ihm vorgegeben ist: die politische Unsichtbarkeit.

Wir, die Nachkommen der Überlebenden erinnern den türkischen Nationalismus an die Schuld seiner Väter und Großväter. Wir erinnern daran, dass unsere Toten letztendlich die wirtschaftliche Grundlage für das Entstehen des türkischen Staates bildeten; aber auch daran, dass die Vollendung des Genozides nicht geglückt ist.

Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen und dazu aufrufen, sich zu zeigen. Armenier müssen sich der ihnen (menschen-)rechtswidrig vorgegebenen politischen Unsichtbarkeit entledigen. Steht auf! Erhebt Eure Stimmen, nicht nur am 19.01. oder 24.04. eines Jahres, sondern jeden Tag. Zeigt, dass es uns gibt. Immer noch. Zeigt, dass wir eine politische Meinung haben. Nicht nur zum Genozid, sondern zu allem; gerade auch in Deutschland.

Hrant Dinks mutiges Wirken sei uns allen ein Vorbild.

Stuttgart, 17.01.2016,

Jaklin Chatschadorian

Deutschland und seine unsichtbaren Mitstreiter 

In Deutschland lebende Armenier aus der Türkei, und damit eine Gruppe der orientalischen Christen, haben es in der gesellschaftspolitischen Debatte Deutschlands besonders schwer. 
Einerseits werden sie von türkischer (nationalistischer/islamistischer) Seite, verleumdet. 

So gehört es, neben der allgemeinen Rechtfertigung und Leugnung des Genozides, zu dortigem Standardrepertoire, die PKK zu einer armenischen Organisation von Ungläubigen zu erklären oder zu behaupten, Armenier hätten 1915 die Kurden und Türken massakriert, sie seien damals wie heute turko- oder gar islamophob, illoyal, unversöhnlich oder rassistisch. 

Bis vor einigen Jahren kamen diese von der Türkei staatlich finanzierten und geschulten Rassisten mit diesen Behauptungen in Deutschland sehr einfach durch, gerade auch in den Parteien. 
Heute ist zwar, spätestens seit dem 100. Gedenken an den Armenozid die Völkermordleugnung nicht ganz so leicht zu verkaufen, doch auch heute wird solchen Rassisten die Teilnahme an der Debatte und die Möglichkeit des Mitgestaltens im Übrigen bereitwillig erlaubt. 
Türkisch-Islamische Verbände werden von der Politik hofiert, zum Integrationspartner erklärt, ihre Funktionäre sitzen in Talkshows, ihr faschistischer Nationalismus wird zur Kultur erklärt, ihr Islamismus unter das Dach des Art. 4 GG gestellt, etc etc.  
Von deutscher Seite schenkt die Politik den Armeniern, als orientalische Christen, außerhalb des 24. April, zu wenig Aufmerksamkeit, u.a. aufgrund der Tatsache, nicht nur dem Namen nach eine Minderheit zu sein. 

Als Deutsch-Armenierin spreche ich hier zwar nur für diese, meine, Gruppe, doch werden mir meine aramäischen, rum-orthoxen, griechischen Mitchristen an dieser Stelle zustimmen. 
Die evangelische und katholische Kirche nähert sich den orthodoxen Armeniern resp. Christen ebenso wenig. Sie führen zwar mit den Armeniern hier und da einen Dialog. Dieser geht jedoch selten über ein gemeinsames Kennenlernen oder schöngeistige Veranstaltungen hinaus. Kooperationen zu kritischen Themen werden entweder vermieden oder aber man wird zur Kooperation und gemeinsamen Veranstaltung mit faschistischen Verbänden wie der DITIB eingeladen, unter der Bedingung, sich gefällig zu verhalten und damit nicht kritisch zu äußern, der vordergründigen, scheinheiligen Versöhnungsshow die Stimmung nicht zu verderben. 

Schließlich ignorieren auch die Medien regelmäßig die Gruppe der Christen aus islamischen Staaten. Dabei hätte man, in der orientalischen Orthodoxie Deutschlands die verschiedensten Akteure vorzuweisen. 
Statt auf das Wissen und die Erfahrung jener zurückzugreifen, die selbst, ohne muslimisch zu sein, aus muslimischen Staaten stammen, und nicht nur vieles zu erzählen haben, sondern gar nützliches zur Debatte beitragen und mitgestalten können, gerade auch, weil sie grundsätzlich eine erfolgreiche, persönliche Integrationsgeschichte vorweisen können, werden orientalische Christen gesellschaftspolitisch zu Unrecht ignoriert. 

Was bringt aber das Dialogisieren mit Menschen aus der Fremde (Deutschland-Orient), ohne den ehrlichen Dialog mit den unmittelbaren Nachbaren (Orient-Orient) miteinzubeziehen ? 

Man sieht es in jeder Veranstaltung zur, nennen wir es „Förderung des Friedens unter den Menschen“: Viel warme Luft, keine nachhaltigen Ergebnisse.  
Unsere Leidensgeschichten und Forderungen scheinen nicht in das Schema des Schönredens und des Vertuschens zu passen, unsere klaren Aussagen scheinen zu ungemütlich zu sein. Unser Mut macht Angst, hält betreffenden Akteuren entweder den Spiegel vor’s Gesicht oder nötigt diese mittelbar zu konsequentem Handeln. 

Ich wünschte Deutschland würde sich seiner und unserer Gestaltungskraft bewusst werden, statt weiterhin auf die falschen Pferde zu setzen. 
In Zeiten der sog. Flüchtlingskrise ist die Integration der großen Anzahl muslimischer Flüchtlinge die größte Herausforderung dieser Gesellschaft. 

Ein „Wir schaffen das“ braucht die orientalischen Christen, nicht zweifelhafte muslimische Verbände.

Die von Deutschland unterstützte AKP: Wahlwerbung, Hetze. Demaskiert.

In der Türkei wird in 10 Tagen gewählt. Die Neuwahl führt eine erschreckende Blutspur mit sich und könnte dem IS Konkurrenz machen, wenn man nicht immer noch feststellen müsste, dass jede Handlung des türkischen Staates gerade den IS unterstützt.

Rückblickend erscheint eine detaillierte Aufstellung der Vergehen und Verbrechen seit den Parlamentswahlen vom 07. Juni 2015, angesichts der großen Anzahl der Geschehnisse, und der Tatsache, dass nicht jedes Verbrechen seinen Weg zu den Medien (noch weniger zu den deutschsprachigen Medien) gefunden hat, kaum möglich.

Twitter- und Facebook- Sperren bildeten noch einen vergleichsweise harmlosen Anfang in diesem Frühjahr. Man las über brutale Schlägereien im Parlament wegen einer Verschärfung des Demonstrationsstrafrechts und lebensgefährliche Fußballveranstaltungen. Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte, die erste Hilfe leisteten, wurden vom Staat bedrängt, verfolgt und verhaftet. Ausweisung und Verhaftung westlicher Journalisten. Staatsanwälte wurden zur Geisel, ermordet oder mussten aus dem Land fliehen. Haftbefehle gegen Richter, weil sie zur Konkurrenz des islamistischen Predigers Fetullah Gülen gehören. Umfangreiche Entlassungen und parteigerechte Neubesetzungen in der Justiz. Kämpfe mit der PKK, auch im Nordirak, Waffenschieberei und Personalüberlassung durch den türkischen Geheimdienst MIT an den IS, syrische Flüchtlingsfrauen als Ware für den türkischen Zweitfrauen-Markt. Die Mitverantwortung der Türkei für die Kämpfe in Kobane. Die Rache für die Uiguren durch eine Jagd auf thailändische Touristen, die man fälschlich für Chinesen hielt. Ein ultranationalistisch-islamistischer Angriff auf ein nationalistisches Zeitungshaus, wegen eines einzigen Tweets. Osmanische Kostümveranstaltungen, Musikkapellen und eine neue Anführer-Hymne. PKK-Vorwürfe, Anschläge auf Wahlkampfbüros und Demonstrationen, ausschließlich zulasten der Konkurrenz HDP. Ermittlungen gegen den Co-Vorsitzenden der einzig liberaldemokratischen Partei des Landes, Selahattin Demirtas. Parlamentsabgeordnete, die es mit Ausfällen gegen Frauen und Blondinen in die Medien schaffen und Imame, die sich über das aus dem Rahmen springende Paarungsverhalten in TV-Shows auslassen. Stromausfälle während Wahl und Auszählung, Hetze und Wahlkampf auch in Europa und in Deutschland, die Unfähigkeit der Islamisten und Nationalisten Koalitionen zu bilden. Der Anschlag von Suruc, bei dem 32 junge Menschen sich für den Wiederaufbau der umkämpften syrischen Stadt Kobane einsetzen wollten, und Razzien und Verhaftungen von Kurden, die ebenso auf dem Plan standen wie die freundliche Behandlung hoher IS-Funktionäre während der Ermittlungen zu einem vermeintlichen IS-Anschlag. Polizeiterror gegen Demonstranten.

Die Ausgangsperre von Cizre und Diyarbakir, die als Kriegsverbrechen am eigenen Volk zu bewerten sein müssten. Hier waren unter den vielen Toten auch ein 35 Tage altes Baby zu beklagen, ein Mädchen im Grundschulalter, die Verhinderung der Einsätze von Krankenwagen, die zulasten der Notleidenden, der Dialysekranken ging und auch zur Aufbewahrung eines verstorbenen Kindes im Kühlschrank einer Familie führte. Die Schlachtrufe der Polizei, die die Kurden von Cizre zu armenischen Bastarden erklärte. Und zuletzt der Anschlag auf eine HDP-Veranstaltung in Ankara, mit einer Bilanz von knapp 100 Toten. Hier wurde zwar wieder von einer vermutlichen Tat des IS gesprochen, aber Beweise blieben aus. Es verwundert, warum der IS, der angeblich eine Fatwa gegen Präsident Erdogan führe, stets auf HDP-Veranstaltungen, also im politischen Wahlkampf auftauchen will.

Angesichts der europäischen Flüchtlingskrise, die sich in in besonderem Maße in Deutschland manifestiert, sind wir nun in einen besonderen Notlage, die es zu rechtfertigen scheint, über all diese Ereignisse und Verbrechen ebenso hinwegzusehen wie über die fehlende demokratische Legitimation der aktuellen Regierung oder die Absicht der Verwirklichung einer präsidialen Autokratur.

Darüber hinaus ignoriert die Bundesrepublik, und im besonderen die Bundeskanzlerin, die Verantwortung der Türkei für die Flüchtlingskrise.

Der Türkei fällt mit Blick auf die Fluchtgründe ein beachtlicher Anteil zu. Sie hat den IS aktiv unterstützt, und damit zur Manifestierung der Lebensgefahr in Syrien beigetragen. Sie hat Dschihadisten einen Transitservice geboten und diente als Erholungsort, verarztete IS-Kämpfer über die Tochter des Präsidenten, sie lieferte Waffen und Personal über den Geheimdienst, und beteiligte sich am Ölhandel über den Sohn des Präsidenten und den staatlichen Ölkonzern Aserbaidschans.
Sie hat aufgenommenen Flüchtlingen kein Bleiberecht oder eine anderweitige Legalisierung ihres Aufenthaltes ermöglicht, kurdische Flüchtlinge, etwa an der Grenze Kobane zurückgedrängt, und diskriminiert immer noch kurdische und christliche Flüchtlinge und setzt sich nicht ein für den Schutz besonders gefährdeter syrischer Frauen, die von der Unterkunft in die Dörfer geschoben werden, um mit türkischen Männern als Zweitfrau in eine Lang- oder Kurzzeit-Ehe einzutreten.
Recep Tayyip Erdogan hat die Unzufriedenheit der Masse für sich genutzt, und sie – mittelbar – gen Westen entsandt. Nun winkt er mit dem vermeintlich goldenen Schlüssel und präsentiert sich als Damm des Flüchtlingsstromes.

Diese Hilfe lässt er sich teuer bezahlen. Dazu gehört nicht nur ein Preisgeld von 3 Milliarden Euro. Hinzu kommt ein Urteil des EGMR (Dogu Perincek ./. Schweiz) , dass nun als internationale Erlaubnis zur Leugnung des Genozides an den Armeniern im Osmanischen Reich, und als nationale Errungenschaft gefeiert wird. Die Bundestagsresolution, die den Genozid von 1915 verurteilt, indem sie ihn als solches anerkennt, wird in die Unendlichkeit verschoben. Hinzu kommt die Forderung nach Anerkennung der strategischen Bedeutung der Türkei durch Aufnahme in die EU, die wir Anerkennen mit einem Beschleunigungsgebot für die Beitrittsgespräche.

 

Auch an der für die orientalische Mentalität verständlich nachvollziehbaren Demütigung Europas und Deutschlands fehlt es im Neo-Osmanischen Reich nicht. Eine märchenhafte Szenerie mit goldenen Stühlen, denen eine Mondsichel als Verzierung nicht fehlte. Auf die respekterweisende Gepflogenheit, für das Pressefoto auf nur der einen Seite die Fahne des Gastgebers und auf der einen Seite die Fahne des Gastes mitaufzustellen, wurde verzichtet. Das von zwei türkischen Fahnen umrahmte Bild erinnerte an eine pakistanische Hochzeit, mit einer unterwürfigen, zwangsverheirateten Braut. Ein politisches Trauerspiel ohne Gleichen.

Eines das nicht einmal ein Ende finden will. Kaum ist die deutsche Bundeskanzlerin zurück in Deutschland meldet sich der Ministerpräsident der Türkei, Ahmet Davutoglu, bekannt für seine antisemitische, antichristliche Hetze auf Wahlkampfveranstaltungen und dem Ausruf, auch Jerusalem stürmen zu wollen, mit folgenden Worten: „Niemand sollte erwarten, dass die Türkei zu einem Land wird, dass alle Migranten beherbergt, wie ein Konzentrationslager“.

Immer noch ist nicht gewählt worden. Die bösartige Phantasie der AKP-Protagonisten scheint ihren Zenit zu erreichen. Aufgetaucht ist nun ein neuer Wahlwerbespot. Gerade mit Blick auf die nicht mehr zu leugnende deutsche Unterstützung erschütternd und beschämend.

In dem AKP-Wahlwerbe-Video kämpfen „PKK“ – Einheiten gegen die Türkei. Sie sprechen kurdisch, türkische Untertitel. Ein Format, das an Kinofilme erinnert.

Der Name des PKK-Kommandanten ist das erste Wort, das man in dem Video hört, ARARAT.
Ararat ist kein kurdischer Name, sondern der Name des armenischen Berges auf türkischem Boden. Ararat heißen viele Armenier, deren Eltern die Liebe, Sehnsucht und Trauer zum verlorenen Berg und zur Geschichte des armenischen Volkes bei der Namensgebung für die nächste Generation zum Ausdruck bringen wollen.

Hier werden, nicht das erste Mal, zwei Feindbilder, wider besseres Wissen, zusammengeführt, um einer größere Wirkung zu erzielen. Beließe man die PKK in einer rein kurdischen Verantwortung, so hätte man den Wähler mit nationalistischer Prägung zwar garantiert im Boot.
Zweifeln könnte aber jener, der sich über die Religion definiert und eine Gemeinsamkeit mit dem sunnitischen Kurden teilt. Für ihn ist die armenische Note der PKK gedacht, nicht erst im Wahlkampf, sondern seit jeher.
In dem Moment, in dem die „türkenfeindliche PKK“ mit dem einen oder anderen Ungläubigen / Gyavur / Armenier / Ararat geschmückt wird – Chef-Genozidleugner, Historiker türkischer Art, Yusuf Halacoglu, geht von einer Armenier-Quote von 80 % aus – wählt auch der Islamist, der sich evtl. gegen Atatürk ausspricht, die AKP.

In einem weiteren Bild folgt der Schießbefehl, durch Ararat. Der kurdische Kämpfer Hezil nähert sich, meldet klare Sicht auf den zu erschießenden türkischen Soldat. Plötzlich überfallen ihn Zweifel. Der Soldat singe kurdische Volkslieder. Ararat lässt sich nicht erweichen. „Ich sage, der Soldat ist Kurde“. „Soll er Kurde sein, er ist dein Feind!“
Der Schießbefehl bleibt, trotz angemeldeten Bedenken. Der Schuss folgt, eine Explosion, die türkische Flagge auf einem Sarg werden eingeblendet und eine trauernde Mutter.
Und wieder ist die türkische Propaganda vermeintlich belegt:
Die PKK erschießt ihre eigenen Leute. Sie ist eine Terrororganisation.
Das Opfer ist offenbar die Fahne. Da viele Mütter auch in diesem Jahr, im Namen der Fahne, ihr Leben verloren haben, und ihrer Trauer auch in Demonstrationen und Sitzblockaden gegen den Staat öffentlich gemacht haben, ist das Bild der Mutter nicht zufällig Teil des Wahlwerbespots. Die Verantwortung für den Tod der Söhne des Landes projiziert das Video auf Hezil und Ararat.

Nun scheint der Schuss gleichwohl ins Leere gelaufen zu sein. Der Soldat scheint ihn nicht einmal vernommen zu haben. Hezil hingegen widersetzt sich Ararat. Der Kurde kommt zur Vernunft, legt Waffe und Kampfmontur ab. Der Kommandant Ararat regt sich auf. Hezil aber fragt: „Wem dienst du wirklich? Wessen Mann bist du?“.

Auch hier wieder scheint klar: Die PKK ist nicht an dem Schutz der Kurden interessiert. Hinter ihr steht der Armenier, der mit seinem Schießbefehl, sinnbildlich für den Verrat am muslimischen Kurden steht.

Die nächste Szene gehört einem Kandidaten, der mit der AKP ins Parlament ziehen möchte. Es ist Faruk Celik aus dem Wahlkreis Sanliurfa. Zu Sanliurfa gehört Suruc, die Stadt, die 10 km von der syrischen Grenze entfernt liegt und im Sommer dieses Jahres Ziel eines islamistischen Anschlages war. Bereits oben erwähnt sind die Jugendlichen, die sich für Kobane einsetzen wollten, und diesem Anschlag zum Opfer fielen. Sanliurfa ist auch die Provinz, in der der Welt-Korrespondent Deniz Yücel mit weiteren Kollegen von der Polizei festgesetzt worden war, weil seine dem Gouverneur gestellte Frage auf türkische Verbindungen zum IS zielte.

AKP-Wahlkreiskandidat stellt gegen Ende des Propagandafilmchens nun fest: Es ist eine Frage der Heimat. Achten Sie auf ihre Wählerstimme. Fallen sie nicht auf Spielchen herein.

Wieder erscheint der Kurde Hezil, der der PKK abgesagt hat. Er grüßt den Soldaten der türkischen Republik und wünscht segensreiche Dienste. Der türkische Soldat bedankt sich – auf Kurdisch. Hezil denkt nach, ist sich nun sicher über die Richtigkeit seiner Entscheidung.

Das letzte Bild gehört der twitternahen AKP:
HASHTAG FallNichtAufSpielchenHereinMeinBRUDER!

Einer der ersten ersichtlichen Einträge auf Twitter spricht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels auch schon von der armenischen HDP.

 

Migration & Deutsche Waffenbrüderschaft 

Der Kölner Integrationsrat tagte heute nach einer Führung im DOMID, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., in Ehrenfeld. 

Da auch ich Nachkomme eines sog. Gastarbeiters bin, war ich neugierig auf die Sammlung des Dokumentationszentrums, welches endlich ein Museum werden will. 

Der geübte Leser erkennt bereits hier meine Enttäuschung. Während ich Migrationsgeschichte aus einer neuen Perspektive erfahren wollte, sah ich eine abgepackte Sammlung von Gegenständen, denen ich nicht wirklich Wert beimessen konnte. 

Ausgestellte ausländische Pässe, ein deutscher Reiseausweis für Flüchtlinge, Thermoskannen, Löffel, archivierte ausländische Zeitungen, sortiert und aufbewahrt in säurefreien Kisten. Gegenstände, die die ersten Migranten bei Einreise mit nach Deutschland gebracht haben (Koffer, Kacheln, Töpfe) und mit denen sie sich beschäftigt haben (Radios, Stifte). 

Während ich mich verwirrt fragte, ob nur die Migranten und nicht auch die Deutschen der 60er/70er/80er Jahre diese alltäglichen Gebrauchsgegenstände benutzen, und mir dabei selbst nicht traute, so einem Gedankengang, der die deutsche Bevölkerung in einem außerirdischen Licht erscheinen ließ, zu folgen, wurde uns erzählt, dass Migranten auch einen enormen, bereichernden Einfluss auf die deutsche Gesellschaft gehabt hätten. 

Wie selbstverständlich sprach man nur und ausschließlich von türkischen Migranten, die als erste auf Deutsch – „ihrer Sprache“ – „rappten“, während es für Deutsche modern gewesen sei, Liedtexte auf Englisch herunter zu reden, und man schwärmte von türkischen Schlagersängern in Deutschland, die in türkischer Sprache ihre Sehnsüchte besangen. Zwei Sätze waren für die überqualifizierte koreanische Krankenschwester reserviert, die mangels anerkannter Ausbildung nur als Pflegekraft arbeiten durfte. 

Nicht fehlen durfte der Hinweis auf Frau Liselotte Funcke, die Mutter aller Türken und erste Integrationsbeauftagte der BRD, die sich über die Ignoranz Helmut Kohls in Sachen Migrant beschwert habe. 

An den Wänden Generationen von Erfolgsgeschichten: 1. Generation, Großvater, Fabrikarbeiter, 2. Generation, Sohn, Busfahrer, 3. Generation, Enkel, Wirtschaftsstudent. 
Integrationsprobleme waren nicht sichtbar. An keiner einzigen Stelle dokumentiert. Geradezu manipulativ. 

Es passte ins Bild, dass dieser Integrationsrat, und im Besonderen sein Vorsitzender, präsentiert: Es gibt keinen Migranten, der die Integration verweigert. Das ist eine populistische, deutsche Behauptung. Die Menschen wollen sich selbstverständlich integrieren, werden aber regelmäßig diskriminiert. 

Eine besondere migrantische Bereicherung sei das Picknick gewesen. So so. In meiner Kindheit picknickten Deutsche auf der Decke neben uns, und auch die anwesenden deutschen Kollegen bestätigten, diesen vermeintlichen arme-Leute-Zeitvertreib.

Als ich nun immer mehr dachte, neben mir müsste nun die „Versteckte Kamera“ sich eines integrativen Scherzes outen, wandelte sich mein Unglauben in Entsetzen, Enttäuschung. Die Türkeilastigkeit störte mich zwar, aber die Präsentation kam an einen anderen sehr schmerzhaften Punkt, für mich, als Tochter eines armenischen Gastarbeiters aus der Türkei. 

Gezeigt wurde ein umrahmt an der Wand hängender Zeitungsausschnitt mit der Schlagzeile „Mohammedaner beten im Dom“. Der Geschäftsführer (ein Historiker!) des Zentrums teilte uns nun mit, dass diese Geste, ein islamisches Gebet im Kölner Dom, als Aufwertung für die türkischen Gastarbeiter gedacht gewesen sei. Grundsätzlich habe man damals nicht von den Muslimen, sondern von den Türken gesprochen, anders als heute. Heute würden Muslime in ein schlechtes Licht gerückt werden. Damals aber seien die Italiener jene gewesen, über die man sich beim Aufschlagen einer Zeitung geärgert habe. Hingegen habe man die Türken immer schon geschätzt, gerne habe man sich damals an die alte Waffenbrüderschaft und den gemeinsamen Kampf im ersten Weltkrieg erinnert. 

Ja. Genau an dieser Stelle stieg eine schmerzende Wut und Trauer in mir auf! Mein Zwischenruf „ja, Waffenbrüderschaft auch im Genozid!“ vernahmen offensichtlich nur wenige, und diese ignorierten meine Worte. Wer wollte schon die nette Stimmung vermiesen? 

Mir kam das Kotzen (ein Satz, zu dem ich mich gewöhnlich nicht hinreißen lasse). 

In Anwesenheit meiner Person, in der Eigenschaft als Nachkomme eines Opfers des Armenozides von 1915, war ich umgeben von Kollegen mit teilweise ausgeprägt türkisch-nationalistischen, islamistischen Einstellungen und Überzeugungen und es wurde nun freudig von der deutschen Waffenbrüderschaft berichtet, die meiner Famile das Leben kostete. 

Das Stolz und Freude auslösende Ereignis, die im Kölner Dom gefeierte und hier Freude und Stolz auslösende deutsch-türkische Brüderschaft (!) und die dazugehörige Leugnungspolitik war nicht zu durchdringen. Auch nicht durch die Armenierin, die große Verluste genau durch diese Kooperation und diesen Völkermord zu verzeichnen hat. 

Welch Hohn! 

Dass dieser Rassismus bei türkischen Nationalisten und Islamisten bis heute Menschenleben bedroht, und wieder auch armenisches Leben bedroht, dass einiger dieser Kollegen Hasskommentare gegen die Armenierin in ihrem Kreis in sozialen Netzwerken anheizen …. daran will keiner denken. Derjenige der daran erinnert, ist der Störer. Unversöhnlich. Am Ende ist die Armenierin turkophob. Sie ist der Rassist. Nicht der nette Graue Wolf, der jedesmal so freundlich grüßt und sich stets ehrenamtlich engagiert. 

Der Rassismus, der von Migrantenseite ausgeht, ist Teil der deutschen Migrationsgeschichte. Nicht nur das DOMID Köln, sondern die deutsche Gesellschaft, und im Besonderen die Politik, hat dies nicht nur endlich zu erkennen, sondern sich auch hier gegenzustellen.

Der türkische Rechtsextremismus ist eine immer grösser werdende Gefahr auf europäischem Boden. Damit ist es UNSER Problem! Es ist kein türkisch-kurdischer und kein türkisch-armenischer Konflikt. Es ist ethnisch motivierter Rassismus und geht alle etwas an!
   
    
 

Presseerklärung der kommunalen Wählervereinigung COLONIA INTERNATIONAL

Kommunale Wählervereinigung im

Integrationsrat der Stadt Köln

08.06.2015

PRESSEERKLÄRUNG

 

Köln steht zusammen. So laden die Stadt Köln, die Bewohner der Keupstraße und zahllose Künstler in Zusammenarbeit mit Politik, Funk und Fernsehen ein, am 14.06.2015 ein gemeinsames Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Auch wir, die kommunale Wählervereinigung COLONIA INTERNATIONAL begrüßen grundsätzlich jede Veranstaltung, die sich diesem Thema widmet. Schließlich bildet der gegenseitige Respekt die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens. Der vorurteilsfreie und demokratische Umgang ist Ausdruck dieser Anerkennung. Dies gilt für die Interaktion zwischen Bürger und Behörde ebenso wie zwischen den Bürgern untereinander – gleich welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe, politischer Einstellung oder Konfession. Ausgrenzungen oder diskriminierende Praktiken, strukturelle Ungerechtigkeiten, die Menschen benachteiligen, müssen erkannt und überwunden werden. Aber auch die Sensibilisierung eines jeden Mitbürgers ist essentiell, wenn es um die Vermeidung und Abwehr von Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Extremismus geht.

Hierfür ist das Kölner Birlikte-Festival ein guter, wenn auch noch kleiner, Schritt. Zwar fällt es diesmal vielleicht etwas vielfältiger aus, und im Programm fehlt glücklicherweise jener Sänger, der sich politisch den Grauen Wölfen zuordnet, während er das Leid seiner eigenen Landsleute besingt. Doch mehr Feingefühl stünde auch dieses Jahr der Veranstaltung gut zu Gesicht.

Das interkulturelle Tanztheaterstück von Hülya Arslan, „Wer hat Angst vor den Osmaniern?“, widme sich der Identität, der Bi-Kultur und dem Leben der Türken und Deutschtürken dritter Generation in Deutschland.

Bei diesem Titel läuft den armenisch-, griechisch- und aramäischstämmigen Bürgern Kölns ein kalter Schauer über den Rücken. Angesichts der aktuellen, geopolitischen Situationen, aber auch mit Blick auf das diesjährige 100. Gedenken des Völkermordes an den Christen des Osmanischen Reiches ist dieser Titel im Rahmen dieser Veranstaltung geschmacklos. Die Künstlerin mag zwar, ihren persönlichen Beitrag gegen Rassismus leisten wollen, doch scheint ihr offensichtlich bei der Namensweihe die Perspektive ihrer jeweils anderen Mitmenschen abhanden gekommen zu sein.

Vielfalt muss mehr bedeuten, als gemeinsam – nur – gegen NSU und PEGIDA auf die Straße zu gehen oder sich selbst gegenüber der Mehrheitsgesellschaft neu zu definieren. Eine Veranstaltung, die sich mit Rassismus unter Migranten, Christenfeindlichkeit und Antisemitismus befasst, oder das Thema Rassismus in Schulen aufgreift, wäre wünschenswert gewesen.

Die ehrliche Annäherung innerhalb eines Gemeinwesens erfordert auch die Entwicklung einer Fähigkeit zur Selbstkritik und die Überprüfung eigener Wertestandpunkte. Vielleicht gelingt es den Veranstaltern im nächsten Jahr, neue, notwendige Schwerpunkte zu setzen.

COLONIA INTERNATIONAL setzt sich im Integrationsrat der Stadt Köln für Vielfalt, Gleichberechtigung und Toleranz in der Gesellschaft ein und fordert von allen Beteiligten die Rückbesinnung auf das Herzstück eines friedlichen, erfolgreichen Miteinanders: Respekt vor der Individualität jedes einzelnen Mitmenschen. Die Sensibilisierung der Stadtgesellschaft für rassistische Argumentations- und Verhaltensmuster ist ihr ein besonderes Anliegen.

Die Wählervereinigung verfügt über einen Sitz im Integrationsrat, ihre Spitzenkandidatin, Rechtsanwältin Jaklin Chatschadorian, ist im Rahmen der konstituierenden Sitzung im Herbst 2014, gemeinsam mit vier weiteren Mandatsträgern zur stellvertretenden Vorsitzenden des Integrationsrates gewählt worden.

 

www.facebook.com/coloniainternational

Türkei. Hetzpropaganda demaskiert.

Ein Blick in die türkischsprachige Presse anlässlich eines Artikels der Zeitung SABAH.

In der türkischen Presse kursieren immer mehr Berichte von „Armeniern“ aus der Türkei, die sich gegen die Anerkennung der Massaker 1915/1916 aussprechen. Diese Menschen, so heißt es, sind ausnahmslos zufrieden mit ihrem Leben und der Politik in der Türkei und verurteilen die Bemühungen der armenischen Diaspora ebenso wie die des armenischen Staates. Die Botschaft lautet: Seht her, wir haben auch glückliche Armenier!

Solche Nachrichten sollen die, in nicht wenigen Teilen der türkischen Bevölkerung und ihrer Volksvertreter, herrschende Verachtung der Armenier verschleiern. Es wird vorgetragen, man habe mitnichten etwas gegen „alle“ Armenier. Das Verhältnis mit den Guten und Treuen sei von gegenseitiger Anerkennung geprägt. Man würde leben und leben lassen.

Diese präsentierte Armenophilie bildet gleichzeitig die Kulisse für den eigenen Rassismus, der dann im Kleid der Rechtfertigung und Selbstverteidigung in Erscheinung treten kann. Diejenigen, die penetrant eine Verurteilung der Türkei herbeisehnen, seien den Türken gegenüber, unbegründet feindlich gesinnt. Gegen diese Türkenfeindlichkeit gilt es sich zu wehren.

In der Türkei ansässigen Armeniern wird damit ebenso dezent wie direkt eine für sie geltende Grenze der freien Meinungsäußerung aufgezeigt. Eine zu deutliche Stellungnahme gilt als Angriff. Man darf das türkische Volk und den dazugehörigen Behördenapparat nicht auf seiner Seite wähnen. Als Armenier sollte man nicht vorschnell Partei ergreifen für diejenigen, die diese Grenze überschreiten. Der Idealfall findet sich in der türkisch-armenischen Distanzierung von der „aggressiven“ Diaspora.

In erfolgreicher Hetzpropaganda, wie der hier besprochenen, finden sich diese Botschaften kumulativ.

Armenische Familie“ aus „Sason“ will „in Ruhe gelassen“ werden. Sie spricht sich gegen eine internationale Verurteilung der Geschehnisse durch Anerkennung als Völkermord im Sinne der UN-Konvention aus und kritisiert den Papst für seine Äußerungen (http://www.sabah.com.tr/gundem/2015/04/19/ermeni-asilli-ailelerden-papaya-tepki).

Sason – Die Bühne des Geschehens

Hier werden in einem ersten Schritt Menschen aus Sason präsentiert. Sason gehört zur mehrheitlich kurdischen Provinz Batman in Südostanatolien, im Taurusgebirge. Es ist Teil des historischen Armeniens, inmitten des nordanatolisch-nordiranischen Kettengebirges und liegt am Südrand des Kaukasus. Sason, das armenische Sassun, ist ein bedeutender Eckpfeiler der armenischen Kultur, Geschichte und Leidensgeschichte. Sie ist Heimat armenischer Helden, angefangen von Kevork Cavus bis Serob Pasa. Die letzte armenische Bevölkerung von Sassun wurde über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren massakriert: 1894, 1896, 1901, 1904, 1915, Vielleicht auch gerade aus diesem Grund entstand hier eine Widerstandsbewegung (Fedayi).

Und genau DAS ist der Grund nicht eine Familie aus Izmir oder Istanbul, sondern aus Sassun vorzuführen.

Heute ist Cuma Ucar, Mitglied der Saadet Partisi (Partei der Glückseligkeit), welche hinter der in Deutschland aktiven IGMG (Milli Görüs) steht, Bürgermeister der Stadt.

Eine armenische Familie – Die Protagonisten

In einem zweiten Schritt gilt es, sich die vermeintliche „armenische Identität“ der präsentierten Familien näher anzuschauen.

In der Regel wird Bezug genommen auf eine „armenische Oma“ oder aber man behauptet, die Familie bestünde, durchweg aus armenischstämmigen Mitgliedern.

Ihre Namen sind türkischer Herkunft ohne Hinweis auf eine armenische Identität. Als Ergebnis des Völkermordes und der postgenozidalen Türkisierung im Land kann man das Verschwinden armenischer Marker im Namen, erklären. Das allein rechtfertigt noch keinen Zweifel.

Gehen wir aber einen Schritt weiter:

Nicht nur, aber gerade in Sason dürfte es keine einzige armenische Familie geben, die vor 100-110 Jahren keinen großen Verlust von Familienangehörigen zu beklagen hatte. Viel wahrscheinlicher ist, dass die kinderreichen Familien alle auf ein bis zwei Überlebende zurückgreifen konnten. Daher ist allein die Behauptung, bei der betroffenen Familie handele es sich um eine „vollständig“ armenische Verbindung, alles andere als glaubhaft.

Zudem wurden während des Genozides zuerst Männer, Familienväter und Söhne der Armenier, deportiert und hingerichtet. Einige haben die Deportationen in die syrische Wüste überlebt und fanden in arabischen Staaten ein neues Zuhause, wanderten weiter nach Armenien, Europa oder in die USA. Einige wenige Frauen, die einer Deportationen entkamen, oder eine solche überlebten, wurden versklavt und dienten als Hausmädchen, wurden zwangsverheiratet und zwangsislamisiert.

Die als Muslimin und Türkin oder Kurdin Überlebenden wurden über Generationen Teil der Familien, welche sich mitnichten wegen einer einzigen Armenierin (die oft erwähnte „armenische Oma“) im eigenen Stammbaum als „armenisch“ betrachteten. Man war und ist typischerweise stolz auf die zwangstürkisierte bzw. zwangsislamisierte Kriegsbeute.

Die Nachkommen der Armenier Sasuns dürften sich heute, in einem Umfeld, in dem eine islamistische Partei stärkste Kraft ist, kaum als „freie, glückliche Armenier“, am wenigsten medial präsentieren. Entweder sie leben dort als Türken oder Kurden, oder als extrem unsichtbare Armenier.

Türkenfeindlichkeit statt Armenierdiskriminierung – Der Spielplan

Selbstverständlich negieren die Protagonisten zu Lebzeiten „jemals in der Türkei“ diskriminiert worden zu sein. Vielmehr noch: Sie beschuldigen die armenische Regierung, die Diaspora und ihre Unterstützer einer rassistischen Türkenfeindlichkeit und loben die türkische Regierung, die sie stets unterstütze.

In dem Sabah-Artikel teilt ein „Armenier“ mit, dass er sich von den Forderungen nach Anerkennung als Genozid belästigt fühlen würde. Ja! Von den Forderungen nach Anerkennung, nicht von dem Verbrechen selbst! Er beklagt sich und fragt, warum man sich nicht vor 100 Jahren bewegt habe. Der Zeitpunkt der Rechnungsstellung (jetzt, plötzlich) sei auf Türkenfeindlichkeit zurückzuführen. Jetzt, wo die Türkei wieder aufsteige, unternähme man alles, um dem entgegenzuwirken. Man wolle einfach nicht, dass es der Türkei gut gehe und diese sich entwickle.

Auch hier der perfide Rückgriff auf die alte, osmanische und aktuelle, türkische Ideologie: Der Vorwurf einer „Verhinderung der Weiterentwicklung“ ist bereits von der Jungtürken angeführt worden, gerade um für den Völkermord eigene Schergen zu mobilisieren. Die treibende Kraft der Massaker war damals die Partei Ittihad ve Terakki, die von 1908 bis 1918 regierte. „Ittihad ve Terakki bedeutet Einheit und Fortschritt“. Die Vernichtung der Armenier bedeutete für sie die „Einheit“, d.h. die Vereinigung aller Türken gegen den armenisch-christlichen Feind. Und die Vernichtung bedeutete „Fortschritt“, man wollte den Störer und Verhinderer türkischen Vorankommens, die Armenier aus dem Weg räumen um sich weiter zu entwickeln.

Die ausdrückliche Völkermordleugnung wird dem Leser als Sahnehäubchen in dem Schlussabsatz präsentiert: Man habe die jährlichen Völkermord-Völkermord-Rufe satt. Man habe weder von den eigenen Vätern, noch von den Großvätern so etwas gesehen oder gehört.

Gerade im Osten der Türkei WEISS man um den Genozid. In den Dörfern, anders als in Istanbul etwa, haben die Dörfältesten, im Besonderen die Kurden, die Erlebnisse und Beobachtungen der nächsten Generation weitererzählt. Man hat die Geschichten über die blutgetränkten Bäche, über die ehemaligen Eigentümer der Ländereien oder ein gerettetes Kind am Leben erhalten. Dies ist allem voran zurückzuführen auf die kurdenfeindliche Politik der Türkei seit der Staatsgründung durch Atatürk. Hier entwickelte sich, aufgrund eines jahrzehntelangen Mangels an – den Kurden vorenthaltenen – Schulen, bis heute ein etwas anderes Geschichtsbewusstsein.

Kein einziger Armenier aus der Türkei, leugnet den Genozid an seinem Volk. Die Wenigsten äußern sich öffentlich, in westlichen Städten wie Istanbul, vielleicht auch nur in Istanbul, darf man sich etwas mehr wagen. Die Anderen schweigen über die Umstände, behaupten, dass das „nicht mehr wichtig sei“ oder ähnliches. Und das nur aus Angst. Aber sie leugnen ihn nicht aktiv und behaupten nicht sie seien „genervt“ von einer Fürsprache des Papstes.

Das sind Aussagen türkischer Rassisten.

Das Blatt

Ein weiterer Aspekt dieses Artikels verdient Beachtung.

Der Text stammt nicht aus der Hauspost eines vernarrten Rechtsextremisten. Er erschien bei der Tageszeitung SABAH, einer der auflagenstärksten türkischen Zeitungen. Neben der Türkei erscheint SABAH auch in Deutschland und in den USA.

Die Zeitung wurde gegründet von einem Griechen 1875, weitergeführt von einem Armenier 1882. Am 24.04.1915 wurde der erste Chefredakteur, auch ein Armenier, im Rahmen der den Völkermord einleitenden Verhaftungswelle, wegen angeblichen Verrat verhaftet und sodann hingerichtet. Heute gehört das Blatt der Calik Holding, das Personal höchster Ebene ist mit dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verwandt.

Bundestagsdebatte 24.04.2015

Persönliche Kurz-Mitschrift der Bundestagsdebatte zur expliziten Bewertung der Massaker im Osmanischen Reich als Völkermord

Gernot Erler SPD, Mitglied des Auswärtigen Amtes: redet zwar von „genozidaler“ Politik, verspricht sich dabei genau an dieser Stelle, Zitat von Armin T. Wegner, Zitat Serj Sarkisian „Nie wieder“, falsche Bewertung der Erdoganschen Beileidsbekundung und der Reaktionen Davutoglus.

Ulla Jelpke, DieLinke: Völkermord – klare Verurteilung des jungtürkischen Geheimplanes zur Ausmerzung des armenischen Volkes und der deutschen Beihilfe zum Völkermord. Bundestag muss um Verzeihung bitten. Türkische Beihilfe der djihadistischen IS-Schergen bei der erneuten Vertreibung und Ermordung von Christen und Kurden. DANKE.

Christoph Bergner, CDU: historische Verpflichtung sich der historischen Schuld „dieser Ereignisse“ zu bekennen, „Vernichtung“, Bitte um Entschuldigung, Bezug zum türkischer Widerspruch von Regierung bis hin zum Widerstand von türkischstämmiger CDU-Mitglieder, objektiver Geschichtsunterricht an deutschen Schulen, morgige Gegendemonstration verurteilt, Zweifel, ob wir auf den Begriff Völkermord verzichten können, Plädoyer für Verwendung, semantische Zurückhaltung führt zu praktischer Verharmlosung, Lemkin Zitat zur Veranlassung der Genozid-Konvention! DANKE!

Cem Özdemir, Grüne ,  Klare Verwendung des Völkermord -Begriffes, Haltung der Bundesregierung unterstützt Leugnungspolitik, nicht die Versöhnung, tscherkessische Beteiligung eingestanden, Türkisch-armenische Versöhnung in der Türkei lässt sich durch unseren Beitrag nicht stören, 1955, Alevitenmassaker und Progromme hätten, bei rechtzeitiger Verurteilung der Taten, nicht passiert. Hinweis: auch Türkei hat ein Interesse an der Grenzöffnung. Zeit sich zu entschuldigen! Danke!

Frank Schwabe, SPD , Sprecher für Menschenrechte, Klare Verwendung des Völkermord-Begriffs, aktuelle Leugnung in Deutschland lebender Türkischstämmiger Mitbürger zur Sprache gebracht, Deutsche Beihilfe, kurdische Mittäterschaft angeführt, kurdische Versöhnungsangebote (den Türken) als Beispiel angeführt. Super. Danke.

Norbert Röttgen, CDU , Vorsitzender des Auswärtigen Amtes: Völkermord ist umfassende Negation des Rechts der physischen Existenz dürfen wir nicht mit der Negatation des Verbrechens unterstützen. Begriffsverwendung keine Reduktion auf ein Wort, sondern Ausdruck der Dimension, Abwägung türkischer Empfindungen? Bei Völkermord hört die Abwägung auf. Wieso sind wir selbst erst 100 Jahre später so weit? Verschweigen nicht Beitrag zu Dialog. Verdrängen und Vertuschen gab es von Anfang an. Aussprechen als Anfang zur Versöhnung! Wunderbar! DANKE!!

Dietmar Nietan, SPD, Mitglied des  Ausschusses des Auswärtigen Amtes: Klare Verwendung des Völkermordes, Völkermord ohne Zweifel. Menschen in der Türkei viel weiter als ihre Regierung, dahinter sollten wir nicht zurückbleiben. Beileidsbekundungen türkischer Regierungsmitglieder relativieren die eiskalten Verbrechen. Aus dem falschen Verständnis nationale Identitäten schützen zu müssen, entsteht neues Unrecht. Menschen in der Türkei entdecken ihre eigene armenische Geschichte.

Erika Steinbach, CDU, Sprecherin für Menschenrechte: Völkermord, ja. Wie viele Vorredner auch: Vernichtung  der Aramäer, Assyrer, Griechen und Pontosgriechen erwähnt, Franz Werfel, Internet – Erklärung 2008 lobend erwähnt, Abberufung von Botschaftern, unverständlich die vehemente Reaktion auch in Deutschland gegen Verwendung des Völkermordbegriffs, wenn damals deutsche Zurückhaltung unangemessen war, ist sie es nicht auch heute? Nicht nur Tötung, sondern unglaubliche Brutalität. Beispiele für die Brutalität explizit benannt. Rat, man solle sich auf die Zukunft konzentrieren, abgelehnt. Die Anerkennung der Vergangenheit gibt den Opfergruppen Kraft. Super! Danke.

Bernd Fabricius, CSU: Klare Verwendung des Begriffs. Besondere Verantwortung zur historischen Wahrheit, zutreffende Einordnung der Verbrechen, nicht Begriffsreduktion, sondern umfassende Dimension, abgelehnte Rückwirkung der UN-Konvention bezieht sich auf die Rechtsfolge, der Tatbestand bleibt der selbe. Keiner würde gegen „andere Völkermorde“ mit der Ablehnung des Rückwirkung argumentieren. Papst, Europarat, Europäisches Parlament werden bedroht. Danke.

Fremde Federn – O. Targanyan- Erinnerung 

In der neuen Rubrik „Fremde Federn“  erscheinen in Zukunft die Texte Dritter.

Das KLEINGEDRUCKTE vorab: Autoren und Leser, Unterstützer und Freunde haben die Möglichkeit Beiträge einzureichen. Mit Einreichung erklären die Autoren, selbst Urheber der zu veröffentlichenden Texte zu sein. „DieFarbeDesGranatapfels“ schließt jede Haftung aus. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Das Recht auf Kürzungen wird vorbehalten. Vor einer weiteren Veröffentlichung, etwa durch die Leser von „DieFarbeDesGranatapfels“, wird gebeten, den jeweiligen Autor zwecks Einholung einer Genehmigung selbst zu kontaktieren. „DieFarbeDesGranatapfels“ bleibt insoweit außen vor und haftet nicht für eine evtl. nicht genehmigte Weiterverwendung. Kontaktadressen der Autoren werden regelmäßig am Ende des Textes angegeben.

 

Den Anfang macht ein Mitstreiter aus der Schweiz – Ohannes Targanyan

„Wir sind wie die Zweige des Aprikosenbaumes: eine gemeinsame Wurzel aber in alle Himmelsrichtungen verstreut und auf der ganzen Welt verbreitet. Lasst uns die gleichen Worte in allen Sprachen aussprechen, so dass uns all verstehen können.“

Die Erinnerung

Lasst uns der Welt verkünden

was unserem Volk widerfahren ist

vor fast einem Jahrhundert.

Die Erinnerungen sind unauslöschlich.

Unschuldige Opfer wurden gezwungen zu sterben,

stolze Männer auf Todesmärsche geschickt,

wunderbare Frauen vergewaltigt und getötet,

lächelnde Kinder verhungerten.

Flüsse rot und voller Blut,

überall pflastern Leichen die Strassen.

In Licht verwandelt

bleiben sie als Erinnerung erhalten.

Ihre schrecklichen Schmerzen und Schreie

sind sichtbar in jedem armenischen Auge.

Weil wir können nicht vergessen

und werden uns immer an sie erinnern

die unschuldigen Opfer

und unsterblichen Seelen.

_

Die wenigen Überlebenden, die fliehen konnten

und in die weite Fremde zogen,

waren die Kronzeugen menschlichen Elends.

Leider hatte man sie nicht ernst genommen,

um weitere Verbrechen zu verhindern.

Trotzdem begannen sie ein neues leben.

Der seelische Schmerz,

der immer noch in unseren Adern fliesst,

hat das Bewusstsein einer ganzen Nation verändert,

unsere Literatur und Musik beeinflusst.

Er zog einen dunklen Schatten auf unsere Gesichter und Herzen,

doch ihre Lebensfreude war nicht gebrochen.

Wir Armenier haben niemals unseren Glauben verloren.

Das Beste daraus machen.

Wir sind ständig auf der Suche,

um das Leben von der Sonnenseite zu betrachten

Weil wir können nicht vergessen

und werden uns immer an sie erinnern

die unschuldigen Opfer

und unsterblichen Seelen.

_

Wir sind eine Nation von Überlebenden.

Die Nachfahren einer alten Kultur,

die ständig kämpfen, um zu überleben.

Während vieler Jahrhunderte versuchten

verschiedene Mächte uns zu teilen und zu vertreiben.

Aber sie scheiterten immer daran.

Selbst in den schwersten Zeiten haben wir niemals aufgegeben.

Sie fuhren fort, unsere Geschichte zu fälschen,

nahmen unser Land,

töteten unsere unschuldigen Seelen,

leugneten ihre Beteiligung am Genozid.

Aber unsere Hoffnung bleibt bestehen.

Auf das eines Tages das Licht der Gerechtigkeit

über das Böse triumphieren wird.

Denn wir können es beweisen und werden

ihnen den Spiegel der Wahrheit vor Augen führen.

Wir sind nicht müde, gegen die historische

Eitelkeit der Lügen anzukämpfen.

Wir Armenier sind ein nobles

und sensibilisiertes Volk.

Das Leiden anderer Völker bedrückt uns sehr

und erinnert uns stark an unsere eigenen Schmerzen.

Weil wir können nicht vergessen

und werden uns immer an sie erinnern

die unschuldigen Opfer

und unsterblichen Seelen.

Erklärung des Autors:
Dieses Gedicht ist für all die unschuldigen und unvergessenen Seelen des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts. Im Osmanischen Reich, in einer Zeit, in der die meisten Menschen blind den Befehlen der fanatischen Despoten folgten, haben einige Mutige ihr ganzes Leben dafür eingesetzt, die Unschuldigen zu schützen und zu retten.
Ich möchte meinen grössten Respekt und die Bewunderung für diese mutigen Menschen, die die leidende Bevölkerung in ihrer unglaublichen Not nicht im Stich gelassen haben, zum Ausdruck bringen. Weder ihre Namen sind in den offiziellen Geschichtsbüchern aufgeführt, noch ihre selbstlosen Aktionen. In Memoriam an die unschuldigen Opfer und die tapferen Helden, die Tausenden von Menschen ihr Leben gerettet haben: Dr. Armin T. Wegner, Jakob Künzler, Dr. Johannes Lepsius, Dr. Thomas Mann, Alma Johansson, Tacy Atkinson, Ernst Jakob von Christoffel, Karen Jeppe, Dr. Raphael Lemkin, Beatrice Rohner, Martin Niepage, Dr. Henry Morgenthau, Harry Stürmer, Walter Rössler, Leslie A. Davis und viele, viele andere, deren Namen wir nicht kennen. Deshalb lasst uns alle an die grossartigen Menschen erinnern und sie mit Respekt ehren. Ich verneige mich und harre in stillen Gedanken.
Ohannes Targanyan – Copyright by Ohannes Targanyan Kreuzlingen (Switzerland), 25th June 2014

 

Dem Autor ist es ein Anliegen, mit seinem Gedicht das Bewusstsein der Menschen für die schrecklichen Ereignisse von damals zu schärfen und ihnen aufzuzeigen, wie wichtig es ist, solche Verbrechen zu verhindern. Dazu gehört auch, diejenigen Verbrechen, die nicht verhindert wurden, öffentlich zu verurteilen. Wer den Autor kontaktieren möchte, hat unter ohannestarganyan@yahoo.com die Möglichkeit dazu.

Danksagung 

Immer wieder merke ich, wie schwer sich Menschen tun, den Völkermord als solchen anzuerkennen und eben dadurch zu verurteilen. 
Dies gilt für die große Politik ebenso wie die engste Nachbarschaft. 
Mir ist klar, dass das öffentliche Anklagen einer Tat und die Aufforderung sich einer Verantwortung zu stellen, als unangenehm empfunden und schlimmstenfalls tatsächlich unangenehm werden kann. Dieser Schritt erfordert Mut, Zivilcourage. 
Gleichzeitig sind wir, die Nachkommen der Opfer, auf die Unterstützung eines jeden Einzelnen angewiesen, erst recht auf jene von Außenstehenden, Nicht-Armeniern. 
Das möchte ich als Anlass nehmen, allen Mitstreitern, zu danken. 
Die mehr oder weniger zufällige Kombination meiner FB-Kontakte aller Glauben- und Nichtglaubensrichtungen sowie der verschiedenen ethnischen Verwurzelungen, die sich in dieses Thema einbringen, ist sehr erfreulich und zeugt von solidarischer Freundschaft. 
Alle schweigenden Mitleser möchte ich ermutigen, sich in die Debatte einzubringen, Beiträge in Medien zu veröffentlichen und sich an die Bundestagsabgeordneten zu wenden. Das Recht der freien Rede ist eines der höchsten Güter unserer Werteordnung. Lassen Sie es sich nicht nehmen! 
Der Armenozid und dessen inzwischen 100 Jahre andauernde Leugnung ist – entgegen der Meinung der Bundesregierung – gerade keine binationale Angelegenheit zwischen Türkei und Armenien oder zwischen Türken und Armeniern. Auch in Deutschland üben sich türkische Rechtsextremisten und Islamisten nicht nur in der Genozidleugnung. Vielmehr noch, sie entschuldigen den Willen ein ganzes Volk ausmerzen zu wollen. Sie rechtfertigen und beklatschen die rassistisch motivierten Massaker an 1,5 Mio Menschen. Sie teilen öffentlich mit, dass dieses Thema sie „nerve“, beklagen unsere „Aufdringlichkeit“ und zeigen dadurch mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Nachkommen der Opfer. Sie bedrohen eine Universitätsprofessorin, die sich diesem Thema annimmt, veranstalten eigene Lesungen und demonstrieren mit Hassparolen. Sie bezichtigen Armenier und ihre Mitstreiter des Rassismus, inszenieren sich als Opfer von Türkenfeindlichkeit und versuchen den Spieß umzudrehen. Sie suchen bewusst den Kontakt zur Politik, um rassistische Überzeugungen hübsch verpackt umzusetzen. 
Ein Genozid ist die hässlichste Erscheinungsform rassistischer Überzeugungen. Der Kampf gegen Rassismus, von Diskriminierung bis Genozid, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch und gerade hier in Deutschland, wo Rassisten unter dem Deckmantel der Integration, gerade der Integration, mehr als nur gut vernetzt sind. 

Offener Brief an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Özoguz,

anlässlich des Genozides am armenischen Volk des Osmanischen Reiches und des in diesem Zusammenhang bevorstehenden 100. Gedenktages wende ich mich mit einer Bitte an Sie.

Als Juristin und Integrationspolitikerin auf kommunaler Ebene, bewerte ich die Prävention von Rassismus als essentielle, integrationspolitische Aufgabe. Dies gilt für den Bereich einer unterschwelligen Diskriminierung ebenso wie im Falle gewalttätiger Übergriffe.

Die Geschichte lehrt uns, dass solche Übergriffe ihren Höhepunkt in einem Genozid erreichen. Der, die Übergriffe nährende, Hass fängt in der Regel klein an, ist aber hoch ansteckend und wächst rasend. Mit ausgestrecktem Zeigefinger entspringt einer sich steigernden Diskriminierung die Entmenschlichung des Feindbildes, welche die massive Gewaltanwendung entschuldigt, wenn nicht gar rechtfertigt. Die der Gewalttaten folgende Geschichtsrevision sichert über Generationen ein gutes Gewissen und bildet zugleich den Nährboden für die Aufrechterhaltung des Feindbildes.

Es ist ein fataler Fehler, zu glauben, solch ein Verhalten gehöre lediglich der Vergangenheit an oder sei aktuell nur im Nahen Osten relevant. Vielmehr belasten rassistische Einstellungen und Handlungen auch das zwischenmenschliche Miteinander bei uns in Deutschland. Das Feuer in Tröglitz ist ein aktuelles Beispiel.

Ein fataler Fehler ist es aber auch, zu glauben, Menschen mit Migrationshintergrund würden selbst grundsätzlich nur auf der Opferseite stehen und seien nicht selbst zu gewaltbereitem Hass fähig. Nicht selten ist eine Integrationsverweigerung auf menschenverachtende Einstellungen zurückzuführen. Rechtsradikale Einstellungen unter Migranten gehen in die verschiedensten Richtungen. Sie richten sich gegen die deutsche Gesellschaft, weil man diese für das eigene Versagen verantwortlich macht. Oder sie richten sich gegen andere Migranten aufgrund aktueller oder historischer Ereignisse, oder gegen – dem eigenen Weltbild fremde – Lebensmodelle.

In wenigen Tagen jährt sich ein besonders schreckliches Ereignis zum 100. Mal, der Genozid an den Armeniern und anderen Christen des Osmanischen Reiches. Anlässlich dieses Gedenktages und mit Blick auf die, auch dem Staat obliegende, Verpflichtung zur Rassismusprävention möchte ich Sie, als  Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in aller Höflichkeit und in Wahrnehmung dieser noblen Aufgabe auffordern, den in einem Genozid endenden Rassismus gegenüber Minderheiten des Osmanischen Reiches in aller Klarheit, und damit unter Verwendung des Begriffes „Völkermord“ zu verurteilen.

Ich hoffe auf Ihre mutige Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

JaklinChatschadorian

Eine selbsterfüllende Prophezeiung ?

Bekanntlich besuchte Nebahat Güclü im Januar 2015 die rechtsextremen Grauen Wölfe, betrieb bei und mit ihnen, über einen Besuch hinausgehend, Wahlkampf und wurde erwischt. Die Hamburg Grünen regten einen Parteiausschluss an, kamen aber wegen einem Formfehler nicht durch das schiedsgerichtliche Verfahren. Güclüs Verteidigung war widersprüchlich, bar jeder Glaubhaftigkeit und in großen Teil auch nachweislich gelogen.

Zudem fußte die Verteidigung allem voran auf einer Heiligsprechung der hinter besagten Vereinigung (ADÜTDF) stehenden, rechtsextremen türkischen Partei MHP. Hierzu legte sie ein Gefälligkeitsgutachten des sich zum Armeniergenozid bekennenden und im Besonderen von Armeniern hoch geschätzten Historikers Taner Akcam vor. Ein Gutachten, dass an Verlogenheit nicht zu überbieten ist, und dem Autor und seinem bisherigen Werk, den Wert nimmt. Allem voran, auch mit Blick auf die Nähe des Historikers zu Gemeinden des Islamisten Fehtullah Güllen in Amerika, drängt sich begründeter Zweifel an der Motivation Taner Akcams auf. Ist die Anerkennung des Armeniergenozides am Ende nur ein leidiges Mittel zum Fortschritt des türkischen Staates? Des Türkentums? Die Zeit wird es zeigen.
Das Zusammenwirken einer „GrauenWölfin und dieses (!) Genozid-Historikers“ erwies sich jedenfalls als mittelbare Verhöhnung des Rechtsextremisten eigenen (1) ARMENIER-FEINDBILDES.

Dem weiteren FEINDBILD der Grauen Wölfe entsprechend, äußerte Frau Güclü sich, bereits in einer ersten Reaktion äußerst (2) KURDENFEINDLICH . Der Pressebericht sei einer kurdischen Zeitung, die ihr seit jeher schaden wolle, zu verdanken.

Ja, sie habe die Grauen Wölfe besucht, der Bericht fuße auf wahren Behauptungen. Nur die Veröffentlichung, naja, damit war FRAU nicht einverstanden.

Das Schiedsgericht hätte durchaus auch anders entscheiden können, nun gut.

Sodann wurde sie zumindest aus der Fraktion der Grünen aus der Hamburger Bürgerschaft ausgeschlossen. Kurze Zeit und viele Streitigkeiten später trat sie dann doch selbst aus der Partei aus, weil SIE das Vertrauen verloren habe.

Ihren Job kündigte der Paritätische Wohlfahrtsverband eben aus denselben Gründen. Jemand der so eng mit Rechtsextremisten verbandelt ist, schadet auch dem Arbeitgeber, welcher in einem entsprechend sensiblen Arbeitsbereich tätig ist.

Wie soll es anders sein, wie schon zuvor übt sich Frau ABGEORDNETE, die unsagbar viele Stimmen, trotz & gerade wegen ihrer Nähe zu Verfassungsfeinden einholte, in Larmoyanz.

In einer neuen Erklärung stilisiert sie sich das X-te mal zum Opfer einer Verschwörung (weniger geht selbstverständlich nicht), und diesmal sind, nach Güclü, die (3) ALEVITEN SCHULD an dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Aleviten, ein weiteres Feindbild dieser Rechtsextremisten – und nicht die eigene Nähe zu diesen. Sie hätten sich bei dem Arbeitgeber beschwert. Die Beschwerde sei TROTZ ihrer stetig währender Unterstützung alevitischer Gemeinden erfolgt.

BONBON: Zitat aus der neuesten Erklärung:
„Avrupa’nın göbeğinde, demokratik olarak adlandırılan bir ülkede ve kendilerini ‘demokrat’ olarak adlandıran insanlar ve kurumlar tarafından tüm varlığım yok edilmeye çalışılıyor.“
Zu DEUTSCH:
Inmitten Europas, in einem als demokratisch bezeichneten Land und von sich als demokratisch bezeichnenden Menschen und Organisationen wird versucht, mein ganze Existenz auszulöschen“.

Verschwörungstheorien zu generieren, Schuldzuweisungen zu verteilen und mit dem Schwung eines Säbels rechtsextrem-türkischen Feindbildern (Aleviten, Kurden und Armeniern) eins auszuwischen, ist wohl Beleg genug für die GRAUE Farbe in den Überzeugungen der Abgeordneten für die Hamburger Bürgerschaft. Ein Lakmustest!

Mit den Wölfen heulen, und bei den Deutschen, frömmeln, tanzen, lügen

So ähnlich würde Christian Dietrich Grabbe, einer der großen Literaten des Vormärz das Verhalten nicht weniger (Integrations-)Politiker in Deutschland möglicherweise beschreiben, würden sie Teil seines Dramas Don Juan und Faust“1 sein. Die hierin zum Ausdruck gebrachte Bigotterie ist Teil des politischen Alltages.

Die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güclü, kandidiert auf Platz 25 der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen Hamburg“ für die Hamburger Bürgerschaft. Mitte Februar 2015 steht viel auf dem Spiel: Eine längere Amtsperiode, neue Wähler aufgrund der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre und die Chance, die Alleinherrschaft der SPD zu einem Ende führen zu können. Ein intensiver Wahlkampf steht an. Wahlkampf bringt Wählerstimmen und nicht zuletzt die Aufmerksamkeit der Medien.

Letzteres dürfte Nebahat Güclü unterschätzt haben, als sie zusagte, auf der Veranstaltung der „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF), den türkischen, rechtsextremen Grauen Wölfen, eine Rede zu halten.

Vorwerfen kann man ihr diese Nachlässigkeit, das Unterschätzen der medialen Aufmerksamkeit, nicht wirklich. Von Interesse ist in der Regel der Rassismus, der von deutscher Seite ausgeht. Nach Mölln und Solingen folgten die Verbrechen der NSU. Inzwischen geht es uns innenpolitisch fast ausschließlich um PEGIDA.

Damit will ich weder die Verbrechen der NSU klein reden, noch möchte ich die PEGIDA-Bewegung schön reden. Jeder soll seine, ihn definierende Kultur leben dürfen. Gleichzeitig ist jeder verpflichtet, beim gesellschaftlichen Umgang miteinander bestehende Grenzen zu achten. Dies gilt für Mehrheiten ebenso wie für Minderheiten.

Der gesellschaftliche Umgang miteinander unterliegt gewissen Spielregeln und ist strenggenommen eine ausschließlich rechtliche Angelegenheit. Das geltende Recht ist, mag es auch einer stetigen Fortentwicklung unterliegen, nicht nur ein Sammelsurium der Regelungen aus der aktuellen Legislaturperiode und damit parteipolitischer Wankelmut. Es ist beständiger Grundpfeiler eines gewachsenen Staates, dass sich einen liberaldemokratischen Rahmen gebend seine Freiheiten über Jahrhunderte erkämpft hat. Es ist Ausdruck europäischer, christlich-jüdischer Kultur.

Der islamische Einfluss, über den man mit Blick auf die Aussage der Bundeskanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland, streitet, ist nicht ersichtlich. In seinen Grundprinzipien steht er dem status quo gar entgegen. Der Islam spricht sich, in jeder Leseart, gegen die Säkularisierung aus. Die nach ihm für die Menschen verbürgten Rechte gelten nicht universell und die Bedeutung des Individuums gegenüber der Gemeinschaft ist nachrangig. Selbst das Verständnis von Handel und Wirtschaft und Steuern ist, ginge man nach der Religionslehre, ein gänzlich anderes.

Um eines zu betonen: Das bedeutet nicht, dass Menschen islamischen Glaubens in der Bundesrepublik nicht leben dürften oder sollten. Es lässt jedoch vermuten, dass der muslimische Mitbürger, bis zu einem gewissen Grad, auf die Ausübung seiner Religion in Reinform, verzichten muss. Wie viel islamisches Leben ist möglich? Wann ist eine Grenze überschritten?

Nichts anderes gilt für diejenigen, die sich über die eigene Rasse oder Ethnie definieren und dabei auf Außenstehende hinab schauen. Wie viel Patriotismus ist in diesem Land legitim?

Mit der Entscheidung seinen Lebensmittelpunkt in diesen Staat zu verlegen, sollte man dem status quo in Form des Grundgesetzes zustimmen. Die Bundesrepublik definiert sich als liberaldemokratischer Staat, dass sich für ein säkulares System entschieden hat. Dem Nationalismus hat man abgesagt.

Diese Absage ist als Gebot der Ächtung zu verstehen und gilt für jedermann. Es wäre falsch zu glauben, „nur der Deutsche“ müsse aufgrund des „deutschen“ Völkermordes an den Juden seinen Patriotismus in engsten Grenzen halten. JEDE, auf andere Menschen bzw. Völker, herabschauende Einstellung führt zur Herabsenkung der Hemmschwelle zur Gewaltanwendung und kann fatal enden.

Bei Nichtzustimmung zu dieser „deutschen Werteordnung“ sollte man, sich selbst zuliebe, hinterfragen, warum man seinen Alltag hier verbringen will und warum man seine Kinder in einem Land aufwachsen sehen will, dessen System man nicht gutheißt. Diese Frage sollte man nicht nur sich selbst stellen. Vor allem sollte man die dazugehörige Antwort ehrlich, laut und deutlich formulieren.

Als überzeugte Demokratin und Christin ist mir persönlich das deutsche Selbstverständnis sehr viel wert. Meine Vorfahren haben den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 überlebt. Sie wurden zu Opfern, weil sie die falsche Ethnie und Religion gehabt haben. Meine Eltern sind im Schatten der Nachwirkungen des Völkermordes in der Republik Türkei groß geworden: Das Kreuz unter der Bluse, die armenische Sprache nur in den eigenen vier Wänden, Witze über den Ungläubigen, türkisches Militär. Sie haben den Pogrom von Istanbul am 6.-7.September 1955 überlebt, die Stimmung gegenüber Christen im Land 1974, beim Angriff auf Zypern, mitbekommen. Mein Vater atmete erst auf, als er deutschen Boden betrat. Er durfte reden. Er durfte sein. So wie er ist. Und es störte niemanden. Seine Liebe zu Deutschland ist seitdem ungebrochen.

An dem Punkt, an dem die Ablehnung des hiesigen Systems sich in Handlungen äußert, die auf eine grundlegende Systemveränderung abzielen, ist eine Grenze zu setzen. Wir sind für die Erhaltung dieses Staates selbst verantwortlich. Kritik ist angebracht. Kritik an rechter Gesinnung, gleich von wem sie vertreten wird, Kritik an Nationalismus und Linksradikalismus oder aber Islamkritik.

Doch Kritik geht anders als bei PEGIDA. Die Teilnehmer dieser Bewegung dürften nicht durchweg als Rechtsextreme zu bezeichnen sein. Ich glaube durchaus, dass man Angst bekommen kann, allein bei der Idee, die Muslime, die man in den Nachrichten vernehmen darf, würden in der Nachbarschaft aufschlagen. Dabei geht es mir nicht nur um den Attentäter, der meint auf einem besonderen Weg nach oben zu sein, sondern bereits um den einen oder anderen Verbandsvertreter und Talkshow-Gast. Der Fehler bei PEGIDA liegt darin, dass die friedlich-besorgten sich zu wenig distanzieren von den aggressiven, lauten Ausländer- und Verfassungsfeinden.

Man steht eben nicht Seite an Seite mit Menschen, die sich selbst überhöhen oder Gewalt gegenüber Andersdenkenden befürworten. Man macht Nazis nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern. Man steht auf, distanziert sich und differenziert. Man schert nicht alle Ausländer über einen Kamm. Man unterstellt nicht jedem Ausländer Muslim zu sein. Und man unterstellt nicht jedem Muslim schlechte Absichten. Man belegt seine Behauptungen. Sich zu Opfern der „Lügenpresse“ zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. PEGIDA darf sich über seinen schlechten Ruf nicht wundern.

Obacht!

Was für PEGIDA gilt, gilt für die Masse der muslimischen Mitbürger mitsamt der dazugehörigen Verbände an diesem Punkt auch. Man lässt auch Islamisten nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern werden. Man steht auf und distanziert sich von ihnen und ihren Verbrechen – initiativ. Dies erst recht, wenn man meint, sie würden sich ungefragt, ohne Erlaubnis oder wider den religiösen Vorschriften zu Vorkämpfern des eigenen Weges machen. Man gebietet ihnen Einhalt und setzt Zeichen. Auch hier darf man sich, als Muslim, über das negative Bild der eigenen Religion nicht wundern, wenn man sich nicht dazu bewegt, dieses Bild positiv mitzugestalten. Auf die Frage, warum man als in Deutschland lebender, einfacher und friedlicher Muslim sich dauernd distanzieren müsse gibt es nur diese Antwort: Weil man sich zum Grundgesetz bekennt. Aus Gründen der Zivilcourage und als ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern; vor allem aber weil man seinen Glauben aus dem gleichen Buch zieht wie Salafisten, Hassprediger und Attentäter. Sich zu Opfern einer ewigen Diskriminierung zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. Am wenigsten hilft es, sich selbst stetig von jeder Verantwortung freizusprechen und jede, auch noch so sachliche Kritik zur rassistisch veranlagten Diskriminierung zu erklären oder aber wie im Fall „Charlie Hebdo“ den Opfern eine Mitschuld zu attestieren.

Es ist unfassbar. Wenn man es ganz genau nimmt, beinhaltet allein diese Schuldzuweisung einen demokratie- und menschenfeindlichen Anspruch auf Absolutheit und die Rechtfertigung einer Tötung. Wieso hat man hier nicht laut und deutlich widersprochen? Selbst die Bundesregierung hat sich an dieser Stelle unrühmlich verhalten. Statt Kritik für den türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu gab es einen Empfang mit militärischen Ehren.

Von deutschem Nationalismus über den Islamismus zurück zum Nationalismus nichtdeutscher Kreise am Beispiel Nebahat Güclü.

Auch für diese Art von verfassungsfeindlicher Gesinnung gilt das soeben gesagte ausnahmslos: Keine Bühne für Rassisten. Null Toleranz.

Eigentlich.

Als überzeugte Demokratin sucht man nicht den Dialog zu rechtsextremen Organisationen, auch nicht wenn es sich um eine Migrantenorganisation handelt. Einen Dialog kann man vielleicht mit einer einzelnen Person führen, in der mal naiven, mal berechtigten Vorstellung, verschrobene Denkweisen überzeugend gerade biegen zu können. Man geht jedoch nicht zu den bekanntesten, größten, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden Vereinigungen, um auf Stimmenfang zu gehen.

Ex-Bürgerschaftsvizepräsidentin Nebahat Güçlü hat genau das getan. Sie sprach im Wahlkampf bei einer türkischen Organisation, zu der auch die rechtsextremem „Grauen Wölfe“ gezählt werden.

Einer ihrer Vorredner war der für Europa zuständige MHP-/ADÜTDF- Funktionär Cemal Cetin. Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburgdaki-kultur-ve-ulku-solenine-yogun-ilgi/) war auch auf besagter Veranstaltung und zitiert ihn wie folgt:

„ Wir waren arm und brauchten Geld, während sie die Arbeitskraft brauchten. Wir haben große Schwierigkeiten bewältigt, doch sie sind nicht ausreichend für uns eingetreten. Uns wurden nicht ausreichend Integrations- und Sprachkurse angeboten. Aber wir haben die geltenden Regeln, der Länder, in denen wir leben stets befolgt. … Unsere kulturelle Identität, das Türkentum, sind zu schützen und unser religiöses Leben haben wir den nächsten Generationen weiterzugeben. Die Politiker sollen dies nicht als Drohung sehen, sondern als kulturelle Bereicherung. Wir müssen uns integrieren (dürfen), ohne assimiliert zu werden. Assimilation ist wie Terror ohne Blutvergießen.“

Welches Verständnis haben diese Menschen von einem friedlichen Zusammenleben? Ihre Kultur darf uns zwar bereichern, aber wehe, wir versuchen, auch sie zu bereichern. Just in dem Moment werden wir zu blutscheuen Terroristen?

Was genau Nebahat Güclü gesagt hat, ist eigentlich irrelevant. Es reicht zu wissen, dass es sich um eine Wahlkampfrede gehalten hat mit Informationen zur Integrationspolitik in Hamburg. Sie hat dort mit Sicherheit nicht gesagt, dass der rechtsextreme Weg des Publikums der falsche sei. So macht man keinen Wahlkampf. Realistisch ist vielmehr eine Rede, in der die Vorzüge grüner Politik aus Sicht des Publikums herausgearbeitet werden. Ist vielleicht auch die Ermutigung des Publikums, sich politisch bei den Grünen und gerade in der Integrationspolitik zu engagieren, um eigene Interessen besser verfolgen zu können, nicht vorstellbarer Inhalt einer solchen Wahlkampfrede?

Sie hat im falschen Becken gefischt und Rechtsextremisten zur Teilnahme am demokratischen System animiert. Verfassungsfeinde in diesem Sinne einzuladen und Türen zu öffnen, schadet der sich zu diesem Staat bekennenden Gesellschaft, es schadet unserer Werteordnung und letzten Endes ist das auch der Schaden, den sie ihrer Partei zugeführt hat.

Nebahat Güclüs nachträgliche Erklärungsversuche hingegen verhöhnen die Adressaten, Leser wie Wähler. Ein jeder [sic!] Türke, weiß, wessen Bühne das war, ganz ohne zeitaufwändige Recherche. Man mag diese Gruppierung gut oder schlecht finden, aber man kann nicht sagen, man habe nicht gewusst. Dies gilt bereits für den „einfachen“ türkischen Bürger. Der Maßstab, der für eine, in der deutschen ebenso wie in der türkischen Politik erfahrenen Amtsträgerin, einem Politprofi mit besonderer interkultureller Kompetenz, zu gelten hat, darf nicht niedriger gesetzt werden.

Selbst die neueste Stellungnahme, nach der Ankündigung eines Parteiausschlussverfahrens, offenbart einen Täuschungsversuch am Wähler. Während sie sich rechtfertigt, bereits 2008 bei der umstritten Organisation und vor allem mit Einbindung und Genehmigung der Partei Bündnis 90 /Die Grünen Hamburg gewesen zu sein, wird bekannt, dass entsprechende Besuche bei zweifelhaften Migrantenorganisationen erst von der parteiinternen Fachstelle zur Einschätzung vorgelegt würden und Nebahat Güclü in jenem Jahr die beratende Fachsprecherin für Migrationspolitik gewesen sei.

Darüber hinaus spricht sie der Partei MHP – de facto eigenwillig – ihren Extremismus ab und erklärt in der Vergangenheit keine Radikalisierung, sondern vielmehr eine Mäßigung in der Parteientwicklung zu sehen. Solche Äußerungen sind brandgefährlich und werfen alles andere als ein positives Licht auf die von ihr seit drei Jahrzehnten geleistete Integrationsarbeit.

Gleichwohl werden ausländisch-nationalistische und ausländisch-rechtsextreme Vereinigungen von deutscher Seite nicht selten hofiert und ihr Rassismus wird kleingeredet. Den Mitgliedern rechtsextremer Vereinigungen „mit Migrationshintergrund“ wird grob fahrlässig Einlass gewährt in politische Gremien und man geht mit ihnen gemeinsam auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Frau Güclü hat es 2008 zur Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft gebracht. Sie hat sich in jüngster Vergangenheit deutlich gegen die PEGIDA-Bewegung geäußert und sich gegen Rassismus ausgesprochen. Jetzt war sie – wieder – bei den Wölfen.

Politisches Interesse bei Migranten erfreut die deutsche Gesellschaft. Kommen gute Deutschkenntnisse und ein nettes Aussehen hinzu, kann man sehr leicht zum Sonnenschein einer Partei heranwachsen. Ungeprüft.

Auf Facebook sind in den letzten zwei Tagen nicht wenige deutsche Stimmen zu vernehmen gewesen, die den Gastauftritt der Bürgerschaftskandidatin Nebahat Güclü zu entschuldigen versuchten. Man sagt, dass sie vielleicht wirklich nicht wusste, wen sie besuchte. Man geht davon aus, dass sie vielleicht wirklich aufgrund eines vollen Terminkalenders fahrlässig eine Überprüfung versäumt habe. Man diskutiert, ob ein Parteiausschluss verhältnismäßig sei.

Würde man den Besuch einer deutschen Politikerin bei der NPD – dem Pendant zur ADÜTDF – genauso entschuldigen oder einwerfen, dass jeder mal einen Fehler machen würde? Würde man um Milde plädieren?

Interessant ist auch die Argumentation, Nebahat Güclü sei nicht auszugrenzen, da auch der Dialog mit der migrantischen Rechte notwendig sei, um Parallelgesellschaften zu verhindern. Diese Argumentation überschätzt den eigenen Einfluss und urteilt über denjenigen, der hier in der Kritik steht, fahrlässig mild. Die Kandidatin ist nicht des Dialoges wegen auf die rechtsextreme Bühne gesprungen, sondern entweder aus einer inneren, eher positiven Haltung gegenüber der Vereinigung oder aber einzig des Stimmenfanges wegen. Beides spricht nicht für sie.

Die unterschiedliche Reaktion auf (deutschen) Rechtsextremismus und Ausländerextremismus ist nicht nachvollziehbar und allenfalls „linksideologisch“ zu erklären. Wobei selbst dieser Begriff mit Vorsicht zu genießen sein dürfte. Jedenfalls dominiert das Bild des stets diskriminierten, finanziell minder bemittelten, bildungsfernen Ausländers / Migranten, der für seinen, im Vergleich zu seinem deutschen Nachbarn, schlechten Zustand nicht selbst verantwortlich sein kann.

Für die Aufrechterhaltung dieses Bildes sorgen auch und gerade die sich politischen engagierenden Migrantenverbände; sind sie doch diejenigen, die am ehesten von dem zu diesem Bild gehörenden Fördertopf profitieren.

Dieses Bild ist ein Selbstläufer. Es erzeugt – rechts der Mitte – zunächst einmal negative Gefühle, von Ablehnung bis Hass. Mit der hier gärenden Ausländerfeindlichkeit nährt man sodann das negative (Selbst-)Bild des Deutschen – links der Mitte – und erzeugt Mitleid, Fürsprache und Verblendung.

Dass hinter „dem Migranten“ auch mal jemand sein könnte, der selbst zu Extremismus neigt, versteht unsere Gesellschaft vielleicht erst seit der TV-Präsenz von Salafisten und Hasspredigern. Aber selbst da geht es, in der medial vernehmbaren Debatte, dank entsprechender Lobbyisten, am Ende nur um den Islamismus als „verständliche“ Abwehrreaktion auf eine tiefgehende, anhaltende Diskriminierung von deutscher Seite.

Auch die vielen Reaktionen von türkischer Seite auf den aktuellen Skandal sind einen genauen Blick wert. Denn sie nehmen die Unwissenheit der Mehrheitsgesellschaft als günstige Gelegenheit, Nebahat Güclü den Rücken zu stärken, wahr.

Man redet von einem „anderen nationalen Selbstverständnis der Türken“ und von Nationalismus als Staatsräson und unterschlägt damit das entscheidende Element des so selbstverständlich gepflegten Rassismus: die diskriminierende und gewaltbereite Verachtung der Anderen. Manch einer wirbt in seinem Umkreis jetzt erst recht mit dem qualitativ hochwertigen Engagement der Kandidatin. Ein Blogger (https://tekmanpost.wordpress.com/2015/01/26/personliche-erklarung-nebahat-guclu-zu-den-vorwurfen-und-falschen-behauptung-von-avrupapostasi-vom-23-1-und-25-1-2015/) spricht gar von der „widerlichen Verurteilung“ der Kandidatin und plädiert wie folgt:

Wir brauchen weltoffene Menschen wie dich, die sich in allen Gesellschaftsgruppen bewegen und artikulieren können ohne gleich abwertend zu werden. Jeder verdient Respekt. Egal aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.“

Hier wird die Folge der Ächtung rassistischer Vereinigungen zum Rassismus erklärt. Jeder verdient Respekt. Klingt nur auf den ersten Blick schön. Derjenige, der ganzen Volksgruppen seinen Respekt verwehrt, wie es der typische Graue Wolf nun einmal pflegt zu tun, soll selbst Respekt erwarten dürfen? Man brauche Menschen, wie Nebahat Güclü, die sich auch in rechtsextremen Gesellschaftsgruppen respektvoll bewegten?

Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/asim-kilictan-nebahat-guclu-olayi/ ) geht weiter und veröffentlicht die Stellungnahme des Asim Kilic vom Hamburger Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks (HADD) (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mit-deutschtuerken-unterwegs-zur-praesidentenwahl-13079711.html ), welcher Mitglied des Dachverbandes Türkische Gemeinde Hamburg (http://www.tghamburg.de/about/?aid=6) unter dem Vorsitz von Nebahat Güclü ist. Dieser kann ganze fünf Gründe aufzählen, warum die Teilnahme an besagter Veranstaltung nicht falsch gewesen sei.

  1. Das nationale Selbstverständnis der Türken. Nationalismus wird in der Türkei als etwas positives verstanden und es gibt kein Pendant zu diesem Gefühl in der deutschen Sprache. Dieser Umstand muss den Deutschen gesondert erklärt werden.

Hier wird einer sich selbst überhöhenden Denkweise und Ideologie die Absolution erteilt. Es ist schlichtweg falsch, dass der Begriff nicht richtig zu übersetzen sei, weil die deutsche Sprache dieses Phänomen nicht kenne. Da aber Nationalismus in Deutschland nicht gern gesehen ist, steckt in der Aufforderung zu einer speziellen Erklärung der Auftrag der Täuschung. Oder?

  1. Nebaht Güclü ist Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg und hat eine einende, zusammenführende Funktion wahrzunehmen. Ob Alevit oder Sunnit, Nationalist oder Patriot, Kurde oder Türke, etc.

An diesem Satz wäre fast nichts auszusetzen, wäre da nicht die Erwähnung des Kurden. Die Einvernahme der verschiedenen Völker ist gerade Element eines nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Dieser Türkisierung versuchen gerade die Kurden (und nicht nur sie) entschieden entgegenzutreten.

  1. Der Verein (Türkische Gemeinde Hamburg) ist unter dem Namen Türkische Migranten Union gegründet worden. Trotz vieler Erfolge hat der Verein die „Union“ nicht verwirklichen können. Stattdessen sieht es so aus, als dass er nur die politischen links stehenden vertrete. Seit der Amtsübernahme von Nebehat Güclü ändert sich an dieser Stelle etwas.

Der Verteidiger bestätigt hier die Rechtsneigung der Beschuldigten. Kein kluger Schachzug.

  1. Die in Hamburg existierende Ausländerfeindlichkeit trennt die Ausländer in Linke und Rechte, Nationalisten und Aleviten. Wir sollten beim Kampf gegen diesen Rassismus die eigenen Differenzen aus der Heimat bei Seite legen und an einem gemeinsamen Punkt zusammenfinden. Nebahat Güclü ist genau hierfür ein positives Beispiel.

Hier wird die Ausländerfeindlichkeit von deutscher Seite zur spaltenden Kraft innerhalb der migrantischen bzw. türkischen Gemeinschaft erklärt. Es sei dahingestellt, wie der Vorsitzende einer kemalistischen Vereinigung Rassismus definiert, wenn er für die Türkisierung steht. Vielmehr stört mich folgendes: Deutsche Rassisten trennen in der Regel gerade nicht danach, zu welcher Feineinstellung ihre Feindbilder neigen. Für den hier angesprochen deutschen Rassisten sind eigentlich „alle Türken“ ebenso gleich wie „alle Ausländer“ gleich sind.

Hingegen differenzieren diejenigen Deutschen „die türkischen Staatsbürger“, sofern sie mit einer der genannten Gruppen explizit in Kontakt treten und sich für deren Rechte, hier und/oder in der Türkei einsetzen: Kurden, Aleviten, Rum-Orthodoxe, Araber, Juden, Armenier, Griechen etc. Und genau diesen Gruppen wird seit über 100 Jahren die staatsfeindliche Spaltung der Republik vorgeworfen.

  1. Die in der Türkei den rechten Parteien ihre Stimme gebenden Wähler sind wie wir alle wissen, genau diejenigen, die in Deutschland links wählen. Genau deswegen, sind die Mitglieder einer nationalistischen rechten Partei potentielle Wähler. Es gibt nichts natürlicheres, als um deren Stimme zu werben.

Bei der Erklärung Nr. 5 dürften nun die deutschsprachigen Leser, die sich mit der politischen Landschaft der Türkei nicht auskennen, am ehesten staunen. Mein Umfeld hingegen dürfte hier mit den Worten „sagen wir das nicht schon so lange“ verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Armenier, Aramäer, Griechen und Kurden, wissen, aus leidvoller Erfahrung, wie sehr allein unsere Existenz und damit ein gemeinsames Feindbild Nord und Süd, Ost und West miteinander einen kann. Dies gilt für die Historie ebenso wie für das jüngste Ereignis in einem Gremium, in dem ich persönlich meinen politischen Beitrag für die Stadt Köln leiste.

Ein Partei-Ausschlussverfahren ist die einzig richtige Konsequenz einer Null-Toleranz-Politik gegen Rassismus und es ist gut, dass der Landesverband der Grünen in Hamburg so entschieden reagiert. Man darf hoffen.

Auch, dass nach der CDU und den Grünen die SPD anfängt zu schauen, wer wessen Politik macht.

Nachtrag 02.02.2015

Inzwischen sind weitere Reaktionen und Pressemeldungen auf diesen Skandal zu vernehmen.

Zunächst efreuliches: Es sind Teile des Vorstandes der Türkischen Gemeinde Hamburg zurückgetreten, da sie sich von dem Verhalten von Sebahat Güclü distanzieren. Weiterhin ist ein großer Teil des Jugendvorstandes zurückgetreten. Offenbar gelingt es niemandem Frau Güclü zu erklären, dass die Nähe zu Rechtsextremisten nicht nur ungut, sondern auch schädlich ist.

Darüber hinaus hat sich „Patriot“ Hakki Keskin mit einer Erklärung gemeldet ebenso wie die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD) und der ATÜTDF.  Bei allen drei Meldungen darf man, wenig überraschend von „Schutzschriften“ ausgehen. Während sich die TGD von jedweder Einflussnahmemöglichkeit auf die autonome TGH freispricht, sieht sie Nebahat Güclü auch in eine Hetzjagd getrieben und wendet sich entschieden gegen Bestrebungen, Nebahat Güçlü in ein falsches Licht zu rücken. Weiter erklärt die türkische Gemeinde Deutschland: „Solange die allgemeinen Interessen der TGD nicht berührt sind, wird die TGD das Recht der Menschen, ihre unterschiedlichen Meinungen frei zu äußern, respektieren.“   Noch einmal langsam: Solange niemand etwas gegen die Türkei oder die Türken in Deutschland und in der Türkei sagt (Interessen der TGD), wird die Türkische Gemeinde Deutschland, die überall als ernstzunehmender Gesprächspartner gehandelt wird, auch das Recht rechtsextremen Mist von sich zu geben, respektieren? Habe ich das wirklich richtig verstanden? Bedeutet das nicht, Rassismus kein Problem, solange er sich nicht gegen mich richtet? Ist DAS die Auffassung von Antirassismus?

JA. GENAU DAS  IST DIE AUFFASSUNG VON ANTIRASSISMUS TÜRKISCHER VERBÄNDE und ihrer – nicht austretenden – Mitglieder! Das ist nicht versehentlich so formuliert. Man muss aber genau hinsehen und auch glauben, was einem die Augen mitteilen!

Ein Wort auch zur Verteidigungsschrift des Gastgebers der skandalauslösenden Veranstaltung: Selbstverständlich versucht die Vereinigung über Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburg-turk-kultur-merkezi-fincanci-katirlarini-urkuttuk/) sich selbst in türkischer und in deutscher Sprache freizusprechen und reinzuwaschen: Von Nationalismus keine Spur, es gehe lediglich um Patriotismus in seiner friedlichsten Form. Alsparslan Türkes, Gründer dieser Bewegung, (http://de.wikipedia.org/wiki/Alparslan_T%C3%BCrke%C5%9F#Ideologie) wird nahezu heilig gesprochen. Gleiches gilt für den Menschenfeind und MHP-Parteivorsitzenden Devlet Bahceli. Ein Vorwurf bleibt der deutschen Gesellschaft selbstverständlich nicht erspart: „ Doch leider versteht die deutsche Aufnahmegesellschaft diese Zusammenhänge nicht oder will sie nicht verstehen. Denn offensichtlich beschäftigt sie sich zu wenig mit der türkischen Politik und der türkischen Staatsideologie“.

Die Pointe dieser Erklärung ist jedoch folgende Passage: Menschenrechtsverachtende-, faschistische-, rassistische-, radikale- und fundamentalistische politische Einstellungen und Gedankengut lehnen wir entschieden ab.“ und weiter „ Mit derartigen pauschalisierten Behauptungen werden Leser förmlich dazu animiert, den Kontakt zu türkischstämmigen Personen zu meiden, was alles andere als förderlich zur Erreichung einer „Völkerverständigung“ ist.“ Ja so ist die Sichtweise eines Grauen Wolfes, Entschuldigung, eines ATüTDF – Vorsitzenden. Sich gegen türkischen Rassismus zu stellen, ist nicht förderlich bei der Völkerverständigung (!).

Vgl auch

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article136809361/Hamburger-Gruenen-Politikerin-tritt-bei-Rechtsextremisten-auf.html

http://www.welt.de/regionales/hamburg/article136822891/Gruenen-Kandidatin-tritt-bei-Rechtsextremisten-auf.html

http://www.taz.de/!153562/

https://twitter.com/jmwell/status/559865447206883329/photo/1

http://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2013.pdf (ab Seite 295)

 1„Mit den Wölfen heulen. Und bei den Weibern frömmeln, tanzen, lügen.“ Christian Dietrich Grabbe, Don Juan in Don Juan und Faust, 1829

Verhöhnung nicht Versöhnung

Am 24. April gedachten die Armenier weltweit der vor 99 Jahren in rassistischer Säuberungsabsicht staatlich organisierten Ermordung ihrer Vorfahren. Es ist nicht nur eine Frage der Pietät, wenn in den Berichterstattungen hierzu den, dem Genozid zugrundeliegenden, Tatsachen Raum gegeben werden muss. Zu diesen Tatsachen gehört nicht nur die Faktizität des Genozides, sondern auch deren professionelle Leugnung, die ihren Zenit im Jahre 2015, zu erreichen versucht.

Stattdessen überfluteten uns die Medien mit der sog. Beileidsbekundung des türkischen Ministerpräsidenten: „erstmals…..versöhnliche Worte“ laut Spiegel Online, „in ungewohnt offener Form“ laut N-TV und Süddeutsche.de, um nur den „seriösen“ Journalismus von „bestimmter Qualität“ zu zitieren.

Quer durch alle Meldungen wurde ein Fortschritt in der Annäherung zwischen der Türkei und den Armeniern unter Verwendung positiv konnotierter Begriffe gefeiert. Ähnlich klangen die Nachrichten französischer und englischsprachiger Online-Zeitungen, schließlich ist der Brief medienwirksam in gleich neun Sprachen veröffentlicht worden. Auch in Armenisch. Hört, hört! Alle waren beschwingt von soviel Zugeständnis. Ja, der als Nato-Partner gehaltene Lausbub zeigte Gesprächsbereitschaft. Ein großer Schritt.

Barrack Obama rief zwar zur „vollständigen, offenen und genauen Anerkennung“ der Geschehnisse auf, wendete sich aber weder direkt an seinen türkischen Verbündeten noch gebrauchte er, dass oftmals im Wahlkampf versprochene „G-Wort“, selbst. Darüber hinaus ließ sein Außenministerium wissen, diese „historische Einlassung“ könne zur erhofften Versöhnung beitragen. Auch hier mehr Lob als Tadel.

Selbst in Ihrem Hunger nach Gerechtigkeit gefangene Armenier der Türkei, vermissten zwar offensichtlich das Wort Genozid, um dessen Bedeutungsgehalt und Konsequenzen es eigentlich geht, erfreuten sich aber an der „Bewegung“ in der Armenier-Frage. Gib den Hungernden einen stinkenden, alten Schuh und er freut sich, wenigstens an dem Leder kauen zu dürfen.

Dem Vernehmen nach gab es von Frau Merkel kein offizielles Statement. Schade eigentlich. Nur ist Farbe bekennen nun auch keine Merkel´sche Stärke. Die Strategin windet sich vielmehr regelmäßig geschickt um Fragen und Verbündete, um sie nicht unnötig zu verärgern – am wenigsten für die Armenier. Diese sind außenpolitisch mit Russland verbunden und binnen deutscher Grenzen als Minderheit nicht von besonderer Bedeutung. Dies umso mehr, als dass sie sich erst seit kurzer Zeit auf dem politischen Parkett bewegen. Doch gerade hier tut sich was. Endlich!

Francois Hollande, der in seinem Land offenbar nicht vieles richtig macht, findet da jedoch deutlichere Worte und kündigt seine Teilnahme an der 100. Gedenkveranstaltung im nächsten Jahr in Armenien an. Auch die Kurdenpartei BDP spricht Klartext. Eine offizielle Entschuldigung bei den Armeniern fordert sie. Die offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei ein Garant dafür, dass sich Ähnliches nicht wiederhole. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Am 25.04.2014, dem Tag nach dem Gedenktag, berichten die deutschen Medien über die Reaktion Armeniens und ihrer Diaspora. Vorbei die Freude.

Der unversöhnliche Armenier hat nicht mitgeklatscht. Kein Zeichen der Annäherung. Unzufrieden, stachelig. Die dazugehörige Berichterstattung bedient sich nun eher negativ konnotierter Begriffe der deutschen Sprache: „Einige Armenier erwarten weitere Schritte“ teilt uns die Tagesschau mit, „Armenien wirft Türkei Genozidleugnung vor“ und „ Armenien hat zurückgewiesen ….. das ist zu wenig, heißt es aus der armenischen Hauptstadt“ lässt die Süddeutsche Zeitung wissen.

Armenien wirft vor“ – Sofern der Autor dieses Satzes sich der Feinheiten der deutschen Sprache bewusst ist, behauptet er damit, die Genozidleugnung sei nur ein Vorwurf. Vorwurf bedeutet Anschuldigung und Anklage. Es beinhaltet den fehlenden Nachweis der Belastung.

Die Genozidleugnung wird hier gerade nicht nur vorgeworfen; am wenigsten von ausschließlich armenischer Seite. Diese ist, ebenso wie der geleugnete Tatbestand, Fakt. Offenkundig, nachweisbar, und nicht nur im Falle von Egemen Bagis und Dogu Perincek lautstark und stolz verkündet.

Armenien hat zurückgewiesen. Wie unversöhnlich! Mir, als Armenierin, und meinen armenischen Freunden und Verwandten stellt sich die Frage, ob es wirklich ein ernst zu nehmendes Angebot gab? Wo war die so gelobte ausgestreckte und nun zurückgewiesene Hand? Haben wir sie in unserem Diaspora-Eifer übersehen?

Erfreulich war, dass nur einen Tag später, überwiegend der Rückgang der Begeisterung auch in den Medien zu vernehmen war und den Fakten, wenn auch nur für kurze Zeit, mehr Raum zur Verfügung gestellt wurde.

Ich habe mir die sog. Beleidsbekundung durchgelesen, in der Originalsprache. Der Schreiberling, ob nun Erdogan selbst oder sein Ghostwriter, spielt in den Formulierungen mit den Möglichkeiten und Feinheiten der Sprache. Der bewusste Einsatz von Zweideutigkeiten und marktinggefeilten Begriffen trifft – nur so kann ich mir das internationale Lob der Weltgemeinschaft von Politikern und Journalisten erklären – auf die Unbedarftheit seiner Leser und Abschreiber.

Erdogan redet von dem Schmerz, den beide Seiten zu ertragen hätten. Welchen Schmerz haben in diesem Zusammenhang Völkermordleugner zu ertragen? Die Tötung eines der Hauptverantwortlichen des Völkermordes, wie etwas das Mitglied des führenden Triumvirates, Talat Pascha? Oder trauern sie um den Freispruch des für dessen Tod verantwortlichen Armeniers Soghomon Tellerian 1921 in Berlin? Ist es das Gefühl versagt zu haben, weil die Wahrheit, langsam aber sicher nach oben dringt?

Er redet vom Missbrauch der „1915-Geschehnisse“ um die (seine) Regierung zu schwächen. Armeniern geht es in der Türkei aktuell mitnichten um die Schwächung Erdogans in diesem Zusammenhang. Wissen sie doch aus leidvoller Erfahrung, der Nächste wird schlimmer. Welch ein Hohn, den Schmerz der Nachkommen und ihre Rufe nach Gerechtigkeit zu politschem Kalkül zu erklären und ihn mit Banalitäten gleichzusetzen.

Die verbliebenen Armenier in der Türkei üben sich seit jeher in Unauffälligkeit und Stille, um Diskriminierung und Überfall nicht zu provozieren. An dieses ungeschriebene Stillhalte-Gesetz halten sich sogar viele Armenier der Diaspora. Sie wollen keine Schwierigkeiten verursachen, sondern einfach nur ihr Leben leben. In Ruhe. Das fehlende politische Engagement unter den Türkei-Armeniern ist damit verständlich, wenn auch nicht richtig.

Der armenische Journalist Hrant Dink aus Istanbul und der, die türkische Uniform tragende Soldat armenischer Herkunft, Sevag Balikci haben sich nicht an die Stillhalte-Regelung gehalten. Sie haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Etwas weniger schlimm traf es Sevan Nisanyan. Der Schriftsteller sitzt seit Januar dieses Jahres nur in Haft. Dem Vernehmen nach darf er in seiner Zelle auf dem Steinboden schlafen.

Erdogan redet in seiner Beileidsbekundung von verschiedenen Meinungen und bittet um Verständnis und Gehör für beide Seiten. Diese sog. Bitte führen sämtliche türkische Diplomaten als unumgängliche Dienstanweisung an ihren Einsatzorten aus, sobald Politiker oder Journalisten im Ausland es wagen, sich öffentlich über den Genozid zu äußern. Zuletzt geschehen gegenüber dem Stadttheater Konstanz, welches den, sich mit dem Armeniervölkermord beschäftigenden Roman von Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken, inszenierte. Dieser Bitte folgt, sobald man ihr stattgibt, regelmäßig die Stilisierung der heutigen Türkei als Opfer einer ungerechtfertigten Propaganda, die Leugnung, Verharmlosung und Rechtfertigung der organisierten Tötung von 1,5 Mio Menschen.

Die Reaktion türkischer Medien auf die durch Bernhard Lasotta (CDU) veranlasste Übersetzung eines Interviews mit der türkischen Integrationsministerin des Landes Baden-Württemberg lässt genau die gleiche Methode erkennen.

Noch einmal ist zu betonen: Hier geht es um Fakten. Nachweisbar. Nachgewiesen. Es besteht Einigkeit unter anerkannten Historikern über die Echtheit der Belege. Diese sind in deutschen und österreichischen Archiven, in amerikanischen Archiven und auch in denen des Vatikans vorhanden und einsehbar. Es geht nicht um Meinungen. Man kann auch nicht einer „anderen Meinung“ sein, wenn es um die Faktizität des Holocausts geht. Dieses „Recht“ ist (richtigerweise) unter Strafandrohung gestellt und wird in Deutschland lediglich von rechtsextremen Rassisten beansprucht. Und eben von Erdogan und den ihm gleichen Patrioten.

Verständnis und Gehör für beide Seiten? Was ist an einem Massenmord in Vernichtungsabsicht zu verstehen? Die Motive? Was ist an den jährlich am 24.04. vor türkischen Botschaften vollführten Tanzreihen zu verstehen? Soll die Wertegemeinschaft des Westens verstehen, dass die Vernichtung der Armenier das einzige Mittel gewesen sein soll, um dem kranken Mann am Bosporus zu neuer Kraft zu verhelfen? Notwendigkeiten zum Wohle der türkischen Nation?

Der Enkel eines Osmanen, Recep Tayyip Erdogan, redet von der Historikerkommission und stellt „gesäuberte“ Archive zur Verfügung. Es sind in o.g. liberal-demokratischen Staaten und vielen weiteren Ländern bereits Archive öffentlich zugänglich. Wozu also noch die türkischen Archive sichten? Gab es damals ein internationales Komplott derart, dass nur das Osmanische Reich belastende Materialien gesammelt werden durften? Verbarg sich in den türkischen Archive wirklich die pure Unschuld? Hat die Türkei, und das nicht erst seit Erdogan, wirklich keine Beweise vernichtet? Sind die einstigen Täter verkannte Opfer ebenso wie die heute zu Unrecht sich Vorwürfen ausgesetzt fühlenden Genozidleugner?

Versöhnung sieht anders aus. Sie besteht aus Anerkennung und Verurteilung, Reue und Entschuldigung, dem Versuch der Wiedergutmachung. Der Brief des Ministerpräsidenten der Nachfolgerepublik des Osmanischen Reiches hingegen ist eine Farce. Die Fortsetzung der 99jährigen Leugnungspolitik, in einer Sprache, die eine Versöhnlichkeit nicht undurchschaubar vortäuscht. Die türkische Hand ist nicht zur Versöhnung ausgestreckt, sondern zeigt uns die obzöne Geste der geballten Faust mit ausgestrecktem, mittlerem Finger. Und damit ist es letztendlich die Verhöhnung des armenischen Volkes par exellence.

The Indian Writer … and the Armenians

Pankaj Mishra, an Indian writer published his book „From the Ruins of Empire: The Revolt against the West and the Remaking of Asia“ in 2012.

Since then the lines of his book are applauded. They were shortlisted for the Canadian Lionel Gelber prize, á literary award for the world’s best non-fiction book in English on foreign affairs that seeks to deepen public debate on significant international issues. The Orwell Prize in the U.K, the Asia Society Bernard Schwartz Book Award in the United States followed the same as Crossword Award for Best Nonfiction in 2013.

Finally a few days ago, on March 12, 2014, the publication became the first book by a non-Western writer to win Germany’s prestigious Leipzig Book Award for European Understanding. According to the statut, those bookformats, have made an outstanding contribution to mutual understanding and harmony in Europe – especially with the countries of Central and Eastern Europe are acknowledged.

A noble aim. I take the liberty to say, that it is doubtful, if this honouring was reached this time.

The author aims to introduce and explain the oriental, asian way of thinking about “the imperialist west” and hence us, the Europeans.

Judging by the glowing reviews his work commended itself to all. Well, in the German media you can find at least one critical reflection of this work. Necla Kelek, a German social scientist and publicist, pointed out that this decision might me wrong.

Is she alone? She deplores the introduced: biased, low leveled, less secular, or even theoratic? I pricked up my ears, when I read that Pankaj Mishra was also busied with the Armenian Genocide:

However, harassed by Armenian nationalists of eastern Anatolia, the Turks ruthlessly deported hundreds of thousands of Armenians in 1915, an act that later invited accusations of genocide.”(Pankaj Mishra: From the Ruins of Empire: The Revolt Against the West and the Remaking of Asia, 2012, S.191)

Necla Kelek correctly discerns that, according to Pankaj Mishra, the Armenians must have provoked their deportation and the Turks where not to able to do otherwise. At the same time he denies to qualify this crime against humanity as what a it was: genocide.

The celebrated one tells us, that this Turkish lack of alternatives “invited accusations”. Is Mishra really trying to tell us, that the accusers are seduced (“invited”) to false statements?

He´s also using the term of “accusation”. To accuse only means to charge someone with a crime. An accusation comes about when someone thinks another person has done something wrong or committed a crime. It doesn’t mean, that the person is guilty. There is a need to be proofed, and still a loss of conviction of the accused’s guilt.

With these words he denies, grossly minimises, approves and justifies acts constituting genocide or crimes against humanity, as defined by international law and recognised as such by final and binding decisions of the International Community.

Historians and genocide researchers, experts of international law and international criminal law recognise and condemn the mass murder of 1,5 millions (and not only hundreds of thousands as Mishra claims) of Armenians as genocide. In this respect it is important to underline that the even the European Union qualifies this crime as genocide.

So, why is this work and its author celebrated internationally? Is the rest of the book of better quality than this one sentence? I guess, Necla Kelek would negate. Does the readership treat his theses too uncritically? The answer is propably „yes“ and it makes me wonder why.

Even if the Armenian Genocide is not the main focus of the donee and his celebrated book, from an European point of view the question arises, why there is such a misappreciation and underestimation, an endorsement of rassism which ended up in a genocide. In any event the un-European view of the celebrated writer shares a lot with the genocide denier Recep Tayyip Erdogan and is a call to show understanding for hatred.

Far from the remaining pages, the quoted statement above is able to influence the complete work. A single fly in the ointment spoils the appetite – completely!

I would not only expect a bit more sensitiveness, but also some kind of political judgement from a jury which goals to promote tolerance, understanding and friendship between nations.

From Dr. Alina Bremer, for example, a literary scholar, novelist and translater, whose most succesful story is a familiar novel during the wars of the last century on Yugoslav territory. Or from the former Swiss publisher Egon Ammann, whose career began with the sale of books in Istanbul.

Although not only the literary-minded lack wit when they clap those degrading lines virginally instead of opposing bravely. The same applies to Deputy Mayor of Leipzig, Department of Culture, Michael Faber.

Policy and Literature is merged in his person as cultural politician. And Michael Faber, as the representative of cultural affairs of the city of Leipzig should be drawn to the following:

The state Saxony-Anhalt is representing all german federal states in the cultural secture, therefore it plays a significant role in German-Armenian relations for 15 years. In addition, Leipzig has been an important cultural centre for Armenian students ever since the late 19th century, when they founded the Armenian Academic Association. And in the special context to Literature: The 1st Armenian book in Germany was printed in 1680 in Armenian and Latin.

And now, this Leipzig is exactly where this writer gets honoured with his book as a contribution to mutual understanding and harmony in Europe. In other words, a book which negates racism, and even if only the Armenian Genocide and only on a single page, is celebrated as promoting tolerance, understanding and friendship between nations – with a sum of € 15.000.

Not only the Imperialism of historic Europe or the Holocaust is disgraceful. These days we are allowed to mourn over the inability to detect racism the same as the pusillanimousness, not to call things by their names.

 

 

Der Text ist in deutscher Sprache zu lesen auf: http://www.der-kosmopolit.de/2014/03/der-indische-autor-und-die-armenier.html#more

Geschichte muss man selbst schreiben

Während alle Welt nach Syrien schaut, nutzt die türkische, historische Gesellschaft und der dazugehörige Apparat die Gelegenheit, unbemerkt Wahrheiten zu verkünden, die zwar noch keinen interessieren, aber den Grundstein für Erfolge von morgen in sich bergen:

Der neueste Versuch der Völkermordleugner gegen die „unversöhnlichen“ Armenier

Immer mehr sind Meldungen in türkischen Medien zu vernehmen, die über „islamische Armenier“ berichten, unter Betonung, dass es sich hierbei um Menschen mit armenischen Wurzeln handele, welche den Islam „gewählt“ hätten.

Es wird unterschlagen, dass diese „Dönme“ in der Regel während des Völkermordes oder kurz darauf zwangsislamisiert wurden. In der Folgegeneration erfahren die wenigsten von ihren armenischen Wurzeln, haben meist türkische Vornamen. Nachnamen sind bei nahezu allen Armeniern dank Atatürk bereits seit Jahrzehnten türkisiert. Sie leben in der Türkei als Türken, besuchen keine armenischen Veranstaltungen, haben keine Beziehungen zu anderen Armeniern, am wenigsten enge Beziehungen. Einige wenige üben ihren christlichen Glauben, wenn sie sich denn freiwillig rückbesinnen, nur heimlich aus.

Diejenigen die sich in Fortsetzung der Zwangsislamisierung ihrer Vorfahren weiterhin dem Islam zuwenden, fühlen sich regelmässig gerade nicht bzw. nicht mehr der armenischen Volks- und Glaubensgemeinschaft zugehörig. Sie entscheiden sich, strenggenommen täglich neu und freiwillig, für die islamische Religion.

Diese Entscheidung geht zulasten des Andenkens der armenischen Nachkommen von heute. Folgerichtig verweigert die armenische Bevölkerung diesen Menschen die Anerkennung als „ihresgleichen“. Birgt es doch einen besonderen Hohn, sich der Glaubensgemeinschaft der Täter, welche die Wahl der Opfer seinerzeit durchaus unter religösen Aspekten gewählt hatten, anzuschließen.

Willkommen und geradezu nutzbringend ist die Existenz einer „armenisch-muslimischen“ Person resp. Gruppe aber der Türkei. Ausschliesslich.

Denn hier hat die türkisch-islamische Republik die Gelegenheit, ihre Friedfertigkeit kundzutun. Es wird nun, mit dem Anknüpfungspunkt eines vermeintlichen gemeinsamen Nenners, dem islamischen Glauben, jedwede Differenzierung der ethnischen Herkunft, klein-/ weg- und schlechtgeredet.

Gleichzeitig wird die „Unversöhnlichkeit“ der Armenier mit tadelndem Fingerzeig präsentiert: Jetzt streiten die Friedensverweigerer sich untereinander: christliche und islamische Armenier. Wobei auch an dieser Stelle der Vorwurf den „ausgrenzenden“ Christen trifft.

Zum Nachweis und als Gegenpol wird der tolerante Weltbürger mit türkisch-islamischen Wurzeln präsentiert. Dieser betont, Mensch sei Mensch, Religion und Volkszugehörigkeit seien nicht von Belang – selbst wenn (!) es sich um Christen oder gar (!) Amerikaner (hier wird bewusst mit Feindbildern gearbeitet) handele. Alle werden zu Brüdern erklärt.

Eine fragwürdige, gespielte Harmonie aus einem Land, in welchem Nationalisten, Normalbürger und der Verwaltungsapparat sich täglich in Diskriminierung üben.

Gerade im Westen ist Toleranz und Versöhnung jedenfalls gern gesehen. Es ist die freie Entscheidung eines jeden Individuums, sich eine Religion auszusuchen. Der christliche Armenier, der an dieser Stelle eine Grenze zieht, ist nicht liberal. Demokratiefeindlich. Ergo: im Unrecht.

Dem ist nicht so. Die christlichen Armenier verwahren sich bloß der Tatsache, etwas gemeinsam haben zu müssen, mit den Mördern ihrer Vorfahren. Denn diese wurden vor knapp 100 Jahren einzig aufgrund ihres Christendaseins auserkoren, sich für das Vorankommen der neuen türkischen Nation opfern zu dürfen.

Es steht – um es mit Blick auf demokratische Grundsätze auszudrücken – auch jedem Armenier frei, sich dem Islam zuzuwenden. Es ist nicht gern gesehen, aber verboten? Wie wollte man ein solches Verbot durchsetzen? Dieser Schritt ist die eigene (!) Entscheidung, die eine Gemeinschaft zu verlassen und in die andere einzutreten.

Real anzutreffen ist ein zum Islam konvertierter Armenier vermutlich äusserst selten. Allenfalls derzeit in Syrien, zwangsweise, dem Überleben wegen.

Das Motiv der Konversion wird heutzutage eher zu suchen sein in einer Liebschaft zu einer bestimmten Person aus der islamischen Gemeinschaft, viel eher als der freiwillige Entschluss eines Nachkommens der Überlebenden des Völkermordes, und am wenigsten aufgrund der damaligen Geschehnisse.

Die türkische historische Gesellschaft erarbeitet gemeinsam mit dem Institut der türkischen Sprache bereits jetzt ein neues Kapitel der Geschichte. Mit einer Präsentation dürfte 2015, spätestens kurz vor dem 100sten Gedenktag des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich zu rechnen sein. Dann wird es heißen, dass es schon „seit Jahren“ Forschungen auf diesem Gebiet gebe, und die vorgeführte Dauer der Forschungen soll derselbigen eine Glaubhaftigkeit bescheinigen. Man wird den einen oder anderen Türken reden lassen, über seine armenische Großmutter, die – dem neuen Gott seis gedankt – den Krieg überlebt habe. „Überleben“ als Synonym für „Zwangsislamisierung“. Über die anderen Verwandten jener Großmutter wird von türkischer Seite keiner reden.

Nächstenliebe – das schwierigste der 10 Gebote

Man mag manchmal nicht fassen, was einem da erzählt wird.

Die Medien übertreffen sich gegenseitig mit den Nachrichten über die Massenflut von Flüchtlingen – in Deutschland. Die Kommunen klagen über Platzmangel. Die Kirchen predigen Nächstenliebe und halten Informartionen über leerstehende Grundstücke und Gebäude zurück. Die Anwohner von Asylbewerberheimen präsentieren ihre Vorurteile ohne Wimpernzucken und „fürchten“ sich – um den Wert ihrer Grundstücke, vor Kriminalität, Streit und Dreck. In Berlin wird Flüchtlingskindern verboten bestimmte Spielplätze aufzusuchen, in der Schweiz sind es die Schwimmbäder und Bibliotheken, die Asylbewerbern den Zugang streitig machen.

Gleichzeitig sorgen sich Politiker wie Dirk Niebel (Entwicklungsminister !!!) und Hans-Georg Friedrich um das „Image“ Deutschlands. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Josef Scheuring, streitet sich mit dem Bundesinnenminister, ob es nun wirksamer sei, die illegale Migration direkt an der Grenze zu Deutschland (!) zu „bekämpfen“ oder im Rahmen einer schnellen Bearbeitung „hervorragende Ergebnisse“ zu erzielen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweigert einer 83jährigen warme Kleidung, weil sie aus einem bergigen Land käme und kalte Luft gewohnt sein müsse mit dem Hinweis, anders sähe es aus, wenn sie aus dem sonnigen Afghanistan geflohen wäre. Zur gleichen Zeit wünscht der Facebook-Auftritt des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ein gesegnetes Ramadan-Fest und berichtet über das berühmte Ratha-Yatra-Wagenfest der Hindu-Gemeinde.

Um seine nicht wenigen Wähler mit islamischem Migrationshintergrund und deutschem Pass zu halten, verhehlt Kanzlerkandidat Steinbrück die besondere Lebensgefahr der Christen in Syrien und betont, die ihre „bevorzugte“ Aufnahme verstoße gegen das Gebot der christlichen (!!) Nächstenliebe.

Bei der umverteilungsbedingten Trennung einer komatösen Patientin von ihrer Schwester geht die Ausländerbehörde davon aus, dass die Zusammenführung ja nicht eile, weil das Koma ja noch andauere und bei der krebskranken Frau fragt die Behördenleitung vorwurfsvoll tadelnd, warum man nicht ein Visum zur Heilbehandlung gestellt und stattdessen die illegale Einreise bevorzugt habe. Die behandelnde Ärzte werden mit einem Naserümpfen zur Kenntnis genommen und mit einem Amtsarzt gejagt – als ginge es um lediglich kosmetische Behandlungen. Der Antrag auf eine Unterkunft mit einem behindertengerechten Bad (also ein Badezimmer ohne (!) Badewanne  und mit Bodenablauf) wird dem rollstuhlpflichtigen, jungen Mann und seiner 65jährigen Mutter, die keine Kraft mehr hat ihn aus der Wanne hoch- und runterzutragen, als Luxusverlangen vorgeworfen: „Es geht ihnen nicht um das Bad, glauben sie mir, die wollen nur eine eigene Wohnung“.

„Sozialhilfe“ , „illegal“ , „bekämpfen“ – das sind alles Begriffe mit negativer Konnotation. Auf der einen Seite verunglimpfen und verbergen sie die tatsächlich vorhandene Not der Menschen und erwecken den Eindruck, der Asylbewerber sei grundsätzlich der kriminelle Schwarzarbeiter mit Sozialhilfebezug, unhygienisch und gierig. Auch die gibt es. Aber es sind eben nicht alle so. Zudem versuchen diese und ähnliche Formulierungen den Eindruck einer Schutzbedürftigkeit des Wohlhabenden zu erwecken, um zu suggerieren, hier stünde jemand, der sich genau an dieser Stelle für den Erhalt des Wohlstandes und dem Schutz vor der drohenden, konkreten und erheblichen Plünderung einsetze.

Mit Erfolg. Viel zu oft klagen Menschen in Deutschland über das eigene Leid und veröffentlichen dieses mit dem neuesten Iphone, synchronisiert zum Ipad über Facebook, Leserbriefe und viele andere Kanäle – im Idealfall mit dem Foto der aktuell leckeren Mahlzeit. Vor lauter Selbstmitleid wird vergessen und verdrängt, dass es echtes Leid gibt.

Noch öfter wird übersehen, inwieweit die eigene Regierung entweder mitverantwortlich für die internationalen Krisenherde ist, Kriegstreiber stillschweigend unterstützt, oder zumindest von den Gegebenheiten profitiert.

Wer würde nicht den Weg gen Westen gehen, wenn das eigene Haus überfallen, der Bruder ermordet, die Schwester vergewaltigt und die Kirche zerstört wurde. Wer würde sagen, er warte noch ein paar Monate bis sein Visa-Antrag bearbeitet wird? Wer würde aufgeben und eine Antragsablehnung akzeptieren, um sodann auf den nächsten Anschlag zu warten?

Wer würde wirklich auf den Bruch ausländischer Einreisevorschriften der Sicherheit und Ordnung eines Staates wegen verzichten, wenn im eigenen Land kein Arzt mehr zu helfen vermag? Wer würde das vor sich hin Sterben vorziehen, weil das Visum zwecks Heilbehandlung mangels immenser Kostenverpflichtungen und Vorauszahlungen nicht erteilt wird und auf die Gelegenheit zur illegalen Einreise verzichten?

 

Menschen streben alle nach einem besseren Leben. Die da drüben ebenso wie die hier. Es zeugt von Überheblichkeit, wenn man glaubt, nur „der andere“ würde streiten, lügen, betrügen, erkranken, nach Hilfe suchen und die Gelegenheit beim Schopf packen. Anderenfalls wäre die Bundesrepublik ein einziges Paradies, es gebe keine Armut, weder deutsche Sozialhilfeempfänger noch Sozialhilfebetrüger, die Haftanstalten stünden leer und den Amtsgerichten wäre der Nachbarstreit fremd. So ist es aber nicht.

Ein Jeder ist nicht nur seines Glückes Schmied, sondern auch für sich selbst verantwortlich. Vor allem anderen aber ist man verantwortlich fürs eigene Überleben. Überleben – nicht Wohlstand. Ein wenig mehr Empathie und Menschenliebe stünde uns Menschen gut.

Gedenkrede zum 98. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern

Jaklin Chatschadorian
Gedenkrede anlässlich des 98. Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich
im Rahmen der Gedenkfeier des Silva Kaputikian e.V. – Verein armenischer Frauen in Deutschland
 

Unsere Eltern, wir und unsere Kinder sind der Beweis dafür,
dass der Völkermord an den Armeniern, sein Endziel,
nämlich die Ausrottung aller Armenier unter osmanischer Herrschaft,
nicht ganz erreicht hat.

In Trauer über unsere Großeltern und in der Hoffnung diese Bürde an unsere Enkel weitergeben zu können, leben wir.

Ja, wir leben! Wir haben dem Völkermord widerstanden und den Weg zurück ins Leben gefunden.
Auch in Deutschland.

Wir sind gerne hier. Genießen die Freiheiten des bundesrepublikanischen Grundgesetzes, haben kein Integrationsproblem, keine religiös bedingte oder andere unüberwindbare Hürde, die zu nehmen ist.

Eigentlich haben wir genau die gleichen Probleme wie unsere deutschen Nachbarn: zu hohe Mietpreise, falsch berechnete Steuerbescheide und Parkknöllchen. Eigentlich.
Wäre da nicht die große Politik, zu dessen Spielball man unsere Trauer gemacht hat.

Seit 98 Jahren fordern wir nur eines: 
Die Verurteilung der in rassistischer Vernichtungsabsicht, staatlich organisierten Massenmorde an unseren Vorfahren
und damit die Verurteilung der krimininellen Tötungshandlungen durch Verwendung des hier einschlägigen Straftatbestandes: Völkermord!

Warum gesteht uns keiner dieses Recht zu?

Stattdessen Versöhnungsangebote, die alles andere als UNSERE Zufriedenstellung im Sinn haben.
Und der Vorwurf UNversönlich zu sein.
Man könnte meinen, das Waisenkind ist selbst schuld an seinem Verlust und Schmerz.

Versöhnung ist das Zauberwort.
Schauen wir doch nach vorne, vergessen wir was war. Wenn wir uns vertragen, auf Empfehlung der Bundesregierung sogar, das ganze „unter uns“, also bitte schnell und ohne besonderes Aufsehen, regeln, wäre dies ein wertvoller Beitrag für den Frieden im Kaukasus.

Sühne, Reue und Wiedergutmachung würden den strategisch bedeutsamen Partner nur unnötig verärgern. Die Verärgerung eines wirtschaftlich isolierten Landes hingegen, ohne Erdölvorkommnisse und Pipelline-Verbindungen lässt sich besser verkraften, als der Biss eines Wirtschaftstigers.

Das beste, der uns bislang gemachten Angebote : ?

Eine vermeintlich an uns adressierte Internet-Auktion mit dem Namen „Wir-entschuldigen-uns“. Gänzlich in türkischer Sprache. Privatpersonen entschuldigen sich für schreckliche Geschehnisse.
Kein Wort das dem Begriff „Genozid“ auch nur nahe kommt.

Aber wen interessiert schon, was die Nachkommen denken.
Staatssekretärin des Auswärtigen Amtes, Cornelia Pieper, ist in Ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken zum Thema „Erinnerung und Gedenken an Vertreibungen und Massaker 1915 “ , Anfang 2010 voll des Lobes für die moderne Zivilgesellschaft der Türkei  (vgl.BT-Drs. 17/687 vom 10.02.2010):

  • die Internet-Aktion einiger sog. freier Denker,
  • der dortige Reform- und Modernisierungsprozess,
  • ein Projekt des Deutschen Volkshochschulverbandes, mit welcher der gegenseitige Austausch mit der gemeinsamen Geschichte gefördert werden soll
  • und einige Beileidsbekundungen für die Opfer eines schrecklichen Krieges, auf welchem traurigerweise beide Seiten Tote zu beklagen hätten.

Das hinter den Initiatioren der Internet-Auktion, die nur auf den ersten Blick türkeikritisch zu sein scheint, angestellte Professoren staatlicher Universitäten in der Türkei oder Vorstandsmitglieder eines großen deutsch-türkischen Wirtschaftsverbandes stehen, dessen höchstes Interesse dem Ausbau und der Pflege der Beziehungen zwischen der EU und der Türkei gilt, sieht keiner.

Oder warum wurden hier keine Anklagen nach Art. 301 des Strafgesetzbuches der Türkei erhoben, wie im Falle von Hrant Dink oder Ömer Pamuk?

Wir Nachkommen der Opfer möchten keinen „Austausch“ um uns zu beklagen. Dafür haben wir uns und unsere Gebete.

Wir möchten das Leid unserer Großeltern nicht zum Volkshochschulkurs degradiert wissen, bei welchem mit mehr oder weniger Wissen ausgestattete Schüler (!) sich unterhalten.

Noch weniger möchten wir unser Leid genutzt wissen, um das Image der Nutzniesser des Völkermordes zu polieren!

Es geht um Fakten, deren Nachweise vorliegen.
Diese sind nicht zu diskutieren. Sie sind anzuerkennen und zu verurteilen.

Nicht nur von Uruguay und Litauen, sondern von den sog. Weltmächten. Internationale Verurteilung und das Anerkenntnis der Täter-Nachkommen. Die Ächtung der auf hoch professioneller Ebene, international betriebenen Leugnungsindustrie.
Erst dann kann eine echte Versöhnung eine Chance haben.

Was beobachten wir stattdessen?
Einige Beispiele.

Der Versuch, vor genau einem Jahr Ministerpräsident Erdogan mit dem „Steiger-Award“ für „Toleranz“ und „Offenheit“ zu würdigen. Die Ehrung scheiterte LEDIGLICH an Demonstrationen der Aleviten, Aramäer und Armenier und Altkanzler Gerhard Schröder war um die Gelegenheit einer Laudatio zu Gunsten seines engen Freundes gebracht.

Wir sehen bundesweit organisierte Feiern am 23.April. Der Tag vor dem Gedenken an unsere Toten ist der Tag des Kinderfestes in der Türkei. Hier werden Loblieder auf die Türkische Nation und dem Gründer dieser makabren Nutznießerschaft gesungen. Während Armenier in der Bundesrepublik dem gänzlich fernbleiben und das meiste nur am Rande mitbekommen, müssen armenische Kinder in der Türkei diese Lieder mitsingen. Keiner will dies sehen!

Ein weiteres Beispiel:

An jenen Tagen, an denen die Parlamente fremder Staaten die langersehnte und immer wieder versprochene Anerkennungsleistung, wenn auch nur mit einer einzigen Stimmen mehr, ablehnen, finden türkische Mitbürger die Gelegenheit zum Reihentanz vor der armenischen Botschaft.

Ein spontanes Volksfest dieser besonderen Art fand vor zwei Jahren in den USA statt. Am 24.4.2013, also vor gerade 3 Tagen, auch vor der Botschaft in Ottawa / Kanada.

Versuchen wir es nachzuvollziehen: Worüber freuen sie sich? Dass die USA die Tötung von Millionen Christen immer noch nicht verurteilt haben? Dass die millionenfache Tötung straffrei bleibt? Dass sie tot sind? In welchem Zusammenhang kann sich ein würdevoller Mensch hier „freuen“?

 

Als im vergangenen Jahr die Strafbarkeit der Völkermordleugnung in Frankfreich diskutiert wurde,waren die Internet-Foren prall gefüllt mit Kämpfern für die Freiheit der Meinungsäußerung.

Schlagendes Argument: Man muss es doch diskutieren dürfen!

Also diskutierte JEDER und philosophierte, ohne sich JE VORHER mit dem Thema beschäftigt zu haben, OB man den einen oder den anderen „glauben darf“ und ob man zweifeln darf, warum man leugnen darf……

Empathie? Nein, Gefühle haben hier nichts zu suchen. Ein demokratischer Staat hält solche Diskussionen aus.

Die Nachkommen? Wie ? Ob die das aushalten? Tja, wenn sie´s nicht tun, haben sie die Demokratie nicht verstanden. So einfach ist das.
So einfach war es, das Leid meines Großvaters nicht nur zum Prüfstein einer streitbaren Demokratie für die deutschsprachige Internet-Gemeinschaft zu erklären, sondern ihn zum Lügner hinzustellen.

Aber wir dürfen uns über all dies nicht wundern.

Wenn die internationale Politik unser Anliegen immer wieder zum aufwärmbaren Wahlversprechen benutzt oder im ausschliesslich eigenen Interesse als Druckmittel gegen die Türkei einsetzt, wenn die Bundesrepublik Deutschland die sog. gesellschaftliche Bewegung schönredet und die Augen vor der aktuellen, täglich zu erduldenden Diskriminierung aller in der Türkei lebenden Christen schließt,
warum sollte der einfache Bürger aufrichtig mit dem Thema umgehen?

Stellen wir uns vor, ein Vertreter der Bundesrepublik würde offiziell verkünden, dass der Holocaust an den Juden in Deutschland ein bedauerlicher Krieg sei, bei dem BEIDE Seiten Opfer zu beklagen hätten.

Würden wir nicht alle sagen, „moment mal….“ – Ja, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus hat auch Leben gekostet;
wie etwa der Aufstand im Warschauer Ghetto.

Völlig unzureichend bewaffnete Aufständische lieferten sich wochenlang erbittete Kämpfe gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht.

Am Ende aber wurde der Aufstand niedergeschlagen, die Große Synagoge wurde gesprengt.

Nicht anders ging es den armenischen Kämpfern 98 Jahre zuvor im Osmanischen Reich.
Hier und da organisierten sich junge Männer, genannt Fedayi, versteckten sich hinter dem einen Berg und dem anderen Hügel, um den rassistisch motivierten Mördern zuvorzukommen.

Mit der Aussage, beide Seiten hätten Opfer zu verzeichnen, mag man, zwar richtig liegen. Doch dessen manipulativer Intention sollte man sich gewiss sein.

Der – alles andere als zu vernachlässigende – Unterschied liegt nicht nur in der Dimension der Opferzahlen, über den mit einer solchen Aussage wenig charmant hinweggesehen wird,
sondern auch darin, dass die einen von rassisch motivierter Mordlust und Bereicherungsabsicht getrieben waren, während die anderen sich in Selbstverteidigung übten, um zu überleben.

Mit einem weiteren Beispiel möchte ich an die aktuellen Geschehnisse rund um die Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ – kurz NSU erinnern.

Eines vorab. Jeder einzelne dieser Morde ist zu verurteilen. Jedem einzelnen Opfer spreche ich mein Beileid aus und fühle mit den Hinterbliebenen.

Meine Kritik aber richte ich an alle politischen Vertreter, Verbände und andere medial umworbenen Redner mit türkischen Wurzeln, an alle türkischen Zeitungen und an, diejenigen,  die Verfassungsbeschwerde erhoben haben, oder mit Sicherheit noch einmal erheben werden, um sich lautstark über den Mangel an Empathie zu beklagen:

Wie kann man den einen Mord mit rassitischer Motivation verurteilen und den anderen sehenden Auges leugnen?

Wie kann man Empathie von den deutschen Behörden und Gerichten fordern, während man selbst, mit keinem einzigen Wort an Theodoros Boulgarides, das Opfer mit griechischen Wurzeln und/oder die ermordete Polizistin Michelle Kiesewetter erinnert?

 

Wie kann man den deutschen Verfassungsschutz auf´s Schärfste verurteilen, während man sich seinerzeit mitnichten über die im Mordfall Hrant Dink getätigten Fehlermittlungen türkischer Behörden und Fehlentscheidungen türkischer Gerichte geäußert hat?

Wo ist der Unterschied zwischen dem Mord an einem Imbissbetreiber in seinem Laden, weil er nichtdeutscher Herkunft ist und an einem Journalisten vor seinem Veragsbüro weil er nichttürkischer Herkunft ist?

Beide Täter sahen in ihren Opfern einen, erlauben Sie mir den Ausdruck : „Schädling für die eigene Nation“. 

Stellen wir uns vor, derjenige Beamte, der Beate Zschäpe die Handschellen umgelegt hat, hätte noch einmal schnell aus seinem Schließfach die deutsche Fahne rausgeholt, seinen Kollegen gebeten, das andere Ende der Fahne zu halten und die Medien mit einem Pressefoto beglückt?

Wo war da der berühmt berüchtigte Spürsinn türkischer Machthaber und Interessenvertreter für sog. Verbrechen gegen die Menschlichkeit?
Wo war da die Empathie für die hinterbliebene Familie Dink und ihren Landsleuten?

Gab es damals überhaupt eine Zusicherung, dass zumindest (!) im Rahmen der Ermittlungen alles erdenkliche getan wird, um nicht nur den vorgeschobenen Täter im Teenager-Alter zu verurteilen, sondern vor allem, die Hintermänner und deren Vernetzungen aufzudecken?

Hat einer der Präsidenten der türkischen Republik der Familie Dink sein Beileid bekundet und seine Unterstützung versichert wie es die Herren Gauck und Wulff getan haben?

Nein.
Nur die Armenier hatten ein Opfer mehr zu beklagen. 1,5 Mio plus 1.

Nicht anders geht es den Nachkommen des 2011 verstorbenen Soldaten der türkischen Armee, Sevag Balikci.

Er wurde aufgrund seiner armenischen Herkunft und seines christlichen Glaubens, und damit ebenfalls aus einer rassistischen Motivation heraus, von seinem Kameraden getötet.

Sein Mörder wurde vor einigen Wochen zu 4 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil lautet auf fahrlässige Tötung.

Kein Wort darüber, dass seinem Mörder gerade diese tödliche Fahrlässigkeit am 24.April, dem Tag an dem die Armenier des Völkermordes gedenken, passiert ist.

Nur ein Zufall?

Kein Wort darüber, dass vor der sog. „spielerischen Auseinandersetzung“ der beiden jungen Männer, genau diese armenischen Wurzeln thematisiert wurden.

1,5 Mio plus 2.

 

Wo war die Empathie, der türkischen und aserischen Vertreter, als der nach Öl-und-Geld-Verhandlungen zwischen Aserbaidschan und Ungarn entlassene, aserische Leutnant Ramil Safarov, nach seiner Rückkehr in die Heimat mit allen Ehren empfangen, begnadigt und zum Mayor befördert wurde?

Der rassistisch motivierte Axtmörder zerfleischte im Rahmen eines Nato-Fortbildungsseminares einen armenischen Kollegen, Leutnant Gurgen Magaryan, mit 16 Axthieben im Schlaf.

Die Rückkehr des begnadigten Safarov wurde als Volksfest inszeniert, die Personifizierung turkstämmigen Nationalstolzes.

Auch hier kam ein Armenier ums Leben.

Tatmotiv Rassismus. 1,5 Mio plus 3

Was ist mit der aktuellen Serie an Übergriffen auf alleinstehende Seniorinnen armenischer Herkunft in den noch existierenden Armeniervierteln in Istanbul?

Kaum berichtet ein internationales Blatt wie die New York Times hierüber, sieht sich der US-Botschafter der Türkei Namik Tan veranlasst, die Dinge mit einem Leserbrief „richtigzustellen“:

Die Berichterstattung sei nicht neutral oder an Fakten orientiert, sondern bediene die tiefschürfende Feindschaft zwischen Armeniern und Türken.

Nach Namik Tan sind also nicht die Übergriffe auf armenische Rentnerinnen rassistisch gewesen, sondern die Berichterstattung hierüber.

Aber es gibt auch gute Nachrichten:
Nicht anders als Namik Tan reagierte etwa der in Deutschland stationierte Botschafter Karslioglu auf einen Bericht zum Völkermord an den Armeniern und auch er fühlte sich berufen, einen persönlichen Brief an den Geo-Epoche-Chefradakteur Michael Schaper zu schreiben.

Offenbar rechnete der Botschafter weder damit, dass ihm der Chefredakteur argumentativ überlegen war noch damit, dass der Briefwechsel veröffentlicht werden würde.

Es ist ein besonderes Vergnügen zu lesen, wie Herr Schaper dem Botschafter eine Lektion erteilt
und ihm jede Möglichkeit der Gegenargumentation nimmt.

Ich möchte an dieser Stelle  nicht missen, an ein weiteres gutes Beispiel zu erinnern und im Namen der in Deutschland lebenden Armenier meinen Dank auszusprechen: Nämlich dem seit inzwischen nun 10 Jahren exitierenden Projekt des Kardinal-Frings-Gymnasiums, Herrn Werner Blume und seinen Unterstützern.  Ihren unermüdlichen Einsatz für unsere Vergangenheit und unsere Zukunft wissen wir zu schätzen.

Und genau diese Art der Unterstützung, meine Damen und Herren, ist die hier notwendige.

Es ist uns mehr als willkommen, wenn nicht immer nur „wir“ für „uns“ sprechen, sondern wenn uns jemand zustimmt und jeden einzelnen Leugner und Lobbyisten mit seiner Sachkenntnis argumentativ mundtot macht.
Helfen Sie uns bei der Bekanntmachung der nachgewiesenen Fakten, helfen Sie uns mit Ihren Verbindungen zu Medien, Wirtschaft und Politik ebenso wie in Ihren Gesprächen zu jedem einzelnen ihrer Nachbarn und Freunde.

Auf das 2015, dem 100.sten Jahrestag des Genozides an den Armeniern, aber auch an den Aramäern und Pontusgriechen, jeder Leugner mit Spott und Häme zu rechnen hat.

Die Dinge sind bei IHREM Namen zu nennen.

Dies gilt im Besonderen für die dunkelsten Kapitel der Geschichte.

Vielen Dank.

Eckstein und Humus

Der offizielle Umgang mit dem Völkermord an den Christen des Osmanischen Reiches in der Türkei, in der Bundesrepublik und in einigen anderen Staaten ist eines der großen Themen dieses Blogs. Wie die einzelnen Menschen in diesen Ländern mit dem Thema umgehen, ist die zweite große Frage dieser Beiträge. 

Ich habe vor kurzem DIESES Interview mit dem Direktor des Völkermordmuseums in Armenien, Hayk Demojan, in der Online Ausgabe des österreichischen Standards, gelesen. Titel: „Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei

Auf die entscheidenden Fragen hat Hayk Demojan m.E. kurz und gut geantwortet. Ohne lange Umschweife. Überzeugend.

Nur der Blick in die Leser-Kommentare des Artikels hat wieder enttäuscht, entsetzt, empört.

Man kann über Tatsachen nicht anderer Meinung sein!

Der Völkermord ist Fakt, keine Angelegenheit über die man

  • wider der Faktenlage
  • entgegen besseren Wissens oder
  • unwissend ins blaue Hinein

seine Meinung öffentlich zum Besten geben sollte.

Eine sachliche Diskussion erfordert mehr als eine Ansammlung von Kommentaren, die vermuten lässt, es ginge um die beliebtesten Frisuren: Links-, Rechts- oder doch Mittelscheitel?

Völkermord als Eckstein der türkischen Republikgründung? Nein, dass ist doch nun wirklich übertrieben – allenfalls ein Backstein am Rande. Die paar Störenfriede waren doch nun nicht so wichtig. Das starke jungtürkische Volk hätte es auch so zu einer Republik geschafft.

Nur nicht so schnell vielleicht.

Während die einen, rechnerisch Enkel der Täter, ihrem gesunden Nationalismus zuliebe die Opfer zu Verrätern erklären, rechtfertigen andere die neo-osmanische Nichtanerkennung des Genozides indem sie auf andere, anerkannte und nichtanerkannte Völkermorde verweisen. Selbstverständlich ohne auch in diesen Bereichen der Weltgeschichte jemals etwas ernsthaft gelesen zu haben.

Tja, weil es auch andere Völkermorde gibt, war der an den Armeniern keiner! Und weil andere Staaten ihre Völkermorde nicht anerkannt haben, müssen weder die Türkei noch ihre Staatsangehörigen, diesen einen einzigen anerkennen. Was wollt ihr alle von uns? Verschwörung! Rassismus! Sollen die anderen doch beispielhaft vorangehen und damit ihre Schwäche zeigen. Ich bin doch nicht blöd!

Und warum gehen die Armenier nicht auf das Angebot der Täternachkommen ein? Beweise erst einmal dass mein Opa deinen Opa ermordet hat, nur weil er Armenier, Aramäer, Pontier oder Grieche war? Vielleicht hat er ihn ja nicht (deswegen) ermordet….. und er ist einfach so, auf dem Weg in die Wüste, gestorben, weil er nicht genug zu essen und zu trinken mitgenommen hat. Lass da mal lieber unsere Spezialisten ran. Lass das mal lieber eine Historikerkommission prüfen, dessen Kommissionsmitglieder den Wünschen des Kommissionsgastlandes, des modernen, über jeden Zweifel erhabenen einzigen Landes auf Gottes Erde, entsprechend ausgesucht werden.

Das Sahnehäubchen bilden dann diejenigen, die sich als Gutmenschen und Demokraten, als die Offenbarer der goldenen Mitte suggerieren: Sie betonen, dass es selbstverständlich ein Völkermord war. Doch bevor der Satz seinen Punkt findet, wird SELBSTVERSTÄNDLICH NUR DER FAIRNESS HALBER, ebenfalls betont, dass es unter den Armeniern NICHT NUR OPFER gegeben habe! JA, endlich. Das musste einmal gesagt werden. Einige wenige Armenier haben es tatsächlich gewagt sich zusammenzuschließen, zurückzuschießen. Und einige haben es wohl verdient getötet zu werden.

Das ist das was ich zwischen den Kommentarzeilen lese.

Der nächste freut sich über das Glück der Türken namens EU-Krise. Die gibt den Türken nämlich endlich Zeit ihre eigene Geschichte zu verarbeiten. Wozu so eine Krise doch so alles gut ist. Der Türkei reichen knapp hundert Jahr nicht, da kommt es einem entgegen, dass die Machthaber dieser Welt gerade anderweitig beschäftigt sind.

Wer war denn nun schlimmer? Hitler oder Stalin? Diese Sequenz schließt jedenfalls das Triumvirat Talat-Cemal-Enver aus. „Schlimmer“ ist die einzig wichtige Eigenschaft dieser Führer. Man sucht den Unterschied. Das Gemeinsame wird ausgeblendet. Dann kommt der entscheidende Hinweis, das schlagende Argument: Ein Jude aus Amerika! Hier trifft sich positiver Antisemitismus in seiner reinsten Form. Wenn ein Jude etwas sagt, dann muss es ja richtig sein. Die haben doch die Allmacht. Erst recht, wenn sie aus Amerika sind. Dieser hat gesagt Hitler war schlimmer. Er hat den Beweis geliefert.

Einer präsentiert breitspurig seine Ignoranz: 2015-2016-2017…. für mich alles gleich. Der nächste Weltgewandte erinnert an Mao Zedong und schließlich streitet man mal wieder über …. na….. über den Juden natürlich. War Atatürk nun einer oder nicht? Eine Patriot hält entgegen: Nein, er war keiner, dass verbreiten nur radikal religiöse Gruppen.

Nun, was wäre so schlimm, mag man sich da fragen. Aber angesichts des diesem Plädoyer vorstehenden, fettgedruckten „LOL“ darf man mutmaßen, dass hier einer diese Eigenschaft seines Führers nicht nur für unwahr hält, sondern für lächerlich.

Ab hier endet mein Verstand. Es weigert sich, dass was meine Augen sehen, mir zu übersetzen. Nur am Rande bekomme ich noch eines mit: Armenien ist kein Staat. …..

02.01.2013, 23.57 Uhr: 261 Kommentare, verteilt auf 6 Seiten zu einem Artikel vom 31.12.2012, 12.00 Uhr.

Ich war erst auf Seite 2.

Kein Wort des Mitgefühls, der Humanität, der die Würde des Menschen bestimmenden Pflicht zur Übernahme von Verantwortung. Kein Wort zu den 2,5 Millionen Opfern christlichen Glaubens. Ein paar wenige, die dem Artikel beipflichten.

Ein Trauerspiel, das die Kunst einiger präsentiert, die in einem europäischen, deutschsprachigen Land leben; die in einem Land leben, in welchem der Wert von Bildung und Humanität offiziell nicht fremd ist. Diese Menschen leben hier unter uns, lesen (online) Zeitung, sprechen und schreiben in deutscher Sprache, einige von ihnen (davon ist auszugehen) dürfen gar wählen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, vor gerade zwei Tagen, mit einem guten Bekannten. Alevit und Türke. Politisch interessiert und gut informiert. Er verurteilt die Massaker, nennt den Genozid bei seinem Namen: Völkermord.

Er fragt mich was ich von Atatürk halte. Auf meine Gegenfrage, antwortet er:

Er teile meine Meinung. Aber er füge hinzu: War das gut, was Atatürk mit Blick auf die Opfer getan hat? Nein, war es nicht. Aber war es notwendig? Leider ja. Ohne ihn, stünde die Türkei heute nicht da, wo sie steht.

Diese Aussage liefert den Beweis, mit dem der hier besprochene ARTIKEL aus dem Standard titelt: Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei, denn er war ein Grundbaustein für den Erfolg Atatürks

Der Eckstein, der alle meine Großeltern begraben hat. Humus für das gedeihen eines patriotischen Fortschritts. Denn auf ihren Vermögenswerten, ihren Häusern und Ländereien hatte man nun endlich ein Dach über dem Kopf; einen ackerfähigen Boden; ein Geschäft, das die Familie ernährte. Und nicht selten gar ein Mädchen für alles.

Bis die Türkei auf die Idee kommt, dass man auch anders einen Staat hätte gründen können, nämlich mit einer zwanglosen, gewaltfreien, die Identität eines jeden Einzelnen schützenden Vereinigung der dort lebenden Menschen,

durch echte Gleichberechtigung, durch das Vernachlässigen nationaler oder religiöser Aspekte und die Konzentration darauf, dass alle letzten Endes Menschen gewesen sind, mit einem eigenen Recht auf Leben und Freiheit, wird es noch sehr lange dauern.

2 Jahre und 4 Monate reichen nicht.

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